Montag, 28. November 2022

DIE RATTE und wie er zu diesem Namen kam

Gerhard Rat hatte Glück bitter nötig. Gerhard Rat war ein Unglückswurm, wie es - so bleibt zu hoffen - wenige gibt. Kaum etwas von dem, was er anfing, fügte sich je zu einem glücklichen Ende. Vielmehr schien es, als liebten die Dinge Gerhard nicht, als entzögen sie sich seiner Handhabung, wo immer sie konnten - und sie konnten oft. Klar, daß mit der Zeit auch Gerhard seinerseits die Dinge zu hasse begann, so daß niemals ein wirklich ersprießliches Verhältnis zwischen ihm und dem Kosmos entstehen mochte.

In seiner Jugend war Gerhard Rat das gerade Gegenteil von Peter Pan gewesen. Peter Pan - Sie kennen die Geschichte? - hatte beschlossen, niemals erwachsen zu werden; ein Junge wollt' er bleiben, bis er stürbe, dermaleinst und jugendfrisch. Für das "Gerhardili" hingegen, wie sein unseliger Vater den jungen Gerhard bis weit über die Volljährigkeit hinaus zu nennen pflegte, hatte das Älterwerden und Erwachsensein gar nicht schnell genug gehen können.

In der Schule war er "Ratatat" gerufen worden, was zum einen an seinem Namen lag, zum anderen daran, daß er schnell und hektisch sprach, ein semantisches Maschinengewehr. An diesem Spitznamen änderte sich auch nichts, als ihn seine Eltern mit zehn Jahren in's Humanistische Gymnasium übertraten.

Nach einem Urlaub mit den Eltern an der Côte d'Azur hatte Albert Kruschwitz aus der Fensterreihe damit begonnen, Gerhard "Ratatouille" zu rufen. Eine Gewohnheit, die sehr bald von allen - Gerhard ausgenommen - begeistert angenommen wurde. Selbst jene wenigen, die es vermocht hätten, vermieden dabei die korrekte Aussprache des Eintopfgerichtes, schlossen vielmehr mit einem harten und speienden "tui". Der Spitzname "Rata-Tui" blieb an Gerhard haften bis ins sechzehnte, siebzehnte Lebensjahr, bis die Geschichte mit Bruno Ascherl den Dingen eine neue Wendung gab.

Bruno Ascherl lebt heute als angesehener Rechtsanwalt im Fränkischen und hat gut lachen. Damals aber hatte Bruno genugsam darunter zu leiden, daß ihn der ganze, selten ordinäre Haufe "Brunzo Arscherl" rief. Nach einem Kinobesuch - einer Filmkunst-Matinée, man denke - hatte es Bruno, der es besser hätte wissen müssen, rasend geistreich und ungeheuer witzig gefunden, Gerhard mit "Professor Unrat" anzusprechen. Der eher schmächtige und entschieden kleingewachsene Bruno, der die Regeln kannte und also nichts anderes erwartet hatte, nahm es mit einem schmerzlichen Seufzen hin, daß er für sein "Unrat"-Rufen von Gerhard verdroschen wurde. Erst als Gerhard eine zufällig herumliegende Latte ergriff und mit ihr in stummer Wut auf Bruno eindrosch, zerbrach das stillschweigende Einverständnis.

Unter diesen Umständen ist es verständlich, daß Gerhard Rat die Jahre, da er den verschiedenen Spitznamen seiner Altersgenossen ausgeliefert war, schnell hinter sich bringen wollte; daß er sich danach sehnte, als Erwachsener endlich und respektvoll mit "Herr Rat" angeredet zu werden.

Nun begab es sich aber, daß Brunzo Arscherl noch am selben Tage an den Folgen der erwähnten Prügel fast verschiedenen wäre; sieben bange Wochen lag er auf den Tod. Gerhard Rat wurde der gefährlichen Körperverletzung angeklagt und mußte, da dies die dritte Straftat dieser Art war, ins Jugendgefängnis von Niederschönenfeld einfahren.

Damals, als Bruno mit dem Tode rang, schwebte eine Zeitlang über Gerhards Haupt der Dichterlorbeer. Das kam, weil Gerhard im Grunde seiner Seele ein ungemein sensibler Mensch war. Der Psychologe, der ihn für die Verhandlung zu begutachten hatte, maß seinerzeit einen Wert von immerhin 9 (neun!) Sensi-Bel auf der nach oben offenen WECKER-Skala. Diese Empfindsamkeit, verquirlt mit einem zureichenden Schöpfer Sprachgefühl hatte Gerhard schon früh zum Schreiben von Gedichten verleitet. Als sein Fall durch die Schlagzeilen gellte, hatte eine große Illustrierte - vermutlich durch eine gezielte Indiskretion von Gerhard selbst - von den auf Halde liegenden Dichtstücken Wind bekommen.

Innige Verse eines eiskalten Totschlägers! Ha!!

Einfühlsame Poesie eines knallharten Killers! Heißa!!

Einige Tausender hatten die fixen Jungs vom Bilderblatt bereits über den Tisch geschoben, als die traurige Nachricht von Brunos endgültiger Genesung die Runde machte. Auf die Lyrik eines Körperverletzers aber ist geschissen, zu übermächtig ist die Konkurrenz dichtender Mörder.

Nun auf einmal - und ganz unvermittelt - warf der Oberredakteur Berger mit unbarm­herziger Strenge die Qualitätsfrage auf.

homo duplo. was?

homo duplo. was?

 

 

wenn ich einmal zweimal bin,

wenn ich einmal zweimal bin,

geb ich mir die hand;

geb ich mir die hand;

dabei stets vorausgesetzt,

dabei stets vorausgesetzt,

ich hätte mich erkannt.

ich hätte mich erkannt.

Niemand könne, so ereiferte sich Berger in der Redaktionskonferenz, einer auf Niewoh bedachten Zeitschrift wie seiner...

...an dieser Stelle von Bergers Ausführungen entschlüpfte dem Freien Mitarbeiter Riemerschmidt, der die Hauptlast der Recherchen im Fall Rat getragen hatte, ein Lächeln; was ihn Monate später, unter einem fadenscheinigen Vorwand seinen Freien-Mitarbeiter-Ver­trag kostete...

 ...niemand also könne ihm, Berger, zumuten, die Gedichte dieses...

liebe & symmetrie

(symmetrie?)

 

 

 

wenn

wenn

 

ihr einen

ihr einen

 

schweinebraten

schweinebraten

 

könnt gebrauchen

könnt gebrauchen

 

seht her

kommt her

 

ich bin's

ich will euch

 

 

einer sein

 

 ...dieses Menschen abzudrucken.

schön

mein kopf

 

 

so schön

mein kopf

wie ich

ist

ist keiner

bewundernswert

nein keiner

schön

nicht einer

 

ist schöner

besonders

als ich

der

 

linke

 

"'Trilogie der ausfransenden Symmetrie' - daß ich nicht lache", lachte Ober­­redakteur Berger höhnisch und meinte damit Gerhard Rats "Trilogie der ausfransenden Symmetrie", die hier im Text versteckt eingefügt ist. Und ob jeder hier in der Konferenz schon mal das Wort "Manierismus" gehört hätte? Und wenn ja, ob er dann auch wüßte, daß er - Berger - auf Manierismus - jedweden Manierismus gleich welcher Art - scheiße?

 

Wie Berger sagte, also geschah es. Keine Zeile von Gerhard wurde gedruckt. Keine. Kein Ruhm, kein nichts, nur Knast. Und im Knast hatte natürlich niemand etwas mit "Herr-Rat"-Komplimenten am Hut, auch nicht, als Gerhard volljährig wurde und schließlich erwachsen. So kam es, daß Gerhard Rat in eingeschränkter Umgebung seinen letztgültigen Spitznamen verpaßt bekam: "DIE RATTE".

Mittwoch, 16. November 2022

Abbeizverträge

Ich habe mal eine zeitlang für das Bildungswerk der DAG [1] (Deutsche Angestellten Gewerkschaft) gearbeitet. Im Abbeizvertrag stand - wie das in ganz, ganz vielen anderen Abbeizverträgen auch steht - ich sei gegenüber anderen Mitarbeitern zur Verschwiegenheit verpflichtet, was mein Gehalt betreffe. Beim Lesen dieses Passus war mein erster Gedanke: Wie ist das eigentlich, wenn ich einem Betriebsfremdem (dem gegenüber ich ja keine Schweigepflicht habe) mein Gehalt offenbare, mein Kollege auch und der Betriebsfremde (der ja keine Schweigepflicht hat) uns dann erzählt, wieviel der jeweils andere verdient.

Ich erzählte meinem Vorgesetzten davon und er schluckte. Er hatte dieses scheunentorgroße Loch in der Bestimmung bislang anscheinend nicht bemerkt.

Wir haben dann beim Vergleich über Bande tatsächlich festgestellt, daß meine Kollegin zwei-, dreihundert DM weniger verdiente als ich. Dabei hatte sie die exakt gleiche Qualifikation, leicht bestimmbar in unserem Falle: Sie war Dipl.-Pädagogin, ich Dipl.-Psychologe und beide kamen wir direkt von der Uni, hatten also keinerlei Berufserfahrung. Ich sollte noch erwähnen, daß wir beide damals nicht um die Höhe des Gehalts gefeilscht haben, wir waren froh, nach dem Studium überhaupt erst mal eine Stelle (Gott, was heißt Stelle, es war ein auf ein Jahr befristeter Abbeizvertrag) zu haben. Ihr wurde von vorneherein weniger angeboten als mir.

Ich schrieb daraufhin einen Brief an die Geschäftsleitung und regte an, das Gehalt meiner Kollegin entsprechend zu erhöhen. Es gab Wirbel, der Oberste Chef wollte mich gleich feuern, der Untere Chef bog das ab (sie hatten Schwierigkeiten gehabt, die Stelle überhaupt zu besetzen), aber unsere befristeten Abbeizverträge wurden nicht verlängert.

Im Jahr darauf habe ich dasselbe für das Bildungswerk der Bayerischen Wirtschaft gearbeitet. Die Bezahlung dort war auch nicht besser, aber das Betriebsklima von Seiten der Vorgesetzten war wesentlich angenehmer und entspannter als bei der Gewerkschaft.

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Ein Mensch (m/w/d) erzählt mir grade, man spreche zwar "Abbeizverträge", schriebe aber "Arbeitsverträge".



[1]   Die DAG gips schon lang nich mehr.

Samstag, 12. November 2022

Je oben desto totmachen?

Kinder, wie die Zeit vergeht. Inzwischen ist es schon wieder elf Jahre her, daß Osama bin Laden tot ist. Die Empörung über die Aktion der Amerikaner war damals weltweit groß, von Mord war die Rede und viel Fäuste wurden geschwungen Richtung Washington.

Mord, hm.

.Aber, Gottchen, was heißt schon "Mord"? Der Staat, jeder Staat dieser Erde, nimmt für sich das Recht in Anspruch, Dinge zu tun, die er dem privaten, nur für sich handelnden Staatsbürger strengstens verbietet und als moralwidrig verdammt. Der Staat sperrt Leute ein, was bei mir "Freiheitsberaubung" hieße und dazu führte, daß man mich einsperrte, also der Freiheit beraubte. Der Staat tötet Menschen, sei es im Krieg, sei es im Rahmen der Todesstrafe. Würde ich desgleichen tun, so würde ich für diese Tötung eingesperrt oder - je nach Weltgegend - meinerseits getötet.

Gegen diese Monopolisierung von Gewalt ist im Prinzip nichts einzuwenden, das staatliche Gewaltmonopol macht unser Leben doch um einiges geruhsamer als wenn wir noch in der Zeit des Faustrechts lebten.

Es wird also getötet in dieser gottverdammten Welt und es wurde und wird ständig und massenhaft getötet, vor allem vom Staat und von Leuten, die gerne ein Staat werden wollen. Entgegen anderslautenden Gerüchten ist nämlich das Recht auf Leben, Menschenwürde und körperliche Unversehrtheit kein unveräußerliches Menschenrecht. Dieses Recht wird tagtäglich veräußert und genommen, auch und gerade von denen, die es verkünden.

Die Frage ist aber: Wenn denn schon getötet werden muß, wen sollte man dann töten? Den Soldaten, den Gotteskrieger, den "Terroristen"? Oder irgendwelche Leute, die gerade zufällig in einem Haus in Bagdad oder einer U-Bahn in London zusammensitzen? Oder doch eher die Anführer, jene, die hinter dem Soldaten, dem Gotteskrieger, dem Terroristen stecken?

Ich mein, an die Anführer kommt man normalerweise nur sehr, sehr schwer ran, klar. Wenn aber... Sollte man sich dann wirklich Gedanken drüber machen, ob ihre Tötung eventuell Mord ist, während man gleichzeitig die Tötung der von diesen Anführern geschickten Leute als normale Kriegsfolgen in eine Statistik einträgt?

Wen denn, wenn nicht Bin Laden hätte man töten sollen? Den begehrten Titel "Schmusebär des Jahres" hätte Bin Laden sowieso nicht bekommen, auch im Jahr seines Hinscheidens nicht.

Wenn ich - es wird nie dazu kommen, klar, aber machen wir halt ein Gedankenexperiment - ...wenn ich also eine MP in die Hand gedrückt bekäme und man mich unter Androhung schwerster Übel vor die Alternative stellte, entweder einen iranischen [1] Gotteskrieger, Ali Irgendwerpur etwa, zu erschießen oder die gesamte iranische Regierung samt angeschlossener Höherer Geistlichkeit - glaubt einer im Ernst, ich würde auch nur einen Moment lang darüber grübeln, welche der beiden Alternativen die sinnvollere wäre? Ich würde darüber grübeln, ob es überhaupt sinnvoll ist, eine der mir gestellten Alternativen zu wählen, ob es nicht eine Zumutung ist, mir überhaupt das Töten zu befehlen. Ich würde also grübeln, ob es nicht vielmehr erheblich sinnvoller wäre, den zu erschießen, der mir die MP in die Hand gedrückt hat. Aber wenn denn wirklich nur die Wahl bliebe zwischen den beiden Alternativen... Natürlich ist es sinnvoller und ethisch vertretbarer, einen General zu erschießen statt eines normalen Rekruten und es ist nochmal sinnvoller und ethisch vertretbarer, den Oberbefehlshaber des Generals zu erschießen als den General.

Nein?

Es sage jetzt keiner, die Tötung Bin Ladens wäre keine Kriegshandlung gewesen sondern eine zivile Tötung: Erschlägst du mich, erschieß ich dich. Der so oft durch die Medien gehechelte Terrorismus ist doch nicht eine Sache von Serienmördern, die einfach Vergnügen daran finden, Leute - und möglichst viele davon - zu töten. Der Terrorismus ist vielmehr der Krieg des Kleinen Mannes, zunehmend auch der kleinen Frau. Wer nicht das Geld und die Infrastruktur hat, Flugzeuge oder Raketen loszuschicken, um eine Stadt zu bombardieren, der ist gezwungen, die Bombe von Hand in die Stadt zu tragen und sie dort zu zünden.

Machen wir uns nichts vor, der Dritte Weltkrieg ist längst im Gange. Während des Zweiten Golfkriegs sah ich im Fernsehen ein Videos, das den Flug einer Lenkrakete zeigte, aus dem Inneren der Rakete gefilmt. Die Rakete nahm Kurs auf irgend ein Ministerium in Bagdad, sie steuerte auf den offenen Lichtschacht des Hochhauses zu und explodierte dann im Lichtschacht. Das war der erste Turm der Drillingstürme, ohne es zu wissen gehe ich davon aus, daß mindestens 3000 Menschen dabei um's Leben kamen.

Die Tötung Bin Ladens war keine Exekution sondern ein gezielter kriegerischer Akt. Der Tod Bin Ladens ist nicht beweinens- und verurteilungswerter (eher weniger!) als die Vernichtung irgendeines Kriegstoten.

Generell gilt meines Erachtens: Es gäbe viel weniger und viel kürzere Kriege, wenn die Wahrscheinlichkeit, in einem Krieg getötet zu werden umso höher wäre, je höher jemand in seinem Rang in der Kriegsmaschinerie steht.



[1]   Wem "iranisch" nicht gefällt, aus welchen Gründen immer, der setze getrost irgendeinen anderen Ländernamen ein.

Montag, 7. November 2022

Abschieben, und zwar sofort!

Wenn ich das richtig sehe, dann ist "Sofort abschieben!" die absolut geilste Sau, die derzeit durch das "Fisch und Fleisch"-Dorf getrieben wird. Schwer- und Schwerstkriminelle sind dabei das Allermindeste, das man unverzüglich ab nach Hause schicken sollte.

"Abschieben, und zwar sofort!" Das ist einer der sinn- und gedankenlos hingeschlunzten Sätze, welche die Diskussion mit den selbstgerechten Leuten so unerfreulich machen. Ich möcht's ja mal in echt erleben, wie die rechte Abschiebeszene schäumt, weil ein - sagen wir mal: afghanischer - Mörder statt für 15 bis 25 Jahre in's Zuchthaus zu gehen in's Fluchzeuch gesetzt wird und heim zu Mami gebracht wird. Passieren wird ihm in Afghanistan nicht viel, denn die eifrigen "Fisch und Fleisch"-Leser wissen es längst: Das sind keine Leute, die vor politischer Verfolgung fliehen, die wollen hier nur in die soziale Hängematte oder der Heimatstaat hat sie gar als Agenten nach Europa geschickt, damit sie Europa so richtig ordentlich instabil machen.

Wie viel Scheisendreck muß man einem Menschen wie lange in's Hirn geblasen haben, bis er soweit ist, die Entlassung eines Mörders in die Freiheit zu fordern? Gegen diese "Abschiebung sofort" quakenden Kuscheljuristen sind die Gutmenschen doch knallharte Rimbauds [1].

Hl. Muttergottes von Tschenstochau!



[1]   Oder schreibt man doch "Rambos"?

Montag, 31. Oktober 2022

Kinderleicht

Wenn etwas ganz furchtbar wahnsinnig einfach ist, dann nennt man dieses gerne "kinderleicht".

Wir hatten damals zuhause ein Kochbuch für Kinder mit dem Titel "Kin­der­leich­te Kochrezepte für kleine Leute".

Eigentlich eine Beleidigung, dieses Wort, wenn es auf Kinder angewandt oder in Gegenwart von Kindern gebraucht wird. Es bedeutet dann ja nichts anderes als: Das ist so leicht, das können sogar wir Deppen!

Bei meinen Kindern habe ich es erlebt, wie sie früher in der Schule Sachen, die sie als sehr einfach empfanden "babyleicht" oder einfach nur "baby" nannten.

Klar: kinderleicht konnte es ja nicht sein, für sie als Kinder.

Cappuccino und Pizza

In der Süddeutschen Zeitung vom 05.12.98 hatte ich einen Artikel über die italienische Bar gelesen und eingescannt. Das Wort "Cappuccino" kam in dem Artikel zweimal vor, einmal in der eben zitierten Schreibweise, ein anderes mal als "Capuccino". Wie das so ist: Wenn man erst mal über so was nachdenkt, weiß man mit einem Male das Selbstverständlichste nicht mehr. Also habe ich in Wahrigs "Wörterbuch der Deutschen Sprache" nachgeschaut, wie man das Wort nun wirklich schreibt. Zu meiner Verblüffung mußte ich feststellen, daß - in der Ausgabe von Mitte der 80er Jahre - dieses Wort dort noch nicht verzeichnet war.

Völlig abseitige Wörter sind im Wahrig drin, aber Cappuccino nicht. Gab es in den Achtzigern in Deutschland tatsächlich noch keinen Cappuccino?

Ich weiß noch, wie Anfang der sechziger Jahre in der Fernsehshow "Hotel Victoria" Vico Torriani ein gesungenes (!) Pizzarezept vorstellte und dabei erst mal den Zuschauern das Wort "Pizza" erläutern mußte.

Heute ist Pizza neben Döner das deutsche Nationalgericht.

Katze inne Kuhle

1994 hatten wir Urlaub in Silvi Marina gemacht, Region Abruzzen, im Hotel "Abruzzo Marina".

Eines Tages sitzen wir in einem Aufenthaltsraum, außer uns sind nur noch zwei oder drei italienische Kinder anwesend, vielleicht sieben oder acht Jahre alt und nach der Dialektfärbung vermutlich Neapolitaner (Es waren damals im Hotel relativ viele Neapolitaner). Sie sprachen ständig etwas, das sich für uns, die wir damals allesamt noch kaum italienisch sprachen (meine Frau konnte es damals schon ein bißchen, aber eben nur ein bißchen), wie "Katze inne Kuhle" anhörte. Dabei warfen sie immer wieder kichernd interessierte Blicke in unsere Richtung, ob wir darauf irgendwie reagieren würden. Wir interpretierten dies so, daß sie uns wohl als Deutsche identifiziert hatten, daß sie irgendwann einen deutschen Satz aufgeschnappt hatten, in dem von einer Katze in einer Kuhle (oder was immer) die Rede war.

Erst Jahre später hatten wir, nachdem wir erstmals in Paestum, dann in Castellabate, beides in Campanien, Urlaub gemacht hatten, mitbekommen, daß im neapolitanischen Dialekt Substantivendungen auf "o" oder auch auf "a" wie "e" ausgesprochen werden. Auch hatten wir inzwischen mitbekommen, daß cazzo im Italienischen soviel heißt wie "Dreck", "Scheiße", "Mist", "Unfug", aber auch: "Schwanz". Und culo heißt nichts anderes als "Arsch".

"Katze inne Kuhle" müßte man also cazze in cule schreiben, auf Italienisch cazzo in culo. Und dann wird klar, warum die neapolitanischen Kinder immer wieder interessiert und kichernd in unsere Richtung schauten - und vermutlich wahnsinnig enttäuscht waren, daß wir so gar nicht auf diese Provokation reagierten. Scheiß-Ausländer halt.

Donnerstag, 27. Oktober 2022

Eyecatcher

Als ich noch der Waldbauernbub war haben die Lehrlinge meines Vaters gerne mal ein Auge auf mich geworfen. Wenn Schlachttag war lungerten wir, meine Freunde und ich, gerne vor dem Schlachthaus rum. Die Luft da drin war dampfig, die Tür stand deshalb offen und wir waren fasziniert vom Vorgang des Schlachtens. Lehrling und Geselle versuchten, uns wegzuscheuchen, das wär noch nix für uns, aber das hat die Sache natürlich erst recht interessant gemacht. Schließlich nahm einer der beiden ein oder zwei Augen eines frischgeschlachteten Schweines und warf die Glibberdinger nach uns.

So war das damals.

Warum Rächtschraibfeler eine Umpferschemtheid sin

Von der Höflichkeit der Rechtschreibung

Was gerne übersehen wird: Rechtschreibung ist eine Form von Höflichkeit. wia lesn nich buchschtam, sondern gantse wöater oder gar saztaile. di könn'n wir schnell und raibungslos nur dann identifitsieren, wenn die schraibung noamiert is.

Bei den Satzzeichen ist die Rechtschreibung manchmal fast noch wichtiger. Vor vielen Jahren, es war kurz nach Schulbeginn, war ich mit meinen beiden Söhnen gerade im Ort unterwegs, als mein Ältester (er war damals 8 Jahre alt) plötzlich lachte und rief: "Und bei rot soll man den Kindern kein Vorbild sein?"
Irritiert fragte ich nach, was seine Bemerkung bedeuten solle und Sebastian zeigte auf ein Schild, das an der Fußgängerampel hing. Ich begriff immer noch nicht (bei Erwachsenen dauert das etwas länger), bis ich das Schild ein zweites Mal las und dann machte es "klick": Sebastian hatte recht.

Auf dem Schild stand tatsächlich: "Nur bei GRÜN den Kindern ein Vorbild." Nach den Regeln deutscher Grammatik und Zeichensetzung konnte dies nur heißen, daß man entschieden davon abriet, auch bei Rot ein Vorbild für die Kinder zu sein.


Was ein anders gesetztes Satzzeichen alles an Bedeutungsveränderung bewirken kann, dafür hat Brecht mal ein schönes Beispiel gegeben:
* Der Mensch denkt, Gott lenkt.
* Der Mensch denkt: Gott lenkt.

Montag, 24. Oktober 2022

Sunset to go

Vor etlichen Jahren haben wir mal einen Ausflug durch den gebirgigen Cilento gemacht. Prächtiges Schauspiel, wie die Sonne hinter einem der hohen Berge verschwindet und untergeht. Dann fährst du weiter, biegst ums Eck und die Sonne steht wieder vor dir, relativ hoch über dem Horizont. Noch ein Stück weiter und du siehst erneut, wie die Sonne hinter einem Berg verschwindet. Und wieder eine Weile später ist sie wieder da und lacht dich an (oder aus). Das geht dann noch etliche Male so weiter, bis endlich eine Ruhe, das heißt eine Dunkle ist.

So was ist doch nicht seriös.

Sunset-to-go, aus dem Konzept ließe sich ein Geschäftsmodell entwickeln, wenn man geschäftstüchtig wäre.