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12.4.24

Das Massaker am Wendigo Creek

Was ist Kunst? Der Film "Blackwood - Das Massaker am Wendigo Creek" - und natürlich die Filme von Schlachtermeister Tarantino - geben die Antwort: "Konstante blutige Action".

6.9.23

Otto und Herr Bimbo

Das einzige, das mich jetzt noch retten konnte war... ein Neger.

"Otto - Der Film" ist von 1985, der erste und einzige Film, der am selben Tag sowohl in der Bundesrepublik Deutschland als auch in der DDR gestartet ist.

28.6.23

Tote und Tabu

Als ich noch der Waldbauernbub war, habe ich im Schwarz-weiß-Fernsee eine der ganz frühen Winnetou-Inszenierungen der Karl-May-Festspiele in Bad Segeberg gesehen. Wie das bei Indianerkunst häufiger geschieht wurde einer erschossen und lag dann tot in der Kalksteinkulisse herum. Die Handlung ging weiter und irgendwann war die Kamera ziemlich nahe am Toten dran und ich konnte deutlich sehen, wie sich die Bauchdecke des Toten hob und wieder senkte. Ich wies meine kindlichen Mitschauer auf diesen Umstand hin und rief empört: "Aber der ist doch gar nicht tot!" Eines der älteren Kinder meinte, so sei das im Theater, bei Morden und anderen Peinlichkeiten wie etwa Geschlechtsverkehr werde das auf der Bühne nicht echt gemacht, sondern nur angedeutet.

Ich war empört, ich fühlte mich betrogen, ich forderte Authentizität, obwohl ich damals dieses Wort noch nicht mal hätte aussprechen können.

Noch heute schaue ich mir keine Filme an, wenn ich auch nur den Verdacht habe, die dargestellten Vorgänge könnten nicht echt sein, auch wenn das ständige Anschauen von Überwachungsvideos und Webcams auf Dauer doch etwas langweilig ist.

Nebenbei gesagt: Die meisten Pornos - in denen einiges ja doch echt ist - sind noch viel langweiliger als das Wasserloch in der Namib-Wüste.

28.5.23

Kriegt der Brandauer den Oskar?

Klaus Maria Brandauer war 60 Jahre lang ein weitgehend unbeachteter kleiner Komödiant, nur ausgefuchsten Branchenkennern in den Besetzungsbüros der Filmgesellschaften war sein Name bekannt. Bei allen anderen hieß es "Klaus Maria... wer?" Erst seit er jetzt diese grandiosen Auftritte beim Impfluenzer hat ist er einem größeren Publikum bekannt geworden. Eigentlich darf ich's noch gar nicht sagen, aber Brandauer ist sogar für einen Oskar nominiert worden, in der Sparte "Beste Hauptrolle in einer grottenschlechten Nebenserie". Die Folge "Der Grottenschlächter" ist bereits produziert, darf aber vorerst nicht gezeigt werden, weil die Folge so ultrabrutal ist, daß die Zuseher reihenweise schbeiben würden. Wer eifrig "Fisch und Fleisch" liest weiß eh, daß in Deutschland das Kriegsrecht und das Matriarchat herrschen.

12.4.23

Rattenscharf

Nix macht so absolut rattenscharf wie das Elend anderer Leute. Es sind für gewöhnlich vor allem Leute in einigermaßen bis sehr angenehmen Lebensumständen, die literarische Trauerspiele und Tragödien oder Theater- oder Filmtragödien (Arthouse) zu schätzen wissen. Wenn du dagegen auf der Scheißhausseite der Welt, dem weitaus größten Bereich unseres Planeten lebst, möchtest du wenigstens in der Kunst ein bisserl lachen.

Es gibt einen wunderschönen Film zu diesem Thema, Hollywood natürlich: "Sullivans Reisen".

"Der berühmte Hollywood-Komödienregisseur John L. Sullivan ist seines Genres überdrüssig und möchte neue Wege beschreiten. In einem sozialkritischen, dem Realismus verpflichteten Film will er das Elend der Ärmsten der Gesellschaft ungeschminkt auf die Leinwand bringen. Er kostümiert sich als Landstreicher, um das rauhe Leben ganz unten am eigenen Leib zu erfahren.

Durch eine Reihe unglückseliger Umstände wird er zu 6 Jahren Arbeitslager verurteilt. Im Arbeitslager muß er unter einem brutalen Aufseher Schwerstarbeit verrichten und lernt das Leben von seiner bittersten und ausweglosesten Seite kennen.

Eines Sonntags dürfen die Gefangenen in der Kirche einer afroamerikanischen Gemeinde einer Filmvorführung beiwohnen und erleben den aussichtslosen Kampf Plutos gegen ein besonders klebriges Fliegenpapier. Schon bald biegen sich die geschundenen Sträflinge vor Lachen, bis selbst Sullivan davon angesteckt wird. Er realisiert, dass eine Komödie mehr für die Armen tut als jegliches Betroffenheit heuchelnde didaktische Werk." (Wikipedia)

Ist sie nicht wunderbar herzerwärmend, so eine Tragödie wie etwa "Tristan und Isolde"? Tristan verzweifelt, Isolde nicht minder und der Deibel lacht sich ins Fäustchen. Ich aber verlasse mit meiner Begleiterin gut gelaunt das Opernhaus auf dem Grünen Hügel, beklage bei Prosecco und Lachsschnittchen die Brüchigkeit menschlicher Existenz und das Geworfensein des Menschen in eine kaltes Universum und kann damit rechnen, sie (das heißt meine Begleiterin) am Ende des Abends zum Beischlaf überredet zu haben. Mehr kann und mehr sollte man von Kunst nicht erwarten. Nichts macht, wie erwähnt, so absolut rattenscharf wie das Elend anderer Leute.

In Komödien sollte man nur mit Personen gehen, die einem eh schon angetraut oder sonstwie verpflichtet sind. Für einen Aufriß empfehle ich erschötternde Tragik. Schubi du.

Was den "Tristan" betrifft, so ist die Musik zwar göttlich, die Oper als Oper aber ist der hinterletzte Schund.

7.8.22

Der Gute Alte Atomkrieg

Im Jahre 19 nach Hiroshima/Nagasaki drehte Stanley Kubrick seinen längst legendären Film "Dr. Seltsam oder Wie ich lernte, die Bombe zu lieben". Ein meschuggener Komman­dant einer Bomber-Staffel setzt die amerikanische Atombombenflotte gegen die Russen in Marsch. Ei­ner dieser Bomber ist nicht mehr zu stoppen...

Ein lustiger Film; grimmig, bitterbös. Ein bedrückender Film. Da­mals.

Mit den Augen von heute gesehen, wirkt "Dr. Seltsam" erstaunlich nostalgisch; rührend altmodisch. Gott, was waren das aber auch da­mals für Zeiten, in den Tagen des guten, alten Atomkrieges der 60er Jahre!

Als Zeitgenossen der vollautomatisierten, chipgesteuerten Vernich­tung durch Lang- und Mittelstreckenraketen, Marschflugkörper und strategischen Atomgranaten feuchten sich die Augen im Gedenken an die altväterliche Tapsigkeit und Gemütlichkeit des atomaren Mit­telalters. Das war noch Handarbeit damals, echte, gute Handarbeit. Richtige, lebendige Menschen setzten sich eigenhändig in Flugzeuge und brachten die Bombe höchstpersönlich an's Ziel. Damals warf man die Bombe noch mit der Hand ab. Denk an die Szene im Film, wo Major Kong auf der Bombe reitet und mit ihr als atomarer Cowboy jauchzend und hutschwenkend erdwärts zum Schlachtfeld reitet.

Es war halt noch vieles in Ordnung damals.

22.4.22

Die Ferfilmung fon "Fisch und Fleisch"

Die wenigsten werden es wissen, aber "Fisch und Fleisch" ist als Serie mit 25 Folgen verfilmt worden. "Das wurde aber auch Zeit" werden einige jetzt sagen, und sie haben natürlich recht. Was merkwürdig ist und zu denken gibt ist allerdings der Umstand, daß "Fisch und Fleisch" in den Jahren 1973 bis einschließlich 1976 verfilmt worden ist.

Auch damals schon hatte die unendliche Dummheit der Politiker den Gesunden Menschenverstand - den man in Österreich Hausverstand nennt - besiegt, schon damals waren Sozialisten und Sozialdemokraten eifrig dabei, unsere Gesellschaft und unsere Wirtschaft zu zerstören. Ausländer aus den verdächtigen Herkunftsländern im Süden waren schon seinerzeit eine wahre Landplage, obwohl es noch kaum welche gab, im Vergleich. In dem meist freundlichen und zugewandten, stets kompetenten und hinter die Oberfläche der Verschwörung blickenden Herrn Tetzlaff wird jeder hier sein ganz persönliches @Lieblingsarschloch bei "Fisch und Fleisch" entdecken können.

Allerdings ist diese frühe Ferfilmung fon "Fisch und Fleisch" insofern unrealistisch, als Alfred Tetzlaff im Vergleich mit meinen @Lieblingsarschlöchern hier doch sehr weltoffen und zugewandt wirkt.

27.1.22

Sado-Maso-Porno

Jedes Jahr zur Winterzeit ist es in Regensburg dasselbe. Am Himmel läßt Gott viele Tage hintereinander einen Sado-Maso-Porno laufen. 

Fifty Shades of Grey.

12.10.21

I hob amoi oan kennt

A: I hob amoi aon kennt, der hot... Oba mei, den hams dann aa daschoßn.

B: A da Wahnsinn. Den host du kennt?

A: Heile. Des war da Dings, du kennst'n aa... da..., wia hoaßt a iatz glei?

B: Da Schorsch?

A: Ah, Schmarrn, den hams do net daschoßn.

B: Stimmt, der lebt a no.

A: Ah, iatz woaß i's, des war da Dings... Des war aber a Film.

1.11.20

Die schwimmende Stadt

Ich möchte Ihnen heute einen Dokumentarfilm vorstellen, so altmodisch, wie ein Dokumentarfilm von früher nur immer altmodisch sein kann.

Ich sag's gleich vorneweg: Es vergehen satte 5 Minuten und 20 Sekunden. ehe der erste Satz gesprochen wird. Davor gibt es nur Impressionen, Originalgeräusche, langsame bedächtige Bilder und eine dazu passende ruhige Musik.

Stell dir einen Moment lang vor, du wärst, vor dem Fernseher sitzend, nur zufällig in diese Sendung geraten. Als der Schriftzug mit dem Ortsnamen eingeblendet wurde, hast du dir gerade ein Bier eingeschenkt und nicht hingeschaut. Du siehst nur die folgenden Worte des Titels "Die schwimmende Stadt" und siehst dann die Bilder - 5 Minuten, 20 Sekunden lang. Was denkst du dir in dieser langen Zeit? Was für eine Stadt!, denkst du. Bella Italia!

Pfeifendeckel. Es ist nicht Venedig und auch sonst keine ins Meer gebaute italienische Stadt, es ist Passau bei Österreich.

1975 hat Dieter Wieland im Rahmen seiner Dokumentarfilmreihe "Topographie" den Film "Passau, die schwimmende Stadt" gedreht.

Wer sich diesen Film anschauen will, sollte sich einen Sack Zeit als Wegzehrung mitnehmen. So langsam der Film beginnt, so bedächtig geht es weiter. Keine schnellen Schnitte, keine dynamischen Schwenks, kein aufgeregter Kommentar. Den Text spricht Dieter Wieland selbst, er spricht keine einfachen Sätze, gewiß, aber er spricht langsam, bedächtig, er läßt dir die nötige Zeit, seine Sätze abzuschmecken und zu verstehen. Die ruhige Sprechweise ist beruhigend, ohne einschläfernd zu wirken. Das ist großes, ganz großes Kino!

Wieland spricht vom heutigen Passau, vor allem aber erzählt er dir was vom früheren Passau. Keltensiedlung, Römerkastell, Bischofssitz, Missionszentrum.

Passau ist die Mutter Österreichs. Von Passau aus, das seinerseits von den Römern kolonisiert und kultiviert worden war, ist die untere Donau, bis nach - mindestens - Ungarn christianisiert und kultiviert worden. Aber was red ich, laßt euch die Geschichte Passaus von Dieter Wielands Film direkt erzählen.

Eine Bitte habe ich: Wenn es euch möglich ist, schaut euch den Film am Stück an, keine Unterbrechungen. Geht vorher pinkeln und wenn das Telefon klingelt, laßt es klingeln oder besser noch: Schaltet das verdammte Klingelphon für eine Dreiviertelstunde aus. Und vor allem: Während ihr den Film anschaut, macht nichts anderes.

 

 

Und? Ging's?

Falls ja... Gratulation! Ich habe es nicht geschafft, ich bin beschämt. Ich habe mir den Film bereits x-mal angeschaut und immer war was, das mich den Film unterbrechen ließ. Nicht beim ersten Mal, klar, 1975, als ich den Film original während des laufenden Programms angeschaut habe. Damals hatte ich noch keinen Videorecorder, damals mußte ich den Film noch am Stück anschauen. Eine Dreiviertelstunde fokussiert sein auf eine Sache, damals war das selbstverständlich, zum Lebensgefühl passend, von der Technik erzwungen.

Von früher Jugend an hatte ich davon geträumt, Filme handhaben zu können wie Bücher, unabhängig vom Spielplan der Kinos und dem aktuellen Fernsehprogramm. Eines Tages, so dachte ich, werden sich die Menschen in der fer­nen Zukunft einen Film aus dem Regal holen können, wann immer sie grad Zeit und Lust haben und sie werden sich den Film anschauen, solange sie Zeit und Lust haben, und so oft sie das wollen. Ende der siebziger Jahre wurden Videorecorder auch für Privatpersonen erschwinglich, mein Traum war lange vor der von mir erseufzten Zeit Wirklichkeit geworden.

Heute ist es für mich in dieser Hinsicht eher traurig. Heute ist es die Ausnahme, daß ich eine 45minütige Dokumentation, geschweige einen anderthalb Stunden langen Spielfilm am Stück anschaue. Und - das vor allem! - ich habe es mir angewöhnt, während des Anschauens ein weiteres Fenster offen zu halten, in welchem ich gleichzeitig das Computer-Kartenspiel Freecell spiele [1].

 

So ein Verhalten ist beunruhigend, es ist pathologisch, ich mache mir da keine Illusionen.

Ich bin in eine Zeit hineingewachsen, in der sensible Säusler anfingen, die Gefühlskälte der Bürgerlichen Gesellschaft zu kritisieren. Quirlige, vor Dynamik vibrierende Frauen redeten auf mich ein und langten mir, kaum daß wir uns eine halbe Stunde kannten, an den Rücken und meinten, Gott, sei ich verspannt, ich müßte unbedingt Entspannungsübungen machen. Meinen Einwand, für Entspannungsübungen sei ich viel zu träge und faul, nahmen sie nicht ernsthaft zur Kenntnis. Für sie waren Entspannung, Yoga und Meditation eine Art Leistungssport, sie strebten danach, Hochleistungsbuddhisten zu werden.

Und wenn ich dann irgendwann - das dauerte, ich bin ein geduldiger Mensch - grantig wurde und ihnen meinen Zorn wegen ihrer übergriffigen Antatscherei entgegenknurrte, war das offene Ausleben von Gefühlen plötzlich gar nicht mehr so positiv.

Inzwischen hätte ich Entspannungstraining wahrscheinlich bitter nötig. Je älter ich werde, desto wepsiger werde ich. Wenn man freundlich ist könnte man es auch "temperamentvoll" nennen, muß es aber nicht.

Was soll ich mir vormachen? Ich tu mir mittlerweile schwer, bei einer Sache zu bleiben. Das ist die berühmte Multitasking-Fähigkeit [2], ruft einer, der von nix was versteht. Ich sollte doch froh sein, daß ich in meinem Alter noch gedanklich so locker hin- und her-switchen könne. Ich bleibe eher skeptisch. Multi-Tasking-Künstler, gleich welchen Geschlechts, bekommen von allem, das sie gleichzeitig machen, nur einen Teil mit. Und "nur einen Teil mitbekommen" heißt in letzter Konsequenz fast immer: Nichts mitbekommen.

Aber ich schweife ab, dabei wollte ich noch ein bisserl über Passau reden.

Wenn man es genau nimmt - und man sollte es genau nehmen, wenn es sich um Wissenschaft handelt - dann mündet nicht die Donau in das Schwarze Meer. Sondern? Sondern der Inn.

Schau dir mal dieses Bild an: 

Da kommt am oberen Bildrand die immer noch junge Donau angeflossen und an der Ortsspitze von Passau gesellt sich der Inn dazu. Überdeutlich sieht man die Spuren, das hellere Lehmwasser des Inn drückt das dunkle Donauwasser regelrecht zur Seite. Hoppla, jetzt komm ich!

Welcher Narr ist damals und seinerzeit auf die Idee gekommen, den durch den Zusammenfluß entstandenen Fluß Donau zu nennen? Regensburg liegt an der Donau, klar, Wien und Budapest dagegen definitiv am Inn.

 

Und dann war da noch der Nebel. Als Schüler war ich mal auf einem Wochen­end-Seminar auf der Veste Oberhaus in Passau (auf dem Satellitenbild ganz oben, etwas links von der Bildmitte). Das Thema war die Sowjetunion, der Referent war Graf Dracula oder doch einer, der ausgesehen hat, als wäre er Graf Dracula. Es war im September/Oktober, die Nächte waren bereits ziemlich kalt, die Erderwärmung noch nicht erfunden und die Heizung hatten sie in der Jugendherberge nachts abgedreht. Ich hab gefroren wie ein Schneider oder wie zwei nackerte Schuhlehrer.

Endlich war die Nacht vorbei, der Sonntag war angebrochen. Ich ging hinaus, um einen Blick auf die tief unter mir liegende Stadt zu werfen. Die Sonne war bereits aufgegangen, es war wolkenlos, hell, aber Passau war weg. Wo Passau hätte sein müssen, war ein Nebelmeer. Schneeweißer Nebel im Sonnenschein zwar, aber eben doch Nebel. So muß sich Beowulf, der Held, gefühlt haben, damals in grauer Vorzeit, als unsere alt gewordene Welt noch jung und bunt war und erfüllt von Leben.

Ich atmete tief durch, genoß den Anblick. Heilige Schauer durchrieselten mich, als mit einem Male die Glocken zu läuten anfingen, ein Klang, der mahnend aus dem Nebel kam: "Jesus Christus ist unser Herr." Und dann erschien ein Kreuz. Nichts als ein aus dem Weißen Meer ragendes Kreuz, dazu das christkatholische Sonntagsläuten. Wäre ich nicht schon katholisch gewesen, ich hätte mich unverzüglich taufen lassen. Und dann eine Zwiebel unter dem Kreuz und noch ein Kreuz und noch eine Zwiebel, und immer noch die Sonntagsglocken.

Zwei Monate später ritt ich mit meinem Heer in Jerusalem ein, nachdem ich zuvor die heidnischen Muselmanen niedergemetzelt hatte. Nie war Religion schöner.



[1]   Im übrigen das einzige Computerspiel, das ich spiele.

[2]   Die man Frauen gerne nachsagt.

2.3.20

Lovely Rita

Letztes Wochenende (oder wann) habe ich mir in der Mediathek den Agatha-Christie-Film "Das Geheimnis von Sit­ta­ford" angeschaut Darin taucht eine ältere Dame auf, ein bisserl spinnert, auf die englische Art, denn sie glaubt an Geister. Oops, denke ich bei mir, die Frau kennst du doch. Aber woher? Es wollte mir nicht einfallen. Dann machte es - nach wenigen Sekunden schon - "tush", gefolgt von "Rita" und mir war alles klar. Ich schaute im Verzeichnis der Darsteller nach, es war tatsächlich Rita Tushingham.
Dazu muß man wissen, daß Rita Tushingham in den sechziger Jah­ren sehr be­kannt war, mit Filmen wie Bitterer Honig (1961, Regie: Tony Richardson), Der gewisse Kniff (1964, Regie: Richard Lester), Doktor Schiwago (1965, Regie: David Lean) und Wie ein Schrei im Wind (1966, Regie: Sidney Hayers).
Gewiß, Lovely Rita war schon damals keine sonderlich strahlende Schönheit, aber ich war hingerissen von ihr, mein Geschmack in puncto Frauen war immer schon ein bisserl merkwürdig. Ich muß allerdings und überdies anmerken, daß ich - bis heute - keinen einzigen der Filme von Rita Tushingham gesehen habe, abgesehen vom oben erwähnten Agatha-Christie-Krimi. So gesehen war ich über meine Gedächtnisleistung schon sehr erstaunt.
Andererseits - schon klar - wenn du veralz­heimerst oder anderweitig dement wirst bleiben die Erinnerungen an früher und noch viel früher ganz lange frisch und exakt, während du schon längst vergessen hast, ob du heute gefrühstückt hast, geschweige was.


7.7.19

Der Macher von Verzweiflungs-Klamotten

 Rainer Werner Fassbinder

Es gibt Leute, die in ihrem Sozialleben behindert sind, weil sie unter stetig rieselnden Schuppen leiden. Andere wiederum werden durch unstillbare Achselnässe zum gemiedenen Außenseiter. Mir macht in dieser Hinsicht der Fassbinder zu schaffen, der Fassbinder. Na nun, nicht er selber natürlich; noch nicht mal seine Filme sind es - eigentlich -, die mich belasten (Simples Nicht-Ansehen wäre hier die Therapie der Wahl).
Meine Haltung zu diesen Filmen ist es, die einen tiefenbreiten Graben aufwirft zwischen mir und gar zu vielen anderen. Da kann ich fragen, wen ich will, da kann ich lesen, was ich mag: die Leute lieben des Fassbinders Filme. Punkt. Da wird dies kritisiert und jenes bemängelt, das zwar; unterm Strich aber mögen sie seine Filme, sind "begeistert", "betroffen", "aufgewühlt" und "angeregt"; und wenn all dies nicht, so wenigstens "provoziert" - produktiv, versteht sich. Provokation ist das mindestes, was man von einem Genie jedwelcher Art billigerweise erwarten darf. Verlegen mit den Füßen im Sand scharrend steh' ich da und werfe ein, daß dieser geniale Rainer Werner Fassbinder mich langweilt, sehr langweilt und nichts als langweilt, so wahr mir Gott helfe. Noch nicht mal ärgern tut er mich, so wie ein Zombie-Blutwurst-Film mich zu ärgern vermag. Rainer Werner Fassbinder ist für mich der meistüberschätzte Blender der 70er.

Ein Kaffeehaus in Sirup

Es mag irgendwann 1969, vielleicht auch erst 1970 gewesen sein, als in der "Süddeutschen Zeitung" ein gewisses "antiteater" in der "Witwe Bolte" (hinter der Universität) ein Stück ankündigte: "Das Kaffeehaus nach einer Komödie von Carlo Goldoni, bearbeitet und inszeniert von R. W. Fassbinder". "antiteater" klang schwer experimentell und avantgardistisch, "Komödie" ließ hoffen, es werde nicht gar zu unerträglich genialisch werden. Ging also hin, bestellte ein Bier und harrte der versprochenen Kunst, die da - ohne Bühne - auf einer Fläche mitten im Lokal abrollen sollte.
"Rollen", das wurde bald klar, war nicht das richtige Wort. "Rollen" nämlich ist dynamisch, wo etwas "rollt", da scheibt sich was; in der "Witwe Bolte" aber scheibte (schob?) sich nichts an diesem Theater-/resp. antiteater-Abend. Die Damen und Herren Schauspieler quälten sich durch eine Art Sirup-Atmosphäre mit langsamen, mühvollen Bewegungen; immer in Gefahr, irgendwann in der Bewegung vollends zur Skulptur zu veröden. Oder auch leblos zusammenzusinken. Wenn aber einer der Akteure an diesem Abend verschieden wäre, er wäre - ich schwör' es - er wäre mit einem Drittel, wenn nicht einem Viertel jener Schleune zu Boden gesunken, die ansonsten die Schwerkraft für uns gewöhnliche Menschen zwingend vorschreibt. Und seine letzten Worte hätte er gedehnt/getragen, langsam und ohne jegliche Betonung abgesondert. Der kühlste und nördlichste Hirnling noch legt in den Aussagesatz: "Und wenn Sie dann links abbiegen, sehen Sie den Hauptbahnhof schon vor sich" mehr Leidenschaft als Fassbinders Akteure in ihren dramatischen Bühnentext.
Während der ersten halben Stunde dieser denkwürdigen Aufführung rieb ich mir in vergnügter Vorfreude die Hände. Zwar hatte ich schon mal gehört von der dumpfen Bräsigkeit der Avantgarde - das aber, so schien es mir in kindlichem Glauben, konnte nur Satire sein. Eine kurze Zeit lang würde man das grausame, öde Spiel noch treiben. Dann aber... hihihi...

Die Publikumsbeschimpfung findet nicht statt

Dann aber würde der Obermotz dieser - vorgeblichen - Lasch-Truppe mit herrisch-dramatischer Geste - vielleicht auch ganz nonchalant und nebenbei - jener absurden Situation ein Ende bereiten, daß ein Häufchen - vorgeblicher - Dilettanten den absoluten Schotter aufführt und eine Menge Leute sich eben diesen Schotter anguckt, ohne Jammern und Murren. Die Truppe würde dann mitten im Saal sich aufbauen und das höflich-geduldige Publikum gnadenlos schelten ob dieser spießigen Geduld, dieser Stadttheater-Höflichkeit.
"Laßt ihr kleinbürgerlichen Ärsche..." - (kleinbürgerlich war in diesen Zeiten ein beliebtes Schimpfwort) - "Laßt ihr kleinbürgerlichen Ärsche euch eigentlich jeden Mist widerstandslos in's Bier kippen?"
Genauso würde man es in den Saal brüllen und es würde eine Diskussion sich entzünden und nach der Diskussion würde dann richtiges, spannendes, lebendiges Theater gespielt werden. Ein interessanter und kurzweiliger Abend würde das noch werden.
Ein Scheißdreck wurde das.

Es dachte niemand daran, das Stück abzubrechen. Das ging so weiter, das zog sich hin, ich-weiß-nicht-mehr-wie-lange. (Gerade die Langweilerkunst zeichnet sich oft durch Überlänge aus - Je Ödsack, desto dauert das.) "Stets mußte er ausprobieren, wie weit er gehen konnte, wieviel sich die Leute von ihm gefallen ließen", schrieb Peter Buchka in der SZ vom 9. 2. 82. Das würde eine Menge erklären; Peter Buchka bezog diesen Satz aber gar nicht auf Fassbinders Werk, sondern auf seine Art, mit Menschen umzugehen; besser: umzuspringen.
Der Meister selbst mußte damals - so las man's später - in diesem Grave-Gravissimo-Gewimmel durchaus und höchstselbst mitgetrant haben. Aufgefallen ist er mir nicht; kein Schwein - und ich am allerwenigsten - kannte ihn damals. Und nach dieser obermiesen Inszenierung - so dachte ich in der jugendlichen Einfalt meiner 20 Jahre - wird auch kein Schwanz mehr je nach diesem R. W. F. krähen [1].

Das zweite Stück, dieselbe Masche

Die Erfahrung, daß dies "Kaffeehaus" von Fassbinder ernstgemeint war vom Gebein her [2], hat mich seinerzeit tief verstört; so tief und nachhaltig, daß ich's nicht glauben mochte. Es wollte mir nicht in den Kopf, daß Leute meiner Generation - paar Jahre älter nur - all diesen gravitätisch verschmockten Verzweiflungstinnef produzieren konnten, ohne irgendwann selber lachen zu müssen drüber. Ich hatte die subtile Ironie nur noch nicht auf Anhab verstanden. Genau - so mußte es sein.
Es traf sich daher günstig, daß in einem der Münchner Filmkunstkinos ein Streifen eben jenes R. W. F. und seines antiteater-kollektivs lief: "Götter der Pest". Ein - wie es in Nachrufen später heißen wird - "Gangsterfilm in der Tradition Hollywoods".
Hl. Bogart! St. Cagney, hilf!!
Ein Film in endlos langen Einstellungen, in denen nichts passiert. Irgendwelche abgefuckten Typen hängen in einer Wohngemeinschaftsküche rum, brutzeln sich was. Um nichts zu verfälschen - das echte Leben, das wahre Leben - wird dem Zuschauer das Bereiten des Mahles ungekürzt dokumentiert. Bloß gut, daß irgendwann einer dieser Leute auf die Idee kommt, eine Platte von Karl Valentin aufzulegen. Sie wird in - Sie ahnen's mittlerweile schon - voller Länge gespielt. Der kurzweiligste Abschnitt des ganzen Films: Augen zu und der Platte gelauscht. Die Störung durch Dialogfetzen ist gottlob minimal.
Irgendwann ist Gelatsche auf einem Feldweg angesagt. Langes Gelatsche. In einer Einstellung. Öde Dialoge. Offensichtlich so, wie's den Schauspielern im Moment der Aufnahme gerade eingefallen ist. Orthodox spontan.
Eine - vom ökonomischen Standpunkt - geniale Art, Filme zu drehen. Kamera aufstellen, laufen lassen und die Schauspieler irgendwie machen und reden zu lassen. Eine erfolgreiche Masche auch: die Filmkritik kann jemand, der 11 Filme in zwei Jahren dreht und in die Kinos bringt, nicht ignorieren. Das dezente Prinzip der Penetranz.

Der Held ist tot - gottlob! - der Film ist aus

Ach so, ja: die "Götter der Pest". Irgendwann zum Schluß zu passiert dann noch ein Überfall auf einen Supermarkt. Sie vermuten richtig: auch bei der Gelegenheit artet des Meisters Genie nicht in Action aus. Einer oder mehrere der Helden gehen bei der Gelegenheit des Überfalls drauf. Der Zuschauer registriert dies mit Behagen, so wie er den Untergang von Fassbinders Helden stets mit Genugtuung verfolgt, da ihr Scheitern das Ende des Filmes erwarten und erhoffen läßt. Herr R. hängt nach seinem Amoklauf endlich am Fensterkreuz - sieht richtig putzig aus, der dicke Kurt Raab -, das Gequarke hat ein Ende. Der Händler der vier Jahreszeiten hat sich - es wurde Zeit - totgesoffen. Obwohl gerade er mir ein bißchen leid getan hat, hatte er doch das Verdienst, die unsägliche Triefnase Irm Hermann bei Gelegenheit eines Ehestreites ganz ordentlich vermöbelt zu haben. Dank ihm.
Das hört sich alles ein bißchen zynisch und reichlich menschenverachtend an und ist es doch nicht. Das kommt daher, daß von Fassbinder-Helden die Rede ist, nicht von Menschen, was einen Unterschied macht.
Die Personen bei Fassbinder gewinnen im Laufe eines Filmes nicht an Kontur, sie und ihr Schicksal bleiben mir wurscht bis zum Ende. Das liegt daran, daß Fassbinders Schauspieler nicht "spielen". Sie plappern gelassen den Text, bewegen sich nur angedeutet. Erste Probe, grobe Skizze. Das Geschehen labbert vor sich hin, ohne rechtes Leben. Irgendwelche Anteilnahme am Geschehen will sich nicht einstellen.
"Verfremdungseffekt!" schreit da Einer, und: "Glotzt nicht so romantisch!"
"Seine Stücke kommen aus dem Kopf", murmelt ein Anderer.
Ich denke darüber nach und meine: "Nein."
Nein, für den Mangel an Gefühl werden wir nicht entschädigt durch "Stücke aus dem Kopf". Die Drehbücher, die - meist vermutlich improvisierten - Dialoge sind schludrig und skizzenhaft wie die Spielweise. Eine verheerende Kombination.
Sein - seien wir höflich - unterkühlter Inszenierungsstil bräuchte einen brillanten, ausgefeilten Text und seine grob skizzierten, schlampigen Drehbücher - die er angeblich häufig "bei lauter Musik in Cafés und Bars" schreibt (stern, 16. 9. 1982) - ließen sich allenfalls ertragen, wenn exzellente Schauspieler die Schwächen "zuspielten", notfalls auch "überschmierten".

Von den Wonnen der Verzweiflung

In ihrem - im übrigen hymnischen - Nachruf auf R. W. F. schreibt Ponkie in der AZ vom 11. 6. 1982: "Er dachte oft, wie er redete: Schlampig und provozierend banal - und so filmte er dann auch."
Daß er sich das leisten konnte, über viele Filme hindurch, verdankt er, so argwöhne ich, seiner strengen Askese, was Komödien anlangt. Hätte er Komödien gemacht, er wäre mit seiner "provozierend banalen" Masche längst auf den Bauch geknallt. Zu unbarmherzig entlarvt sich in der Komödie jede unpräzis gesetzte Pointe, jeder Schnitzer in der Konstruktion.
"Wir neigen dazu, Verzweiflung ernster zu nehmen als das, was man 'entfesselte Humorigkeit' nennt: billiger Humor ist rasch entlarvt, auf billige Verzweiflung fallen wir leichter herein." (Heinrich Böll, dtv-sonderreihe 11, S. 120). Klaus Lemke, der Ulk-Fassbinder, hat diesen feinen Unterschied nicht hinreichend beachtet: Zwei, drei nette Lustspiele wurden ihm gelobt, dann war seine Masche verbraucht und vom "kritischen Publikum" durchschaut. Niemand, der auf sich hält, vermag die immergleiche Cleo Kretschmer in immergleichen Szenen sehen, während die unvermeidliche Hanna Schygulla immer noch auf die altbewährte Weise scheitern & zerbrechen darf. Schaluchz!
Der Ordnung und der Fairneß halber: Was immer Fassbinder nach 1971 (!) gemacht hat, kann ich nicht beurteilen. Ich habe es nicht mehr zur Kenntnis genommen. Mag sein, daß er in späteren Jahren, als er längst berühmt war, das Handwerk gelernt und ordentliche Filme gemacht hat. Was in den vielen, lobenden bis überschwenglichen Kritiken über sein Werk zu lesen stand, läßt aber nicht viel Gutes ahnen.
- Das Kaffeehaus 1969
- Katzelmacher 1969
- Götter der Pest 1969
- Rio das Mortes 1969
- Der Händler der vier  Jahreszeiten 1971 (angeblich "ein frühes Meisterwerk" (Ponkie, AZ)
Fünfmal Fassbinder gesucht und fünfmal Mist gefunden. Wer wäre so grausam, mir auch noch den sechsten Fassbinder-Film zuzumuten?

_______________________________
1]   "Schwänze krähen nimmermehr" - ein Satz von Theo-Sommer'scher Größe. Und ein passender Titel für einen Roman mit Action, Triefsinn und paar kleinen - geschmackvollen! - Pornoeinlagen. Man sollte sich den Titel schützen lassen. Sollte man.
[2]   Übersetzung. "Vom Boa raus" heißt es in der Originalfassung.

18.4.17

Make Tomania great again!

Am 17. April, war der Geburtstag von Charles Spencer Chaplin. Bei Gelegenheit dieses Ehrentages sei angemerkt, daß "Der große Diktator" 1940 Uraufführung hatte. Der Film war zunächst alles andere als ein Erfolg, denn auf Druck der amerikanischen Regierung konnte der Film nicht in den großen Kinos der USA, geschweige von New York gezeigt werden.
Weil?
Weil 1940 die US-Regierung auf gute Beziehungen zu Nazi-Deutschland bedacht war. In der Sowjetunion war zu dieser Zeit Kritik an Hitler-Deutschland sogar lebensgefährlich. Im Juni 1941 überfiel Nazi-Deutschland die Sowjetunion, plötzlich war Hitler in sowjetischen Augen ein Monster. In den USA dagegen war Hitler immer noch gut angesehen. Im Dezember 1941 überfielen die Japaner Pearl Harbor, damit waren die USA im Krieg mit Japan und damit auch mit Deutschland.
Make Tomania great again, wie schon gesagt.

26.1.14

Die SoKo 5113 und die Literatur

Theater light


Im Februar 2010 lief im Fernseh eine weitere Folge von "Soko 5113", der Titel war "Unter der Eiche".

Mord auf dem Land. Ein Großbauer wird unter einer alten Eiche erschlagen aufgefunden. Die Dorfbewohner verhalten sich gegenüber der ermittelnden Polizei sehr reserviert, gelegentlich läuft eine ältere, distinguierte Dame durchs Bild und erzählt, sie sei aus Sylt und verbringe hier ihren Urlaub.

Der Ermordete erweist sich als der Herr des Dorfes, die meisten dort sind bei ihm hoch verschuldet, er hat einen Beratervertrag für eine Entsorgungsfirma, die dort illegal Giftmüll abkippt, geplant ist ein Riesenprojekt für ein Feriendorf auf dem Gelände der Gemeinde.

Was soll ich erzählen? Am Schluß jedenfalls stellt sich heraus, daß die alte Dame aus Sylt aus dem Dorf stammt, daß sie vor 40 Jahren von dem ermordeten Großbauern vergewaltigt und anschließend aus dem Ort weggegrault wurde, weil sie die Dörfler ständig an ihre eigene feige Haltung gegenüber dem Großbauern erinnert hat. Das ganze Dorf hat damals von der Vergewaltigung gewußt, aber keiner wollte etwas wissen. Die Dame hat reich geheiratet, ist nun Witwe, sie erweist sich als Besitzerin sowohl der Entsorgungsfirma als auch der Holding, welche den Ferienpark errichten will.

Sie hat den Leuten aus dem Dorf mitgeteilt, sie bekämen das Projekt nur, wenn sie dafür den Großbauern erschlügen, es sei ihr egal, wer das mache, irgendeiner halt.
Das ganze letzte Drittel des Films über, als sich die Lösung allmählich abzeichnete, habe ich drauf gewartet, daß einer der Kriminaler zum anderen sagt, daß ihm die Geschichte bekannt vorkäme. Nichts. Da krallt sich ein Drehbuchautor den Plot von Dürrenmatts "Besuch der Alten Dame", weiß Gott kein unbekanntes Stück, und glaubt, er käme damit durch.

Nun haben sie wieder zugeschlagen, in der Folge "Bis daß der Tod euch scheidet" vom Mai 2013. Die eigentliche Krimihandlung - ein Student wird erschlagen aufgefunden - spielt nur eine Nebenrolle. Der Doktorvater des Studenten wird in seiner Wohnung befragt, seine Ehefrau ist anwesend. Das alternde Ehepaar liefert sich, reichlich Whisky nachschüttend, vor den beiden Kommissaren, einem jungem Mann und einer jungen Frau, eine Zimmerschlacht zwischen Haß und Liebe. Mehr und mehr steigern sich die Eheleute, reichlich Whisky nachschüttend, darin, sich wechselseitig vorzuführen, lächerlich zu machen und zu demütigen. Dieses Ehedrama (das für die Krimihandlung relativ nebensächlich ist, das Geständnis des Ehemannes erweist sich als falsch) nimmt den weitaus größten Teil des Films ein.

Herrgottsnein, denke ich beim Zuschauen, die Szenen kennst du doch, was war das nur. Dann fällt, zum wiederholten Male, der Name der Frau: Martha. Ich schlage in der Personenliste nach und tatsächlich: der Mann heißt Georg. Ah, jetzt wußte ich es.

Hat's klick gemacht? Wer erst mal selber in Ruhe rätseln will, soll dies tun. Wer nicht auf die Lösung kommt, darf sie hinter diesem Link aufdecken.

22.11.12

Immer diese rumänischen Polen

Eben grad im Fernsee (Internet: Sendung verpaßt) folgenden Dialog gehört [1]:
A: Warum verdächtigen Sie diesen Mann?
B: Na ja, vor 10 Jahren waren es auch die Rumänen. Wahrscheinlich.
A: Aber dieser Mann ist Pole.

Schöner kann man die Denke von Sarrazin gar nicht zusammenfassen, ohne dabei an Sarrazin auch nur zu denken.


[1]   "Mord mit Aussicht - Ein krummer Hund" (Ich habe den Dialog gerafft zitiert)

21.7.12

A Rumba de Scugnizz

Erotik - Weil weniger oft mehr ist

Der Lindinger Opa hat mal gsagt: "Kunst is, wennst moanst, des kunst du aa." Damit hat der Lindinger Opa treffend und sehr konkret den Begriff der dissimulatio artis erklärt: Große Kunst, die so leicht rüberkommt, als sei sie locker aus dem Ärmel geschüttelt, als brauche es dafür keine sonderliche Kunstfertigkeit.
Wieviel Talent, wieviel allgemeine Ausbildung steckt in diesem Tanz, wieviel Mühe und Schweiß müssen die Proben für diesen speziellen Tanz im Spielwarenladen gekostet haben. Und dann sieht es für dich so aus, als sei Fred Astaire eben mal schnell ins Studio gekommen, habe ein Tänzchen mit einigen Trommeln gewagt und sei dann, freundlich winkend, wieder heimgegangen. Ein kleiner Spaß für ihn, zwischendurch. All der vergossene Schweiß ist nicht zu riechen. Perfektes Handwerk, ganz große Kunst.

Auf Fred Astaire und den Lindinger Opa komm ich, weil ich Massimo Ranieri auf YouTube gesehen habe.
 (Obacht! Die Show ist noch nicht zu Ende, wenn sich alle verbeugen.)
 "A Rumba de Scugnizz", was für eine perfekte Bühnenshow. Hier stimmt alles, vom ersten "Hou!" weg, über die Musik bis in den kleinsten Fußschlenker der steppenden Tänzerinnen. Und es wirkt, als würden die zwei Jungs und die Mädels auf einem privaten Fest nur ein bisserl übermütig rumhüpfen, keine Anstrengung ist zu merken, dabei ist alles von höchster Präzision. Das vibriert vor Temperament, Lebenslust - und Erotik, klar.
Jetzt, wo ich das sage, frage ich mich natürlich. Ich frage mich, warum die Mädels so erotisch auf mich wirken, obwohl sie eigentlich gar nicht viel dazu tun. Sie wackeln nicht lasziv mit Arsch und Unterleib, sie verbiegen sich nicht aufreizend. Sie führen im Grunde einen Schreittanz auf, der in seiner stiefelklappernden Mechanik fast militärisch wirken könnte, wäre er nicht gar so... äh, unmilitärisch.
Nach heutigen Kriterien sind die Tänzerinnen durchaus sittsam bekleidet, die Röcke sind knöchellang und wegen eines Dekolletés regt sich schon seit dem Rokoko keiner mehr auf. Ja, gut, ich bin nicht blind, mir ist aufgefallen, daß die Röcke geschlitzt sind und daß die Mädels ihre Röcke gelegentlich so kunstvoll wirbeln, daß man ihre Beine und ihr Hoserl sehen kann. Aber dergleichen hat schon vor 30 Jahren das NDR-Fernsehballett geboten. Von Jacques Offenbachs Can Can (inzwischen schon über 100 Jahre alt) will ich gar nicht erst reden.
Das Gegenstück zur obigen Frage ist: Wieso wirken nackte, bzw. fast nackte tanzende Frauen oft so enttäuschend unerotisch?

Die Tutti-Frutti-Mädels sehen aus wie erwachsene Frauen, bewegen sich aber wie kleine Mädchen aus dem Kindergarten oder der Grundschule bei der Balletteinlage der Märchenaufführung. Die bunten Schleiferl am Po lassen an Kinderfasching denken, da nützt das Aufreißen des Bluserls auch nichts mehr. Das gibt sich als Champagner aus und ist doch günstigstenfalls Mineralwasser medium. So nackt können bei diesem Micky-Maus-Gehopse die Tänzerinnen gar nicht sein, daß das erotisch wirken könnte.

Ach, übrigens: Kann mir einer sagen, woher ich die Geigerin im Video von Massimo Ranieri kenne?

1.2.12

Lebt Loriot noch?

Heute wollte ich in der ARD-Mediathek ein bißchen in die gestrige Diskussion bei Sandra Maischberger über - wieder mal - Wulff reinhören. Um es kurz zu machen: Es wurde nichts draus, ich bin bereits bei der Vorstellung der Diskussions-Teilnehmer hängengeblieben und schreibe jetzt diesen Beitrag, statt mir die Sendung reinzupfeifen.
Die drei Mädels in der Runde - Lilo Fischer, Lea Rosh und die Maischberger herself - waren optisch soweit unauffällig, sieht man mal von den doch sehr tubenroten Haaren von Frau Fischer ab. Aber die drei Herren im Studio...

Da war zum einen Dieter Wedel, der Regisseur. Mit wirrem Haar, unrasiert und verkatert dreinblickend sah er aus, als hätte man ihn eben grade aus der Mülltonne gezogen und ins Studio getragen. Ich bin nun selber keiner, der auf tadelloses Aussehen sonderlichen Wert legt, ich erwarte das auch nicht von anderen. Morgens, oft auch zu anderen Tageszeiten, sehe ich in etwa so aus wie Dieter Wedel. Aber, wahrlich, wahrlich ich sage euch: Wenn ich eines Tages aus wirren Träumen erwachte, mich in einem Fernsehstudio wiederfände und mich selbst auf dem Monitor sähe, so würde ich als erstes, ganz spontan, in mein Haupthaar langen und es glätten. Daß es zum Rasieren zu spät ist, würde ich seufzend akzeptieren.


Als nächster kam Prof. Arnulf Baring, der Historiker, ins Bild. Er, der sonst in Diskussionen wirkt, als habe er eine Überdosis Speed eingeworfen, saß da, die Augen geschlossen, ab und an mit dem Kopf nickend, wie ein mit sich und der Welt zufriedener Narr. Einen Moment lang hatte ich den Eindruck, er würde noch während der Sendung, wahrscheinlich in den nächsten Minuten, sanft und für immer entschlummern.
Damit hätte es nun des Grotesken genug sein können. Manchmal aber ist das Echte & Wahre Leben unersättlich.


Als nächster nämlich wurde der SPD-Abgeordnete Karl Lauterbach vorgestellt. Stocksteif saß er da, mit aufgerissenen Augen, die einige Sekunden lang nicht einmal blinzelten. Nur der Kopf wackelte leicht; vor - zurück - vor - zurück. Dazu die Fliege, das sichere Zeichen, daß wir im Reich von Satire und Humor sind (1).
Diese Sendung ist nicht echt! Sie kann nie & nimmer echt sein, dachte ich, wider jede Evidenz. Das ist lupenreiner Loriot, so grotesk ist die Wirklichkeit nicht, nicht in dieser dichten Aufeinanderfolge.
Dabei sollte ich es wirklich besser wissen, inzwischen.

___________
1 Ich schwöre, daß ich die Screenshots nicht heimtückisch ausgewählt habe, ich habe nicht jeweils das Standbild genommen, auf dem die drei Männer am skurrilsten ausgesehen haben, die saßen wirklich sekundenlang so da. Wer es nicht glaubt, kann sich hier die Sendung selber ansehen.


30.9.11

Love Story

Neulich habe ich einen Leitenden Angestellten eines großen Buchverlags mit angeschlossener Filmproduktion besucht. "He, Leitender Angestellter", sagte ich, "ich hab da eine wahnsinnig gute Idee für einen Roman oder ein Drehbuch."
"Aha", sagte der Leitende Angestellte, "erzählen Sie mal."

Einem lebensweisen Menschen ist klar, daß mein Besuch in diesem Verlag eine erfundene Geschichte sein muß. Kein Leiter oder auch nur Halbleiter eines Medienunternehmens wird einem Unbekannten, der vorgibt, eine gute Idee zu haben, zum Weitersprechen ermuntern. Jeder Angestellte eines Medienunternehmens träumt zwar davon, einmal im Leben ein neues Genie zu entdecken, aber niemand will das wirklich. Genie-Entdecken ist wie Goldsand-Sieben, die Mühe macht sich keiner mehr, der einen festen Arbeitsvertrag hat.

Wie auch immer: Ich trage also dem erfundenen Leitenden Angestellten meine Idee vor:
"Die Geschichte handelt von einer Nonne", sage ich und sehe, wie der Leitende Angestellte im Stuhl zusammensackt. "Diese Nonne verliebt sich in einen Arzt, wird seine Geliebte, verläßt das Kloster und heiratet ihn."
Der zusammengesackte Medienmann richtet sich in seinem Chefsessel auf und sieht mich an, wie man einen völlig Verrückten anschaut, von dem man nicht genau weiß, ob er eine Pistole bei sich trägt.
"Äh", sagt er in sanftem Ton, um mich nicht zu provozieren, die eventuell vorhandene Pistole zu ziehen, "diese Geschichte gibt es schon. 87mal als Roman und 218mal als Film."
"Ja, schon", antworte ich, "aber meine Geschichte handelt von einer 63jährigen Äbtissin und einem 72jährigen Arzt. Der Arzt ist seit kurzem verwitwet, sucht im Kloster Trost und Beistand und verliebt sich dabei..."
Der Leitende Angestellte hat inzwischen meine Kleidung mit den Augen abgetastet und ist jetzt sicher, daß ich keine Pistole bei mir habe.
"Hören Sie mal", sagt er, "Seniorengeschichten laufen inzwischen ja recht gut, auch über Seniorensex ließe ich mit mir reden. Aber Ihre Geschichte ist so was von an den Haaren herbeigezogen, so unrealistisch, so ein hanebüchener Scheißdreck, daß es nicht zu sagen ist."
Er atmet schwer, wahrscheinlich ist ihm grade eben der Gedanke gekommen, daß ich vielleicht einen winzigen Colt Derringer bei mir haben könnte.
"Ach, übrigens", fügt er hinzu und spielt mit einem langen, scharfgeschliffenen Brieföffner, "die Tür ist zwei Meter hinter ihnen."

In diesem Moment bedauere ich es aufs Höchste, meinen Colt Derringer nicht eingesteckt zu haben und verlasse das Büro.


7.4.11

Je Information desto nix verstehn

Ein Bild - heißt es - sagt mehr als tausend Worte, und so ist die Möglichkeit zur Bebilderung eine feine Sache, die das Fernsehen dem Radio voraus hat. Die Kehrseite dieser Möglichkeit ist der Zwang zur Bebilderung. Das Fernsehen kann nicht einfach Schwarzfilm zeigen [1] in jenen Fällen, da das einzig Interessante die Tonspur ist.

Dann aber berichtet ein Reporter über einen leckgeschlagenen Tanker, der eine ganze Küstenregion verseucht hat. Die Stimme aus dem Off erklärt dir, wie es zu dem Unfall kam und eigentlich willst du vor allem das wissen. Zum Text aber siehst du ölverschmierte Wasservögel, die sich mühsam in den nahen Tod dahinschleppen. Das fördert deine Konzentration auf den teilweise abstrakten Text nicht.

Noch schlimmer ist es, wenn dir der Korrespondent die unheimlich komplizierte politische und militärische Lage im Bürgerkrieg in Weithintistan erklärt. Die Erklärung ist notgedrungen äußerst knapp und gedrängt, denn mehr als ein bis drei Minuten hat er in der "Tagesschau" nicht zur Verfügung. Während er spricht und du eigentlich voll drauf konzentriert sein müßtest, siehst du gleichzeitig Leute, die um ihr Leben rennen, davon einige vergeblich.

Wenn schon Bilder unvermeidlich sind, dann solltest du eigentlich bloß den Korrespondenten sehen, der vor einem neutralen Hintergrund steht oder im Studio sitzt. Aber er hat, wie gesagt, nur ein bis drei Minuten, also muß er dir sein - interessantes, das zweifellos - Bildmaterial gleichzeitig zu seiner Analyse übermitteln. Und wenn du diesen Bericht in einem privaten Nachrichtensender siehst (was niemand, der noch einen Funken Verstand im Hirn hat, tun sollte), dann läuft unter dem konzentrationsstörenden Kontrast zwischen Bild und Ton noch ein Text über den Bildschirm, der sich mit einem völlig anderen Thema befaßt. Und, als wäre dies noch nicht genug, laufen unter dem Nachrichtentextband noch die Börsenkurse durchs Bild. Selbst wenn du es schaffst, nicht bewußt auf diese Laufbänder zu achten, so stört allein die aus den Augenwinkeln wahrgenommene Bewegung zusätzlich die Konzentration.

Wenn das nicht Wahnsinn ist, was dann?

Hier wird informiert und gleichzeitig die eigene Information sabotiert.


In historische Dokumentationen, die ich früher sehr gerne gesehen habe, haben sie inzwischen genau dieselbe Pest eingeschleppt wie in die Nachrichten. Vor einiger Zeit habe ich eine Sendung über die Schlacht von Waterloo gesehen (ich glaube, es war sogar ein öffentlich-rechtlicher Sender, denn Privatsender schaue ich seit geraumer Zeit so gut wie nicht mehr, nicht länger jedenfalls, als ein Furz dauert).

Während der Sprecher aus dem Off die historische Situation schildert und analysiert siehst du Bilder, die anscheinend aus einem Spielfilm stammen, darüber Musik. Du siehst Wellington am Spieltisch hocken, Napoleon wütend die Treppe hochlaufen und dann wieder - immer noch wütend - die Treppe runterlaufen, dann hebt ein Soldat das Gewehr und zielt genau in deine Richtung, dann wieder Schlachtengetümmel...
So wirst du unter dem Vorwand von Aufklärung blöd gemacht, kannst dich auf nichts mehr richtig konzentrieren und hast das meiste gleich nach dem Ausschalten schon wieder vergessen. Psychologische Untersuchungen bestätigen dies übrigens: Je mehr Information pro Zeiteinheit und über verschiedene Kanäle vermittelt wird, desto weniger bleibt hängen. Da lob ich mir den Rundfunk, da nehme ich mir eine Sendung zu einem Thema auf und höre sie mir dann beim Abspülen an oder bei sonst einer Tätigkeit, die mein Hirn frei läßt.


Dabei können Bilder, gezielt eingesetzt, so viel vermitteln. Dazu müßte man aber, während das Bild da ist, zwischenzeitlich auch mal das Maul halten oder das Bild so wählen, daß es genau zum Text paßt.

Sage keiner, das ginge nicht. Es gab mal im Bayerischen Rundfunk diese wunderbare Reihe "Topographie" von Dieter Wieland (sie wird auf BR alpha immer mal wieder wiederholt). Es geht dabei um Südtiroler Urwege, Stadtbaukunst im Mittelalter, erklärt anhand von Dinkelsbühl, die barocken Kanäle in und um München, die Burg von Burghausen... Informationen also, die ich brauche, um die Welt von früher und jene von heute und morgen zu verstehen. Das meine ich nicht sarkastisch, sondern durchaus ernst.

Dieter Wieland versteht was vom Thema, er macht nur Filme über Dinge, von denen er etwas versteht und wenn er es nicht versteht, macht er sich sorgfältig und gründlich kundig. Er spricht langsam (wenn auch nicht langweilig) und bedächtig, er gibt dir Zeit, während des Zuhörens über das Gehörte nachzudenken, ein ungeheurer Luxus und Komfort in diesen Zeiten. Die Bilder, die er über das Gesagte legt, passen genau zu dem, was er grad sagt, die Bilder sind ruhig, es gibt keine schnellen Schwenks oder Zooms, die Einstellungen sind lang, so daß du tatsächlich sehen kannst, was du siehst und nicht mit vorbeihuschenden Impressionen überschwemmt wirst. Wenn du den Film gesehen hast, bist du schlauer als zuvor, man stelle sich vor.

Der folgende Link zeigt einen Ausschnitt aus einem Film von Dieter Wieland, vielleicht nicht der charakteristischste, aber der einzige, den ich auf die Schnelle im Netz gefunden habe.




[1]        Warum eigentlich nicht?

Nicht Bärlauch sondern Bohrloch

Was Sie schon immer über Sex wissen wollten aber bisher nie zu fragen wagten. Heute "Sexuelle Duldungsstarre" " Die Duldu...