17.4.26

  Ob Rußland je ein Kolonialreich war?

"Rußland war nie ein Kolonialreich," mußte ich einstens im Internet - wo sonst? - lesen und dieser schlichte Satz trieb mir die Tränen in die Augen.

Es liegt offen vor unser aller Augen, daß Rußland spätestens seit Peter dem Großen ein riesiges und immer riesiger gewordenes Kolonialreich war. Obwohl das Wort "war" in diesem Zusammenhang schon wieder gelogen ist... Nähme man die Sätze, die einem so aus den Zähnen fallen ernst, so müßte uns auffallen, daß Russen in Sibirien so wenig zu suchen haben wie Briten in Kenia oder Franzosen in Algerien. Anders als im Falle von Großbritannien, Frankreich, den Niederlanden oder Deutschland waren die russischen Kolonien allerdings niemals irgendwo weit weg in Übersee, sondern auf dem Landwege durch schlichte Grenzüberschreitung zugänglich. In den verwirrten Hirnen schlichter Gemüter konnte so der Eindruck entstehen, Russland sei kein Kolonialreich, sei nie eines gewesen. Ich habe keine handfesten Belege, aber ich vermute sehr stark, daß kaum jemand - danach gefragt - Irland als Kolonie Großbritanniens bezeichnen würde, dafür ist Irland zu nahe an der britischen Insel dran.

Das einzige - und letzte - Kolonialreich ist die USA. Aus der Kolonialisierung geboren machte es halt so weiter, und stößt jetzt an seine Grenzen.

Vor allem der zweite Satz ist pure Faktenverdrehung, der Volxmund sagt auch "Demagogie" dazu. "Aus der Kolonialisierung geboren" heißt, da haben sich einige in lockerer Formation zusammenlebenden Menschen in Nordamerika verabredet, große Teile der Welt als ihre Kolonien zu erobern und sind darüber zur Nation geworden (geboren). In Wirklichkeit war es genau umgekehrt: Die riesigen Gebiete Nordamerikas waren ihrerseits selber Kolonien weit entfernter Mächte: Großbritannien, Frankreich, Spanien und Rußland. Die dort lebenden Menschen  haben sich dann von ihren Kolonialherren befreit (dekolonisiert). ([1]) Nun erst haben sie ihrerseits Kolonien erobert, die meisten waren allerdings niemals formell amerikanische Kolonien (was es allerdings kaum besser macht, das nur nebenbei).



[1]   Den modernen Guerillakrieg hat übrigens nicht Mao Tse Tung erfunden, sondern die amerikanischen Siedler im Unabhängigkeitskrieg gegen die Briten.

 Tote Frau

Mit welcher historischen weiblichen Person [1] würden Sie gerne zu Abend essen?

Mein Favorit wäre Uta von Naumburg, das ist die Stifterfigur mit drei Buchstaben, die wir vom Kreuzworträtsel her kennen. In die war ich schon als Bub verliebt. Ich hätt sie auch geheiratet, wenn ich mal groß gewesen wäre, aber der Altersunterschied wär dann doch zu groß gewesen.



[1]   Statt "historische weibliche Person" könnte man natürlich auch "tote Frau" sagen.

Die tickende Bombe in Gangkofen

Vor vielen Jahren hat der "Rottaler Anzeiger" berichtet, auf dem Marktplatz von Gangkofen sei ein Auto geparkt gewesen, aus dem tickende Geräusche gekommen seien. Man habe die Polizei alarmiert, die ein Team von Sprengstoffexperten aus München angefordert habe. Es habe sich herausgestellt, daß das Auto einige Tage dort mit eingeschalteten Scheinwerfern geparkt habe, die Batterie sei nach dieser Zeit fast leer gewesen, es habe nur noch dazu gereicht, daß das Blinkerrelais blinkerlos tick-tick-tick gemacht habe. Es war also nichts passiert, außer dem Anrücken des Sprengstoffteams.

Gut, damals hatte die Redaktion immerhin die Ausrede gehabt, daß in Gangkofen (anders als etwa in Berlin oder Wien) normalerweise wirklich nicht viel los ist, da freust du dich als Reporter über jeden Haufen, den ein Hund auf den Marktplatz geschissen hat.

15.3.26

Kunst und Erektion

 

So alt und so tot kannst du als Frau gar nicht sein, als daß du vor männlicher Nachstellung sicher wärst.

Wenn ein Gerücht zur Offenbarung wird

Je weniger du weißt, desto fester glaubst du daran

Wenn du in "Fisch und Fleisch" liest kann es passieren, daß dir aus dem Rechner die Wahrheit oder auch das Gegenteil entgegenlächelt. "Je länger ein historisches Ereignis zurückliegt, desto eher werden Tatsachen durch Meinungen ersetzt."

Ich mache eher die umgekehrte Beobachtung. Nimm an, ich käme heutzutage mit einem Bogen Papier vom Berg zurück und würde behaupten, auf diesem Papier habe mir Gott eine wichtige Botschaft notiert. Man würde mich höchstwahrscheinlich für einen durch­ge­knallten Spinner halten. Dabei ist meine Geschichte sehr gut dokumentiert, x Kameras haben mich gefilmt, wie ich vom Berg zurückkomme, man kann das Papier und die Schrift darauf analysieren, ich stehe für Interviews und Talkshows zur Verfügung, in denen mich jeder befragen und meine Darlegungen auf innere und äußere Glaubwürdigkeit abklopfen könnte.

Je älter eine solche Geschichte dagegen ist, je weniger gut sie dokumentiert ist, umso glaubwürdiger wird sie. Nimm die uralte Geschichte von Moses und dem Sinai, die uns überliefert ist von einem, der einen gekannt, welcher der Schwager eines guten Bekannten war, der wiederum der Ur-ur-ur-ur-Enkel von Moses gewesen sein soll... Sie wird ernst genommen als enthielte sie... äh,... Gottes Wort.

Und je öfter schon irgendwelche Leute an dieser alten Geschichte herum geändert haben für desto authentischer gilt sie. Man deutelt frohgemut an jedem Buchstaben des Textes, der, wie gesagt, bekanntermaßen x-mal redigiert worden ist. Theologie ist über ganz weite Strecken eine Gerüchtologie.

Die Bibel ist unmittelbar Gottes Wort, sie ist vom HErrn den menschlichen Autoren direkt in die Feder diktiert worden. - Woher weißt du das? - So steht's doch in der Bibel selbst, die ihrerseits Gottes Wort ist. Okay, ein bisserl interpretieren muß man schon...

Es gibt nichts Leichtgläubigeres als einen klugen Menschen, der glauben will, weil er sich dann besser fühlt. Der Mensch muß sich die Welt erklären, anders erträgt er sie nicht, anders kann er nicht in dieser Welt leben. Jede Theorie - buchstäblich und wortwörtlich: jede - ist besser als keine Theorie. Religionsstifter und Philosophen haben das erkannt und die Marktlücke mit Sinn gefüllt.

Ende der siebziger Jahre bin ich auf der Autobahn in Regensburg nach Norden gefahren. Das Autoradio war eingeschaltet und ich hörte gerade Nachrichten auf einem UKW-Sender des Bayerischen Rundfunks. Dann kam der Pfaffensteiner Tunnel und so ganz allmählich wurde der Empfang immer schlechter, bis schließlich im Inneren der Tunnelröhre überhaupt nichts mehr zu hören war.

Als die Ausfahrt näher kam, setzte das Programm wieder ein. Musik erst und dann sprach einer über die Musik - auf Polnisch! Kein Sprechgesang, sondern eine ganz normale Ansage, wie vor jeder Sendung, nur eben diesmal auf Polnisch.

Innerhalb von Sekunden hatte ich mir eine Theorie zurechtgelegt; daß nämlich bei bestimmten Wetterlagen Überreichweiten bei UKW-Sendern auftreten könnten (das ist tatsächlich so), daß ferner topographische Besonderheiten an der Nordseite des Berges diese Überreichweiten verstärken würden, so daß jetzt eben grade ein polnischer Sender in hervorragender Qualität zu empfangen sei.

Damit war ich vorerst zufrieden und fing an, mich wieder zu entspannen, als der seinerzeit wohlbekannte Moderator Ado Schlier vom Bayerischen Rundfunk seine Stimme erhob und kundtat, es folge nun, in einer Übernahme vom polnischen Rundfunk, die Übertragung eines Jazzfestivals aus Zoppot.

Ach so, so einfach.

Schade um meine schöne Theorie, sie wäre soviel hypscher gewesen.

Big Zuckerberg is watching you

Einige Male im Jahr mache ich Kurse für Leute, die ihren Führerschein wiederhaben wollen, nachdem sie ihn zuvor wegen Alkohol verloren hatten. Du magst mich bedauern, aber wenn du nichts Gescheites nicht gelernt hast, mußt du dich als Psychologe durchfretten. Und wenn's ganz schlimm kommt, wartet eine elende Existenz als Verkehrspsychologe auf dich.

Eines Tages hatte wieder so ein Kurs begonnen, mit 6 Teilnehmern.

Am Tag nach der ersten Sitzung bekomme ich eine Facebook-Anfrage, ich könnte den Teilnehmer T. doch kennen, ob ich ihm nicht eine Anfrage senden wolle. Der Witz ist natürlich, daß ich von Herrn T.s Existenz vor Kursbeginn noch nie etwas gehört hatte, wie auch?

1.12.25

Die schöngeflötete Reichskristallnacht

Seit den achtziger Jahren erscheint vielen wohlmeinenden Menschen in Deutschland der Begriff "Reichskristallnacht" als bedenklich, da er ein Euphemismus sei und ein völlig falsches Bild vermittele. Er lasse die Pogrome der Nacht von 9. zum 10. Nov. 1938  wie eine festlich glitzernde Ball-Veranstaltung erscheinen.

Schon als Kind ließ mich die Formulierung "Reichskristallnacht" nicht an eine festliche Ballveranstaltung denken, sondern an die vielen Glasscherben von kaputten Schaufensterscheiben auf den Straßen.

Das Wort "Reichskristallnacht" wurde "bis 1988 völlig problemlos verwendet (...). Ganz ohne Anführungsstriche oder anderen Distanzmarkern. Erst mit der Rede des Bundestagspräsidenten Philipp Jenninger wurde „Reichskristallnacht“zum Problem und abgelöst durch Begriffe wie "Juden-Pogrom" oder "Reichspogromnacht". Dabei ist der Begriff "Reichskristallnacht" nicht von den Nazis geschaffen worden, erklärt (der Germanist) Thorsten Eitz. Vielmehr fand er Belege,„dass (der) Berliner Kabarettist Werner Finck das geprägt hat, und für die Verwendung und Prägung des Ausdrucks von den Nazis auch in den Knast gesteckt worden ist.

Deutschlandfunk Kultur

"Die erste nachgewiesene gedruckte Verwendung datiert vom 11. November 1945, als die „Berliner Zeitung“ das Wort benutzte, und zwar in Anführungszeichen. Schon kurz zuvor hatte der „Tagesspiegel“ darauf hingewiesen, dass die Pogrome„im Volksmund ,Kristallwoche’ genannt“ worden seien. (...) In der Propagandasprache der NSDAP taucht das Wort sowenig auf wie in internen Gestapo-Berichten; hier war meist von der „Judenaktion“ die Rede.

(...)

Nicht einmal der Journalist und Sprachexperte Dolf Sternberger, der unmittelbar nach 1945 begonnen hatte, die Deutschen über menschenverachtende Formulierungen „Aus dem Wörterbuch des Unmenschen“ aufzuklären, vermochte den Ursprung des Wortes aufklären: 'Mir ist in Gesprächen gelegentlich die Vermutung begegnet, die Täter selbst hätten das Wort erfunden. Und es ist wahr, man könnte auch ein Interesse am Euphemismus heraushören.' Doch glaubte Sternberger nicht, dass das Wort ,Reichskristallnacht’ „einer nationalsozialistischen Schnoddrigkeit“ seine Entstehung verdankt: 'Das Verwegen-Lustige daran wäre dem Göringschen Milieu zwar durchaus zuzutrauen, nicht aber der Jux mit dem ,Reich’.([1]) Diese Zusammensetzung hat ja auch eine höhnische Note, indem sie das parteiamtliche und das reichseinheitlich Durchorganisierte des Vorgangs blitz- und witzhaft kenntlich macht. Kurz, die Vermutung spricht am ehesten für den anonymen Volkswitz, zumal den Berlinischen. Beweisen lässt sich diese Annahme freilich nicht.

Im Jahr 1978 schlug der damalige SPD-Bundestagsabgeordnete Klaus Thüsing vor, statt von „Reichskristallnacht“ besser von „Reichspogromnacht“ zu sprechen. In Deutschland hat sich dieser politisch korrekte Begriff seit 1988 zunehmend durchgesetzt, obwohl ihm im Gegensatz zur Prägung "Kristallnacht" jede Authentizität fehlt. In anderen Ländern wird jedoch weiter von der „Crystal night“, der „Nuit de Crystal“ oder der „Notte dei Cristalli“ gesprochen."

Berliner Morgenpost

Wie zuvor schon die Abschaffung des Wortes "Neger" so ist auch die schön­flötende Tabuisierung des Wortes "Reichskristallnacht" eine Art parfümierter Nebel, der wichtige Zusammenhänge verschleiert.

Der Franze hat gsagt



[1]   In diesem Zusammenhang sei an die "Reichswasserleiche" Kristina Söderbaum erinnert. Ihr Tod im Wasser am Ende zweier ihrer melodramatischen Filme ("Jugend" und "Jud Süß") brachte ihr diesen Spottnamen ein.

  Ob Rußland je ein Kolonialreich war? " Rußland war nie ein Kolonialreich ," mußte ich einstens im Internet - wo sonst? - lese...