15.3.22

Brief an einen potentiellen Leser

 

Betrifft: 'MUBLOBDOB - Eine Geschichte von Leidenschaft und Zufall'

Sehr geehrte Frau Leserin, sehr geehrter Herr Leser, nach langer, mühvoller Arbeit habe ich nun..."

Der Dichter tauchte den Gänsekiel in das Tintenfäßchen, streifte überflüssige Tinte am Glasrand ab und fuhr mit dem Schreiben fort:

"...meinen Roman 'MUBLOBDOB - Eine Geschichte von Leidenschaft und Zufall' zu Ende geschrieben..."

Der Dichter setzte sich auf. Gedankenversunken blickte er ins Leere und kratzte sich mit dem gefiederten Ende des Gänsekiels am Kopf. Der Dichter war unzufrieden, er schmeckte den Brief mit Kennerzunge ab und mußte den eben begonnenen Satz verwerfen. So ging das nicht, das traf noch nicht. Grunzend zerriß er den Bogen, holte sich einen neuen und schrieb:

Betrifft: 'MUBLOBDOB - Eine Geschichte von Leidenschaft und Zufall'

Liebe Leserin, lieber Leser,

anbei anempfehle ich Ihnen das Manuskript meines R

                                                   o

                                          m

                                             a

                                               n

                                                 e

                                                  s..."

 Wie von einer unsichtbaren Hand ergriffen - was der Fall ist - kippt der Stuhl des Dichters samt Dichter in jähem Fall nach hinten, rasch gefolgt vom Tisch. Langsam, sehr langsam öffnet sich der Vorhang und gibt den Blick frei auf eine bis in das letzte Raumfitzelchen grellerleuchtete Bühne. In der Mitte der ansonsten absolut kahlen Bühne, ein wenig vielleicht nach links versetzt, stehen zwei Fässer, in denen - so behauptet der Aufdruck - früher einmal Salzheringe eingemacht gewesen sein müssen. Eines der Fässer ist leer, im anderen steht Boris. Boris ist schwer bandagiert: sein Kopf ist eingemullt, von der Schädelkalotte bis zum Kinn, beide Unterarme sind geschient und selbst aus dem offenen Hemdkragen ragt noch ein Eckchen weißer Verband heraus. Unruhig steht Boris in seinem Faß, nervös blickt er alle naselang seitlich nach hinten, verrenkt sich fast den Hals in seinem Bemühen, dorthin zu blicken, wo doch nichts los ist.

 Nach siebenunddreißig Minuten wird Bewegung hinter der Bühne hörbar; Borisens Gesten der Neugier werden hektischer und häufiger. Wiederum zwölf Minuten später erscheinen vier stämmige Bühnenarbeiter im Blaumann, ächzend, stöhnend und fluchend Anton an seinen Gliedmaßen in ihrer Mitte tragend. Anton zwinkert Boris mit dem linken Augenlid beruhigend zu, Boris beantwortet die knappe Geste mit heftigem Schwenken der Arme. Anton ist schwer bandagiert: sein Kopf ist eingemullt, von der Schädelkalotte bis... aber das hatten wir schon. In den verkrampften Händen hält Anton ein Buch, etwa doppelt so groß wie ein Schul-Atlas. Während der nächsten achteinhalb Minuten, in denen unter ständigem "Hooo - Rruck!"-, "Zuuu - gleich!!"- und "Vorrrsicht!!!"-Rufen die Bühnenarbeiter Anton nach oben wuchten und ihn schließlich langsam und vorsichtig in das Faß hinablassen, bleibt ausreichend Zeit, den Titel des riesigen Buches zu studieren: "MUBLOBDOB - Eine Geschichte von Leidenschaft und Zufall" [1]. Kaum steht Anton sicher im Faß, da verlassen in hektischer Nichts-wie-weg-hier-hält-uns-nichts-Geste die Bühnenarbeiter die Bühne.

 Anton und Boris stehen in ihren Fässern und blicken gelangweilt ins Publikum. Nach einer guten halben Stunde grell ausgespielter Langeweile ergreift Anton das Buch, das er vor sich auf dem Rand des Fasses abgelegt hatte, und schlägt es auf. Er liest weniger darin, als daß er blättert. Hat Anton wegen seiner Armschienen schon große Mühe, das riesige Buch auch nur zu halten, so ist es fast ein Kunststück für ihn, die Seiten umzublättern. Nach fast vierzig Minuten des Blätterns, in denen er oft die Stirne gerunzelt, den Kopf geschüttelt und ratlos geprustet hat, taucht Anton wieder aus dem Buch auf. Sein Blick fällt auf Boris, der ihn seinerseits die ganze Zeit über unverwandt beobachtet hatte.

ANTON:     Du, sachma, Boris?

BORIS:      (ultracool) Jaaa?

ANTON:     Sachma, Boris, das Buch hier...?

BORIS:      Was ist mit dem Buch?

ANTON:     Boris... (Anton seufzt tief) Boris, ich glaub, ich tu's nicht verstehen.

Boris seufzt tief und ein wenig gequält auf.

BORIS:      Was verstehst du nicht, Anton?

ANTON:     Nun, zum Beispiel... (denkt angestrengt nach) ...dieses Geheimnis um die drei Professoren Zellinger...

BORIS:      Na, das ist aber doch ganz...

ANTON:     ...und wieso der Mublobdob am Schluß meint, er müßte zurück auf den Gletscher, um dort zu sterben, damit sich alles erfüllt, weil sonst der Kosmos kaputt geht und wieso das dann schließlich doch nicht nötig ist.

BORIS:      Also: das ist wegen der drei gleichen Mumien.

ANTON:     (ein wenig bitter) Ja, ja! Das mit den drei gleichen Mumien versteh ich nämlich sowieso und ganz überhaupt nicht. Erst heißt es, eine dieser drei Mumien ist eine Plastikkopie einer der beiden anderen und dann tun auf einmal alle so, als gäbe es überhaupt nur zwei Mumien, obwohl ständig und weiter von drei Mumien die Rede ist.

BORIS:      (lacht) Während es in Wirklichkeit eh nur eine Mumie gibt.

ANTON:     (ein wenig unsicher) Du verarscht mich, Boris, gell?

Boris schüttelt den Kopf.

BORIS:      (gönnerhaft) Gut, Anton, ich will's dir erklären. Also: Baron Frankenstein hat lange und erfolgreich mit wiederbelebten Hundemumien experimentiert und will nun Menschenversuche machen. Dazu klaut er die alte Mumie, bekommt aber aus Versehen die frische Leiche und läßt die Plastikkopie der alten Mumie dort. Klar?

Anton nickt, ein wenig unsicher.

BORIS:      Gut! Frankenstein erweckt also die frische Leiche, von der er denkt, es wäre die alte Mumie, zum Leben. Diese Leiche - Frankenstein nennt sie "Mublobdob' - verliebt sich in Frankensteins Tochter und flieht mit Hilfe des Geheimagenten Dr. Betz-Lebenstein. Dr. Betz-Lebenstein ist hinter Frankenstein her, weil Frankenstein nämlich, so denkt Dr. Betz-Lebenstein, Dracula ist.

ANTON:     Aber... hm, Frankenstein ist doch wirklich Dracula, oder?

Nun schaut Boris ein wenig unsicher.

BORIS:      Is's wahr?

ANTON:     Denk schon.

BORIS:      Na, wie auch immer: Dr. Betz-Lebenstein schreibt jedenfalls am Schluß des Buches das Buch, in dem er selber vorkommt, während Gerhard Rat, Dr. Betz-Lebensteins Helfer, unter dem Namen Dr. Betz-Lebenstein als Geheimagent Karriere macht. Währenddessen fahren die beiden Professoren Zellinger mit ihrer Zeitmaschine in die Vergangenheit und verdoppeln sich dort.

ANTON:     (schreit es fast, ungläubig) Was?

Boris denkt nach, unsicher geworden.

BORIS:      Nein, sie verdoppeln sich nicht, sie sind schon verdoppelt, von früher her.

Anton nickt, zufrieden und stolz.

BORIS:      Die beiden verdoppelten Professoren Zellinger fahren also in die Vergangenheit, werden dabei zu drei Professoren...

Anton guckt Boris entsetzt an, der dies wohl bemerkt, aber ungerührt bleibt.

BORIS:      ...und dabei geht die Zeitmaschine kaputt. Deshalb müssen sie nun...

Anton unterbricht Boris.

ANTON:     Nö, Boris, so geht das nicht. Ich wollte von dir wissen, wieso Mublobdob am Schluß meint, er müßte zurück auf den Gletscher, um dort zu sterben, damit sich alles erfüllt, weil sonst der Kosmos kaputt geht und wieso das dann schließlich doch nicht nötig ist.

BORIS:      Aber Anton, das ist doch wegen der drei gleichen Mumien. Ich hab's dir eben grade erklärt.

Anton schaut ein wenig hilflos. So steht er eine gute Viertelstunde. Dann nimmt er sich ganz unauffällig sein Buch "MUBLOBDOB" wieder und fängt an, drin zu lesen. Auch Boris holt sich sein Buch und liest. Nach etwa zwei Stunden erste Buh-Rufe aus dem Publikum, die sich rasch zu einem schrillen Aufschrei des Unmuts steigern. Anton und Boris blicken verwundert von ihrer Lektüre auf, greifen dann in ihre Fässer und werfen massenweise Taschenbuchausgaben des "MUBLOBDOB" ins Publikum. Das Publikum verläßt das Theater, jeder gebannt in sein Taschenbuch vertieft. Manche Besucher stoßen beim Rausgehen zusammen, manche fallen von der Galerie ins Parkett, weil sie nicht mehr auf den Weg achten, aber selbst die Verletzten im Parkett lesen gebannt weiter.

Nach 23 Stunden fällt der Vorhang im außer Anton, Boris und der dritten Schicht Bühnenarbeiter leeren Theater.



[1]    Wer erfahren will, warum Anton und Boris bandagiert sind, wieso sie ihren Tag in Heringsfässern zubringen und wo die Grenzen menschlichen Erkennens liegen, der wird nicht umhin können, sich den ganzen Roman "MUBLOBDOB - Eine Geschichte von Leidenschaft und Zufall" reinzupfeifen.

Die Legende vom gehamsterten Klopapier

Als sich vor zwei Jahren die Geschichte mit Corona herumgesprochen hatte, begannen viele Leute in Deutschreich und Österland Klopapier zu hamstern, daß es nur so eine Art hatte. In den Super- und Hypermärkten sah es vor zwei Jahren so aus wie hier in der Hygiene-Abteilung vom real,- um's Eck.

Jeder zweite [1] Kabarettist hat damals seine Witzchen gerissen über den analen Charakter von uns Deutschen und auf die Franzosen verwiesen, die angeblich eher Rotwein und Kondome horten würden. Was viele nicht wissen: Die Franzosen nehmen ein wönziges Schlöckchen aus der Rotweinflasche, stülpen dann ein - idealerweise ungebrauchtes - Kondom über den Flaschenhals und trinken für den Rest der Feier O-Raaschensaft.

Im Vertrauen und im Nachhinein halte ich die Geschichte mit den rotweinfickenden Franzosen sowieso für eine Erfindung der Medien.

Weil?

Weil nämlich in Deutschland im ersten Corona-Frühjahr die Umsätze von Kondomen regelrecht explodiert sind.

"Über die Social Media Kanäle verbreitet sich gerade die Meldung, dass die Franzosen sich in der aktuellen Corona-Krise mit Rotwein und Kondomen eindecken, wohingegen die Deutschen Mehl und Klopapier horten.

'Das können wir so nicht bestätigen', sagt Robert Richter, Geschäftsführer der Ritex GmbH. Die Nachfrage nach Ritex Kondomen habe sich im aktuellen Monat gegenüber dem Vorjahreszeitraum fast verdoppelt. 'Wir sehen hier sicherlich Vorratskäufe, um auch bei denkbaren Versorgungsengpässen nicht auf intime Zweisamkeit verzichten zu müssen", so Richter weiter.'" (Südwestpresse, 18. März 2020)

In Italien habe es, so wurde damals berichtet, keinen Ansturm auf's Toilettenpapier gegeben, denn in Italien habe es in fast jedem Haus, fast jeder Wohnung ein Bidet zur hygienischen Unterleibswaschung. Wie der Name nahelegt ist das Bidet eine französische Erfindung, was die Zurückhaltung der Franzosen beim Kackblatthorten erklären könnte. In Joseph Breitbachs Roman "Das blaue Bidet", 1982 mit dem großartigen Klaus Schwarzkopf für's Fernsehen verfilmt, wird das Bidet allerdings als "Geschenk des Orients an das Abendland" bezeichnet.

Ein bisserl Recherche und die Toilettenpapierlegende vom anal fixierten Deutschen bröckelt. "Unter Hashtags wie #toiletpapergate oder #toiletpapercrisis kursieren Fotos von Menschen, die Wagenladungen voller Klopapier an die Kasse schieben. Im Februar fingen Bewaffnete in Hongkong eine Lieferung Toilettenpapier im Wert von 200 Euro ab. Auf Youtube zeigt ein Video [2], wie sich in einem australischen Supermarkt drei Frauen schubsen und an den Haaren ziehen, um die letzte Packung zu ergattern."

In meinem Hause gilt: Eine Wahrheit bleibt nur solange wahr, bis es an's Abspülen geht. Beim Abspülen oder sonst einer Tätigkeit, die mein Hirn kaum beansprucht höre ich mir nämlich gerne Podcasts oder dergleichen an. In einem Podcast der Bundeszentrale für politische Bildung über Fake News und ihre Bekämpfung höre ich nämlich, daß das Kackblatthorten in China begonnen hat. Eine Firma, die Toilettenpapier herstellt, habe nämlich das Gerücht ausgestreut, Toilettenpapier bestehe aus dem gleichen Material wie die Schutzmasken und werde deshalb in Kürze sehr knapp werden. Der "anale Charakter" stellt sich als ganz normaler Kapitalismus heraus.

Inzwischen soll es bereits wieder zu Hamsterkäufen von Klopapier gekommen sein, diesmal ist es offensichtlich der Krieg in der Ukraine. Der Zusammenhang zwischen Ukraine und Kackblättern ist mir nicht ganz klar, es gibt keine Kackblatt-Pipeline durch die Ukraine, auch von Kack-Stream 2 durch die Ostsee ist mir nichts bekannt. Ich vermute mal, die Leute denken, in der damaligen Krise war das Horten von Klopapier keine so ganz schlechte Idee, das machen wir wieder. Es kann aber auch anders sein, womöglich ist der Durchmesser von Klopapierrollen exakt gleich groß wie das Kaliber sowjetischer Panzerkanonen und der querdenkgeschulte Narr sieht da - wie überall sonst - einen Zusammenhang.

Das Wort "sowjetisch" an dieser Stelle ist weder ein Schreibfehler noch eine Bildungslücke. Bei der russischen Armee in der Ukraine sind anscheinend sehr viele Panzer aus der Guten Alten Sowjetzeit (GAS) im Einsatz. Von der Achtziger-Jahre-Friedensbewegung lernen heißt Sparen lernen: "Keine neuen Atombomben, solange die alten noch nicht verbraucht sind!" hieß es damals. Und der hochkapitalistischen Sowjetunion von heute geht es wirtschaftlich auch nicht mehr so gut. Präsident James Bondin steht das Wasser anscheinend schon bis zum Hals, so daß er für ein paar Kröten Reklame machen muß für eine Schweizer Uhrenmarke.



[1]   Mindestens!

[2]   Dieses Video ist vielleicht noch im Netz vorhanden, es ist allerdings nicht mehr unter dem angegebenen Link erreichbar.

Die schöngeflötete Reichskristallnacht

Seit den achtziger Jahren erscheint vielen wohlmeinenden Menschen in Deutschland der Begriff " Reichskristallnacht " als bedenklic...