Ja, natürlich ist der
Mond nicht da, wenn grad keiner hinschaut. Er wäre auch schon längst
verschwunden, wenn... Irgendeiner nämlich
schaut immer grad hin, irgendeiner hat nicht die nötige
Selbstdisziplin, nicht hinzuschauen. Einer reicht ja, damit der Mond bleibt.
Es ist wie mit Gott. Auch
Gott ist drauf angewiesen, daß jemand an ihn glaubt, also wirklich und existentiell glaubt, so wie die Tant Anna, die
eigentlich meine Großtante war. Die hat sich schon auf den Tod und das
Griberle gefreut und daß sie dann endlich mit Gott und Jimi Hendrix plaudern
kann . Wäre Gott nämlich wirklich allwissend und
allmächtig, dann wäre der Nichtglaube nicht die Sünde aller Sünden, die "Sünde,
die nicht vergeben wird." Zu glauben, der Große Allmächtige Gott, der in
sieben Tage eine ganze Welt aus dem Nichts erschaffen hat und ohne dessen
Wissen und Wollen kein Haar von meinem Haupte fällt, würde mir Würschtl zürnen, weil ich nicht an ihn glaube, ist so was von
blasphemisch, daß selbst mir als verstocktem Atheisten das Blut in den Adern
gefriert.
Wo sind heute Zeus und
Jupiter, die Zwillinge? Weg. Sie sind weg, weil eben niemand mehr an sie
glaubt. COVID wäre schon längst weg, wenn niemand mehr an es glauben würde. Als
ich noch klein war und jung kamen jede Nacht Dutzende Monster in mein Zimmer
und wollten mich fressen. Ich habe mich unter die Bettdecke geflüchtet, wo ich
sie nicht mehr sehen konnte - und tatsächlich, schwupp waren sie weg. Keiner
von denen hat mich bis heute aufgefressen oder mir wenigstens in's Bein
gebissen.
Und vor Gott habe ich
auch meine Ruhe, seit ich nicht mehr an ihn glaube. Vielleicht glaubt aber Er
(m/w/d) noch an mich.
Weil wir grad bei Gott
sind: In frühchristlichen Zeiten gab es eine Gemeinschaft, die Gott zwingen
wollte, endlich und subito das Jüngste Gericht anzublasen. Wir hören einfach
auf zu vögeln, sagten sie sich, dann gibt es relativ bald keine Menschen mehr
und Gott muß, ob er will oder nicht, dem Elend auf dieser Welt ein Ende setzen.
Das war ein sauguter Plan, der aber - wir wissen es alle - nicht geklappt, denn
einer (genauer: zwei) vögeln immer.
Ich neige ohnehin immer
mehr zu der Ansicht, daß die Welt im Jahre 1950 durch einen einzigen
Schöpfungsakt erschaffen wurde. Gott erschuf mich und baute dann eine Kulisse
um mich herum, die ich Kosmos nenne. Ich sitze hier in einer Holzhütte, vor mir
ein Teich, um mich rum Wiesen, Hiendlöd und Wald. Ob der Teich jetzt, in der
Nacht, wo ich ihn eh nicht sehe, immer noch da ist, weiß ich nicht. Womöglich
hat man ihn während der Nacht abgebaut. Ich gehe jetzt nicht raus,
nachzuschauen, ich will ja niemand in Verlegenheit bringen. Womöglich aber ist
mein Bewußtsein so konditioniert, daß ich - von ihnen gelenkt - nie das
Bedürfnis habe, dort nachzuschauen, wo sie ihre Kulissen gerade nicht aufgebaut
haben.
Ich war in Berlin,
richtig, mehrmals sogar. Viele Menschen, merkwürdige Bauten (die Menschen sind
noch viel, viel merkwürdiger als die Bauten). Ganz toll, wie sie das für mich
aufgebaut haben, vor allem dann, wenn ich annehme (wofür ich Gründe habe), daß
sie die Kulissen von Neustift nur anders bepinselt haben. Diese Kulissen
braucht es ja nicht, wenn ich eh in Berlin bin und also Neustift gar nicht
sehe.
Ach so, ja, die
Menschen. Ich hab mich das auch schon gefragt, wieso ich Menschen sehe, wo es
doch keine gibt. Meine Theorie ist, sie haben zweihundert, dreihundert Hulbis
aus irgendeinem Paralleluniversum angeheuert, die - immer wieder anders verkleidet
- vor mir herhuschen. Manchmal allerdings merke ich den Betrug. In Italien habe
ich Leute getroffen, die ich schon aus Niederbayern kenne. Ich habe sie drauf
angesprochen, sie jedoch haben frech behauptet, sie könnten kein Deutsch. Aber
ich habe sie durchschaut.
Mit dem Internet haben
sie einen ganz tollen Coup gelandet, weil jetzt brauchen sie meistens gar keine
Kulissen mehr umzubauen, weil ich eh bloß zuhause sitze und Bildchen anschaue.
Schon seit meiner Kindheit behaupten sie frech, es gebe New York. Ich habe
nicht den mindesten Hinweis drauf, daß es New York wirklich gibt, ich habe noch
nicht nachgesehen, womöglich wären sie mit den Kulissen für New York etwas
überfordert. Deshalb haben sie mir eingeredet, ich hätte Angst vor dem Fliegen,
so daß ich nicht nachschauen kann, ob das mit New York stimmt. Auch die Sache
mit den Flugzeugen (im übrigen eine völlig absurde Idee, denn Metall kann nicht
fliegen) kann ich deswegen nicht überprüfen.
Es gibt noch viele
Fragen der Philosophie, die gelöst werden müssen, und ich muß sie ganz alleine
lösen, denn die anderen Leute...
Ich bin nicht so
einfältig, daß ich an andere Leute glaube.