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12.7.23

Je Friseur desto Schwermut

Der Spruch "Post coitum omne animal triste" (Nach dem Ficken ist Mensch wie Tier schlecht drauf) wird gerne gesprochen, wenn Ackerdemiker bei einer Foyerzangenbowle am bullernden Kamin beisammen sitzen und mit jedem Schluck besoffener werden. Der Spruch wird Aristoteles zugeschrieben, wahlweise auch dem antiken Arzt Galen, Cicero, Ovid oder auch Augustinus. Nachzuweisen ist der Spruch allerdings erst für das 16. Jahrhundert und inhaltlich ist der Satz sowieso ein Scheisendreck. Was stimmt - zumindest für mich - ist dagegen der Spruch "Post tonsorem omne animal triste" (Nach dem Friseurbesuch ist der Mensch von Schwermut erfüllt).

Du sagst der Friseuse, wie du die Haare gerne hättest und sie schneidet dir die Haare nach eigenem Gutdünken. Und zwar so, daß deine Mutter erst, später deine Frau und noch später deine Typberaterin meint "Jetzt schaust wieder wie ein anständiger Mensch aus."

Martin Luther seligen Angedenkens bekam auf dem Reichstag zu Worms 1521 ordentlich die Haar gewaschen und geschnitten und er hat sich danach dermaßen geschämt, daß er ein Jahr lang nicht mehr unter Leute ging. Er versteckte sich auf der Wartburg und übersetzte dort aus Langeweile das Neue Testament in's Deutsche. Noch heute endet die Bibel mit der Apokalypse und diese wiederum mit den Worten: Vom Barbier kömmt die Schwermut, von der Schwermut der Wermut und vom Wermut die Trunksucht.

4.6.23

Ich lispele, also bin ich wer

Aufgefallen ist mir das Phänomen des Kulturlispelns zuerst bei Marcel Reich-Ranicki, was nicht verwunderlich ist, denn sein Lispeln war doch sehr ausgeprägt. Ich bin diesem Lispeln nicht weiter nachgegangen, jedenfalls nicht bewußt, weil's nun wirklich wurscht ist, ob einer lispelt oder nicht. Aber - Sie werden diesen Effekt wahrscheinlich kennen - wenn Ihre Aufmerksamkeit mal auf einen zuvor völligen ausgeblendeten Umstand gelenkt worden ist, dann taucht dieser vordem von dir ignorierte Umstand plötzlich an jeder Straßenbiegung auf.

Der lispelt und jener auch sagte ich mir von da an oft und öfter. Jedes Mal wenn ich das Radio einschalte oder einen Podcastbeitrag anhöre, höre ich einen oder gar alle in diesem Beitrag lispeln. Das Lispeln ist meist nicht sonderlich ausgeprägt aber doch hörbar vorhanden. Wenn du dich von einem Phänomen in interesselosem Wohlgefallen anmuten läßt, wirst du relativ bald eine Regelhaftigkeit erkennen. Und siehe, die Regel lautet: Es sind die Kulturschmocks die lispeln, Kulturproduzenten wie Kulturkritiker. Weil? Weil dieses Lispeln das Gesprochene mit einem Hauch von Sensibilität und Hoher Bildung überzieht.

Ich mache die Gegenprobe und höre mich in der echtem und wahren Wirklichkeit um. Was soll ich euch sagen: Ich habe noch nie - mals einen Klempner oder Gärtner oder Zugschaffner lispeln hören! Ich meine jetzt nicht das Lispeln wegen eines massiven Gaumen- oder Zahnfehlstandes oder einer zu kurzen oder zu langen Zunge, sondern dieses flockigzarte Lispeln, das auf mich noch stets wirkt wie der weggestreckte kleine Finger, wenn ein wahrlich vornehmer Mensch eine Kaffee- oder Teetasse zum Munde führt.

Lispeln als intellektuelles Statussymbol! Daß mir das nicht schon früher aufgefallen ist...

7.8.22

Von der Kunst der Faulheit

Vom folgenden Spruch weiß ich nur, daß er nicht von mir ist. Obwohl...

Heut tu ich mal nichts. Ich tu zwar sonst auch nichts, aber heute nehm ich mir auch nichts vor.

Gourmet-Schmäh

Es gibt keine schlechten Menschen, sagte der Bär, wenn sie nur richtig zubereitet sind.

25.4.22

Das Sterben der Piraten in Würde

Wahrscheinlich hat sich noch kaum jemand auf dieser Welt je Gedanken gemacht, wie es wäre, wenn die Piraten der Karibik (Johnny Depp, eh schon wissen) nicht wirklich, sondern ganz bedeutungsschwanger im Konjunktiv gestorben wären.

Wenn die Piraten sterben, oho!

Meere von Blut sich färben, oho!

Und jetzt im Konjunktiv:

Wenn die Piraten stürben, oho!

Meere von Blut sich fürben, oho!

Das sind die Tücken des Konjunktivs.

Apropos Konjunktiv: Jahrzehntelang habe ich in meiner kindlichen Einfalt gedacht, Konjunktivitis sei der zwanghafte Impuls, alles, was man sagen wolle, im Konjunktiv zu sagen. Ein gesunder Mensch würde sagen Ich meine, der an Konjunktivitis Erkrankte sagte hingegen Ich würde meinen. Beim Zwangsneurotiker im Endstadium heißt es dann Ich würden meinen wollen. Im Bairischen gibt's allerdings auch den Höflichkeitskonjunktiv: I hätt gern a Bier gehabt, heißt nicht, man habe früher mal unter bestimmten Voraussetzungen den Wunsch nach einem Bier gehabt, dieser Wunsch sei inzwischen verflogen und sie, die Kellnerin (m/w/d) müsse sich nicht um Bier bemühen. Den Höflichkeitskonjunktiv gibt's anscheinend auch im Sächsischen. In einem Leipzig-Tatort steigt Kommissar Ehrlicher in einem Stadel die Stufen zum Obergeschoß hinauf, wo ein Paar eben Anstalten macht, sich zu begatten. Dabei spricht er die Sätze "Oh, Entschuldigung, Hauptkommissar Ehrlicher. Ich hätte gern ein paar Fragen gehabt." Höflicher kann ein Bulle nicht mit dir umgehen.

23.4.22

Baerbock und die Neger

Der Schamane wußte es noch, wir haben es wiederentdeckt: Das Aussprechen eines Wortes bringt Unglück.

30.1.22

Orthodoxe Paradoxie

Der Spruch "Orthodoxie ist der Glaube an Rechte Winkel" ist als Witz ein bisserl lahm. Der andere Spruch "Paradoxie ist der Glaube an Fallschirme" scheint mir dagegen um einiges lustiger zu sein.

Im Grunde ist es allerdings todtraurig [1]. Während so viele Besorgte Bürger hier das Christliche Abendland gegen die Anstürme österreicherschlitzender Moslems und des Corona-Virus (in welcher Variante immer) verteidigen, mach ich hier schale Scherze.

 


[1]   Todtraurig ist auch so ein Wort. Wenn es stimmt, daß unser Leben in diesem Jammertal nur dazu da ist, uns die Eintrittskarte in's Ewige Paradies zu erseufzen, dann müßte auf Beerdigungen eigentlich gelacht und getanzt bei Geburten dagegen geweint werden

26.8.21

Das Allerletzte

I love deadlines, I love the whooshing sound they make as they fly by.

(Oscar Wilde, wahlweise auch Douglas Adams)

 

Gäbe es die letzte Minute nicht, so würde niemals etwas fertig werden.

(Mark Twain)

2.11.20

Letzte Worte

Als ich noch der Waldbauernbub war, wollte ich eine zeitlang den Moment des Einschlafens bewußt erleben. Ich hab's damals fast geschafft, aber Sekundenbruchteile vor dem Einschlafen bin ich eingeschlafen.

Den Trick mit dem Einschlafen bei vollem Bewußtsein habe ich immer noch nicht raus. Derzeit grübele ich über die für mich passenden Letzten Worte nach, also wie - zum Beispiel - "Mehr Licht!" vom Altmeister Goethe. Führende Goethologen meinen allerdings, der aus Frankfurt/Main stammende Meister habe "Mer licht hier so unbequem" gesagt, sei aber wegen des sterbensbedingten Nuschelns und seines hessischen Dialektes von den anwesenden Thüringern mißverstanden worden.

In den dunklen Momenten rabenschwärzester Depression fürchte ich, es werde im Augenblick meines Hinscheidens - wenn das Leben sekundenkurz an mir vorüberrollt, ehe es verlischt - eh kein Schwanz (oder Eckermann oder wer) da sein, meine Letzten Worte zu protokollieren.

Eine "Fisch und Fleisch"-Userin (m/w/d), dessen Name hier nicht genannt werden soll, wandte ein: "Mal ehrlich, was nützen dir die schönsten eigenen letzten Worte, wenn du nachher tot bist?"

Da hat sie natürlich recht. Anschließendes Totsein ist gewiß der Nachteil bei der Geschichte mit den Letzten Worten, obwohl es Leute gibt, die behaupten, es werde Zeiten gegeben haben, in denen die Lebenden die Toten beneidet haben würden. Wie auch immer: Wenn ich Letzte Worte flüsterte und dann doch nicht stürbe, würde ich disqualifiziert und man würde noch eine Ewigkeit lang über mich spotten.

Von Machiavelli ist folgende - höchstwahrscheinlich erfundene - Anekdote überliefert: Auf dem Sterbebett nimmt ihm der Priester die Beichte ab und meint dann, er solle jetzt den Teufel und all seine Werke verfluchen. Machiavelli soll angeblich den Kopf geschüttelt und gesagt haben: "Dies ist nicht der Moment, sich Feinde zu machen."

Im übrigen merke ich an: Letzte Worte werden nur dann von dir überliefert oder dich betreffend erfunden, wenn du ein Mindestmaß an Bekanntheit erreicht hast. Prominentsein ist für uns Menschen der einzige Weg, auf Dauer unsterblich zu werden. Prominent kannst du werden, wenn du dir zum Beispiel den Nobelpreis für Physik ergeierst, einfacher ist es hingegen, wenn du dir vor laufender Kamera irgendwelche Schwänze in Möse oder Mund oder wohin sonst stecken läßt.

10.8.20

Verzähl mir nix

In der Ausgabe 29/2020 des "FREITAG" vom 16. Julei findet man den Artikel "Reite den Tiger" von Irmtraud Gutschke über das Buch "Das chinesische Jahrhundert" von Wolfram Elsner. Darin les ich: "Es [1] ist eine Macht, die alles verbindet und vom Menschen nur eines verlangt: Respekt, Balance, Harmonie..."
Man mag mich für einen Pedanten halten [2], aber Respekt, Balance und Harmonie sind drei Dinge, nicht eines.
Oder, um den üblichen Chinesen zu zitieren, den man immer zitiert:
Wenn die Worte nicht stimmen, stimmen die Begriffe nicht. Wenn die Begriffe nicht stimmen, wird die Vernunft verwirrt. Wenn die Vernunft verwirrt ist, gerät das Volk in Unruhe. Wenn das Volk unruhig wird, gerät die Gesellschaft in Unordnung. Wenn die Gesellschaft in Unordnung gerät, ist der Staat in Gefahr. (Konfuzius)
 


[1]   Wennts es wissen wollt, was dieses "es" ist, na lests selm nach.
[2]   Was Sprache betrifft bin ich ganz sicher 1 Pedant.

27.11.19

Wahnsinn

A Du?
B Ja.
A Ich glaube, ich werde allmählich wahnsinnig.
B Ach?
A Ja, wirklich. Ich entdecke an mir alle Anzeichen für Schizophrenie.
B Schmarrn! Du bist ja verrückt.

24.10.19

Liberal als reaktionär


Der Franze hat gsagt, er is ein strenger Liberaler. Wer die Todesstrafe wieder einführen möcht, sagt er, ghört aufghängt.

Der "Rot-Blaue Stuhl" von Gerrit Rietveld

I ch muß gestehen, ich weiß nicht, wie gut man in der Kunstgeschichte bewandert sein muß, um Gerrit Rietveld und seinen Rot-Blauen Stuhl z...