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11.9.25

Leander Grönlein und die Dichtkunst

Der Einfachheit halber zitiere ich aus einer wahrscheinlich autobiographischen Erzählung eines gewissen Leander Grönlein:

"Über seinen geliebten Büchern sitzend, träumte der achtjährige Korff davon, einst Dichter oder Schriftsteller zu werden. Den Unterschied zwischen beidem erhoffte er im Laufe seiner Karriere noch herauszubekommen.

Schon in der Volksschule hatte man entdeckt, daß er ganz wunderhübsche Aufsätze schreiben konnte, mit einem wirklich erstaunlichen Wortschatz für so ein Kind und überhaupt, diese Eleganz und dieser Einfallsreichtum im Ausdruck...

Die Aussicht, dereinst auf Lesungen bewundert und vom Fernsehen zu Diskussionen eingeladen zu werden, hatte für den fünfzehnjährigen Korff etwas ungemein Verlockendes. Die mit dem Beruf des Schriftstellers ‑ oder Dichters, den Unterschied hatte er immer noch nicht herausbekommen ‑ verbundene Möglichkeit, zuhause, und also an jedem beliebigen Ort der Erde arbeiten zu können, nahm er als zwar nicht wesentlichen, aber doch angenehmen weiteren Vorteil dieses Berufes mit in seine Phantasien auf.

Hei, was ein Traum, eines Tages ein schmales Suhrkamp-Bändchen mit dem eigenen Namen drauf in den Händen zu halten. Oder, genauso gut, fast noch besser ein dtv-Büchlein, das Cover (damals sagte man noch Umschlag) von Celestino Piatti gestaltet; Autorenname, Titel, Untertitel auf dem Deckblatt in Kleinbuchstaben und rechtsbündig ausgerichtet.

Korffs einziges Problem in jenen Jahren war lediglich dies, daß er nichts hatte, worüber er hätte schreiben können. Die Welt, in der er selber lebte, die er also gut kannte und hätte beschreiben können, erschien ihm ungemein öde und langweilig. In dieser Welt passierte nichts, bzw. das, was darin vorfiel, schien ihm in keiner Weise berichtenswert.

Geschichten, wirkliche und echte Geschichten passieren in der argentinischen Pampa oder in den Häuserschluchten von New York, im Rom der Cäsaren oder im Paris des Werweißwievielten Louis'. Korffs geographische und historische Kenntnisse waren zwar schon in diesen jungen Jahren beachtlich, dennoch nicht ausreichend, um einigermaßen glaubwürdig so interessante und jedermann bekannte Schauplätze skizzieren zu können; von plausiblen Handlungen, die darin passieren können, gar nicht erst zu reden.

Korffs Romane wanderten deshalb schon nach wenigen Seiten, oft schon nach einigen Absätzen, als Fragmente in die Schublade.

Kurzfristig verfiel Korff auf den Trichter, sich einfach eine Vergangenheit zu erfinden, die Geschichte also nicht im realen Mittelalter spielen zu lassen, sondern in einem erfundenen Land, in einer erfundenen, mittelalterartigen Zeit. Irgendwie aber ist nie was draus geworden, wahrscheinlich weil er dachte, so was würde kein Mensch je lesen wollen. Wenn er damals hartnäckiger an dieser Idee gebastelt hätte, hätte Korff in jungen Jahren schon den Fantasy-Roman erfunden."

Ach, wer so schreiben kann, der findet in jungen Jahren schon einen Verleger, der darf in reiferen Jahren am Literaturnobelpreis wenigstens riechen.

Bei mir jedenfalls ist nichts draus geworden, mir ist nix eingefallen. Ich hätte Architekt werden sollen, jeder Arschitekt freut sich einen Arch ab, wenn ihm nix einfällt.

Ich geh jetzt weinen.

12.5.25

Balamal da Bapst

Kein Schwanz und desgleichen keine Vulva kennt heutigentags noch den Schriftsteller, Spieleerfinder und Spielekritiker [1] Eugen Oker, der 1919 in Schwandorf in der Oberpfalz geboren wurde. Um ehrlich zu sein, viel weiß ich von Oker nicht, genau genommen kenne ich nur ein Gedicht von ihm und auch das habe ich bereits wieder weitgehend vergessen. In den unendlichen Weiten des Universums habe ich es auch nicht gefunden, Google ist ein Versager.

Wie auch immer: In dem Gedicht geht es um die Lebensalter des Menschen.  Wenn der Mensch noch ein Menschlein ist, sind fast alle anderen Menschen um das Wurm herum älter als das Kind. In der Pubertät sind die Kinder jünger als der Pubiertierende und irgendwann ist der Polizist, der dich in den Alkoholtester blasen läßt jünger als du. Geraume Zeit später stellst du fest, daß die Bundeskanzlerin jünger ist als du.

Das Gedicht endet mit den Worten "Aba woat, Biaschei, balamal da Bapst jinger is wia du...[2]".

Und genau das ist mir dieser Tage geschehen.



[1]   Ich glaube, diesen Beruf hat er erfunden.

[2]   "Aber warte, Bürscherl, wenn dereinst der Papst jünger ist als du..."

28.11.24

Der junge Dichter und das Schöne Kind

Der Mathematiker Alfred Pringsheim (nur hochgebildete Menschen, wie zum Beispiel ich, wissen heute noch von ihm) besuchte 1876, da er im 26. Jahre seines Lebens stand, die ersten Wagner-Festspiele auf dem Grünen Hügel von Beirut [1]. Abends beim Bier, das damals zur Festspielzeit unglaublich schwer zu bekommen war, stritt er sich mit einem anderen Kunstkenner so leidenschaftlich über die Kunst, daß er dem anderen Kunstfreund schließlich ein Seidla Bier über den Kopf zog. Seither trug Alfred Pringsheim den Beinamen "Schoppenhauer".

Mit der ihm später angetrauten Gertrude Hedwig Anna Dohm, einer Tochter der bekannten Berliner Frauenrechtlerin Hedwig Dohm, zeugte er [2] die Zwillinge Klaus und Katharina, genannt Katia. Als Katia so umra 10 Jahre alt war, wurde sie von Franz von Lenbach gemalt.

Von dem Gemälde ließ man Kopien anfertigen und verkaufte diese. Ein junger Mann, dem es gefiel, sich Thomas Mann zu nennen, verliebte sich in das schöne Kind, und - wahrlich - er seufzte, erfüllt von brennender Leidenschaft. Als er nach etlichen Jahren immer noch brannte, aber aufgehört hatte, zu seufzen, wurde er wieder ansatzweise vernünftig und er nahm eine Frau zur Frau, um das ehdem vergeblich angeseufzte Kind weitgehend zu vergessen. Jetzt erst, da er verheiratet und also gebunden war, erfuhr er, daß das Mädchen von damals Katia hieß, eine geborene Pringsheim war und jetzt eine verheiratete Katia Mann.

So einen Scheisendreck-Kitsch traut sich keiner auszudenken, nicht einmal Thomas Mann. Das Leben aber, merket auf, ist eine Schlampn.



[1]   Es gibt Menschen, die meinen, es müßte nicht "Beirut" heißen sondern "Bayreuth". Aber wie so vieles andere in dieser Welt ist auch dies nicht sicher.

[2]   Wenn diese ständige Fickerei nicht wäre, gäbe es viel weniger Leid und Streit auf Erden, wiewohl ein gewisser Sigmund Freud aus der Berggasse in Wien das genaue Gegenteil behauptet hat.

23.6.24

Der "Faust" und dem Faust sein Schwanz

Oder

Was ist schon die Wissenschaft gegen das Ficken?

Erinnert sich noch jemand an die Geschichte des Kollegen Goethe über Faust? Am Ende seines Lebens sitzt der Alte Wissenschaftler Heinrich Faust in seinem Studierzimmer und konfrontiert sich mit der Erkenntnis, daß er - wenngleich er einer der klügsten Menschen seiner Zeit ist - am Ende doch nichts Rechtes wird erkennen können, denn die Zeit ist eine Matz, ein Miststück. Seine Zeit zumindest ist abgelaufen. Säuftsend greift er nach dem Becher mit dem Fächer (oder war's doch eher der Pokal mit dem Portal?), um alldem ein Ende zu setzen. Gerade als er den Giftbecher an die Lippen setzen will erscheint wie in jedem anderen Kasperl-Larifari-Stück der Deibel himself und bietet ihm einen deal an: Faust wird wieder jung, er hat noch ein Zweites Leben im Kofferraum und kann nun mit neuer Kraft und neuer Perspektive weiterforschen. Dafür will Mephisto nichts weiter als Faustens Seele, die ihm nach eigenen Angaben eh noch nie Spaß gemacht hat. Faust schlägt ein.

Rabimms, Rabumms, Faust ist wieder jung - und was macht er? Wandert er nach Genf, um dort am CERN zu erforschen, was die Welt im Innersten zusammenhält? Nein, er begibt sich nach Leipzig, das schon damals die Welthauptstadt hemmungslosen Lebensgenusses war und schüttet sich in Auerbachs Keller die Birne voll. Dann reitet er auf einem Besen den Blocksberg hinan zum Hexensabbat und fickt dort alles, was ihm vor die Eichel kommt. Irritierenderweise braucht der eben gerade wieder jung Gewordene dazu einen Rammeltrank, aber lassen wir das, Dichtkunst und Logik waren noch nie ein Dreamteam. Halten wir aber fest: So wie am Lehrstuhl Faust funktioniert Wissenschaft noch heute: Forschungsgelder beantragen und dann mit dem ergaunerten Geld Symposien, also alkoholgetränkte Orgien mit Hetären veranstalten.

Ich segelte mit steifem Mast

Zu mancher Schönen, machte Rast

Und hab die andern dann verpaßt

Es gibt zu viele

Das ist jetzt ausnahmsweise nicht Goethe, sondern Biermann.

Das Hexen-Viagra scheint wirklich Teufelszeug zu sein.

Ganz am Ende der Szene "Hexenküche" spricht Mephisto zu sich (Faust soll es nicht hören):

MEPHISTOPHELES.

(Leise.) Du siehst, mit diesem Trank im Leibe,

Bald Helenen in jedem Weibe.

Das heißt in normales Kneipendeutsch übersetzt: Dieser Trank macht dich so was von rattenscharf, da ist dir jede Frau zum Vögeln recht.

ENDE DER SZENE. - Anschließend, un-mit-tel-bar anschließend, beginnt die Szene, in der Faust Gretchen das erste Mal begegnet.

Straße

Faust. Margarete vorübergehend.

FAUST.

Mein schönes Fräulein, darf ich wagen,

Meinen Arm und Geleit Ihr anzutragen?

MARGARETE.

Bin weder Fräulein, weder schön,

Kann ungeleitet nach Hause gehn.

Heißt, das erste, erstbeste weibliche Wesen, das ihm nach dem Konsum des Geiltranks über den Weg läuft, läßt seine Begierde auflodern. Gleich anschließend setzt er in seiner Ungeduld Mephisto unter Druck, dieser möge ihm doch durch seine Zaubereien Gretchen noch in dieser Nacht ins Bett legen.

Das ist die Psychodynamik der Geschichte, die erstaunlicherweise von den meisten Interpreten als Liebesgeschichte gedeutet wird. Es ist aber - und dies ganz unverhohlen - die simpelstmögliche Psychodynamik, die nur denkbar ist. Lechz! Sabber! Gier! Aah, Baby, ich komme!

Es sei daran erinnert, daß der "Faust" als das deutsche Nationaldrama gilt.

Ein ernstes Wort noch an den Lieben Gott: Weil du den Faust gerettet hast, hat's dann wenig später das Gretchen derlaibelt. Schlau war dieses Arrangschemang nich. Aber man kennt das von dir. Ich erinnere an die Panne mit dem Apfel im Paradies, den abtrünnigen Engeln und dem anschließenden Höllensturz. Ferner schmiere ich dir Sodom und Gomorrha auf's Brot, die Sintflut und daß es danach auch nicht besser geworden ist. Ein anderes Wort für GOtt? Pleiten, Pech und Pannen [1].



[1]   Okay, das waren jetzt vier Wörter, das war meine Panne.

30.5.24

Geleaste Gardinen

Meine Wohnung ist so armselig, daß sie - obwohl das einzige Fenster direkt nach Süden geht - kein Rollo hat. Vor allem im Winter, wenn die Sonne tief steht und mir direkt auf den Schreibtisch strahlt, kann ich vor lauter Licht kaum die Schrift auf dem Bildschirm des Computers erkennen. Vorhänge müssen her, eventuell auch Gardinen. Gute Gardinen aber sind teuer, von den Vorhängen will ich gar nicht reden.

Gut, daß es seit einigen Jahren die Möglichkeit gibt, Vorhänge samt Gardinen für schmales Geld zu leasen. Du bist nicht mehr länger gezwungen, einen erheblichen Teil deines Vermögens in Abdunkelware für Fenster zu investieren. Einen Dauerauftrag über 53,80 € pro Monat für den Gardinenverleaser einrichten und schon kommen die Knechte des Verleasers. Sie hängen dir einen Vorhang plus Gardine vor's Fenster und schawupp! bleibt die Sonne draußen, wenn sie lästig wird. So schön kann Leben sein.

Dann aber ziehen Wolken auf am Finanzhimmel, die Börse kracht in sich zusammen und dein Aktienpaket bei der Münchener Rück wird von einem Tag auf den anderen wertlos. Du kannst deinen Leasingvertrag nicht mehr bedienen und nach einigen Mahnungen und Rechtstiteln kommen die Schergen des Verleasers und nahmen dir sowohl die Gardinen als auch die Vorhänge wieder weg.

Jetzt scheint dir nicht nur die Sonne wieder auf den Computerbildschirm, auch die Nachbarn können dir wie früher dabei zusehen, wenn du deine Unterhosen wechselst.

Ach.

22.10.23

Waldemar und die Erfindung des analogen Selfies

Zu einer Zeit, da das Wünschen schon auch nicht mehr geholfen hat und es Deutschland noch im Doppelpack gab lebte in West-Deutschland ein Frührentner. Ein Frührentner hat - logischerweise - viel Zeit und manchmal auch ein bisserl Geld. Der Frührentner Waldemar Brummel, von dem hier die Rede sein soll, vertrieb sich die zu viele Zeit mit dem Lauern auf Leute mit einer gewissen Prominenz.
 
Acht Stunden hat er einmal - so hat er es erzählt - auf Robert Plant von Led Zeppelin [1] gewartet, sechs auf Mick Jagger. Wenn der Prominente dann erschien trat Waldemar Brummel auf ihn zu und fragte höflich: "Hätten Sie etwas dagegen, mit mir photographiert zu werden?". In den allermeisten Fällen hatte der Prominente nichts dagegen, er kann kaum was dagegen haben, denn das Prominentsein des Prominenten beruht meist darauf, daß der Prominente so oft wie möglich photographiert oder gefilmt wird. Der Prominente lebt von den Medien wie der Vampir vom Blut.

Ca. 1400 Bilder hat Herr Brummel aus Köln auf diese Weise gesammelt, Otto Waal­kes, Christine Kaufmann, Gerd Fröbe, Richard von Weizsäcker, Waldemar und Luis Trenker. Und immer und immer wieder Waldemar. "Dieses Buch dreht die Wirklichkeit um", schrieb Axel Hacke 1987 in der Süddeutschen Zeitung in einer Buchkritik, der ich die meisten Fakten hier verdanke.

"Im Leben ist der Star immer die Hauptperson und die Waldemars drängeln sich um ihn. Für den Moment des Bildes stehen sie gleichberechtigt nebeneinander, das Buch aber versammelt sie zu einer Prominentenmasse, zu einem Haufen von Leuten, neben denen es nur eine wichtige Person gibt - Waldemar mit dem immer gleichen routinierten, satt-zufriedenen Lächeln. Waldemar, der so berühmt ist, daß es sich kein Mensch von Rang und Namen erlauben könnte, von ihm nicht erlegt worden zu sein. Pro­minent ist, wer mit Waldemar aufs Bild durfte."

Wer sich ein bisserl in der Welt und den Medien auskennt, seufzt jetzt: Poldi Waraschitz, der Schnorrerkönig. In der Tat.

Waldemar und...Arm in Arm mit den Größen un­serer Zeit. Edition Braun, Heidelberg. 120 Seiten, 100 farbige Abbildungen, 14,80 Mark. (Autoren: Waldemar Brummel/Uwe Zündorf)

Das Buch scheint derzeit vergriffen zu sein, antiquarisch könnte man vielleicht Glück haben.



[1]   So ein Glück, daß ich auf meine Alten Tage noch von seiner Existenz erfahren habe.

12.10.23

Der Todesschrei der Rose

Es geschah in den sechziger Jahren, noch war Science-Fiction in Deutschland weitgehend unbekannt. Okay, es gab die mir leicht dubios erschienenen Hans-Dominik-Romane in Hardcover, Jules Verne gab's bei Fischer als Taschenbuch, die US-amerikanischen Klassiker aber kannte kein Schwanz, nicht mal Asimov, Heinlein etc. pp. waren damals in Deutschland bekannt. "In Deutschland auf dem Buchmarkt bekannt..." müßte man eigentlich schreiben, denn Heinlein, Asimov etc. pp. wurden damals als Heftromane (vulgo: Schundromane) für 70 Pfennige, später 80 Fennje verkauft. Die bekanntesten Reihen waren "Utopia" vom Pabel-Verlag und "Terra" vom Moewig-Verlag (oder war's umgekehrt?). Aus Gründen, die ich hier nicht näher erläutern möchte, war ich damals mehrere Jahre lang auf Schundromane und nur auf Schundromane fixiert und lernte so - aus Versehen, wenn man so will - die Hohe Literatur der USA kennen. Den Begriff "Hohe Literatur" verwende ich hier ausdrücklich nicht ironisch, ein Gutteil der damals als Schundroman vermarkteten Erzählungen sind in die Literaturgeschichte eingegangen.

Worauf ich hinaus will: In einer Science-Fiction-Kurzgeschichte erwarb ein Typ die Fähigkeit, die Sprache der Pflanzen zu verstehen. Anfangs erfreute ihn dies, er sprach mit den Disteln und Dornen und mit dem Kürschbaum auch, dann aber fraß sich das Schmerzensgewimmer jedes einzelnen, hingemähten Grashalms in sein Jehürrn. Als er den Todesschrei gefällter Bäume vernahm ging etwas in ihm entzwei und er verfiel dem Wahnsinn, noch ehe er Vegetarier werden konnte.

Ach.

Kafka ist heitere Schmunzellektüre im Vergleich.

Romananfänge

Der erste Satz des ersten Romans von Thomas Mann ist: "Was ist das." Und so geht's weiter: "-- Was -- ist das ..." - "Je, den Düwel ook, _c'est la question, ma très chère demoiselle_!"

Dieser erste Satz eines gänzlich anderen Schriftstellers ist auch nicht schlecht: "In M..., einer bedeutenden Stadt im oberen Italien, ließ die verwitwete Marquise von O..., eine Dame von vortrefflichem Ruf, und Mutter von mehreren wohlerzogenen Kindern, durch die Zeitungen bekannt machen: daß sie, ohne ihr Wissen, in andre Umstände gekommen sei, daß der Vater zu dem Kinde, das sie gebären würde, sich melden solle; und daß sie, aus Familienrücksichten, entschlossen wäre, ihn zu heiraten."

Mein Lieblingsromananfang ist aber dieser: "Zugegeben: ich bin Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt..."

Max Frisch hat einst einen Roman über einen schwulen Bleistift geschrieben, der so begann: "Wir starteten in La Guardia, New York, mit dreistündiger Verspätung infolge Schneestürmen." Im Folgenden kann "Homo Faber" jedoch die geweckten Erwartungen nicht einlösen. Obwohl die Handlung stellenweise aufregend ist [1] schafft es Frisch, derart verschnarcht zu erzählen, daß ich noch vor der (unwissentlichen, versteht sich) Liebesaffäre Fabers mit seiner leiblichen Tochter eingeschlafen bin.

Aber pfeif drauf. Der beste Romananfang ist eh dieser:

"In wollüstiger Vorfreude leckte sich Shirley über ihre feuchtschimmernden Lippen. 'Ich glaube, wir werden heute abend noch viel Spaß haben miteinander', gurrte sie mit rauchiger Altstimme, während sie langsam, aufreizend langsam den schwarzseidenen BH öffnete und ihre strammen Brüste freilegte. Buzz Kowalsky hatte eine rotglänzende Birne; rot von den vielen Drinks, die er am heutigen Abend schon in sich hineingeschüttet hatte und schweißglänzend vor Aufregung. Er kicherte nervös beim Anblick der halbnackten Frau. Seine alkoholumnebelten Augen gaben ihr Bestes, einen lüsternen Ausdruck auf sein Gesicht zu zaubern. Shirley streifte nun auch den Slip von ihren Hüften und bot ihren schlanken, nahtlos braunen Körper ganz ohne Hüllen den begehrlichen Blicken Kowalskys dar. Mit einem trägen, lasziven Swingen ihres Körpers tänzelte sie auf ihn zu und kniete vor ihm nieder. Lüstern griffen gepflegte Hände mit rotlackierten Nägeln nach Kowalskys Unterhose. Da klopfte es an der Tür des Hotelzimmers. 'Oh, verflucht', stöhnte Kowalsky, der längst an einem Punkt war, wo ihn nichts mehr auf dieser Welt interessierte, nur noch der makellose Körper dieser willigen Frau. 'Kümmere dich nicht drum', flüsterte er Shirley ins Ohr. Der unerwünschte Besucher aber ließ sich nicht abwimmeln. Ein Schlag, ein Splittern und die aus dem Schloß getretene Tür schlug krachend auf. Ein schwarzgekleideter, schwarzmaskierter Mann sprang herein, brachte eine mattschimmernde MP in Anschlag und drückte ab. Eine Salve aus der automatischen Waffe des eiskalten Killers jagte auf Kowalsky zu, Kugeln & Kugeln & Kugeln zerfetzten seinen teigigen Leib und verwandelten ihn in einen blutigen... Mit wohligem Schnauben schob sich ein, mit Unterhose und Leiberl ansatzweise bekleideter Herr den letzten Löffel Rühreier zwischen die Zähne, spülte mit schwarzem, stark gesüßten Kaffee nach und ließ sich satt prustend gegen die Lehne seines Stuhles fallen. Er griff nach der Fernbedienung und schaltete Videorecorder und Fernseher aus."

Daß ich's nicht vergesse: Eine lobende Erwähnung verdient dieser grandiose Romananfang eines geschätzten Kollegen, der mit den ersten - autobiographischen - Sätzen bereits mitten hinein in die Handlung springt.

"Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und Finsternis lag auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser."

Und außer Konkurrenz: "Eine Famulatur besteht ja nicht nur aus dem Zuschauen bei komplizierten Darmoperationen, aus Bauchfellaufschneiden, Lungenflügelzuklammern und Fußabsägen, sie besteht wirklich nicht nur aus Totenaugenzudrücken und aus Kinderherausziehen in die Welt. Eine Famulatur ist nicht nur das: abgesägte ganze und halbe Beine und Arme über die Schulter in den Emailkübel werfen. Auch besteht sie nicht aus dem ständig hinter dem Primarius und dem Assistenten und dem Assistenten des Assistenten Dahertrotteln, aus dem Schwanzdasein der Visite. Aus dem Vorspiegeln falscher Tatsachen kann eine Famulatur auch nicht bestehen, nicht aus dem, daß ich sage: “Der Eiter wird sich ganz einfach in ihrem Blut auflösen, und Sie sind wieder gesund.” Und aus hunderterlei anderen Lügen. Nicht nur daraus, dass ich sage: Es wird schon!” – wo nichts mehr wird. Eine Famulatur ist ja nicht nur eine Lehrstelle für Aufschneiden und Zunähen, für Abbinden und Aushalten. Eine Famulatur muß auch mit außerfleischlichen Tatsachen und Möglichkeiten rechnen."

Wessen Sound ist hier zu hören? Und in welchem Roman?



[1]   Der schwule Bleistift findet seinen Freund in dessen Haus in der mittelamerikanischen Einöde tot auf, verwest im fortgeschrittenen Stadium, umsummt von Schmeißfliegen und anderer Aasfauna.

20.1.23

Eine Schnulze, die das Leben schrieb

Ich hab seinerzeit im Internet einen Schwulen kennengelernt... Ach, was "schwul", er war der Haus- und Stammschwule der FREITAGs-Community. Der erzählte mir, er lebe mit einem anderen Schwulen zusammen und sie hätten den Wunsch nach einem Kind. (Es ging damals das Gerücht um, Homosexuelle seien ganz normale Menschen. Einige behaupteten sogar, die allermeisten Schwulen stammten von heterosexuellen Menschen ab.) Die Chancen, ein Kind zu adoptieren seien - im ganz frühen 21. Jahrhundert - für ein schwules Paar gleich Null gewesen. Sie hätten ein lesbisches Paar mit genau dem gleichen Problem gekannt, woraus ein raffinierter Plan entstanden sei. 1 Frau und 1 Mann aus diesem Quartett hätten sich bereiterklärt, mit dem Menschen vom jeweils anderen Geschlecht ein Kind zu zeugen, nach dem altehrwürdigen Motto "Augen zu und an's Vaterland denken". Es sei aus dieser fleischlichen Verbindung tatsächlich 1 Kind entstanden und dieses Kind hätte jetzt 2 Mütter und 2 Väter. Ein weiteres Kind sei angedacht, womöglich mit dem anderen Elternpaar aus diesem Quartett.

Eine rührende Geschichte, will mir scheinen. Vielleicht erscheint sie mal als Lore-Roman bei Suhrkamp.

29.12.22

Korruption im Feuilleton

Dekoration einer Talk-Show. In weichen, dicken Ledersesseln sitzen der Kulturschmock Patrick Kytzler als Moderator und der Schriftsteller Thorsten Groneberg als Talkgast.

KYTZLER Herr Groneberg, seit 11 Wochen ist Ihr neuer Roman "Roman" auf Platz 1 der SPIEGEL-Bestseller-Liste. Wie fühlt man sich als...

GRONEBERG Gestatten Sie, daß ich Sie korrigiere. Mein Roman ist seit neun Wochen auf Platz 1 besagter Bestseller-Liste. Zuvor mußte er sich den zweiten Platz, auf den er auf Anhieb gekommen war, mit der unsäglichen Schmonzette "Schmonzette" meiner im übrigen wegen ihrer skrupellosen Geschäftstüchtigkeit hochverehrten Kollegin Saskia van Haalen teilen.

KYTZLER lächelt freudlos Wie auch immer. In der vorletzten Ausgabe der ZEIT hat Sie Leander Rylewicz in seiner Rezension von "Roman" ziemlich gnadenlos verrissen. Hat Sie das getroffen?

GRONEBERG lapidar Nein. Haben Sie sich schon mal überlegt, warum Rylewicz mein Buch verrissen hat? Rylewicz ist doch nicht dumm, er ver­steht etwas von Literatur. Mein Buch ist hervorragend, das sieht man und das sieht natürlich auch Rylewicz.

KYTZLER Warum hat Rylewicz dann ihr Buch verrissen? Ihnen zufolge hätte er den Verriß wider besseres Wissens geschrieben.

GRONEBERG Weil er bestochen wurde natürlich.

KYTZLER stockt der Atem. Nach einigen Sekunden, fassungslos Bestochen?

GRONEBERG Klar. Bernd-Axel Facius hat das Buch doch schon gelobt, wenn sich jetzt auch Leander Rylewicz dieser Meinung angeschlossen hätte, wäre der ganze Pfeffer rausgewesen. Das Buch wäre für "langweilig" angesehen worden. Kein Mensch will ein unbestritten gutes Buch lesen, wenn es nicht schon mindestens hundert Jahre alt und also zum Klassiker geworden ist. Also hat mein Verlag Leander Rylewicz dafür bezahlt, daß er mein Buch verreißt. Dadurch wurde das Buch zum umstrittenen Buch und umstrittene Bücher verkaufen sich wesentlich besser.

KYTZLER Sie beschuldigen also Leander Rylewicz tatsächlich, er sei bestechlich.

GRONEBERG Ich beschuldige ihn gar nicht. Ich habe meinen Vorteil davon, ich lobe ihn dafür.

Die Talk-Show löst großen Wirbel aus, Leander Rylewicz wehrt sich heftig gegen die Unterstellung, droht mit gerichtlichen Schritten. Bei nächster Gelegenheit interviewt ein anderer Kulturschmock Thorsten Groneberg.

ANDERER KULTURSCHMOCK Ist es wirklich wahr, daß Leander Rylewicz von Ihrem Verlag bestochen wurde?

GRONEBERG Nein, um Gottes Willen, natürlich nicht. Das würde mein Verlag nicht versuchen und Leander Rylewicz würde so was nie annehmen. Ist doch klar.

ANDERER KULTURSCHMOCK Warum haben Sie es dann behauptet?

GRONEBERG Ich wollte einer Verleumdungsklage entgehen.

ANDERER KULTURSCHMOCK ungläubig Einer Verleumdungsklage?

GRONEBERG Na klar. Ich kann einen angesehenen Kritiker doch nicht als dumm und hirnrissig bezeichnen. Dergleichen gehört sich nicht, selbst dann nicht, wenn es wahr ist.

14.12.22

Wie einmal Adalbert Stifter der Vorname abhanden kam

Die Walhalla bei Regensburg ist groß, größer jedenfalls als meine Wohnung, dennoch ist der Platz für eine angemessene Lagerung der Marmorköpfe Großer Deutscher [1] begrenzt. 132 Büsten lagern derzeit dort, dazu 65 Gedenktafeln, 13 der Geehrten sind Frauen. 4 Plätze für Büsten sind noch frei.

Am 26. September 1954 kam die Büste des Österreichers Adalbert Stifter in die Walhalla, wobei der damalige bayerische Kultusminister Dr. Schwalber den bemerkenswerten Satz sprach: "Ich enthülle das Bildnis Adolf Stifters."

Quelle (ab 11:02 min.)



[1]   Überraschenderweise ist das Wort bereits gegendert.

6.12.22

Der Paß

Ein Kommentar zur aktuellen Debatte in Deutschland.

"Der Pass ist der edelste Teil von einem Menschen. Er kommt auch nicht auf so einfache Weise zustande wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustande kommen, auf leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, ein Pass niemals. Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird."

13.10.22

Franz Kafka, Max Brod und ich

Seit vielen Jahrzehnten schon versuche ich mit einigem Aufwand, irgendwas Geschriebenes von mir einem Verlag, einem Theater oder einer Zeitschrift anzudrehen. Vergeblich. Aber dafür gibt's ja inzwischen meine Website und meinen Blog, auch wenn das so sinnlos ist wie nur irgendwas.

Ich mein, ich könnte ja einen Freund oder Verwandten feierlich verpflichten, nach meinem Tode alle meine auf Papier oder Festplatte festgehaltenen Texte zu verbrennen beziehungsweise zu löschen, aber diesen Trick haben vor hundert Jahren Franz Kafka und Max Brod erfunden und erfolgreich durchgezogen. Ein zweites Mal wird so ein Schabernack nicht mehr funktionieren, fürchte ich.

Ich argwöhne nämlich daß die Anweisung, seinen Nachlaß zu verbrennen, eine abgekartete Sache zwischen Kafka und Brod war. Ein Marketing-Gag des todgeweihten Kafka, ein letzter Schelmenstreich. Zu Lebzeiten war Kafka so gut wie unbekannt, durch Max Brods posthume Herausgabe seiner Werke wurde er schnell zum Weltstar und ist es bis heute geblieben. Er wäre es womöglich nie geworden, wenn Brod diese romantische Geschichte mit dem Feierlichen Versprechen und seinem Bruch dieses Versprechens nicht erzählt hätte. Oder haben Sie je wirklich geglaubt, daß Brod ohne zwingende Not von seinem Verrat am Freund erzählt hätte, wenn er diesen Verrat tatsächlich begangen hätte, gegen den ausdrücklichen Willen Kafkas?

Kafka hat zwei testamentarische Verfügungen seinen literarischen Nachlaß betreffemd hinterlassen, die erste wahrscheinlich Ende 1921, die zweite vom 29. November 1922, in Form eines Briefes an Max Brod [1]. Der Brief wurde angeblich nie abgeschickt, Brod fand ihn nach dem Tod des Freundes unter dessen Papieren. Es ist, so lese ich, wenig bekannt, daß ausgerechnet die beiden ›Testamente‹ selbst die ersten Texte sind, die Brod nach dem Tod Kafkas am 3. Juni 1923 aus dessen Nachlaß veröffentlichte (in der Weltbühne am 17. Juli 1924). Also erst der Publicity-Gag, dann erst die literarischen Texte. Nachtigall, ick hör dir trappsen.



[1]     Lieber Max, vielleicht stehe ich diesmal doch nicht mehr auf, das Kommen der Lungenentzündung ist nach dem Monat Lungenfieber genug wahrscheinlich und nicht einmal dass ich es niederschreibe wird sie abwehren, trotzdem es eine gewisse Macht hat.

Für diesen Fall also mein letzter Wille hinsichtlich alles von mir Geschriebenem:

Von allem was ich geschrieben habe gelten nur die Bücher: Urteil, Heizer, Verwandlung, Strafkolonie, Landarzt und die Erzählung: Hungerkünstler. (Die paar Exemplare der »Betrachtung« mögen bleiben, ich will niemandem die Mühe des Einstampfens machen, aber neu gedruckt darf nichts daraus werden). Wenn ich sage, dass jene 5 Bücher und die Erzählung gelten, so meine ich damit nicht, dass ich den Wunsch habe, sie mögen neu gedruckt und künftigen Zeiten überliefert werden, im Gegenteil, sollten sie ganz verloren gehn, entspricht dieses meinem eigentlichen Wunsch. Nur hindere ich, da sie schon einmal da sind, niemanden daran, sie zu erhalten, wenn er dazu Lust hat.

Dagegen ist alles, was sonst an Geschriebenem von mir vorliegt (in Zeitschriften Gedrucktes, im Manuskript oder in Briefen) ausnahmslos soweit es erreichbar oder durch Bitten von den Adressaten zu erhalten ist (die meisten Adressaten kennst Du ja, in der Hauptsache handelt es sich um Frau Felice M, Frau Julie geb. Wohryzek und Frau Milena Pollak, vergiss besonders nicht paar Hefte, die Frau Pollak hat) — alles dieses ist ausnahmslos am liebsten ungelesen (doch wehre ich Dir nicht hineinzuschauen, am liebsten wäre es mir allerdings wenn Du es nicht tust, jedenfalls aber darf niemand anderer hineinschauen) — alles dieses ist ausnahmslos zu verbrennen und dies möglichst bald zu tun bitte ich Dich

Franz

11.10.22

Literatur und Stuhlgang

Ein Volontär, von welcher Zeitung immer, schrieb neulich "...'Bücher statt Klopapier'. Mit beiden kann man sich nämlich wunderbar den Hintern abwischen."

Das konnte ich so nicht stehenlassen und belehrte den Jüngling:

Du redest so wie du's verstehst. Viel ist das nicht. Dein Kommentar fordert zu einer sachgerechten Stellungnahme heraus:

Du bist offensichtlich kein Praktiker. Was für einen Arsch mußt du haben, daß es dir Spaß macht, dir mit Büchern den Arsch abzuwischen? Ökonomische Gründe können es nicht sein, denn selbst antiquarische Bücher aus der Ramschkiste sind grammpreismäßig teurer als Klopapier.

Aufwendig gestaltete Bücher, Kunstdrucke gar, kann man gar nicht verwenden, da machts nur "flatsch" und du hast den halben Schmadder auffie Hände, die andere Hälfte über Unterleib und Oberschenkel verschmiert und die dritte Hälfte (wo gar nicht gibt, ich kann zählen!) aufm Papier. Dieses Papier, nun mal verschissen, bringst du aber nie und nimmermehr durch den Siphon deiner Kackkeramik.

Normale gebundene Bücher bringen nur mäßige Erleichterung. Auch hier ist das Papier viel zu wenig saugfähig, zu wenig geschmeidig, um damit deinem Allerwertesten zu schmeicheln.

Taschenbücher, die billige Alternative? Ja, aber immer noch unbefriedigend. Vor allem aber: die einzelnen Kackblätter sind viel zu klein, um damit einen guten, handsauberen Abwisch zuverlässig zu erreichen.

Es gibt beim Arschabwischen ein ähnliches Dilemma wie in der Theoretischen Physik, eine Art Unschärferelation: Je mieser (drucktechnisch gesehen) das Papier, desto besser für den Arsch. Je mieser (drucktechnisch gesehen) das Papier, desto mieser aber auch der Druck, desto höher die Abriebrate der Druckerschwärze. (Der Verweis auf Heisenberg ist doch keine so gute Idee, sondern nur Imponiergehabe.)

Jerry-Cotton-Hefte schmeicheln deinen Backen und deiner Furche noch am ehesten. Ich empfehle trotzdem handelsübliche Kackblätter.

Im übrigen lassen sich Bücher auch als Zigarettenpapier verwenden.

Der Stuhlgang als Schöne Kunst betrachtet

6.6.22

Uhrheber

Auf der Suche nach etwas gänzlich anderem finde ich auf meiner Festplatte - also nicht eigentlich meiner Festplatte - folgenden Satz: Ohne Weiber wär das Leben doppelt so schön, aber nicht mal halb so lustig.

Denkst du, ich wüßte noch, ob der Satz von Goethe ist, von Mark Twain oder gar von Olio Dante. Womöglich stammt er von mir.

25.4.22

Parkplatzgedicht

(mit In- und Ausbrunst zu singen)

Früher, als die Kinder noch klein und ich noch jünger war, sang ich den Kindern beim Wickeln und auch später noch gerne das Lied vom Parkplatz und dem Frühtau vor:


 Im Frühtau am Parkplatz wir spein, fallera,

Bekotzen uns Hohose und Hemd, fallera,

Denn wir sind sturzbesoffen,

Das macht uns nicht betroffen,

Wir lieben das Saufen, holjo fallera.

22.4.22

Dein ist mein ganzes Heim

Dein ist mein ganzes Heim,

Du bist mein Reim auf Schleim

REIM AUF SCHLEIM

Ich suchte neulich einen Reim

Auf das schöne Wörtchen Schleim

Doch weil ich ihn nicht finden sollte,

Das Werk nicht fertig werden wollte.

Schade! Er wäre so fein.

Er-

Der Reim,

Auf Schleim

(Dieter Paul aka Piano Paul)

15.3.22

Brief an einen potentiellen Leser

 

Betrifft: 'MUBLOBDOB - Eine Geschichte von Leidenschaft und Zufall'

Sehr geehrte Frau Leserin, sehr geehrter Herr Leser, nach langer, mühvoller Arbeit habe ich nun..."

Der Dichter tauchte den Gänsekiel in das Tintenfäßchen, streifte überflüssige Tinte am Glasrand ab und fuhr mit dem Schreiben fort:

"...meinen Roman 'MUBLOBDOB - Eine Geschichte von Leidenschaft und Zufall' zu Ende geschrieben..."

Der Dichter setzte sich auf. Gedankenversunken blickte er ins Leere und kratzte sich mit dem gefiederten Ende des Gänsekiels am Kopf. Der Dichter war unzufrieden, er schmeckte den Brief mit Kennerzunge ab und mußte den eben begonnenen Satz verwerfen. So ging das nicht, das traf noch nicht. Grunzend zerriß er den Bogen, holte sich einen neuen und schrieb:

Betrifft: 'MUBLOBDOB - Eine Geschichte von Leidenschaft und Zufall'

Liebe Leserin, lieber Leser,

anbei anempfehle ich Ihnen das Manuskript meines R

                                                   o

                                          m

                                             a

                                               n

                                                 e

                                                  s..."

 Wie von einer unsichtbaren Hand ergriffen - was der Fall ist - kippt der Stuhl des Dichters samt Dichter in jähem Fall nach hinten, rasch gefolgt vom Tisch. Langsam, sehr langsam öffnet sich der Vorhang und gibt den Blick frei auf eine bis in das letzte Raumfitzelchen grellerleuchtete Bühne. In der Mitte der ansonsten absolut kahlen Bühne, ein wenig vielleicht nach links versetzt, stehen zwei Fässer, in denen - so behauptet der Aufdruck - früher einmal Salzheringe eingemacht gewesen sein müssen. Eines der Fässer ist leer, im anderen steht Boris. Boris ist schwer bandagiert: sein Kopf ist eingemullt, von der Schädelkalotte bis zum Kinn, beide Unterarme sind geschient und selbst aus dem offenen Hemdkragen ragt noch ein Eckchen weißer Verband heraus. Unruhig steht Boris in seinem Faß, nervös blickt er alle naselang seitlich nach hinten, verrenkt sich fast den Hals in seinem Bemühen, dorthin zu blicken, wo doch nichts los ist.

 Nach siebenunddreißig Minuten wird Bewegung hinter der Bühne hörbar; Borisens Gesten der Neugier werden hektischer und häufiger. Wiederum zwölf Minuten später erscheinen vier stämmige Bühnenarbeiter im Blaumann, ächzend, stöhnend und fluchend Anton an seinen Gliedmaßen in ihrer Mitte tragend. Anton zwinkert Boris mit dem linken Augenlid beruhigend zu, Boris beantwortet die knappe Geste mit heftigem Schwenken der Arme. Anton ist schwer bandagiert: sein Kopf ist eingemullt, von der Schädelkalotte bis... aber das hatten wir schon. In den verkrampften Händen hält Anton ein Buch, etwa doppelt so groß wie ein Schul-Atlas. Während der nächsten achteinhalb Minuten, in denen unter ständigem "Hooo - Rruck!"-, "Zuuu - gleich!!"- und "Vorrrsicht!!!"-Rufen die Bühnenarbeiter Anton nach oben wuchten und ihn schließlich langsam und vorsichtig in das Faß hinablassen, bleibt ausreichend Zeit, den Titel des riesigen Buches zu studieren: "MUBLOBDOB - Eine Geschichte von Leidenschaft und Zufall" [1]. Kaum steht Anton sicher im Faß, da verlassen in hektischer Nichts-wie-weg-hier-hält-uns-nichts-Geste die Bühnenarbeiter die Bühne.

 Anton und Boris stehen in ihren Fässern und blicken gelangweilt ins Publikum. Nach einer guten halben Stunde grell ausgespielter Langeweile ergreift Anton das Buch, das er vor sich auf dem Rand des Fasses abgelegt hatte, und schlägt es auf. Er liest weniger darin, als daß er blättert. Hat Anton wegen seiner Armschienen schon große Mühe, das riesige Buch auch nur zu halten, so ist es fast ein Kunststück für ihn, die Seiten umzublättern. Nach fast vierzig Minuten des Blätterns, in denen er oft die Stirne gerunzelt, den Kopf geschüttelt und ratlos geprustet hat, taucht Anton wieder aus dem Buch auf. Sein Blick fällt auf Boris, der ihn seinerseits die ganze Zeit über unverwandt beobachtet hatte.

ANTON:     Du, sachma, Boris?

BORIS:      (ultracool) Jaaa?

ANTON:     Sachma, Boris, das Buch hier...?

BORIS:      Was ist mit dem Buch?

ANTON:     Boris... (Anton seufzt tief) Boris, ich glaub, ich tu's nicht verstehen.

Boris seufzt tief und ein wenig gequält auf.

BORIS:      Was verstehst du nicht, Anton?

ANTON:     Nun, zum Beispiel... (denkt angestrengt nach) ...dieses Geheimnis um die drei Professoren Zellinger...

BORIS:      Na, das ist aber doch ganz...

ANTON:     ...und wieso der Mublobdob am Schluß meint, er müßte zurück auf den Gletscher, um dort zu sterben, damit sich alles erfüllt, weil sonst der Kosmos kaputt geht und wieso das dann schließlich doch nicht nötig ist.

BORIS:      Also: das ist wegen der drei gleichen Mumien.

ANTON:     (ein wenig bitter) Ja, ja! Das mit den drei gleichen Mumien versteh ich nämlich sowieso und ganz überhaupt nicht. Erst heißt es, eine dieser drei Mumien ist eine Plastikkopie einer der beiden anderen und dann tun auf einmal alle so, als gäbe es überhaupt nur zwei Mumien, obwohl ständig und weiter von drei Mumien die Rede ist.

BORIS:      (lacht) Während es in Wirklichkeit eh nur eine Mumie gibt.

ANTON:     (ein wenig unsicher) Du verarscht mich, Boris, gell?

Boris schüttelt den Kopf.

BORIS:      (gönnerhaft) Gut, Anton, ich will's dir erklären. Also: Baron Frankenstein hat lange und erfolgreich mit wiederbelebten Hundemumien experimentiert und will nun Menschenversuche machen. Dazu klaut er die alte Mumie, bekommt aber aus Versehen die frische Leiche und läßt die Plastikkopie der alten Mumie dort. Klar?

Anton nickt, ein wenig unsicher.

BORIS:      Gut! Frankenstein erweckt also die frische Leiche, von der er denkt, es wäre die alte Mumie, zum Leben. Diese Leiche - Frankenstein nennt sie "Mublobdob' - verliebt sich in Frankensteins Tochter und flieht mit Hilfe des Geheimagenten Dr. Betz-Lebenstein. Dr. Betz-Lebenstein ist hinter Frankenstein her, weil Frankenstein nämlich, so denkt Dr. Betz-Lebenstein, Dracula ist.

ANTON:     Aber... hm, Frankenstein ist doch wirklich Dracula, oder?

Nun schaut Boris ein wenig unsicher.

BORIS:      Is's wahr?

ANTON:     Denk schon.

BORIS:      Na, wie auch immer: Dr. Betz-Lebenstein schreibt jedenfalls am Schluß des Buches das Buch, in dem er selber vorkommt, während Gerhard Rat, Dr. Betz-Lebensteins Helfer, unter dem Namen Dr. Betz-Lebenstein als Geheimagent Karriere macht. Währenddessen fahren die beiden Professoren Zellinger mit ihrer Zeitmaschine in die Vergangenheit und verdoppeln sich dort.

ANTON:     (schreit es fast, ungläubig) Was?

Boris denkt nach, unsicher geworden.

BORIS:      Nein, sie verdoppeln sich nicht, sie sind schon verdoppelt, von früher her.

Anton nickt, zufrieden und stolz.

BORIS:      Die beiden verdoppelten Professoren Zellinger fahren also in die Vergangenheit, werden dabei zu drei Professoren...

Anton guckt Boris entsetzt an, der dies wohl bemerkt, aber ungerührt bleibt.

BORIS:      ...und dabei geht die Zeitmaschine kaputt. Deshalb müssen sie nun...

Anton unterbricht Boris.

ANTON:     Nö, Boris, so geht das nicht. Ich wollte von dir wissen, wieso Mublobdob am Schluß meint, er müßte zurück auf den Gletscher, um dort zu sterben, damit sich alles erfüllt, weil sonst der Kosmos kaputt geht und wieso das dann schließlich doch nicht nötig ist.

BORIS:      Aber Anton, das ist doch wegen der drei gleichen Mumien. Ich hab's dir eben grade erklärt.

Anton schaut ein wenig hilflos. So steht er eine gute Viertelstunde. Dann nimmt er sich ganz unauffällig sein Buch "MUBLOBDOB" wieder und fängt an, drin zu lesen. Auch Boris holt sich sein Buch und liest. Nach etwa zwei Stunden erste Buh-Rufe aus dem Publikum, die sich rasch zu einem schrillen Aufschrei des Unmuts steigern. Anton und Boris blicken verwundert von ihrer Lektüre auf, greifen dann in ihre Fässer und werfen massenweise Taschenbuchausgaben des "MUBLOBDOB" ins Publikum. Das Publikum verläßt das Theater, jeder gebannt in sein Taschenbuch vertieft. Manche Besucher stoßen beim Rausgehen zusammen, manche fallen von der Galerie ins Parkett, weil sie nicht mehr auf den Weg achten, aber selbst die Verletzten im Parkett lesen gebannt weiter.

Nach 23 Stunden fällt der Vorhang im außer Anton, Boris und der dritten Schicht Bühnenarbeiter leeren Theater.



[1]    Wer erfahren will, warum Anton und Boris bandagiert sind, wieso sie ihren Tag in Heringsfässern zubringen und wo die Grenzen menschlichen Erkennens liegen, der wird nicht umhin können, sich den ganzen Roman "MUBLOBDOB - Eine Geschichte von Leidenschaft und Zufall" reinzupfeifen.

Der "Rot-Blaue Stuhl" von Gerrit Rietveld

I ch muß gestehen, ich weiß nicht, wie gut man in der Kunstgeschichte bewandert sein muß, um Gerrit Rietveld und seinen Rot-Blauen Stuhl z...