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1.11.21

18.10.21

29.3.21

Eberhard - Geschichten von einem Schwein

 Nachdem immer mal wieder, wenn auch eher selten, nach meinen Eberhard-Geschichten gefragt wird, sind sie nun komplett als PDF-Datei erhältlich.

Zwei Kostproberl:

Der Bratenfänger von Hameln

Verwunschen

Bevor einer frägt: Ich habe schon vor Jahren versucht, die Eberhard-Geschichten als e-Book anzubieten, gegen - man traut es sich kaum hinzuschreiben - Geld. Verdient habe ich damit keinen müden Cent, buchstäblich und wortwörtlich.

Hier gibt es jetzt also die Eberhard-Geschichten kotzenlos und für umeinsonst (ummasunst).

16.8.17

Eberhard - Geschichten von einem Schwein



Wenn ich jetzt gleich die Geschichte von der Errettung Adams und Evas vor den Intrigen der Schlange erzähle, dann mag manchem der Auftritt eines großen, rosaroten Schweins mit schwarzem Hut befremdlich erscheinen. Wie jedes andere Schwein, so hat auch Eberhard Pirzer eine Vorgeschichte.
In der Weihnachtszeit vor vielen Jahren sahen meine Frau und die beiden Kinder im Schaufenster einer Bäckerei ein Sortiment rosaroter Marzipanschweine, welche von einem rosaroten Riesenplüschschwein mit schwarzem Hut bewacht wurden. Auf den ersten Blick hatten sich alle drei - so wurde mir später erzählt - in dieses Riesenschwein verliebt und man entschloß sich nach kurzer Debatte, im Laden nachzufragen, ob es zu verkaufen sei.
Die Verkäuferin meinte, das sei es nicht. Dies sei ein Bäckerladen, kein Spielzeuggeschäft, wohlfeil seien die Marzipanschweinchen, das Plüschschwein hingegen sei zur Dekoration gedacht, nur zur Dekoration und nicht zum Verkauf.
Nach einigem Hin und Her ließ sie sich aber doch soweit breitschlagen, daß sie meiner Familie das Schwein für stolze 80.- DM verkaufte.
Diese Summe war, wie sich bald herausstellte, Mark für Mark gut angelegt. Nach anfänglicher Skepsis meinerseits, wurde das Schwein, dessen Waschzettel wir entnahmen, daß es Eberhard heißt, bald zum allgemeinen Liebling der ganzen Familie. Und als wir im Sommer darauf an den Golf von Salerno in Urlaub fuhren, war Eberhard konsequenterweise mit dabei.
Dort im Urlaub nun bürgerte es sich ein, daß ich den Kindern vor dem Einschlafen eine Geschichte erzählen mußte. Fräulein Scheherazade wird mir zustimmen, wenn ich sage, daß es gar nicht so einfach ist, jeden Tag aus dem Stegreif eine Geschichte zu erfinden. Ich verfiel in meiner Not auf die Idee, Abend für Abend eine Geschichte über Eberhard, das große, rosarote Schwein mit schwarzem Hut zu erfinden.
Geschichten, in denen Eberhard (bzw. jeweils ein Vorfahr von ihm gleichen Namens)
* die neapolitanische Pizza erfindet,
* mit Kolumbus nach Amerika fährt, dabei jedoch die Indianer vor ihrer Entdeckung bewahrt,
* dem Bratenfänger von Hameln eine kleine Überraschung bereitet,
* Adam & Eva an einer Kostprobe hindert,
* einem Meuchelmord entgeht, dem auch sein alter Kumpel Julius Cäsar nicht wirklich zum Opfer fällt,
* als Mitglied der Schiffsbesatzung von Odysseus die singenden Sirenen jäh zum Verstummen bringt,
* die Zauberin Kirke bei ihrem Versuch, alle Matrosen von Odysseus in Schweine zu verwandeln, schwer verwirrt,
* bei der Gründung Roms eine fatale Rauferei zwischen seinen beiden Jugendfreunden Romulus und Remus verhindert,
* usw.
Lauter Geschichten also, in denen Eberhard in Ereignisse der Weltgeschichte, der Mythen, Sagen und Märchen eingreift und diese jeweils durch einen kleinen Dreh zum Anderen, meist Besseren, wendet.
Nach dem Urlaub wollte ich wissen, ob diese Geschichten über den momentanen Urlaubszauber der Stegreif-Situation vor dem Einschlafen hinaus Bestand haben. Ich habe mich also hingesetzt und einige davon aufgeschrieben.

6.7.13

Im Paradies

Im Anfang schuf Gott Himmel und Erde.
Das alleine wäre auf Dauer langweilig gewesen, so daß er in den folgenden Tagen jeweils einen draufsetzte, was zur Schaffung von Tag und Nacht, Land und Meer, Pflanzen und Tieren, Adam und Eva führte.
Gott besah sich das Geschaffene und er sah, daß es gut war.
Es war eine still verträgliche Welt, die Gott da erschaffen hatte. Man lebte friedlich mit- und nebeneinander, keiner fraß den Anderen auf.
"Ja, hier läßt es sich wohlsein", sagte die eng an einen Löwen gekuschelte Gazelle. "Doch, nicht schlecht hier", stimmte der Löwe zu, genüßlich an einer Banane kauend.
"Hm, recht ordentlich", brummte auch Adam zufrieden. "Besser kann's nirgends sein."
"Ob das nicht ein bißchen vorlaut ist?" meinte Eva spitz. "Wo du doch keine Ahnung hast, wie's anderswo aussieht?"
Sie hatte noch eine weitere Bemerkung auf der Zunge, aber ein flammender Blick Gottes brachte sie zum Schweigen.
Gott nämlich, der eben in lächerlichen sechs Tagen einen ganzen Kosmos aus dem Nichts erschaffen hatte, verspürte keine Lust, sich die Nörgeleien einer Menschin anzuhören, die nichts geleistet hatte, außer Löwen zu kraulen, Bananen zu essen und sich die Sonne auf den Pelz scheinen zu lassen.
"Dir..." Gott drehte sich zornig in Richtung Eva und richtete den Zeigefinger auf sie, dann auch auf Adam. "Und dir. Euch sage ich folgendes: Eßt von diesen Pflanzen, wann immer ihr hungrig seid!" Dabei deutete er mit einer ausgesprochen aggressiven Geste auf Gräser, Büsche und Bäume.
"Danke schön", sagte Adam, während Eva ein renitentes "Na ja, nun" murmelte.
"Aber", fuhr Gott fort, "von diesem..." Unschlüssig drehte er sich um die eigene Achse, entschied sich dann und deutete auf einen Apfelbaum: "Ah, genau: von diesem Baume jedoch sollt ihr nicht essen."
"Warum nicht?" fragte Eva.
"Darum nicht!" schnappte Gott entnervt und ging, seinen wohlverdienten Nachschöpfungsschlaf zu halten.

Geraume Zeit ging ins Land; Zeit, die sich dank der perfekten und deshalb ereignislosen Harmonie des Paradieses schwer in Monaten oder Jahren ausdrücken läßt.
Eva und Adam lagen im Gras, kauten gemächlich an einer Banane und betrachteten konzentriert ein Wölkchen, das über einen ansonsten blauen Himmel zog.
Ein leises Rascheln im Gras ließ sie träge zur Seite blicken. Eine Riesenschlange kam geschäftig auf sie zugekrochen.
"Wer bist denn du?" fragte Adam.
"Je nun. Eine Schlange, denke ich."
"Ich dachte mehr an deinen Namen."
"Ach, Namen. Namen! Äh, genau: Meier."
"Tach, also, Meier", sagte Adam, wandte sich von der Schlange ab und vertiefte sich weiter in den gemächlichen Verzehr seiner Banane.
"Äh, ja, warum ich gekommen bin..." wanzte sich die Schlange Meier an Adam ran, "...ist Folgendes: Diese Dinger da..." Die Riesenschlange machte eine unbestimmte Bewegung in Richtung auf einige herumstehende Bäume. "Diese... äh, Äpfel schmecken absolut köstlich."
"Wir sind im Paradies, Meier", mischte sich Eva in das Gespräch ein. "Alles schmeckt hier absolut köstlich."
"Freilich... äh, ...freilich. Nur: Diese Äpfel dort schmecken besonders köstlich."
"Wenn alles hier absolut köstlich schmeckt, dann können deine Scheiß-Äpfel nicht besonders gut schmecken."
"Eben, eben, Eva. Wenn..."
Das war mehr, als Eva vertragen konnte. "Hör zu, du Kriechtier! Ich, Eva, die Einzige, habe seit weiß Gott wie langer Zeit alles an Früchten durchprobiert, was nur irgend wächst im Paradies. Und ich sage dir, Meier: Alles, aber auch wirklich alles, schmeckt gleich köstlich! Absolut köstlich!"
"Richtig, Eva. Alles - bis auf die Äpfel dort."
"Sagst du!"
"Sage ich, der ich sie probiert habe", trumpfte Meier auf. "Eine Erfahrung, die dir fehlt."
"Weil Gott es uns verboten hat, du Schwachkopf."
"Ich weiß," flötete die Schlange. "Und warum, meinst du, hat er es euch verboten, hm?"
"Mein Gott, weil er sauer war."
"Von wegen 'sauer'! Er hat euch diese Äpfel deshalb verboten, weil sie bei weitem das Allerbeste sind, was in diesem Paradies an Eßbarem zu haben ist. So sieht's aus."
"Und warum", mischte sich Adam ein, "hätte er das machen sollen? Wo er doch ein Paradies für uns erschaffen hat, in dem es sich leben läßt und wir die Krone der Schöpfung sind."
"Er ist manchmal etwas eigen. Ist euch das noch nicht aufgefallen?"
"Ich bleibe dabei: Es gibt keinen vernünftigen Grund, warum ausgerechnet die Äpfel dieses einen Baumes besser sein sollen, als alle anderen Früchte."
"Es gibt auch keinen vernünftigen Grund für das Verbot, solange man annimmt, daß alle Früchte gleich gut sind."
Die Wucht dieser Argumentation hatte Eva die Sprache verschlagen.
"Du meinst... ?"
Die Schlange nickte. "Probieren geht über studieren."
"Das aber ist uns verboten."
"Dadurch kommt ihr natürlich nie dahinter, was euch entgeht, gell? Raffiniert eingefädelt vom Alten."
Nach einer langen, zergrübelten Pause stand Eva schließlich mit einem energischen Ruck auf. "Also, ich will es jetzt wissen. Ich hole mir einen Apfel."
"Nein, das wirst du nicht tun!"
Es dauerte einige Lidschläge lang, ehe Adam klar wurde, daß die Worte, die ihm aus dem Herzen gesprochen waren, gar nicht von ihm gekommen waren.
Sondern von einem großen, dicken, rosafarbenen Schwein mit schwarzem Hut.
Unbeachtet von der diskutierenden Dreiergruppe hatte das Schwein hinter einem Strauch gelegen, hatte mit den Augen die vorbeiziehenden Wolken betrachtet und mit den Ohren die hinter ihm sich entspinnende Unterhaltung verfolgt. Ernst, aber gelassen kam es näher.
"Keinen einzigen dieser Äpfel", wandte es sich an Eva, "wirst du vom Baum pflücken..."
"Werd' ich doch!" schnappte Eva.
"...geschweige denn essen."
"Und wer will mir das verbieten?"
"Ich, Eberhard Pirzer, verbiete dir das", meinte das Schwein, um dann hinzuzufügen: "Und Gott, der Herr, natürlich."
"Das!" brüllte nun Eva wütend, "werden wir ja sehen." Und sie erhob sich in all ihrer hutlosen Nacktheit, wütend über das dreiste Schwein.
Eberhard Pirzer blickte auf die grünen und stillen Büsche der Umgebung, steckte die Pfote in seine Schnauze und gab einen kurzen, schrillen Pfiff von sich.
Die Büsche blieben auch nach Eberhards Pfiff grün, hatten aber aufgehört, still zu sein. Ein Rascheln war hinter dem einen Busch zu hören, ein Scharren hinter einem anderen. Ein Rascheln und Scharren, das rasch anwuchs und schließlich die grünen Büsche rosa färbte, indem sie sich teilten. Heraus kamen Schweine; wahnsinnig viele große, rosafarbene Schweine mit schwarzen Hüten.
Eberhards weitläufige Mischpoke.
Ein Wink Eberhards und die ganze, rosafarbene Bande war beim Apfelbaum. Die schlankeren, wendigeren Schweine schwangen sich auf die Äste und kletterten behende wie Affen in der Krone herum. Andere, stämmigere, packten herunterhängende Äste und schüttelten sie, was das Zeug hielt. Es dauerte keine fünf Minuten und der schöne, große Apfelbaum war ratzekahl leergefressen.
Die Schlange Meier machte, daß sie davonkam.

Noch heute sagt man zu jemandem, der vor großem Unglück bewahrt wird, er habe Schwein gehabt.

28.4.13

Herr Plischke

Herr Plischke aus Hannover machte Urlaub im Bayerischen Wald. Er nahm Quartier in der Pension "Pirzer" in Zwiesel, wo er es sehr behaglich und ganz seinen Wünschen entsprechend fand.
Sein Wirt, ein großes, dickes, rosafarbenes Schwein mit schwarzem Hut erwies sich als überaus freundlich und zuvorkommend. Sowohl bei den Einheimischen als auch bei den Feriengästen war er bekannt und beliebt.
"Guten Tag, Herr Pirzer", riefen ihm fröhlich die Fremden zu, mit einem lockeren "Servus, Eberhard", wurde er von den Ortsansässigen begrüßt, die mit ihm auf vertrauterem Fuße standen.
Bald schon wurde Herr Plischke gewahr, daß jeder, wirklich jeder, der es mit Eberhard Pirzer zu tun bekam, diesen nicht nur begrüßte, sondern ihn auch mit seinem Namen anredete.
"Unser Wirt scheint hier im Ort eine bekannte Persönlichkeit zu tun," sagte er sich und sagte es tags darauf auch dem Postboten, der ihm Grüße von den Lieben daheim brachte.
"Ja, da ham's recht", bestätigte ihm der Postbote. "Unseren Eberhard kennt jeder."
"Beachtlich", sagte Herr Plischke, "wenn man bedenkt, daß Zwiesel eine gar so kleine Kleinstadt gar nicht ist."
"Schon richtig. Bloß: Unseren Eberhard, den kennt jeder. Net nur in Zwiesel."
"Auch im Umkreis?"
"Da sowieso. Ich mein: Überall."
Da aber der Postbote an diesem Nachmittag eine wichtige Verabredung mit einer gewissen Christiane hatte, zu welcher er keinesfalls zu spät kommen wollte, hatte er sich schon grüßend aufs Rad geschwungen, noch ehe ihn Herr Plischke fragen konnte, was er mit dem etwas sehr allgemeinen Wort "überall" nun genau gemeint hatte.
Am selben Nachmittage noch, just zu jener Stunde, da der Postbote krähend und aufgeplustert um seine Christiane gockelte, beobachtete Herr Plischke vom Kaffeetische aus, wie ein Reisebus aus Belgien vor der Pension "Pirzer" anhielt, und seine Insassen in den benachbarten "Zwieseler Hof" strömten. Jeder, buchstäblich jeder der belgischen Feriengäste winkte dem vor seinem Anwesen stehenden Schweine freundlich zu und begrüßte den - je nach Herkunft der Gäste - "Mon­sieur" oder "Mijnheer" Pirzer herzlich und namentlich.
Dies nun wollte dem mißtrauischen Herrn Plischke aus Hannover gar nicht recht einleuchten und er blickte sich unauffällig, aber gründlich um, ob er nicht irgendwo eine versteckte Kamera entdecken könne.
Da er es nicht konnte, sprach er seinen Pensionswirt direkt an.
"Freilich", meinte dieser, "es ist schon so. Wissen Sie, ich bin weit herumgekommen in der Welt. Ich kenne die Welt und die Welt kennt mich."
"Na ja, schon, aber keiner wird von jedem erkannt."
"Ja", meinte Herr Pirzer versonnen, "die Steppen Asiens sind groß und der Dschungel Brasiliens weitläufig. Vielleicht kennt mich wirklich nicht jeder."
Diese vorgeblich bescheidene Bemerkung machte den sonst so umgänglichen Herrn Plischke zornig, da sie ihm eingebildet dünkte.
Da Herr Plischke diese Bemerkung nicht einfach hinzunehmen gedachte, lud er seinen freundlichen, aber stolzen Pensionswirt für den Herbst zu einer Pilgerfahrt nach Rom ein.

Als der Herbst gekommen und die Pension "Pirzer" geschlossen war, stiegen Herr Plischke und Herr Pirzer in den Zug, der sie nach einigem Umsteigen nach Rom bringen sollte.
Mit einem gutgelaunten "Servus, Eberhard" zwickte ihnen der Schaffner im Zug nach München die Fahrkarten und ließ sich von dem großen, dicken, rosafarbenen Schwein mit schwarzem Hut Ziel und Zweck der Reise erläutern.
Als sie in München in den Fernzug nach Rom umstiegen, hörte Herr Plischke eilige Fahrgäste, schlendernde Passanten und müßige Herumsteher ihr "Guten Tag, Herr Pirzer" oder "Ser­vus, Eberhard" rufen.
 Daß sowohl der Schaffner als auch die Fahrgäste im Abteil das Zwieseler Schwein mit Namen anredeten, versteht sich inzwischen fast von selbst.
Sie fuhren über den Brenner, wo ihnen der italienische Schaffner mit einem herzlichen "Buon giorno, Signor Pirzer" die Fahrkarten zurückgab.
So richtig blaß aber wurde Herr Plischke auf der Stazione Termini in Rom, wo wahre Rudel wildfremder Italiener an ihnen vorbeiströmten, nicht ohne seinen Begleiter herzlich zu grüßen. "Buon giorno, Signor Pirzer", sagten die gediegeneren Römer mit Anzug und Krawatte, während es die etwas salopperen Typen bei einem "Ciao, Everardo" bewenden ließen.
Ein Taxifahrer, der während der ganzen Fahrt mit Eberhard Pirzer über dessen und seine Kinder plauderte und vergangener, gemeinsamer Tage gedachte, brachte sie durch das römische Verkehrsgewühl zum Petersplatz, auf dem sich eine große Menschenmenge in Erwartung des Heiligen Vaters eingefunden hatte.
"Wenn Sie mich bitte einige Minuten entschuldigen wollen", wandte sich Eberhard Pirzer an Herrn Plischke, nachdem er die vielen Begrüßungen der Umstehenden in mancherlei Sprachen erwidert hatte. "Ich möchte die Gelegenheit nutzen und einen alten Kumpel von mir besuchen."
Herrn Plischke, dessen Nerven inzwischen so angespannt waren wie seine Beine schwammig, war es recht. Erschöpft nahm er auf einem der herumstehenden Stühle Platz, den man ihm angesichts seines blassen, schweißnassen Gesichtes angeboten hatte.
Sinnend saß er da und konnte es über allem Sinnen doch nicht fassen. Ein Schwein, ein ganz normales großes und dickes, rosafarbenes Schwein mit schwarzem Hut war anscheinend jedermann bekannt. Ein kleiner Gastwirt aus dem Bayerischen Wald schien populärer als der populärste Rockstar.
Das Raunen der Menge riß Herrn Plischke von seinen trüben Gedanken los.
Er blickte hoch und sah, was alle in diesem Moment sahen. Auf dem Balkon, hoch über der Menschenmenge, war der Papst erschienen, eingehüllt in eine Wolke von Kardinalspurpur.
Neben dem Papst aber, diesen unauffällig stützend, stand... Herrn Plischkes Zähne begannen wie im wilden Fieber zu klappern.
Neben dem Papst erkannte Herr Plischke seinen rosafarbenen Reisebegleiter.
"Sie, Herr Nachbar", wandte sich einer, der ersichtlich und hörbar aus Bayern kam, ratsuchend an Herrn Plischke, "sagn's amal: Wer is'n eigentlich der Typ neben dem Eberhard?"
Herr Plischke ließ sich an dieser Stelle in eine wohltuende Ohnmacht fallen.

5.1.13

Entdeckung

In einer Seemannskneipe im Hafen ist ein trinkender Seemann so auffallend wie ein Priester in Rom. Auffallender ist es schon, wenn es sich bei dem Seemann um ein Schwein handelt, ein großes, dickes, rosafarbenes Schwein mit schwarzem Hut. In Hafenkneipen aber ist man seit alters an auffallende Gestalten gewöhnt, so daß Ebro Pizarro ungestört und unbeachtet in der Bodega "El Rey" saß. Einzig eine Flasche Wein, aus der er bedächtig trank, leistete ihm Gesellschaft.
Der Herr, der eben die Bodega betrat, paßte nicht in diese derbe Kneipe. Selbst für einen Kapitän war er zu gut gekleidet. Vielleicht ein Edelmann, auf jeden Fall aber ein Ausländer, da er sich mit seinem allzu perfekten Schulspanisch dem Wirt hinter der Theke nur mühsam verständlich machen konnte. Der Wirt deutete schließlich in jene Ecke des Lokals, in welcher Ebro versonnen trank.
Der Fremde steuerte zielstrebig auf den Tisch Ebros zu.
"Ich bin Capitan Colombo und Ihr müßt Ebro Pizarro sein", sagte er.
Das Schwein nickte.
"Von Beruf Seemann?"
Nicken.
"Zuletzt Erster Offizier auf der 'Salamanca'?"
Nicken.
"Und als Navigator gut?"
Kopfschütteln.
"Nein?"
"Ich bin nicht 'gut', ich bin der Beste", antwortete Ebro bescheiden.
"Gut, gut. Umso besser. Wollt Ihr bei mir anheuern?" fragte Colombo.
Das Schwein blickte ihn prüfend an.
"Wohin soll die Fahrt gehen?"
"Nach Indien."
"Indien scheint in Mode zu kommen."
"Mag sein", sagt Colombo stolz. "Ich aber fahre nach Westen."
"Dann werdet Ihr niemals in Indien ankommen."
"Aber ja, aber ja. Die Erde ist nämlich eine Kugel."
"Bin ich ein Idiot? Natürlich ist die Erde eine Kugel. Aber der Weg nach Asien auf dem westlichen Seeweg ist viel zu lang. Kein Schiff kann ohne Zwischenaufenthalt so weit fahren."
"Aber die Geographen..."
Ebro schnitt ihm das Wort ab.
"Ich weiß, daß die spanischen Geographen eine westliche Entfernung von nur wenigen tausend Meilen nach Asien annehmen. Aber ihre Berechnungen sind fehlerhaft. Der Weg ist in Wirklichkeit um ein Mehrfaches länger."
"Ihr wollt also nicht bei mir anheuern?"
"Richtig."
"Euer letztes Wort?"
"Mein letztes Wort!"
Als Ebro Pizarro anderthalb Flaschen Wein später die Bodega "El Rey" verließ, wurde er in einer Seitengasse von zwei maskierten Männern mit schwarzen Umhängen überfallen und niedergeschlagen.

Als Ebro Pizarro aus tiefer Bewußtlosigkeit erwachte, war ihm schlecht. Ihm brummte der Kopf und als er versuchte, sich aufzurichten, ließ ihn seine Übelkeit sofort wieder aufs Lager sinken. Es war ihm, als würde sein Körper samt Bett und Zimmer in sanften Pendelschlägen auf‑ und niedersinken.
So erfüllt war er von Übelkeit, daß der erfahrene Seemann Ebro Pizarro mehr als zehn Minuten brauchte, um zu begreifen, daß er sich auf einem Schiff befand. Stöhnend schleppte er sich zum winzigen Fenster der Kajüte und blickte hinaus.
Das Schiff befand sich bereits auf dem offenen Meer, die Küste war nur noch als schmaler, dunkler Streifen am Horizont zu erahnen. In geringer Entfernung segelten zwei andere Schiffe in die gleiche Richtung. Den Namen des einen Schiffes konnte er entziffern: "Pinta".
Jetzt wurde es Ebro Pizarro wirklich schlecht. Dieser Spinner Cristoforo Colombo, der von Geographie soviel verstand wie der Kaiser vom Brotbacken, hatte ihn gewaltsam auf sein Schiff verschleppt. Vor ihm lag das weite, noch nie befahrene Meer und irgendwo dort, unerreichbar weit im Westen, mußte die Ostküste Asiens liegen.
Die Rechnung des durchtriebenen Colombo war einfach: Erst mal auf offener See, blieb Ebro gar nichts anderes übrig, als für Colombo als Navigator zu arbeiten, wollte er nicht selbst mit untergehen.

Wochen vergingen. Es waren bange Wochen, in denen die angstvolle Mannschaft mehrmals kurz vor der Meuterei stand.
Dann, eines Morgens kam vom Mastkorb herunter der erlösende Ruf "Land in Sicht".
Das Land erwies sich bald als Insel, eine ungewöhnlich gastfreundliche Insel. Als Colombo und seine Mannschaft an Land gingen, wurden sie von braunhäutigen, fast nackten Menschen herzlich begrüßt.
Colombo war außer sich vor Stolz. Obwohl es heiß war zum Taubenbraten, gockelte Colombo in voller Admiralstracht herum und ließ sich von seiner Mannschaft als Entdecker des westlichen Seewegs nach Indien feiern.
"Na, Pizarro", zog er Ebro gutgelaunt auf, "wer hat nun recht gehabt? Ich oder Ihr mit Euren 'korrekten' Be­rechnungen?"
"Ich natürlich", antwortete Ebro ungerührt.
Colombo lachte. "Wenn Theorie und Wirklichkeit nicht übereinstimmen, muß die Wirklichkeit falsch sein, was?"
"Richtig. Diese Insel hier liegt viel zu nahe an Europa. Sie kann kein Teil Asiens sein. Wir sind vielmehr an einer bisher unbekannten Küste gelandet."
Admiral Colombo rauschte zornig davon.
Ebro gefiel die Insel, auf der sie gelandet waren. Er schloß Freundschaft mit ihren Bewohnern, die ihn bald in ihr Herz geschlossen hatten. Er lernte eifrig von ihnen und lehrte sie selbst einiges von seinen Künsten.
Nachts hockten die Spanier beisammen, tranken und machten Pläne für die Zukunft. Hei, wie würden sie das Land erobern, die Bewohner unterwerfen und sich selbst die Taschen mit Reichtümern füllen. Ganze Grafschaften, Fürstentümer und Vizekönigreiche wurden unter ihnen aufgeteilt und beim Kartenspiel verloren oder gewonnen.
Ebro, der all dies hörte, wurde es bang ums Herz. Er dachte an die gesegnete Insel, an die fröhlichen und zufriedenen Menschen, die hier lebten - und wie dies alles in wenigen Jahren aussehen würde.
Goldbehängte Spanier würden in Sänften sitzen, geschleppt von den ehemals freien Bewohnern des Landes. Peitsche und Schwert würden erzwingen, was freiwillig nie zu haben wäre. Aus einer grünen Insel im blauen Meer würde eine rote Hölle werden, rot von Feuer und rot vom Blut.

Bald machte ein Gerücht die Runde. Niemand wußte, woher es kam, aber es war da und machte die erhitzten Köpfe der Spanier vollends schwindlig. Nicht weit von hier solle es eine baum- und strauchlose Felseninsel geben, welche aus purem Gold bestünde.
Binnen weniger Tage waren die drei Schiffe von Admiral Colombo seeklar gemacht und die freundliche Insel vom letzten Spanier verlassen.
Nach anderthalb Tagen bereits erreichten die spanischen Schiffe die sagenhafte Insel, deren Felsen in der Tat verheißungsvoll gelb und rot in der Abendsonne leuch­teten.
In der folgenden Nacht, als die gesamte Mannschaft auf der Insel war und sich blutig um die goldenen Schwefelfelsen stritt, ging die gesamte Flotte von Admiral Colombo in Flammen auf.
Ein großes, dickes, rosafarbenes Schwein mit schwarzem Hut sei, so erzählte man, fröhlich pfeifend auf einem seetüchtigen Floß zurück zu seinen Freunden, den Indianern gefahren.

12.11.12

Verwunschen

Die Geschichte vom Schwein und der Prinzessin

In einem Lande lebte einst ein König, der sein Land genauso recht und schlecht regierte wie andere Könige auch.
Dieser König hatte ein einziges Kind, eine Tochter, die er nach Art eines Königs zu verheiraten wünschte, auf daß sie ihm Enkel gebäre und damit die Thronfolge sichere. Nun hatte sich aber in Anna, der Tochter des Königs, ein über alle Maßen hochentwickelter Verstand mit nahezu überirdischer Schönheit verbunden. Wegen ihrer Schönheit waren die Männer verrückt nach Anna, wegen ihrer Klugheit wollte dagegen Anna keinen ihrer schmachtenden Anbeter heiraten, welche seufzend den Boden küßten, über den sie geschritten war.
An einem linden Abend im blütenduftenden Mai stand Anna am Fenster und sah den roten Mond über den Hügeln aufgehen.
Würde sie wohl je einen Mann finden, der zu ihr paßte? Gab es diesen Mann? Und wenn, würde er ihr je begegnen? Und wenn, würde sie ihn erkennen? Und wenn, würde auch er sie lieben?
Seufzend senkte Anna ihren Blick und sah unten auf der Straße ein großes, dickes, rosafarbenes Schwein mit schwarzem Hut vorbeigehen. "Oh!", sagte Anna, die dergleichen noch nie gesehen hatte.
Das Schwein, überrascht von dem Seufzer, blickte zu der Prinzessin auf. Und "Oh!", sagte auch das Schwein, das dergleichen noch nie gesehen hatte. Einen kurzen Augenblick lang trafen sich ihre Blicke, senkte Aug' sich in Auge, dann wandte das Schwein den Kopf, gleichermaßen scheu und entschlossen, und ging eilenden Schrittes davon.
Tags darauf sagte Anna dem König, daß sie keinen der um ihre Hand anhaltenden Prinzen, Grafen oder Herzöge heiraten werde.
"Du willst, daß der Thron nach meinem Tode verwaist sein wird?"
"Nein", sagte Anna sanft. "Das will ich nicht. Aber ich habe gestern ein Schwein gesehen."
"Wenn jeder", lachte der König bitter, "der ein Schwein gesehen hat, nicht mehr heiraten wollte, wäre die Menschheit längst..."
"Ich habe mich in dieses Schwein verliebt und das Schwein sich in mich", gab Anna zurück. "Ich werde entweder dieses Schwein heiraten oder niemand."
Wie jeder vernünftige Mensch an seiner Stelle auch, mußte der König annehmen, seine Tochter sei über Nacht in den schwärzesten Wahnsinn verfallen. Er schickte nach seinem Hofzauberer und trug ihm den Fall vor.
"Traurig, traurig", sagte der Zauberer und schüttelte sein Haupt. "Da ist guter Rat teuer."
Der König, welcher die enormen Honorare des weisen Mannes kannte, seufzte ergeben und erteilte ihm den Auftrag, seine Tochter unverzüglich und unter allen Umständen von ihrem Schweinewahnsinn zu heilen.
Der Zauberer hatte sich eine verteufelt schwere Aufgabe aufgehalst. Anna erwies sich als ausgesprochen störrisch. All seine Künste blieben vergeblich, ja, die Sehnsucht Annas nach dem unbekannten Schwein schien mit jedem Tag, der verstrich, eher noch zuzunehmen. Eines Abend verlor der Zauberer die Geduld. Wütend erhob er die zaubermächtige Hand und verwandelte die Tochter des Königs in ein leblos Ding.
"Da kannst du nun stehen und über deinen Starrsinn nachdenken", schrie der Zauberer aus dem Fenster hinaus, "bis ich dich morgen früh vom Bannfluch befreie."
Dann schloß er das Fenster und ging nachhause.
Ein Auto, das allzu eilig um die Ecke geschossen kam, erfaßte ihn wenige Meter vor seinem Hause und tötete den Hofzauberer.

Einige Tage nach diesen Ereignissen kam ein großes, dickes, rosafarbenes Schwein mit schwarzem Hut in die Stadt des Königs. Wichtige, unaufschiebbare Geschäfte hatten Eberhard Pirzer in die Ferne getrieben und dort für einige Zeit festgehalten.
Wie aber staunte das Schwein, als es die Stadt des Königs in großer Trauer versunken fand.
"Was ist geschehen?" fragte es einen Passanten. "Ist euer König gestorben?"
"Ach!" sagte der Passant in großer Verbitterung, "wenn er es nur wäre. Es ist seine Tochter, diese schöne, kluge und gütige Frau..." Und er konnte vor Weinen nicht mehr weitersprechen.
Eberhard Pirzer wurde totenbleich. "Die Tochter des Königs", flüsterte er. "Wie schrecklich."
"Ja", schluchzte der Passant. "Und alles wegen dieses Schweins."
"Wegen welchen Schweins?" fragte Eberhard erschrocken.
Und der Passant erzählte ihm, wie die Prinzessin alle Bewerber um ihre Hand zurückgewiesen habe, weil sie sich in ein vorübergehendes Schwein verliebt hatte und wie dann die verfluchte Geschichte mit dem Hofzauberer passiert war.
Eberhard Pirzer dankte für die Auskunft und ging weiter. Er war entsetzt und erleichtert zugleich. Schrecklich schien ihm das Schicksal der einmal nur gesehenen Geliebten. Dankbar nahm er zur Kenntnis, daß sie anscheinend noch nicht - wie zuerst gefürchtet - tot war. Und über allem lag die Gewißheit, von seiner Prinzessin wiedergeliebt zu werden.
Eberhard gab seine Geschäfte auf, raffte seine Ersparnisse zusammen und machte sich auf, die Verschwundene zu suchen. Die Stadt, das ganze Königreich suchte er nach ihr ab. Er kroch in die entlegensten Winkel und Löcher, fragte, wer immer Ohren hatte, seine Fragen zu verstehen. Er bekam jedoch nie eine Antwort, die ihn seinem Ziel nähergebracht hätte.
Woche auf Woche verstrich und die Ersparnisse Eberhards gingen zur Neige. Er war gezwungen, sich Arbeit zu suchen, brauchte aber Zeit genug, weiter nach seiner verschwundenen Prinzessin zu suchen. So verdingte er sich stundenweise als Tankwart. Tagaus, tagein versah er seinen Dienst bei der Tankstelle vor dem Königsschloß. Geduldig betankte er Autos und bald schon, er wußte nicht, wie und warum, fand er Gefallen an seinem neuen Beruf.
Monat um Monat ging auf diese Weise ins Land und es wurde wieder Mai. Eberhard aber hatte seine Anna immer noch nicht gefunden.
Wieder stand der rote Mond am Himmel. Eberhard Pirzer lehnte an seiner Zapfsäule und hing seinen Gedanken nach. Traurige, sehnende Gedanken gingen ihm durch Kopf und Herz, Gedanken an Anna und ... Anna.
Leise weinend seufzte das Schwein den Mond an, im Gedenken an seine verschwundene Geliebte umfing er die Zapfsäule mit bräutlichem Griff und drückte ihr, "Ach, Anna!", einen Kuß auf den Benzinzähler.
So tief war Eberhard in seine Träume versunken, daß er glaubte, es würde die Zapfsäule ihn wieder küssen, sie würde sich weich und warm in seinen Arm schmiegen. Als er, aus seinem schönen Trugbild erwachend, die Augen öffnete, hielt er tatsächlich Anna, die geliebte Prinzessin, in seinem Arm. Die Zapfsäule aber war verschwunden.
Durch schurkische Zauberei zur Zapfsäule erstarrt, war die Prinzessin durch die Macht der Liebe von ihrer Verwünschung befreit.
Gemeinsam flohen Anna und Eberhard aus diesem schrecklichen Land, in welchem der König weniger der entschwundenen Tochter, als vielmehr dem entgangenen Thronerben nachweinte.
Sie erwarben irgendwo ein Häuschen und lebten glücklich miteinander.

Zapfsäulen jedoch bleiben heutzutage Zapfsäulen, du magst sie küssen, soviel du willst.

Nicht Bärlauch sondern Bohrloch

Was Sie schon immer über Sex wissen wollten aber bisher nie zu fragen wagten. Heute "Sexuelle Duldungsstarre" " Die Duldu...