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21.9.26

Der "Rot-Blaue Stuhl" von Gerrit Rietveld

Ich muß gestehen, ich weiß nicht, wie gut man in der Kunstgeschichte bewandert sein muß, um Gerrit Rietveld und seinen Rot-Blauen Stuhl zu kennen. Ich bin eher zufällig auf Rietveld und seinen Stuhl gestoßen. Wir - das heißt meine inzwischen verstorbene Frau und ich - hatten damals die Website eines kleinen Apartment-Hotels vom Italienischen ins Deutsche zu übersetzen. Man warb für das Etablissement unter anderem mit dem Hinweis, im Apartment "Luna" stehe eine Reproduktion des Rot-Blauen Stuhls zur gefälligen Benutzung.

Wir haben uns damals kundig gemacht. Gerrit Thomas Rietveld war ursprünglich Schreinermeister, entwickelte sich dann aber zu einem der bedeutendsten Architekten und Designer der De-Stijl-Gruppe.

Die Künstlergruppe De Stijl formierte sich um eine gleichnamige niederländische Zeitschrift für Bildende Kunst, die von Theo van Doesburg herausgegeben wurde und zwischen 1917 und 1932 erschien. 1917 entwarf Gerrit Rietveld seinen "Rot-Blauen Stuhl" ("Rood Blauwe Stoel" ). Ursprünglich war der Stuhl in den für De Stijl charakteristischen Farben Schwarz, Grau und Weiß gehalten. Beeinflußt von den Gemälden Piet Mondrians übernahm Rietveld 1923 die für Mondrian typische Farbgebung.

Ein Stuhl ist ein Gebrauchsgegenstand, auch ein von einem Designer entworfener Stuhl ist von vorneherein auf die massenhafte, industrielle Fertigung dieses Stuhlmodells ausgelegt. Ein industriell hergestellter Stuhl gleicht exakt dem anderen, das Original (sagen wir besser: der Prototyp) dieses Stuhls ist nicht besser oder schlechter als eine der unzähligen Kopien. Packt man den Prototyp und versteckt ihn im Lager irgendwo zwischen vielen, vielen Industriestühlen derselben Art, so wird er auf ewig unauffindbar bleiben.

Das Original des Rot-Blauen Stuhls befindet sich im Besitz des Stedelijk Museums in Amsterdam und wird dort stolz präsentiert. Würde das Museum den Stuhl je verkaufen, so erzielte es einen sehr hohen Preis, unvergleichlich viel höher als es der Preis wäre, würde Rietvelds Stuhlmodell in einem Möbelhaus angeboten.

Der besondere Witz an Rietvelds Stuhl ist der Umstand, daß Rietveld, obwohl selber Schreinermeister, den Stuhl zwar entworfen hat, gebaut hat den "Original"-Stuhl aber ein gewisser Gerard van de Groenekan.

Selten wird es so deutlich, daß der im Museum stehende Original-Stuhl eine Erfindung menschlicher Phantasie ist. Die künstlerische Leistung Rietvelds bestand in der Idee des Stuhls, die er auf Papier festgehalten hat und dann in Holz hat bauen lassen. Diese künstlerische Idee des Stuhls teilt sich dem Kunstfreund oder auch einem gewöhnlichen Hinsetzer bei jedem Exemplar der Baureihe in absolut gleicher Weise mit.

Der Kunstfreund und Hinsetzer hat bei einem industriell gefertigten Stuhl überdies den nicht hoch genug zu schätzenden Vorteil, daß er bei einem im Laufe des Gebrauchs unvermeidlichen Kratzer in der Lackierung oder sonst einer Abnutzungserscheinung nicht mehrere hunderttausend Euro Wertverlust hinnehmen muß. Einmal über den Kratzer lackieren und die originale Kunst ist wieder hergestellt.

Ein Studienfreund von mir war mal von einer Stuhlkreation der dänischen Firma "Den Permanente"  ([1]) fasziniert. Der Kauf dieses Meisterwerks dänischen Kunsthandwerks hätte sein Budget als Psychologiestudent weit überstiegen, so daß er sich den Katalog hat schicken lassen und anhand der zwei, drei Photos aus verschiedenen Perspektiven den Stuhl nachgebaut hat. Ich durfte den fertigen Stuhl besichtigen, wirklich hypsch. Ich durfte seinen Stuhl auch bearschen, das Ding hielt, was die Bilder versprochen hatten.

Ich bin allerdings gerne wieder aufgestanden. So richtig bequem - was ich von einem Stuhl zuvörderst erwarte - war er nicht. Mein Hintern ist doch deutlich konservativer als mein Kopf.



[1]   Der Laden von "Den Permanente" in Kopenhagen ist in Hitchcocks Film "Der zerrissene Vorhang" für weniger als eine Minute ein Schauplatz. Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, die dramatische Handlung der Szene hätte darin bestanden daß die Geheimagenten und die sie verfolgenden anderen Geheimagenten bei der einen Tür rein- und bei der anderen wieder rausgegangen sind.

24.5.26

Was ist eine "Lebendige Pharmaziege"?

Seit ich seinerzeit zu meinem 17. Geburtstag von meinen Schwestern und meinen Kindern ein - wenn auch gebrauchtes - iPad geschenkt bekommen habe habe ich diverse Podcasts abonniert und lasse mir von diesen abonnierten Podcasts automatisch interessante Hörstückerln anzeigen und manchmal auch herunterladen.

Unlängst ließ ich mein Auge über das Podcastangebot vom Tage schweifen und siehe, ich las die Überschrift "Lebendige Pharmaziege". Nanu, dachte ich bei mir und scrollte zur nächsten Überschrift.

Abends im Bette liegend kam mir die lebendige Pharmaziege wieder in den Sinn und ich schob das skurrile Wort auf die übliche Wirrnis in meinem Hirn, nur damit ich endlich einschlafen konnte. Der Trick klappte nicht, ich blieb wach. Also nahm ich mein iPhone vom Nachttischkasterl, denn ich hatte inzwischen vom Annamirl zu Whyn-8-en ihr altes iPhone 6 mini geschenkt bekommen. Ich öffnete die Seite mit der Pharmaziege und fand erneut besagte Überschrift. Ich scrollte eine Zeile weiter und las nun entsetzt: "Lebendige Pharmaziegeschichte - Deutschlands älteste Apotheke"

Ach so.

"Was aber Gott verbunden hat, das darf der Mensch nicht trennen." (Matth. 19,6 - Elberfelder Bibel) Das gilt nicht nur für Ehen und Gordische Malerfitzknoten, sondern auch für Morphemgrenzen.

17.4.26

Tote Frau

Mit welcher historischen weiblichen Person [1] würden Sie gerne zu Abend essen?

Mein Favorit wäre Uta von Naumburg, das ist die Stifterfigur mit drei Buchstaben, die wir vom Kreuzworträtsel her kennen. In die war ich schon als Bub verliebt. Ich hätt sie auch geheiratet, wenn ich mal groß gewesen wäre, aber der Altersunterschied wär dann doch zu groß gewesen.



[1]   Statt "historische weibliche Person" könnte man natürlich auch "tote Frau" sagen.

18.9.25

Vom Segen des Kotzbeckens

Oh, wie schön, ein Kotzbecken, die wahrscheinlich nützlichste Einrichtung seit der Erfindung des Arschenbechers (nein, Arschenbecher ist kein Tippfehler). Ich weise euch auf den links neben dem Becken montierten Haltegriff hin, mit dem verhindert werden soll, daß der sich Übergebende mit dem Gesicht im eigenen Erbrochenen landet. Solche Haltegriffe findet man auch gerne an den Becken der Pissoirs in Bierzeltnähe. Vor 40 Jahren habe ich dergleichen auch im Pissoir für Bedienstete in einer JVA (Gefängnis) gesehen.

Herr Kotzen auf Kotzen im Havelland,
In seinem Garten ein Kotzbecken stand.

 Jagdkotze


11.9.25

Leander Grönlein und die Dichtkunst

Der Einfachheit halber zitiere ich aus einer wahrscheinlich autobiographischen Erzählung eines gewissen Leander Grönlein:

"Über seinen geliebten Büchern sitzend, träumte der achtjährige Korff davon, einst Dichter oder Schriftsteller zu werden. Den Unterschied zwischen beidem erhoffte er im Laufe seiner Karriere noch herauszubekommen.

Schon in der Volksschule hatte man entdeckt, daß er ganz wunderhübsche Aufsätze schreiben konnte, mit einem wirklich erstaunlichen Wortschatz für so ein Kind und überhaupt, diese Eleganz und dieser Einfallsreichtum im Ausdruck...

Die Aussicht, dereinst auf Lesungen bewundert und vom Fernsehen zu Diskussionen eingeladen zu werden, hatte für den fünfzehnjährigen Korff etwas ungemein Verlockendes. Die mit dem Beruf des Schriftstellers ‑ oder Dichters, den Unterschied hatte er immer noch nicht herausbekommen ‑ verbundene Möglichkeit, zuhause, und also an jedem beliebigen Ort der Erde arbeiten zu können, nahm er als zwar nicht wesentlichen, aber doch angenehmen weiteren Vorteil dieses Berufes mit in seine Phantasien auf.

Hei, was ein Traum, eines Tages ein schmales Suhrkamp-Bändchen mit dem eigenen Namen drauf in den Händen zu halten. Oder, genauso gut, fast noch besser ein dtv-Büchlein, das Cover (damals sagte man noch Umschlag) von Celestino Piatti gestaltet; Autorenname, Titel, Untertitel auf dem Deckblatt in Kleinbuchstaben und rechtsbündig ausgerichtet.

Korffs einziges Problem in jenen Jahren war lediglich dies, daß er nichts hatte, worüber er hätte schreiben können. Die Welt, in der er selber lebte, die er also gut kannte und hätte beschreiben können, erschien ihm ungemein öde und langweilig. In dieser Welt passierte nichts, bzw. das, was darin vorfiel, schien ihm in keiner Weise berichtenswert.

Geschichten, wirkliche und echte Geschichten passieren in der argentinischen Pampa oder in den Häuserschluchten von New York, im Rom der Cäsaren oder im Paris des Werweißwievielten Louis'. Korffs geographische und historische Kenntnisse waren zwar schon in diesen jungen Jahren beachtlich, dennoch nicht ausreichend, um einigermaßen glaubwürdig so interessante und jedermann bekannte Schauplätze skizzieren zu können; von plausiblen Handlungen, die darin passieren können, gar nicht erst zu reden.

Korffs Romane wanderten deshalb schon nach wenigen Seiten, oft schon nach einigen Absätzen, als Fragmente in die Schublade.

Kurzfristig verfiel Korff auf den Trichter, sich einfach eine Vergangenheit zu erfinden, die Geschichte also nicht im realen Mittelalter spielen zu lassen, sondern in einem erfundenen Land, in einer erfundenen, mittelalterartigen Zeit. Irgendwie aber ist nie was draus geworden, wahrscheinlich weil er dachte, so was würde kein Mensch je lesen wollen. Wenn er damals hartnäckiger an dieser Idee gebastelt hätte, hätte Korff in jungen Jahren schon den Fantasy-Roman erfunden."

Ach, wer so schreiben kann, der findet in jungen Jahren schon einen Verleger, der darf in reiferen Jahren am Literaturnobelpreis wenigstens riechen.

Bei mir jedenfalls ist nichts draus geworden, mir ist nix eingefallen. Ich hätte Architekt werden sollen, jeder Arschitekt freut sich einen Arch ab, wenn ihm nix einfällt.

Ich geh jetzt weinen.

22.5.25

Muttertag

Am Donnerstag den 29. Mai 2025 ist Christae Himmelfahrt, also Muttertag. Horden entmenschter Weiber werden an diesem - wie noch an jedem - Muttertage singend, grölend, schbeibend und natürlich sturzbesoffen durch unsere Städte, Dörfer und Wälder ziehen.

Frauen sind so was von ordinär und peinlich, das glaubst du nicht.

28.11.24

Der junge Dichter und das Schöne Kind

Der Mathematiker Alfred Pringsheim (nur hochgebildete Menschen, wie zum Beispiel ich, wissen heute noch von ihm) besuchte 1876, da er im 26. Jahre seines Lebens stand, die ersten Wagner-Festspiele auf dem Grünen Hügel von Beirut [1]. Abends beim Bier, das damals zur Festspielzeit unglaublich schwer zu bekommen war, stritt er sich mit einem anderen Kunstkenner so leidenschaftlich über die Kunst, daß er dem anderen Kunstfreund schließlich ein Seidla Bier über den Kopf zog. Seither trug Alfred Pringsheim den Beinamen "Schoppenhauer".

Mit der ihm später angetrauten Gertrude Hedwig Anna Dohm, einer Tochter der bekannten Berliner Frauenrechtlerin Hedwig Dohm, zeugte er [2] die Zwillinge Klaus und Katharina, genannt Katia. Als Katia so umra 10 Jahre alt war, wurde sie von Franz von Lenbach gemalt.

Von dem Gemälde ließ man Kopien anfertigen und verkaufte diese. Ein junger Mann, dem es gefiel, sich Thomas Mann zu nennen, verliebte sich in das schöne Kind, und - wahrlich - er seufzte, erfüllt von brennender Leidenschaft. Als er nach etlichen Jahren immer noch brannte, aber aufgehört hatte, zu seufzen, wurde er wieder ansatzweise vernünftig und er nahm eine Frau zur Frau, um das ehdem vergeblich angeseufzte Kind weitgehend zu vergessen. Jetzt erst, da er verheiratet und also gebunden war, erfuhr er, daß das Mädchen von damals Katia hieß, eine geborene Pringsheim war und jetzt eine verheiratete Katia Mann.

So einen Scheisendreck-Kitsch traut sich keiner auszudenken, nicht einmal Thomas Mann. Das Leben aber, merket auf, ist eine Schlampn.



[1]   Es gibt Menschen, die meinen, es müßte nicht "Beirut" heißen sondern "Bayreuth". Aber wie so vieles andere in dieser Welt ist auch dies nicht sicher.

[2]   Wenn diese ständige Fickerei nicht wäre, gäbe es viel weniger Leid und Streit auf Erden, wiewohl ein gewisser Sigmund Freud aus der Berggasse in Wien das genaue Gegenteil behauptet hat.

9.6.24

Jeder mag Donald, den unverschämten Kerl

Heute feiert Donald Duck, der unverschämte Kerl aus Entenhausen, den jeder mag, seinen 90. Geburtstag. Natürlich mag jeder Donald Duck, denn jeder ist froh, daß es Donald Duck nur im Zeichentrickfilm oder im Comic-Heft gibt. In der eigenen Nachbarschaft möchte dagegen niemand Donald oder gar Dagobert haben. Oder glaubt jemand ernsthaft, daß auch nur ein einziger Mensch seinen Namensvetter Donald Trump lieben und herzlich über ihn lachen würde, wenn es Donald Trump in Wirklichkeit gäbe?

13.5.24

Gravitationstoilette

Selbst Gebildete - nein: vor allem Gebildete - glauben bis heute, daß die Gravitationstoilette eine Erfindung von Isaac Newton wäre, während sie in Wirklichkeit bereits im Frühen Mittelalter unter dem Namen Plumpsklo urkundlich erwähnt wird.

7.3.24

Christoph Sieber trinkt ein Bier auf ex

In der Dezemberausgabe der Kabarettsendung "Mitternachtsspitzen" des WDR trank der Moderator Christoph Sieber vor laufender Kamera anderthalb Gläser Bier in jeweils einem einzigen Zug leer und erntete dafür vom Publikum tosenden Beifall.

Die Szene ist nicht neu, man kennt sie aus dem Komödienstadel oder dem Tegernseer Bauerntheater, vorausgesetzt, daß es das Tegernseer Bauerntheater überhaupt gibt. Nur ist es hier kein Kölsch (0,2 l), das der Künstler auf offener Bühne und in einem Zuge austrinkt, sondern eine Maß (1,0 l), bejubelt von einem durstigen Publikum. Und es ist auch keine Maß, die der Künstler austrinkt, sondern lediglich eine Halbe oder gar noch weniger, denn er trinkt aus einem Musikermaßkrug oder auch Theatermaßkrug.

Prost!

1.12.23

Kein Schwein ruft mich an

In einem Film vom Woody Allen (kann sein es war "Manhattan") gibt es folgenden running gag: Ein junger Geschäftsmann taucht zusammen mit Woody Allen an den verschiedensten Orten auf. Und überall, wo er auftaucht, besteht seine erste Handlung darin, daß er zum nächsten Telefon eilt, sein Büro anruft und die Telefonnummer des Apparates durchgibt, von dem aus er grad anruft. Bis voraussichtlich so und so lang sei er unter dieser Nummer zu erreichen.

Der Witz besteht nun darin, daß dieser junge Mann während des ganzen Films niemals von seinem Büro aus angerufen wird. Auch wenn er dort anruft, um die Telefonnummer durchzugeben, teilt man ihm niemals irgendeine wichtige Nachricht mit oder bittet ihn um eine Entscheidung oder ähnliches. Das heißt. der Fall, dessentwegen er ständig seine Erreichbarkeit durchgibt, tritt nie ein, das Ganze ist nichts weiter als Wichtigtuerei.

Heute hast du für sinnlose Kommunikation ein Handy oder gar ein Smartphone. Das heißt, "Kommunikation" ist vielleicht ein zu großes Wort für das, was vor allem die jüngeren Leute mit ihren Smartphones machen. Alle haben sie mindestens 1 Smartphone, wenn du sie aber anrufen willst, geht kein Schwanz ran.

Einige hier werden es wissen... ich mache staatlich verordnete Kurse, Führerschein, Saufen, Kiffen etc. pp.. Der eine Kurs ist speziell für Fahranfänger, die bei laufender Probezeit mit einem Alkohol- oder sonstigen Drogendelikt aufgefallen sind (in Deutschland gilt während der Probezeit die 0,0-Grenze). Im Frühjahr hing mehrere Wochen lang das feurige Schwert des Erzengels Weselsky drohend über uns, viermal mußte ein Kurstermin verschoben werden. Das ist lästig, weiter aber kein Problem, denkst du. Dann rufst du halt die Teilnehmer der Reihe nach an und informierst sie, die Handynummern hast du. Denkst du.

Zwei der zehn Teilnehmer erreichst du auf Anhieb, sie sind also schon mal informiert; vier weiteren Teilnehmern sprichst du auf den Anrufbeantworter, wenn er sich denn öffnet, der Rest bleibt im Ozean des Internets verschollen. Die jungen Leute besitzen, wie bereits erwähnt, mindestens ein Smartphone [1], aber sie gehen nicht ran, wenn man sie anruft. Das heißt, wenn ihre Freunde borgward1 bis borgward317 anrufen gehen sie schon ran, ist der Anrufer allerdings nicht in ihrem Telefonregister gespeichert, wird er weggedrückt oder gar automatisch blockiert. So schließt sich der Kreis: Vor lauter Kommunikationsmöglichkeit kommt keine Kommunikation mehr zustande.

Ach.



[1]   Ohne Smartphone bist du heutigentags definitiv kein Mensch, du wirst als gallertartige Qualle eingestuft.

20.11.23

Migrationsgeschichte

Ins "Deutschland" südlich des Limes sind die Juden noch vor den Germanen eingewandert. Die Römer hatten damals ja nicht Germanen besiegt und kolonisiert, sondern Kelten. Im Gefolge der Römer waren Juden gekommen, die Germanen tröpfelten erst paar Jahrhunderte später hier ein. Noch vor dem ersten protogermanischen Wort wurde hier im Süden Latein und Hebräisch gesprochen.

Im Gebiet des heutigen Brandenburg hat der slawische Volksstamm der Pruzzen das Kunststück fertiggebracht, nach Deutschland einzuwandern, ohne sich von der Stelle zu bewegen. Das Protorussisch, das diese Pruzzen genuschelt haben, wurde immer merkwürdiger, bis sich schließlich rausstellte, daß die Pruzzen das Berlinern erfunden hatten. Ob das ein Fortschritt war, darüber kann man füglich streiten.

12.10.23

Der Todesschrei der Rose

Es geschah in den sechziger Jahren, noch war Science-Fiction in Deutschland weitgehend unbekannt. Okay, es gab die mir leicht dubios erschienenen Hans-Dominik-Romane in Hardcover, Jules Verne gab's bei Fischer als Taschenbuch, die US-amerikanischen Klassiker aber kannte kein Schwanz, nicht mal Asimov, Heinlein etc. pp. waren damals in Deutschland bekannt. "In Deutschland auf dem Buchmarkt bekannt..." müßte man eigentlich schreiben, denn Heinlein, Asimov etc. pp. wurden damals als Heftromane (vulgo: Schundromane) für 70 Pfennige, später 80 Fennje verkauft. Die bekanntesten Reihen waren "Utopia" vom Pabel-Verlag und "Terra" vom Moewig-Verlag (oder war's umgekehrt?). Aus Gründen, die ich hier nicht näher erläutern möchte, war ich damals mehrere Jahre lang auf Schundromane und nur auf Schundromane fixiert und lernte so - aus Versehen, wenn man so will - die Hohe Literatur der USA kennen. Den Begriff "Hohe Literatur" verwende ich hier ausdrücklich nicht ironisch, ein Gutteil der damals als Schundroman vermarkteten Erzählungen sind in die Literaturgeschichte eingegangen.

Worauf ich hinaus will: In einer Science-Fiction-Kurzgeschichte erwarb ein Typ die Fähigkeit, die Sprache der Pflanzen zu verstehen. Anfangs erfreute ihn dies, er sprach mit den Disteln und Dornen und mit dem Kürschbaum auch, dann aber fraß sich das Schmerzensgewimmer jedes einzelnen, hingemähten Grashalms in sein Jehürrn. Als er den Todesschrei gefällter Bäume vernahm ging etwas in ihm entzwei und er verfiel dem Wahnsinn, noch ehe er Vegetarier werden konnte.

Ach.

Kafka ist heitere Schmunzellektüre im Vergleich.

Romananfänge

Der erste Satz des ersten Romans von Thomas Mann ist: "Was ist das." Und so geht's weiter: "-- Was -- ist das ..." - "Je, den Düwel ook, _c'est la question, ma très chère demoiselle_!"

Dieser erste Satz eines gänzlich anderen Schriftstellers ist auch nicht schlecht: "In M..., einer bedeutenden Stadt im oberen Italien, ließ die verwitwete Marquise von O..., eine Dame von vortrefflichem Ruf, und Mutter von mehreren wohlerzogenen Kindern, durch die Zeitungen bekannt machen: daß sie, ohne ihr Wissen, in andre Umstände gekommen sei, daß der Vater zu dem Kinde, das sie gebären würde, sich melden solle; und daß sie, aus Familienrücksichten, entschlossen wäre, ihn zu heiraten."

Mein Lieblingsromananfang ist aber dieser: "Zugegeben: ich bin Insasse einer Heil- und Pflegeanstalt..."

Max Frisch hat einst einen Roman über einen schwulen Bleistift geschrieben, der so begann: "Wir starteten in La Guardia, New York, mit dreistündiger Verspätung infolge Schneestürmen." Im Folgenden kann "Homo Faber" jedoch die geweckten Erwartungen nicht einlösen. Obwohl die Handlung stellenweise aufregend ist [1] schafft es Frisch, derart verschnarcht zu erzählen, daß ich noch vor der (unwissentlichen, versteht sich) Liebesaffäre Fabers mit seiner leiblichen Tochter eingeschlafen bin.

Aber pfeif drauf. Der beste Romananfang ist eh dieser:

"In wollüstiger Vorfreude leckte sich Shirley über ihre feuchtschimmernden Lippen. 'Ich glaube, wir werden heute abend noch viel Spaß haben miteinander', gurrte sie mit rauchiger Altstimme, während sie langsam, aufreizend langsam den schwarzseidenen BH öffnete und ihre strammen Brüste freilegte. Buzz Kowalsky hatte eine rotglänzende Birne; rot von den vielen Drinks, die er am heutigen Abend schon in sich hineingeschüttet hatte und schweißglänzend vor Aufregung. Er kicherte nervös beim Anblick der halbnackten Frau. Seine alkoholumnebelten Augen gaben ihr Bestes, einen lüsternen Ausdruck auf sein Gesicht zu zaubern. Shirley streifte nun auch den Slip von ihren Hüften und bot ihren schlanken, nahtlos braunen Körper ganz ohne Hüllen den begehrlichen Blicken Kowalskys dar. Mit einem trägen, lasziven Swingen ihres Körpers tänzelte sie auf ihn zu und kniete vor ihm nieder. Lüstern griffen gepflegte Hände mit rotlackierten Nägeln nach Kowalskys Unterhose. Da klopfte es an der Tür des Hotelzimmers. 'Oh, verflucht', stöhnte Kowalsky, der längst an einem Punkt war, wo ihn nichts mehr auf dieser Welt interessierte, nur noch der makellose Körper dieser willigen Frau. 'Kümmere dich nicht drum', flüsterte er Shirley ins Ohr. Der unerwünschte Besucher aber ließ sich nicht abwimmeln. Ein Schlag, ein Splittern und die aus dem Schloß getretene Tür schlug krachend auf. Ein schwarzgekleideter, schwarzmaskierter Mann sprang herein, brachte eine mattschimmernde MP in Anschlag und drückte ab. Eine Salve aus der automatischen Waffe des eiskalten Killers jagte auf Kowalsky zu, Kugeln & Kugeln & Kugeln zerfetzten seinen teigigen Leib und verwandelten ihn in einen blutigen... Mit wohligem Schnauben schob sich ein, mit Unterhose und Leiberl ansatzweise bekleideter Herr den letzten Löffel Rühreier zwischen die Zähne, spülte mit schwarzem, stark gesüßten Kaffee nach und ließ sich satt prustend gegen die Lehne seines Stuhles fallen. Er griff nach der Fernbedienung und schaltete Videorecorder und Fernseher aus."

Daß ich's nicht vergesse: Eine lobende Erwähnung verdient dieser grandiose Romananfang eines geschätzten Kollegen, der mit den ersten - autobiographischen - Sätzen bereits mitten hinein in die Handlung springt.

"Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und Finsternis lag auf der Tiefe; und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser."

Und außer Konkurrenz: "Eine Famulatur besteht ja nicht nur aus dem Zuschauen bei komplizierten Darmoperationen, aus Bauchfellaufschneiden, Lungenflügelzuklammern und Fußabsägen, sie besteht wirklich nicht nur aus Totenaugenzudrücken und aus Kinderherausziehen in die Welt. Eine Famulatur ist nicht nur das: abgesägte ganze und halbe Beine und Arme über die Schulter in den Emailkübel werfen. Auch besteht sie nicht aus dem ständig hinter dem Primarius und dem Assistenten und dem Assistenten des Assistenten Dahertrotteln, aus dem Schwanzdasein der Visite. Aus dem Vorspiegeln falscher Tatsachen kann eine Famulatur auch nicht bestehen, nicht aus dem, daß ich sage: “Der Eiter wird sich ganz einfach in ihrem Blut auflösen, und Sie sind wieder gesund.” Und aus hunderterlei anderen Lügen. Nicht nur daraus, dass ich sage: Es wird schon!” – wo nichts mehr wird. Eine Famulatur ist ja nicht nur eine Lehrstelle für Aufschneiden und Zunähen, für Abbinden und Aushalten. Eine Famulatur muß auch mit außerfleischlichen Tatsachen und Möglichkeiten rechnen."

Wessen Sound ist hier zu hören? Und in welchem Roman?



[1]   Der schwule Bleistift findet seinen Freund in dessen Haus in der mittelamerikanischen Einöde tot auf, verwest im fortgeschrittenen Stadium, umsummt von Schmeißfliegen und anderer Aasfauna.

7.9.23

Die Kriminalität wächst fünfmal schneller als die Bevölkerung

Ein Alarmruf aus aktuellem Anlaß: Die Kriminalität wächst, sie wächst nach neuesten Zahlen beinahe fünf mal so schnell wie unsere Bevölkerung. Polizei und Gerichte werden mit der Entwicklung kaum noch fertig, immer mehr Straftaten bleiben unaufgeklärt.

Diese Aussage ist auf's Äußerste beunruhigend: Die Kriminalität wächst überproportional, die Behörden stehen dem Phänomen weitgehend hilflos gegenüber, die Bedrohung wächst mit rasender Geschwindigkeit, das Problem wird uns über kurz oder lang - höchstwahrscheinlich über kurz - vernichten.

Die Lage ist ernst, Leute!

Der zitierte Spruch tauchte in der seit 56 Jahren erfolgreich laufenden Sendereihe [1] "Aktenzeichen XY - ungelöst" erstmals auf, er wurde in der allerersten Sendung dieser Reihe von Eduard Zimmermann höchstpersönlich ausgesprochen, im Jahre 1967.

Das Schüren von Angst vor der wachsenden Kriminalität [2] scheint zu den running gags konservativer Komiker zu gehören.



[1]   Heute sagt man - glaube ich - aus unerfindlichen Gründen "Format" dazu.

[2]   In Wirklichkeit sinkt die Kriminalitätsrate in Österreich und Deutschland, vor allem bei den schweren Delikten und seit es so viele Ausländer bei uns gibt.

25.7.23

Das verehrungswürdige Altar­bild

Colombey-les-Deux-Églises ist ein Dorf in Nordfrankreich, in dem ca. 700 Einwohner leben. Weltbekannt wurde die Ortschaft durch das Gemälde "Lesen unter dem Kreuz" von Jan van der Eyck (1492 - 1612), das jahrhundertelang auf einem Nebenaltar einer der beiden Kirchen zu bewundern war.

In den sechziger Jahren war das Bild von einem Tag auf den anderen verschwunden, daß es gestohlen wurde wird bis heute bestritten.

17.7.23

Das Schockierende am Sandwich und wie ich es rausgefunden habe

In den fünfziger Jahren kam das vordem weitgehend unbekannte englische Wort "Sandwich" in die deutsche Sprache. In den fünfziger Jahren war ich noch der Waldbauernbub und für Jahre war "Sandwich" für mich das Fürst-Pückler-Eis zwischen zwei Waffeln. 

 Ich hab überhaupt merkwürdige und manchmal ausgesprochen hartnäckige Assoziationen. Noch heute stelle ich mir, wenn ich das Wort "Luxus" höre, erst mal das gleichnamige Vanille-Stangerl-Eis mit Schokoglasur von Jopa vor.

Auf dem Gumminasium haben wir dann gelernt, daß es im sehr, sehr südlichen Südatlantik die Sandwichinseln gibt. Was haben wir damals gelacht, allerdings weiß ich heute nicht mehr, was wir uns seinerzeit unter einer Sandwichinsel vorgestellt haben. Mit Sand und mit Hexe hat's jedenfalls nichts zu tun, so viel war allen klar.

"Die Sandwichinseln sind benannt nach John Montagu, dem 4. Earl of Sandwich (* 13. November 1718, + 30. April 1792 in Chiswick). Montagu war ein britischer Diplomat und Staatsmann. Er ist heute vor allem bekannt durch das nach ihm benannte belegte Brot, das Sandwich." (Wikipedia)

Das nach dem "Earl of Sandwich (...) benannte belegte Brot" hat mich  jahrzehntelang und geradewegs in die Irre geführt. Nach meinem Sprachverständnis ist nämlich ein Belegtes Brot ein mit Wurst, Käse,  Gürkchen oder was immer belegtes (oder meinetwegen auch bestrichenes) Brot, und "Brot" meint hier Scheiben mehr oder weniger dunklen Brotes im Sinne der Reichsunmittelbaren Brotverordnung Karls III.

Ein "Sandwich" aber ist - wiederum in meinem Sprachverständnis - 1 2gliedriges Ensemble aufeinandergelegter 3eckiger Toastbrotscheiben. Toastbrot - weiß jeder - schmeckt wie Arsch und Friederich, es ist Watte auf Weizenbasis, eine reiz- und geschmacklose Trägersubstanz für allerlei Zeug. Getoastet aber kann man es schon runterwürgen.

Im Supermarkt kriegst du zweierlei Arten von Weißestbrot: Einerseits das Toastbrot, das tatsächlich zum Anbraten im elektrischen Anbrater gedacht ist und andererseits das American-Sandwich-Brot, das im Querschnitt ein gutes Stück größer ist als das Toastbrot. Und dieses Brot ist zum Rohessen bestimmt. An Bahnhöfen und anderen höchst dubiosen Orten bekommst du diese Sandwiches divers belegt und in Plastikdreiecke eingeschweißt.

Ich muß jetzt aufhören, mir ist schlecht. Oder wie Rilke einst schrieb:

Mir ist übel / Bringt mir einen Kübel

Mir ist schlecht / Bringt mir einen Specht

Heil Undercut!

Eine der Hauptursachen von Depressionen sind Friseure, meinte schon im frühen 16. Jahrhundert der Schweizer Arzt Theophrastus Bombastus von Hohenheim, besser bekannt unter seinem Künstlernamen Paracelsus. Von ihm stammt das geflügelt gewordene Wort "Post tonsorem omne animal triste" (Nach dem Friseurbesuch ist der Mensch von Schwermut erfüllt).

Du sagst der Friseuse, wie du die Haare gerne hättest, sie aber schneidet dir die Haare nach eigenem Gutdünken. Und zwar so, daß deine Mutter erst, später deine Frau und noch später deine Typberaterin meint "Jetzt schaust wieder wie ein anständiger Mensch aus." In Normaldeutsch übersetzt heißt der Satz "Du hast jetzt ein Arschgesicht / Ein arschgesicht'res findst du nicht."

Martin Luther seligen Angedenkens bekam auf dem Reichstag zu Worms 1521 ordentlich die Haare gewaschen und geschnitten und er hat sich danach dermaßen geschämt, daß er ein Jahr lang nicht mehr unter Leute ging. Er versteckte sich auf der Wartburg und übersetzte dort aus Langeweile das Neue Testament in's Deutsche. Noch heute endet die Bibel mit der Apokalypse und diese wiederum mit den Worten: Vom Barbier kömmt die Schwermut, von der Schwermut der Wermut und vom Wermut die Trunksucht.

https://blogger.googleusercontent.com/img/b/R29vZ2xl/AVvXsEiddY0_mKys2gksCtlEPGK9Zkmss7JdYFsma3mH7dv4ci1DHdMw0VIonJ6n0nu-NqcWrfYY93BIHmTDNSoidx-4CXPxa1dfXrjMclOmgQkIXssjs68VgjQGuV-Jgiscybk1XK-nKKEWzfS1Siars7bylgCZyPxnRGB4J0WMxwwzNAA4_40p5hYMyqoDir2Y/w374-h536/Snoor.jpg 

Die Frisur, die der depressive Herr weiter oben auf dem Photo trägt, nannte man früher Topfschnitt, weil die Mutter, wahlweise auch die Großmutter einem da einen Topf überstülpte und alles wegschnitt, was unten rausguckte. Heute nennt sich die Frisur Undercut und ist wahnsinnig trendy und stylish.

Die Wikipedia meint zum Undercut (Ein Uppercut ist übrigens ganz was anderes): "Der Haarschnitt war bereits von den 1920er bis zu den 1940er Jahren populär und wurde daher 2012 in der Süddeutschen Zeitung als „HJ-Frisur“ bezeichnet".

Und genauso ist es,

wenngleich der Herr auf diesem Bild aus dem HJ-Alter schon ein wenig heraus ist. Nichtsdestotrotz: ss rulez!

Dieser Herr trägt eine Original-Nazifresse zur Schau, von der geometrisch strengen Gasmaskenfrisur über den Entschlossenheit simulierenden Mund bis zum vorgereckten Kinn. Laß mich schweigen von der Blitzkrieg-Körperhaltung.

Minutenkurze Reschärsche hat mir verraten, daß es sich bei diesem Herrn um Ivan Prtajin handelt, einen Stürmer beim SV Wehen Wiesbaden, einem Verein, der schon im Vereinsnamen dem Geburtsschmerz der Frauen ein anrührendes Denkmal setzt. Prtajin, so erfahre ich weiter, kommt aus Kr******. Auch das noch.

Der "Rot-Blaue Stuhl" von Gerrit Rietveld

I ch muß gestehen, ich weiß nicht, wie gut man in der Kunstgeschichte bewandert sein muß, um Gerrit Rietveld und seinen Rot-Blauen Stuhl z...