Seit ich kein Auto mehr
habe, weil ich in der Stadt keines brauche habe ich einen Einkaufstrolley. Ein
Einkaufstrolley ist ein ganz wunderbares Gerät, es bewahrt dich davor, daß
eines Tages deine Arme so lang sind, daß du dich in den Kniekehlen kratzen
kannst, ohne dich im Oberleib zu verkrümmen. Er bewahrt dich auch vor einem
verkrümmten Rücken, den du vom ständigen Rucksacktragen bekommst. Diese Scheißrucksäcke (),
die dich im Supermarkt oder im Bus gegen die Wand drücken wenn der Besitzer
eine Drehbewegung macht. Und das bloß, weil Fahrradkörbe auf Rennrädern nicht
so geil ausschauen.

Als ich noch der Waldbauernbub
war hatten wir in der Schule den Diercke-Weltatlas.
Der Diercke Weltatlas galt als Knochenbrecher, denn zwei- bis viermal die
Woche mußten wir ihn im Schulranzen von zuhause in die Schule schleppen und
wieder zurück. Viele von uns haben die Schulzeit trotzdem ohne größere
Schäden hinter sich gebracht, was die Evolutionstheorie vom Überleben der
Fittesten glorreich bestätigt. Einige jedoch hat es bös erwischt, verschärft
durch den Umstand, daß sie überlebt haben. Sie sind mißgestaltet und müssen
sich als Glööckler von Notre Dame durch's fernere Leben schlagen.
Das Bemerkenswerte an unseren Schulranzen war der
Umstand, daß die Ranzen umso praller gefüllt und deshalb schwerer waren, je
jünger die Kinder waren. Vor Schulen und an
Schulbushaltestellen
kannst du Zehnjährige beobachten, die den Diercke-Weltatlas und die ganze Last
menschlicher Existenz auf ihren niedergedrückten Buckeln tragen, es ist zum
Gottserbarm. Je größer und kräftiger die Damen und Herren Schüler werden, desto
leichter wird ihre Schultasche.
Vor einigen Jahren habe ich an einer Bushaltestelle (wo
sonst?) zu einer Gruppe junger Menschen an der Schwelle vom Kind zum Jugendlichen
gepredigt, alle hatten sie Ranzen und die meisten davon waren ersichtlich
schwer. "Höret, Kinder", sagte ich ihnen, "laßt euch an Weihnachten
oder zum nächsten Geburtstag einen Einkaufstrolley schenken. Dann könnt ihr
künftig den Diercke-Weltatlas und das gesammelte Wissen unserer Zeit ebenso
bequem hinter euch herziehen wie ich meine Einkäufe. Singend und tanzend würdet
ihr durch die Straßen ziehen, so wie ich."
Das ginge nicht, sagte man mir. - Weil? - Weil wegen diesem
und jenem und aus vielerlei anderen Gründen. In Wirklichkeit, sehen wir die
Dinge doch mal realistisch, sind Trolleys so was von uncool, das glaubst du
nicht. Trolleys sind Nachzieh-Rollatoren. Inzwischen habe ich meine Geschichte
von der Trolley-Predigt einigen Leuten erzählt und noch jeder hat behauptet,
was ich denn hätte, es gäbe inzwischen doch schon nicht wenige Schüler, die von
Ranzen auf Trolleys umgestiegen seien. Ich aber, wahrlich, ich habe noch niemals einen Schüler mit einem Trolley
gesehen. Die Sache erinnert ein bisserl an das Ungeheuer von Loch Ness: Jeder
kann was darüber erzählen, gesehen hat es noch keiner.
Der letzte Satz gilt im übrigen - merk ich grad - ebenso für
den Lieben Gott.
So ab dem 13., 14. Lebensjahr hatten wir dann Schultaschen
statt der Ranzen, was die Sache nicht besser machte. Ich hatte als Schüler Schwielen
an den Händen wie ein Bauarbeiter, an beiden
Händen, weil ich in regelmäßigen Abständen die sauschwere Schultasche von der
rechten in die linke Hand geschwungen hatte und wieder zurück.
1969, ich hatte gerade Abitur gemacht, sind erstmals
Menschen auf dem Mond gelandet. Im Jahr darauf hatte Bernard Sadow eine Idee, auf die er 1972 ein
Patent bekam. "Er befestigte
vier Rollen unter der Längsseite des Koffers, brachte noch ein flexibles Band
zum Ziehen an und meldete die Konstruktion unter dem Namen "Rolling
Luggage" zum Patent an. Im April 1972 erhielt er es unter der Nummer
3.653.474." Ich hatte so ein Ding mal, es funktionierte so lala auf
absolut glatter Bodenfläche, bei Unebenheiten auf einem ganz normalen Gehsteig
etwa, kippte der Koffer gerne um, von Kopfsteinpflaster will ich gar nicht erst
reden.
1987 erfand dann Robert Plath, ein Verkehrspilot, den
Trolley, wie wir ihn heute kennen: Die Räder (meistens nur zwei) an der
Schmalseite des Koffers, ein Teleskopgriff zum Ziehen. (Der
Spiegel, 01.12.2011)
Das heißt, die Mondlandung kam vor dem Rollkoffer, bemannte
(m/w/d) Raumfahrt war für den menschlichen Geist leichter zu machen als ein bequemer
Koffer. Wenn diese Reihenfolge der
Ereignisse nicht bemerkenswert ist, was ist dann bemerkenswert?
Wann wird ein weiteres
Genie auf die Idee kommen, an die vier Räder eines Trolley-Koffers eine Bremse
zu montieren, damit der Koffer nicht in jeder Kurve der Bahnstrecke, bei jeder
Beschleunigung oder Bremsung durch's Abteil zu tanzen beginnt?
Die Mondfahrt wird
heute von ziemlich vielen Menschen in Zweifel gezogen. Wie, man wagt kaum zu atmen
bei dem Gedanken, wäre es, wenn sich eines Tages herausstellte, daß es die
Trolley-Koffer so wenig gibt wie Zar Rasputin von Rußland?
Zum Osterfeste nun -
mehr wollte ich eigentlich gar nicht erzählen - hat mir der Osterhase einen
neuen Trolley gebracht, mit Treppensteigrädern und einem ausklappbaren Sitz,
wenn mal am Bushäusl kein Platz mehr frei ist. Manchmal bietet mir ein
freundlicher junger Mensch seinen Sitzplatz an, ich aber winke generös ab und
klappe meinen Altersruhesitz auf.