22.9.08

Zeitschiene mit Programmatik füllen

Im SPIEGEL vom Juni 2006 wurde ein gewisser Herr Schauerte zitiert: "Wir müssen jetzt unsere Zeitschiene mit Programmatik füllen." Das heißt auf Deutsch: "Wir haben keine Ahnung, was wir machen sollen. Wir haben den Rest der Legislaturperiode vor uns und wissen, daß wir irgendwas tun müssen, wissen aber nicht, was."

Zeitmaschine

Manchmal geht mir so eine Geschichte durch den Kopf: Mit einer Zeitmaschine kommt einer von heute in die späten siebziger, frühen achtziger Jahre und erzählt, wie die Welt im Jahre 2005 aussieht und was dieser oder jener von den Leuten von damals heute so macht:
An der Startbahn West auf den Fischer Joschka deuten und sagen, dies sei der künftige Außenminister, der erste, der die Bundeswehr in einen Krieg schicken wird. Oder bei einer DKP-Versammlung erzählen, daß in den Neunzigern der Krenz Egon sich eine Existenz als Unternehmensberater aufbaut. Oder daß der Schily als der toughste Marshal von Tombstone in die Geschichte des Wilden Westens eingehen wird.

Zwei Schachteln Gitanes ohne Filter

Im Tabakladen/Regensburg-Altstadt
Personen: Ich/Verkäuferin
I: Zwei Schachteln Gitanes ohne Filter bitte.
Verkäuferin nickt und dreht sich um zum Regal mit den Zigaretten. Dreht sich wieder zu mir.
V: Gitanes?
I: Gitanes.
Verkäuferin dreht sich zum Regal, über zu die Schulter zu mir.
V: Mit Filter oder ohne?
I: Ohne.
V: Wieviel?
I: Zwei.
Als Kind hatte ich mir immer gewünscht, einen Tag mal ein Depp zu sein, weil es mich unheimlich interessiert hat, wie sich das von Innen anfühlt, nichts, aber überhaupt nichts zu kapieren. Inzwischen denke ich mir manchmal, ich habe es längst geschafft, bin aber zu blöd, es zu merken.

Rauchende Tankwarte

Als ich das erste Mal nach Italien in Urlaub gefahren bin, standen an den Autobahntankstellen spätestens ab Rom die Tankwarte grundsätzlich mit brennender Zigarette am Gerät. Die Vision einer in den nächsten Minuten explodierenden Tankstelle hat mich dazu veranlaßt, entnervt weiter zu fahren, um an der nächsten Tankstelle dieselbe Situation vorzufinden. Inzwischen lebe ich seit fast neun Jahren in Italien, deutlich südlicher als Rom, und habe die Erfahrung gemacht, daß eine offensichtlich wichtige Einstellungsvoraussetzung für einen Tankwart (SB-Tankstellen gibt es hier in Süditalien nur wenige) der Umstand ist, daß er Kettenraucher sein muß. Wann immer du vorfährst, nahezu immer hat mindestens einer der beiden Tankwarte eine brennende Zigarette im Mund. Das fällt mir inzwischen kaum noch auf. An Berichte über brennende und explodierende Tankstellen in Italien kann ich mich nicht erinnern...

Heimat und Wegwerf-Maximen

Die Doppelwertigkeit (oder seine Wertlosigkeit, was dasselbe ist) des Begriffes "Heimat" bekommt der Deutsche gelegentlich zu spüren.

Wenn ein Politiker in Parlament und Nadelstreif eine Rede zur Wirtschaftspolitik hält, wird er über kurz oder lang fast zwangsläufig auch auf die Arbeitsmarktpolitik kommen. Und er wird - fast zwangsläufig - die Mobilität betonen, die in diesen Zeiten so wichtig sei. Nicht nur die berufliche Mobilität, sondern auch und nicht zuletzt die räumliche Mobilität. Wenn in Flensburg keine Schweißer mehr gebraucht werden, wohl aber in Berchtesgaden, dann könne es doch nicht zuviel verlangt sein, wenn der Herr Schweißer seine Sachen packe und samt Familie nach Berchtesgaden ziehe.

Hält derselbe Politiker in Bierzelt und Trachtenanzug dagegen eine kulturkritische Rede, wird er - fast zwangsläufig - die Bedeutung betonen, welche die Verbundenheit mit dieser Heimat für uns alle bedeutet. Beklagen wird er, daß in diesen Zeiten die eigene Heimat nicht mehr viel gilt, daß viel zu viele sich allzu bereitwillig entwurzeln ließen und jetzt wurzel- und damit ziellos in den Abgrund taumelten.

Das erste ist die Nadelstreif-Maxime, das zweite die Trachtenanzug-Rhetorik. Beides sind Wegwerf-Maximen, Maximen also von hohem moralischen Rang, die ich für eine bestimmte Argumentation in Anspruch nehme, um sie sofort anschließend wieder zu vergessen, weil sie mir bei anderer Gelegenheit schwer im Weg stehen.

Bronson

Der Franze hat gsagt, als Schauspieler wär der Charles Bronson ja nicht schlecht gewesen, aber man sagt so was einfach nicht. "Pieseln" sagt er, geht grad noch, aber "Wasser lassen" wär halt doch vornehmer.

Sind Könige Mörder?

Man kennt es aus der Geschichte zur Genüge: In den regierenden Familien nicht nur der europäischen Monarchien war es ein oft und gern geübter Brauch, daß Väter ihre Söhne, Onkel ihre Neffen (und jeweils umgekehrt) nicht nur töten wollen, sondern dies auch tatsächlich tun.
Als moderner Mensch steht man etwas ratlos vor diesem Phänomen und tut dies als irgendwie gearteten Brauch ab.
Dabei ist die Tötung naher Verwandter in dynastisch-monarchischen Herrscherhäusern das Ergebnis eines verdammten Dilemmas.

Monarchische Herrscherhäuser entstehen aus dem Adel. Der Adel war eine Kriegerkaste, die sich und ihre Eigenschaften edel, edelig, adelig nannte. Diese Berufskrieger be­herrschten den Stamm, einschließlich der besiegten anderen Stämme, denn alle Macht kommt von der Klinge des Schwertes. Jener wiederum aus dieser Gruppe, der sich als der stärkste, brutalste, hinterhältigste - also: edelste, edeligste, adeligste - von allen erwiesen hatte, be­herrschte den herrschenden Adel und nannte sich König (oder Häuptling oder Fürst oder wie immer).
Damit die Herrschaft auch nach dem Tode des Königs in seiner Familie blieb, bestimmte der König seinen ältesten (überlebenden) Sohn zum Nachfolger. Um auf Dauer König, und also Chef einer brandgefährlichen, vor nichts zurückschreckenden Machtelite zu bleiben, mußte der Thronfolger (und nicht nur er, sondern auch die anderen Söhne, die quasi als Reserve bereit stehen, wenn dem Thronfolger etwas zustößt) mindestens genauso stark, brutal und hinterhältig sein wie der alte König, sein Vater. Damit er dies wurde, war es unumgänglich, ihn von Kindesbeinen an in den edlen Tu­genden des Adels, also Stärke, Brutalität und Hinterhältigkeit zu schulen.
Dadurch sicherte der König seiner Familie das Königtum über den eigenen Tod hinaus.
Dadurch geriet der König aber auch in ein verfluchtes Dilemma. Ein berufsbedingt ultramieser Stinkstiefel muß berufsbedingt im eigenen Hause eine Brut ultramieser Stinkstiefel heranzie­hen, damit einer von ihnen dereinst sein würdiger Nachfolger werde. Die Söhne des Königs sind Leute, denen man von klein auf beigebracht hat, jeden umzulegen, der ihnen im Wege steht.
Diese Schulung des eigenen Nachwuchses in den Tugenden des Adels ist für den König eine Investition in die Zukunft seiner Gene über den individuellen Tod hinaus. Solange er lebt, ist aber noch er König und muß vor dieser Horde machtgieriger und vor nichts zurückschreckender Söhne eine Heidenangst haben.
Scheißspiel!
Nun sind Morde innerhalb einer Familie auch heute nicht so selten, wie es sich der biedere Menschenfreund vorstellt. Bei der überwiegenden Mehrzahl aller Tötungsdelikte besteht (laut der Kriminalstatistik unserer Tage) eine enge verwandtschaftliche Beziehung zwischen Täter und Opfer.
Der moderne Psychologe aber sagt dir, daß in deiner Familie bei der Entwicklung der persönli­chen Beziehungen verdammt viel schief gelaufen sein muß, bis es soweit kommt, daß dich der eigene Sohn irgendwann erschlägt. In den guten, alten Zeiten jedoch war - zumindest bei Kö­nigs - der Vater–/Sohn–/Bruder–Mord die Folge einer geglückten Erziehung.

Die schöngeflötete Reichskristallnacht

Seit den achtziger Jahren erscheint vielen wohlmeinenden Menschen in Deutschland der Begriff " Reichskristallnacht " als bedenklic...