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5.9.24

Weinender VW-Chef

"Der Autokonzern VW leidet unter schwachen Absatzzahlen und muss sparen." So lese ich es in der "taz". Und direkt darunter sehe ich dies Bild eines Mannes, der nach seinem Gesichtsausdruck kurz vor dem Abheulen ist.

Der Untertitel verrät uns "VW-Konzernchef Oliver Blume hat sich für höhere Vorstandsgehälter eingesetzt" -  Foto: Michael Kappeler/dpa

Warum weint der Mann? Weil er sich keine Krawatte leisten kann? Oder weil er genau weiß, daß weder er noch seine Freunde im Management eine Gehaltserhöhung verdient haben? Die in Kürze zu entlassenden Teile der Belegschaft können es anscheinend nicht sein, die ihn traurig stimmen, die sind ihm doch scheißwurschtvölligegal.

5.6.24

Der Haß auf erneuerbare Energien

 

Wer immer sich für die ÖDP den Spruch "Die Sonne schickt keine Rechnung" ausgedacht hat, hat womöglich gar nicht gemerkt, daß dieser Satz ganz präzise die schäumende Wut unserer Marktwirtschaftler auf erneuerbare Energien sowohl beschreibt als auch erklärt. Sonnen- oder Windenergie, Wasserkraft und Wärmepumpen haben nämlich einen elementaren Fehler, der sich nicht korrigieren läßt, aus Prinzip nicht und nicht in unserem Wirtschaftssystem:

Der Treibstoff kostet nichts!

Windkraftanlagen müssen gebaut werden, klar. Solaranlagen müssen gewartet und immer wieder ersetzt werden, weil auch sie kaputtgehen, das schon. Aber die Treibstoffe für diese Energiegewinnung, die Sonne, der Wind und die Temperaturunterschiede sind einfach vorhanden, sie kosten nix. Was aber nichts kostet, das kann ich nicht verkaufen und was ich nicht verkaufen kann, damit kann ich auch kein Geld verdienen. Jetzt verstehst du auch die FDP und ihre Idee mit den E-Fuels. Und der rätselhafte, inzwischen zu purem Wahnsinn angeheizte Haß auf Wärmepumpen wird ebenfalls verständlich.

7.5.24

Ein Geisterzug

Nach dem Kurs in München habe ich keine Chance mehr, den 19:44h-Zug nach Regensburg noch zu erwischen. Der nächste Zug fährt 20:43 h, das ist zwar ärgerlich, aber damit kann man klarkommen. Als ich die Bahnhofshalle durchquere sehe ich, daß heute fast alle Züge der nächsten 2 Stunden auf einem je anderen Gleis wegfahren als sonst. Ärgerlich, aber mei.

Bei Gleis 26 endlich angekommen lese ich, daß der 20:43h-Zug heute ausfallen würde, das heißt ich komme - wie das schon etliche Male in letzter Zeit geschehen ist - erst mit dem Zug um 21:44 h aus München raus. Mift.

Als ich sah, daß auf dem übernächsten Gleis der Zug nach Passau stand, der in 20 oder 25 Minuten abfahren sollte, hatte ich einen fast genialen Einfall: Ich steige in diesen Zug ein und in Landshut wieder aus, vielleicht erwische ich dort den Flughafen-Expreß, der ja ebenfalls über Freising nach Regensburg fährt und erspare mir damit eine halbe Stunde Warten. Kaum umgestiegen hatte ich einen noch genialeren Einfall: Ich steige bereits in Freising aus, denn der Flughafen-Expreß nach Regensburg muß ja auch durch Freising, so daß ich mich schon ab Freising nicht mehr um's Umsteigen kümmern muß. Auf dem Bahnsteig sehe ich, daß der Flughafen-Expreß in 20 bis 30 Minuten kommen wird, ich hatte also recht getan. Dann sehe ich auf einem Gleis rechts außen (in Fahrtrichtung Regensburg gesehen), dort wo es keinen Bahnsteig mehr gibt, den Alex-Zug ganz langsam einfahren. Ich kann mir seine Anwesenheit nicht erklären und kratze mich am Kopf statt nachzudenken. Als ich wieder auf die Anzeigetafel blicke, sehe ich, daß in 10 Minuten der Alex-Zug nach Hof (über Regensburg) abfahren wird. Dann fährt er auch schon ein, der Alex. Pünktlich, denn es ist genau der Zug, von dem es auf der Schrifttafel in München  Hbf. geheißen hatte, er falle heute aus. Nicht verwunderlich, daß in diesem Zug - der im übrigen pünktlich in Regensburg angekommen ist - kaum Passagiere waren, wesentlich weniger jedenfalls, als man das sonst gewöhnt ist. Es war ja auch ein Geisterzug, von dem wegen der bahninternen Geheimhaltung kein Bahnkunde wissen konnte.

Beauty Weeks beim Oberpollinger in der Neuhauserstraße

Beim Oberpollinger am Stachus in München sind zur Zeit die Beauty Weeks. Wahrscheinlich bin ich nur reaktionär, aber wenn ich so greislich ausschauen täterte wie der arme Latex-Mensch auf dem Plakat, würd vermutlich selbst ich das Schönheitsangebot vom Oberpol­lin­ger wahrnehmen.

16.1.24

Die Wurzel aus ANS und Geometrie als Volxsport

In den frühen neunziger Jahren haben wir erstmals Urlaub gemacht mit unserer damals vergleichsweise neuen Familie. Während meine Frau schon in jungen Jahren weite Teile Europens bereist hatte, bin ich bis dato niemals auch nur auf die Idee gekommen, in den Ferien irgendwohin zu fahren. Ich war nämlich schon von der Wiege weg ein ziemlich verhockter Typ und bin es heute noch. Was soll ich in der Fremde, sagte ich mir, dort kennt mich doch keiner? Heute, wo ich mich dank Internet, Dokumentarfilm und Internet besser über Tahiti oder den Sauwald informieren kann als vor Ort, wo ich - so ich will - von zuhause aus kundiger über München und Prag machen kann als die allermeisten Einwohner der Gemeinde Hutthurm.

Manchmal jedoch siegt die Liebe über die Vernunft und so fand ich mich eines Tages auf Sardinien wieder, zusammen mit 1 Frau und 2 minderjährigen Mitbewohnern. Sardinien ist ein Stadtteil von Italien und liegt im Stadtweiher der Ortschaft. Neben Sardisch und Spanisch spricht man dort auch ein bißchen Italienisch, was aber eh wurscht ist, dann Italienisch beherrschte damals noch keiner von uns so richtig. Meine Frau konnte zwar schon ganze Sätze lesen und sogar formulieren, bei mir jedoch hat's grad mal so zum Espresso-Bestellen gereicht und bei den Kindern, die heute beide italienische Muttersprachler sind, war bei "ciao" und "ragazza" Ende der Fahnenstange. Als mein Jüngster ca. 4 Jahre alt war, ist er an meiner Hand auf einer italienischen Fähre die Treppe hinabgegangen. Uns kam ein etwa gleichaltriges Mädchen, an der Hand ihrer Mutter, entgegen. Mein Sohn, der damals noch so gut wie kein Italienisch konnte, sagte im Vorbeigehen zu dem Mädchen in absolut einwandfreier italienischer Aussprache "Ciao bella". Mich hat's herumgerissen, das Mädchen und die Mutter ebenfalls, sie starrten uns fassungslos an. Ich sollte hinzufügen, daß mein Jüngster auch heute noch vom Aussehen jederzeit als Italiener durchgehen würde. Heute geht er auch dann noch als Italiener durch, wenn er den Mund aufmacht, Italienisch ist seine zweite Muttersprache geworden.

Was wollte ich eigentlich sagen? Ah, ja: In den Überschriften der Zeitungen, die an den Kiosken aushingen war erstaunlich oft von tangenti die Rede. Selbst bei den Boulevardzeitungen hieß es tangenti, tangenti, tangenti, gelegentlich war sogar von Tangentopoli, also der Stadt der Tangenten die Rede.

Ich mein, daß Italien eine lange, weit zurückliegende geistige und wissenschaftliche Tradition hat, viel weiter als bei uns, war mir schon klar. Olio Dante hat die italienische Hochsprache um 1320 herum erfunden, während wir noch zweihundert Jahre länger auf die deutsche Sprache warten mußten. Aber - Leutz! - daß in italienischen BILD-Zeitungen leidenschaftlich über Geometrie diskutiert wird... Donnerwetter! Ich zog damals meinen Hut vor dem italienischen Geist und hab ihn bis heute nicht wieder aufgesetzt.

Und weil ich grad dabei bin: Kennt irgendeiner die Wurzel aus ANS? Es scheint immer mehr Menschen zu geben, welche sich dazu bekennen, Anhänger der Wurzel aus ANS zu sein. Auf T-Shirts sieht man das geheimnisvolle Wort, auf Pullis, Sweatshirts und dergleichen auch. Was aber ist die Wurzel aus ANS? Eins ist klar: Setze ich die Wurzel aus ANS in's Quadrat, dann erhalte ich ANS als Ergebnis. Aber hilft mir das weiter?


Scheißkapitalismus oder Wie schön wäre Wien ohne Wiener

Auf Websites, vor allem auf den kommerziellen, professionell gemachten Websites, die zu erheblichen Teilen von Werbung finanziert werden, die also zum Überleben auf Werbung angewiesen sind, versuchen die Betreiber dieser Websites zahlende Kunden dadurch zu gewinnen, daß sie den potentiellen Abonnenten vorschwärmen, wie schön ihre Website ohne Werbung wäre.

Was für ein Leben, was für eine Freude! Sie werden Unterstützer, sie zahlen jeden Monat ein bißchen Geld ein und können dann unsere Website werbefrei genießen.

Machen Sie ein paar Kröten locker! Abonnieren Sie unsere Website, dann brauchen Sie die gottverfluchte stinkende Scheißwerbung auf unserer Website nicht mehr anzuschauen.

Mich erinnert das ein bißchen an das Geschäftsmodell seriöser Firmen, die gute alte Schutzgeldzahlung der Mafia.

10.12.23

Geld macht die Welt rundumeindum gehen

"Ein Geld muß eins da sein", hieß es mal in einem dieser dumpfen und stinklangweiligen Fassbinder-Filme (ich glaub es war "Katzelmacher", so ziemlich der dumpfeste seiner Filme). Ohne 1 Geld gibt’s auch keine Kunst und 1 Musik spielt ohne 1 Geld sowieso nicht.

Wenn's um Einsparungen geht, dann ist die Kunst immer in der ersten Reihe, denn - samma sich doch mal ehrlich - wer braucht schon Kunst, solange es RTL gibt? Und wenn's hart auf hart kommt, dann werden die Geigen eingeschmolzen und zu Kanonen gegossen.

Andererseits bringt 1 Geld Sonne in alle Herzen. Hier eine kleine Bonuszahlung an alle treuen und untreuen Fisch- & Fleischisten, nur echt in der handlichen Abreißrolle.

DSCHURNALIST: Herr Heinrich, sind solche Geldgeschenke nicht billigster Populismus?

HERR HEINRICH: Popolismus, Herr Arsenbauer.

Wie sagt der österreichische Volksmund wenn jemand politische Dienstleistungen für Geld feilbietet? Auf den Strach gehen.

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Eh ich's vergesse: "Egoist: Person minderen Geschmacks; mehr an sich interessiert als an mir." (AMBROSE BIERCE)

29.9.23

Originalphotos von Stanley Kubrick

2013 ist in der Wochenzeitung "Der Freitag" ein Artikel erschienen mit dem Titel "Stanley Kubrick Anmerkungen zu den Fotografien des Regisseurs, die in Büchern und Ausstellungen um die Welt reisen". "Was für eine Geschichte", heißt es dort, "Im Vorraum zum Gewölbe des unteren Geschosses vom Palazzo Ducale in Genua, wo gerade eine Ausstellung mit Fotografien von Stanley Kubrick in die letzte Runde geht, berichtet eine Frau einer interessiert zuhörenden Gruppe, dass sie seit dem Jahr 2000 unterwegs ist, und zwar überall dorthin, wo es eine Ausstellung, eine Retrospektive oder ein Colloquium zur Bildarbeit von Stanley Kubrick gibt."

Ich wage die sozioökonomische Ferndiagnose, daß besagte Frau "im Vorraum zum Gewölbe des unteren Geschosses vom Palazzo Ducale in Genua" sich keine Gedanken darüber machen muß, wo sie gegen Monatsende die Margarine hernimmt, die sie auf die Discounter-Semmel für 9 Cent schmiert, damit sie nicht verhungert. Richtig?

13 Jahre lang den Erdball bereisen, um Photos von Stanley Kubrick zu sehen... ich mein, es sei ihr ja vergönnt. Ein Leben ohne Photos von Stanley Kubrick zu gucken, ist zwar möglich, aber für manche Leute anscheinend nicht sinnvoll.

Moment mal... grübel. Photos. Es geht hier ja gar nicht um aufwendig zu kopierende Ölgemälde oder gar um Fresken, die an irgendwelchen Kirchen- oder Palazzowänden unverrückbar festgemacht sind.

Es geht um Photos, vielleicht auch um Filme. Photos (und Filme) sind die demokratischsten Kunstwerke der Bildenden Kunst. Sie sind nicht nur ganz einfach - und damit billig - zu kopieren, ihre technische Grundlage ist das Kopieren. Wohlgemerkt, das Kopieren ohne jeglichen Qualitätsverlust. Ich muß also nicht irgendwelche Bildreliquien aus einem Museum auf die Reise zu (zeitlich begrenzten) Ausstellungen nach Sao Paolo, Los Angeles oder Genua schicken, damit der dorthin gereiste Interessierte sich ein Bild von Kubricks Bildern machen kann. Derselbe, exakt derselbe ästhetische und aufklärerische Effekt stellte sich auch dann ein, wenn ich ganze Stapel von Kopien an diverse Klein-  und Kleinstmuseen oder direkt an Privatinteressenten für schmales Geld verschicke.

11.9.23

Reichtum für Alle!

Mit Arbeit wird keiner reich, wohlhabend vielleicht, aber nicht reich. Jetzt stellt sich natürlich die Frage, was Reichtum ist und wie man ihn vom Wohlstand oder auch vom auskömmlichen Lebensstandard abgrenzen kann.

Mein Vorschlag (keine erschöpfende Definition, nur mal so skizziert): Reichtum ist unter anderem, wenn einer Dinge, die unsereiner alleine für sich erledigt, durch andere erledigen lassen kann. Wenn mein Frühstück etwa weder von mir noch von meiner Frau bereitet wird, sondern von einer Haushaltskraft (nicht, weil ich pflegebedürftig wäre, natürlich), wenn mein Garten, besser: Park, von einem bezahlten Gärtner in Ordnung gehalten wird...

Das ist jetzt alles sehr plakativ und wenig systematisch, aber man kann daraus schon sehen, daß ich nur dann reich sein kann, wenn und weil es andere nicht sind. Das Frühstück für die Haushaltskraft bereitet nicht eine andere Haushaltskraft, die wiederum in Diensten der ersten Haushaltskraft steht, den Park meines Gärtners hält kein anderer Gärtner in Ordnung, der in dessen Diensten steht. (Und falls doch, verschiebt sich das Ganze nur um eine Ebene.)

Kurz: Reichtum setzt Armut (oder, wenn dir das mehr zusagt: Nicht-Reichtum) voraus. Reich kann einer sein, weil es viele andere nicht sind. "Reichtum für alle" ist Unfug, natürlich.

3.5.23

Gold to go

Ein Gedankenexperiment: Würde ich dir erzählen, es gäbe in München im Olympiaeinkaufszentrum einen Automaten, an dem du binnen Minutenfrist einen Goldbarren, ein Goldbärrlein oder auch nur ein Goldbärrleinchen kaufen kannst, würdest du mir so einen Scheisendreck glauben? 

Womöglich zeigst du mir den Spechtgruß [1] und tust mein obenstehendes Photo, auf dem dieser Goldautomat zu sehen ist, als Fiebertraum meiner Künstlichen Intelligenz ab. Der Gedanke ist aber auch zu verrückt: Im Vorbeigehen einen Goldbarren kaufen, so wie unsereiner vor der Einfahrt des Zuges auf dem Bahnsteig schnell mal einen Schokoriegel aus dem Automaten zieht.

Obwohl... Es wär vielleicht doch eine wunderbare Sache, wenn es diesen Goldomaten wirklich und tatsächlich gäberte. Ich versteh zu wenig von den Details, aber ich gehe stark davon aus, daß der Goldkauf am Automaten ein pfiffiges Steuersparmodell [2] wäre, vorausgesetzt, es wäre möglich, das Geld für das Gold aus dem Geld-Waschvollautomaten auch in bar zu hinterlegen.

Einen Goldbarren können Sie entweder per EC-Karte oder Bargeld erwerben.

Wie spricht Herr Engelsberger, der Geschäftsführer von Gold to Go: "Mit unseren für alle Menschen einfach zugänglichen Goldautomaten demokratisieren wir den Zugang zu physischem Gold und schaffen durch die unterschiedliche Größe der Goldbarren eine Möglichkeit zum Goldkauf für jede Einkommensklasse."



[1]   Mit dem Zeigefinger mehrmals gegen die Stirn tippen, tok, tok.

[2]   Wer nicht weiß, was ein Steuersparmodell ist... Es ist die freundliche Umschreibung für "ganz legale Steuerhinterziehung für Selbständige und andere reiche Leute".

16.11.22

Abbeizverträge

Ich habe mal eine zeitlang für das Bildungswerk der DAG [1] (Deutsche Angestellten Gewerkschaft) gearbeitet. Im Abbeizvertrag stand - wie das in ganz, ganz vielen anderen Abbeizverträgen auch steht - ich sei gegenüber anderen Mitarbeitern zur Verschwiegenheit verpflichtet, was mein Gehalt betreffe. Beim Lesen dieses Passus war mein erster Gedanke: Wie ist das eigentlich, wenn ich einem Betriebsfremdem (dem gegenüber ich ja keine Schweigepflicht habe) mein Gehalt offenbare, mein Kollege auch und der Betriebsfremde (der ja keine Schweigepflicht hat) uns dann erzählt, wieviel der jeweils andere verdient.

Ich erzählte meinem Vorgesetzten davon und er schluckte. Er hatte dieses scheunentorgroße Loch in der Bestimmung bislang anscheinend nicht bemerkt.

Wir haben dann beim Vergleich über Bande tatsächlich festgestellt, daß meine Kollegin zwei-, dreihundert DM weniger verdiente als ich. Dabei hatte sie die exakt gleiche Qualifikation, leicht bestimmbar in unserem Falle: Sie war Dipl.-Pädagogin, ich Dipl.-Psychologe und beide kamen wir direkt von der Uni, hatten also keinerlei Berufserfahrung. Ich sollte noch erwähnen, daß wir beide damals nicht um die Höhe des Gehalts gefeilscht haben, wir waren froh, nach dem Studium überhaupt erst mal eine Stelle (Gott, was heißt Stelle, es war ein auf ein Jahr befristeter Abbeizvertrag) zu haben. Ihr wurde von vorneherein weniger angeboten als mir.

Ich schrieb daraufhin einen Brief an die Geschäftsleitung und regte an, das Gehalt meiner Kollegin entsprechend zu erhöhen. Es gab Wirbel, der Oberste Chef wollte mich gleich feuern, der Untere Chef bog das ab (sie hatten Schwierigkeiten gehabt, die Stelle überhaupt zu besetzen), aber unsere befristeten Abbeizverträge wurden nicht verlängert.

Im Jahr darauf habe ich dasselbe für das Bildungswerk der Bayerischen Wirtschaft gearbeitet. Die Bezahlung dort war auch nicht besser, aber das Betriebsklima von Seiten der Vorgesetzten war wesentlich angenehmer und entspannter als bei der Gewerkschaft.

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Ein Mensch (m/w/d) erzählt mir grade, man spreche zwar "Abbeizverträge", schriebe aber "Arbeitsverträge".



[1]   Die DAG gips schon lang nich mehr.

24.10.22

Sunset to go

Vor etlichen Jahren haben wir mal einen Ausflug durch den gebirgigen Cilento gemacht. Prächtiges Schauspiel, wie die Sonne hinter einem der hohen Berge verschwindet und untergeht. Dann fährst du weiter, biegst ums Eck und die Sonne steht wieder vor dir, relativ hoch über dem Horizont. Noch ein Stück weiter und du siehst erneut, wie die Sonne hinter einem Berg verschwindet. Und wieder eine Weile später ist sie wieder da und lacht dich an (oder aus). Das geht dann noch etliche Male so weiter, bis endlich eine Ruhe, das heißt eine Dunkle ist.

So was ist doch nicht seriös.

Sunset-to-go, aus dem Konzept ließe sich ein Geschäftsmodell entwickeln, wenn man geschäftstüchtig wäre.

7.9.22

Grundnahrungsmittel unter Verschluß

In  jenem Forum, in dem das Gras lauter wächst als anderswo und in dem deshalb besonders viele User das Wachstum des Grases kommentieren hat vor gar nicht so langer Zeit eine ganz besonders wirre Userin geschrieben:

Bei den Sozialverband Deutschland (SoVD) haben bestimmte Bilder aus Supermärkten in Großbritannien Bestürzung ausgelöst. Die Sozialisten haben es geschafft, das die Grundnahrungsmittel knapp, also teuer werden! Als Folge müssen Grundnahrungsmittel, wie Butter und Käse unter Verschluss gehalten werden, denn die Diebstähle nehmen überhand. Die Menschen können sich bestimmte Grundnahrungsmittel nicht mehr leisten!

Die Kommentatoren des Blogbeitrages haben sehr gelassen auf diese Nachricht reagiert, mich hat sie schockiert. In Großbritannien haben die Sozialisten die Macht übernommen, und das schon vor so langer Zeit, daß ihre Maßnahmen bereits Wirkung zeigen. Und mir hat wieder kein Schwein was gesagt. Tüppisch.

24.7.22

Warum auf dem Chefsessel so oft Pfeifen sitzen

Als Jakob Augstein mal wieder einen Chefredakteursposten für seine Wochenschrift "Der Freitag" zu besetzen hatte, nahm er einen Mann. Er wurde dafür her gerügt und antwortete: "Die Frauen, die ich gut fand und gefragt habe, wollten nicht. (...) Oder sie wollten keine Chefs sein?"

Ich schrieb ihm damals eine Art Leserbrief:

Diese Erklärung mag ehrgeizigen Menschen als sehr befremdlich erscheinen, mir erscheint sie plausibel.

Erstmalig ist mir die Problematik noch als Gymnasiast aufgefallen. Während meiner Schulzeit ging der Oberstudiendirektor in Pension und der neue kam von auswärts. Der hat dann kaum noch unterrichtet. Irgendwann kam mir der Gedanke, es müsse doch für einen guten Lehrer, einen, der gerne Lehrer ist, der absolute Alptraum sein, plötzlich die Leiter hochzufallen und Direktor sein zu müssen. Kaum noch Unterricht, stattdessen Verwaltungsarbeit, Leute durch die Gegend scheuchen, Kollegen disziplinarisch abmahnen, dem Ministerialdirigenten die Füße küssen. Schauderhaft. Eigentlich, so dachte ich damals, müßte eine umsichtige Kultusbürokratie die schlechtesten Lehrer (die als Lehrer schlechtesten, um genau zu sein) aussortieren und sie an die Spitze setzen, damit die wirklich guten Lehrer den Schülern erhalten bleiben.

An der Uni hat sich für mich an dieser Sichtweise nichts geändert. Was für ein Wahnsinn, einen exzellenten Wissenschaftler und/oder Hochschullehrer zum Rektor zu machen! Immerhin hat das Uni-System den Vorteil, daß dort einer nur Rektor auf Zeit wird, nachdem er seine Frist im Straflager abgesessen hat, darf er wieder zurück zur Wissenschaft.

Vom Betrieb in einer Zeitungsredaktion weiß ich zu wenig, um diese Gedanken auch nach dorthin zu übertragen, fürchte aber, daß es dort nur unwesentlich anders sein dürfte. Ein hartnäckiger, findiger Rechercheur, ein brillanter Kolumnist auf dem Chefredakteursstuhl - was für eine Verschwendung von Ressourcen.

Erträglich scheint mir ein Chefsessel für einen Journalisten/Lehrer/Wissenschaftler nur dann zu sein, wenn er ihn auf Zeit unter den Hintern geschoben bekommt und er dann wieder - ohne Prestigeverlust! - als normaler Journalist/Lehrer/Wissenschaftler weiterarbeiten darf.

Manchmal frage ich mich, ob die höheren Bezüge der Chefs in diesen Bereichen wirklich die Leistung honorieren oder sie nicht eher eine Art Schmerzensgeld sind.

13.6.22

Adrett

Als ich heute morgen meinen neuen Blogbeitrag eingestellt hatte, tauchte plötzlich - von der Redaktion und ihrem Werbeautomatismus gesteuert - dieses Bild auf.

Der Tag, der immer noch vor mir liegt, ist mir damit verschissen. Wann habe ich zuletzt so einen dermaßen vielsagend nichtssagenden Mann gesehen? Akkurat frisiert... das heißt, die Haare sind so kurz, die kann man gar nicht verstrubbeln... der Bart ist so sorgfältig gestutzt, als hätte die Friseuse eben grad ihr Werk beendet.

Die Krawatte fehlt, sie fehlt. Den Kanzler [1] habe ich neulich auch mehr als einmal ohne Krawatte gesehen... Kann es sein, daß dir seit neuestem der Mode-Trend befiehlt, ohne Krawatte aus dem Haus zu gehen? Bin ich damit modische Avantgarde geworden ohne es gewußt zu haben?

Der Mann strahlt eine Biederkeit und Seriosität aus, die geradezu ekelerregend ist und mißtrauisch macht. Hätte ich noch minderjährige Kinder, ich gäbe ihnen den dringenden Rat, einen weiten Bogen um solche Männer zu machen.

Der Mann scheint Anlageberater zu sein, also Aktienzuhälter.



[1]   Ich mein den Olaf, nicht den Nehammer. Oder habts ihr schon wieder einen neuen?

8.6.22

Selbstbedienung im Internet

Für Leute, die Selbstbedienung auch im Internethandel zu schätzen wissen gibt es jetzt eine wirklich befriedigende Lösung:

20.5.22

Der Arbeiter, das unbekannte Wesen

In einem ansonsten durchaus löblichen Artikel zum Thema Billiglohn hat Verena Schmitt-Roschmann vor etlichen Jahren im FREITAG folgendes geschrieben:
"Es ist ein künstlich geschaffenes Billigproletariat ohne Rechte, das für uns Arbeit erledigt, die uns nichts wert ist."

Diese Aussage ist teils richtig. Was mich an dem Satz aber zusammenzucken läßt, das ist die Wortwahl. Da ist zum einen das Billigproletariat, da sind zum anderen "wir", die wir Leistungen entgegennehmen, die uns nicht viel wert sind. Wo verläuft die Trennlinie zwischen uns und denen? Wer ist eigentlich dieses "wir"? Sind wir die Unternehmer, die ihren Schnäppchen-Proleten zu wenig Lohn zahlen? Ich gebe zu Protokoll, daß ich nicht zu diesem Wir gehöre. Oder sind wir die Staatsbürger? Und wer sind dann die Billig-Proletarier, wenn wir ja schon die Staatsbürger sind?
Vor vielen, vielen Jahren hat mal Hermann L. Gremliza in der "konkret" einen Artikel aus der ZEIT zerlegt. Der ZEIT-Artikel hatte die Überschrift "Der Arbeiter, das unbekannte Wesen" (oder so ähnlich). Im Artikel selber hatte der Autor geschrieben, es werde derzeit viel über den Arbeiter geschrieben und geredet, kaum einer aber kenne den Arbeiter wirklich.
Gremliza hat nun sehr sarkastisch drauf hingewiesen, daß die Arbeiter die Mehrheit der Bevölkerung stellten. Wer nun behaupte, kaum einer kenne den Arbeiter, der konstruiere sich eine Gemeinschaft, eine Allgemeinheit, in welcher Arbeiter nicht vorkämen, bzw. nur als außerhalb der Allgemeinheit stehende Gruppe. Denn klar: Wären die Arbeiter Bestandteil dieser Gemeinschaft, so wäre die Behauptung, kaum einer kenne die Arbeiter, Bockmist der Sonderklasse. Ich muß jetzt nicht erklären, warum das Bockmist wäre, oder?

31.3.22

Salzburger Festspiele in München

Es soll ja Leute geben, die Beethoven für einen Österreicher halten, Hitler dagegen für einen Deutschen. Darüber lächeln viele.

Noch verrückter ist (und darüber lächeln nicht mehr so viele, weil sie es nicht wissen): Es gibt Leute, die Mozart für einen Österreicher halten!

Okay, lassen wir das, wir wollen den österreichischen Patriotismus nicht mehr als unbedingt nötig verspotten. Mozart, ich mein jetzt Leopold, hatte 1 Migrationshintergrund. Er kam aus der Freien Reichsstadt Augsburg und suchte sein Glück in der nahegelegenen bairischen Residenzstadt München, wo er sich um die Stelle eines Hofkapellmeisters oder wie oder was bewarb. Er wurde abgelehnt, zog weiter und ließ sich schließlich notgedrungen in Salzburg nieder. So hatte also München die Chance vertan, Mozartstadt zu werden und daran viel Geld zu verdienen.

Mehr als hundert Jahre nach Leopold Mozart hat dann ein weiterer Migrant den bayerischen König gebeten, sein Festspielhaus in München errichten zu dürfen, am Isarhochufer, ungefähr dort, wo heute der Gasteig steht. Bei Ludwig II. hat Wagner natürlich offene Türen eingerannt, die Münchner Bürgerschaft aber hat ihm das Festspielhaus verweigert. Man stelle sich vor, München wäre heute die Mozartstadt und in München fänden überdies alljährlich die Wagner-Festspiele am Isarhochufer statt. Es flöße ein Strom Geldes nach München, der seinesgleichen nicht hätte.

Lechz, sabber, gier!

.

Vorbei, vertan!

15.3.22

Die Legende vom gehamsterten Klopapier

Als sich vor zwei Jahren die Geschichte mit Corona herumgesprochen hatte, begannen viele Leute in Deutschreich und Österland Klopapier zu hamstern, daß es nur so eine Art hatte. In den Super- und Hypermärkten sah es vor zwei Jahren so aus wie hier in der Hygiene-Abteilung vom real,- um's Eck.

Jeder zweite [1] Kabarettist hat damals seine Witzchen gerissen über den analen Charakter von uns Deutschen und auf die Franzosen verwiesen, die angeblich eher Rotwein und Kondome horten würden. Was viele nicht wissen: Die Franzosen nehmen ein wönziges Schlöckchen aus der Rotweinflasche, stülpen dann ein - idealerweise ungebrauchtes - Kondom über den Flaschenhals und trinken für den Rest der Feier O-Raaschensaft.

Im Vertrauen und im Nachhinein halte ich die Geschichte mit den rotweinfickenden Franzosen sowieso für eine Erfindung der Medien.

Weil?

Weil nämlich in Deutschland im ersten Corona-Frühjahr die Umsätze von Kondomen regelrecht explodiert sind.

"Über die Social Media Kanäle verbreitet sich gerade die Meldung, dass die Franzosen sich in der aktuellen Corona-Krise mit Rotwein und Kondomen eindecken, wohingegen die Deutschen Mehl und Klopapier horten.

'Das können wir so nicht bestätigen', sagt Robert Richter, Geschäftsführer der Ritex GmbH. Die Nachfrage nach Ritex Kondomen habe sich im aktuellen Monat gegenüber dem Vorjahreszeitraum fast verdoppelt. 'Wir sehen hier sicherlich Vorratskäufe, um auch bei denkbaren Versorgungsengpässen nicht auf intime Zweisamkeit verzichten zu müssen", so Richter weiter.'" (Südwestpresse, 18. März 2020)

In Italien habe es, so wurde damals berichtet, keinen Ansturm auf's Toilettenpapier gegeben, denn in Italien habe es in fast jedem Haus, fast jeder Wohnung ein Bidet zur hygienischen Unterleibswaschung. Wie der Name nahelegt ist das Bidet eine französische Erfindung, was die Zurückhaltung der Franzosen beim Kackblatthorten erklären könnte. In Joseph Breitbachs Roman "Das blaue Bidet", 1982 mit dem großartigen Klaus Schwarzkopf für's Fernsehen verfilmt, wird das Bidet allerdings als "Geschenk des Orients an das Abendland" bezeichnet.

Ein bisserl Recherche und die Toilettenpapierlegende vom anal fixierten Deutschen bröckelt. "Unter Hashtags wie #toiletpapergate oder #toiletpapercrisis kursieren Fotos von Menschen, die Wagenladungen voller Klopapier an die Kasse schieben. Im Februar fingen Bewaffnete in Hongkong eine Lieferung Toilettenpapier im Wert von 200 Euro ab. Auf Youtube zeigt ein Video [2], wie sich in einem australischen Supermarkt drei Frauen schubsen und an den Haaren ziehen, um die letzte Packung zu ergattern."

In meinem Hause gilt: Eine Wahrheit bleibt nur solange wahr, bis es an's Abspülen geht. Beim Abspülen oder sonst einer Tätigkeit, die mein Hirn kaum beansprucht höre ich mir nämlich gerne Podcasts oder dergleichen an. In einem Podcast der Bundeszentrale für politische Bildung über Fake News und ihre Bekämpfung höre ich nämlich, daß das Kackblatthorten in China begonnen hat. Eine Firma, die Toilettenpapier herstellt, habe nämlich das Gerücht ausgestreut, Toilettenpapier bestehe aus dem gleichen Material wie die Schutzmasken und werde deshalb in Kürze sehr knapp werden. Der "anale Charakter" stellt sich als ganz normaler Kapitalismus heraus.

Inzwischen soll es bereits wieder zu Hamsterkäufen von Klopapier gekommen sein, diesmal ist es offensichtlich der Krieg in der Ukraine. Der Zusammenhang zwischen Ukraine und Kackblättern ist mir nicht ganz klar, es gibt keine Kackblatt-Pipeline durch die Ukraine, auch von Kack-Stream 2 durch die Ostsee ist mir nichts bekannt. Ich vermute mal, die Leute denken, in der damaligen Krise war das Horten von Klopapier keine so ganz schlechte Idee, das machen wir wieder. Es kann aber auch anders sein, womöglich ist der Durchmesser von Klopapierrollen exakt gleich groß wie das Kaliber sowjetischer Panzerkanonen und der querdenkgeschulte Narr sieht da - wie überall sonst - einen Zusammenhang.

Das Wort "sowjetisch" an dieser Stelle ist weder ein Schreibfehler noch eine Bildungslücke. Bei der russischen Armee in der Ukraine sind anscheinend sehr viele Panzer aus der Guten Alten Sowjetzeit (GAS) im Einsatz. Von der Achtziger-Jahre-Friedensbewegung lernen heißt Sparen lernen: "Keine neuen Atombomben, solange die alten noch nicht verbraucht sind!" hieß es damals. Und der hochkapitalistischen Sowjetunion von heute geht es wirtschaftlich auch nicht mehr so gut. Präsident James Bondin steht das Wasser anscheinend schon bis zum Hals, so daß er für ein paar Kröten Reklame machen muß für eine Schweizer Uhrenmarke.



[1]   Mindestens!

[2]   Dieses Video ist vielleicht noch im Netz vorhanden, es ist allerdings nicht mehr unter dem angegebenen Link erreichbar.

Der "Rot-Blaue Stuhl" von Gerrit Rietveld

I ch muß gestehen, ich weiß nicht, wie gut man in der Kunstgeschichte bewandert sein muß, um Gerrit Rietveld und seinen Rot-Blauen Stuhl z...