5.3.17

Ein Künstlerleben

Was ich Ihnen heute erzählen möchte, ist so uner­hört, so ab­solut un­glaublich, daß nur die wenigsten diese Geschichte am Ende glauben werden.
Auguste Comptoir war zwölf, als er zum ersten Mal seine erstaunli­che Bega­bung an sich bemerkte. Der Zweite Weltkrieg war vorbei, die Deutschen vertrieben und mit den durchzie­henden Amerikanern war der Kaugummi nach Frankreich gekom­men. Gegeben hatte es ihn na­türlich schon zuvor, aber nur in den großen Metropo­len Frankreichs, wie etwa Pa­ris oder ... nur in Paris. Das änderte sich nun und Kaugummikauen wurde auch in der französi­schen Provinz sehr beliebt.
Auguste Comptoir machte keine Ausnahme. Er kaute, wann im­mer er weit genug vom elterlichen Wohnhause und damit dem miß­billigenden Auge des Vaters entfernt war. Eines Tages saß Auguste auf einem Mauerrestchen und kaute, als Anne-Marie vorbeikam und ihm zulächelte. Anne-Marie war Augustes er­ste Liebe und im damaligen Stadium ih­rer Bezie­hung konnte er es sich nicht leisten, einfach sitzen zu bleiben, um weiter an sei­nem Gummi zu kauen. Andererseits wollte er seinen eben erst eingeschobenen Pfefferminzstrei­fen nicht einfach wegwerfen.
Er schob also die elastische Kugel in den Mundwinkel und ging auf Anne-Ma­rie zu. Kam mit dem Mädchen in's Gespräch und plauderte mit ihr über dies und das, während sie die Dorfstraße hinunter und wieder hinauf gingen. Ir­gendwann im Verlaufe des Geplauders muß er dann den Kau­gummi aus den Mundwinkeln wieder hervorge­holt und weitergekaut haben - ohne deshalb sein Aus­schreiten neben Anne-Marie einzustel­len.
Erst als er sich von Anne-Marie mit einem pfefferminzduf­tenden Kuß verabschiedet hatte, traf ihn die Erkennt­nis wie ein Keulenschlag: Er hatte tatsächlich drei vonein­ander un­abhängige Dinge zur gleichen Zeit getan - kauen, sprechen und ge­hen. Fast hätte Auguste vor Schreck das Gleichgewicht verloren.
Nachdenklich ging er an diesem Tag nachhause, wobei er zu­vor den Kaugummi sicherheitshalber ausspuckte. In der Folgezeit trainierte Auguste seine unglaubliche Fä­higkeit systematisch und war mit 16 Jahren soweit, daß er in ei­ner Schulaufführung mit einer artistischen Übung brillie­ren konnte, dergestalt, daß er über die Bühne gehend ein Brot verzehrte und dabei dem Publikum zuwinkte.
Der Vater eines Mitschülers, zufäl­ligerweise Agent für Varieté-Künst­ler, entdeckte Auguste an diesem Abend und verschaffte ihm drei Jahre später ein Enga­gement an einem erstklassigen Va­rieté, später dann in einem renommierten Zirkus. Es kam, wie es kommen mußte: Auguste wurde erst bekannt, dann be­rühmt und schließlich ein gefeierter Weltstar, der zwischen Auftritten in Paris und Las Vegas hin- und herpen­delte.
Im Alter von 63 Jahren bereitete ein erschreckendes Erleb­nis Augu­stes Karriere ein jähes Ende. Mit seiner Jugendfreundin Anne-Marie machte er einen klei­nen Spa­ziergang durch Paris, kaute, redete und setzte routi­niert einen Fuß vor den anderen. Als er dann plötz­lich an­fing, während des kaugummikauenden Sprechens im Gehen auch noch mit den Händen zu gestikulieren, kam er ins Stolpern, dann ins Fallen und plumpste schließlich in die Seine.
Anne-Marie hatte erhebliche Mühe, Auguste vor dem Ertrinkungstod zu bewahren und sich selbst vor dem Witwenstand. Auguste hat aus diesem Erlebnis seine Leh­ren gezogen. Er nahm seinen Abschied von der Bühne und genießt seither mit Anne-Marie einen beschaulichen Ruhe­stand.
Ich dachte mir schon, daß kein Schwein diese Geschichte glau­ben wird.
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Ehe für alle? - Nein danke!

Derzeit macht sich die SPD für eine Initiative "Ehe für alle" stark. Noch ist es nicht soweit, die Chancen für eine Verwirklichung sind eher so lala.
Falls es aber zum Äußersten kommt, werde ich für mich persönlich um Dispens nachsuchen. Ich habe - anders als die vielen Drückeberger [1] -meinen Ehedienst für Volk & Vaterland bis fast zur Silberhochzeit abgeleistet. Hinzu kommt, daß ich in dieser Zeit 0,3 Kinder mehr gezeugt habe als der Durchschnitt.
Seit etlichen Jahren bin ich Witwer, eine zweite Ehe ist zwar (wie ein Leben ohne Mops) möglich aber nicht sinnvoll. Wie hat der Lindinger Opa 13 Jahre vor seinem Tod, im 80. Jahr stehend, gesagt: "Solange ich noch zwei gesunde Hände habe, kommt mir keine Frau mehr ins Haus."



[1]   Ich nenne keine Namen, aber ich kenne sie alle!

Die schöngeflötete Reichskristallnacht

Seit den achtziger Jahren erscheint vielen wohlmeinenden Menschen in Deutschland der Begriff " Reichskristallnacht " als bedenklic...