20.5.22

Der Arbeiter, das unbekannte Wesen

In einem ansonsten durchaus löblichen Artikel zum Thema Billiglohn hat Verena Schmitt-Roschmann vor etlichen Jahren im FREITAG folgendes geschrieben:
"Es ist ein künstlich geschaffenes Billigproletariat ohne Rechte, das für uns Arbeit erledigt, die uns nichts wert ist."

Diese Aussage ist teils richtig. Was mich an dem Satz aber zusammenzucken läßt, das ist die Wortwahl. Da ist zum einen das Billigproletariat, da sind zum anderen "wir", die wir Leistungen entgegennehmen, die uns nicht viel wert sind. Wo verläuft die Trennlinie zwischen uns und denen? Wer ist eigentlich dieses "wir"? Sind wir die Unternehmer, die ihren Schnäppchen-Proleten zu wenig Lohn zahlen? Ich gebe zu Protokoll, daß ich nicht zu diesem Wir gehöre. Oder sind wir die Staatsbürger? Und wer sind dann die Billig-Proletarier, wenn wir ja schon die Staatsbürger sind?
Vor vielen, vielen Jahren hat mal Hermann L. Gremliza in der "konkret" einen Artikel aus der ZEIT zerlegt. Der ZEIT-Artikel hatte die Überschrift "Der Arbeiter, das unbekannte Wesen" (oder so ähnlich). Im Artikel selber hatte der Autor geschrieben, es werde derzeit viel über den Arbeiter geschrieben und geredet, kaum einer aber kenne den Arbeiter wirklich.
Gremliza hat nun sehr sarkastisch drauf hingewiesen, daß die Arbeiter die Mehrheit der Bevölkerung stellten. Wer nun behaupte, kaum einer kenne den Arbeiter, der konstruiere sich eine Gemeinschaft, eine Allgemeinheit, in welcher Arbeiter nicht vorkämen, bzw. nur als außerhalb der Allgemeinheit stehende Gruppe. Denn klar: Wären die Arbeiter Bestandteil dieser Gemeinschaft, so wäre die Behauptung, kaum einer kenne die Arbeiter, Bockmist der Sonderklasse. Ich muß jetzt nicht erklären, warum das Bockmist wäre, oder?

Am Sonntag will mein Süßer...

Als ich noch der Waldbauernbub war kam das Lied "Am Sonntag will mein Süßer mit mir segeln gehen" in Radio und Fernsee, gesungen von verschiedenen Interpretinnen.

Ein schmissiges Lied, man hörte es gern, dudel di die, und ich stellte mir Gitte Haenning vor, wie sie im Abendrot auf dem Segelboot das Abendbrot bereitet für ihren Süßen und für sich.

Die Zeit ging in's Land, ich wurde erwachsen und Gott sandte den Menschen in seinem Zorn die 80er Jahre. Neue Deutsche Welle, Provokation, eh schon wissen. Jetzt hörte ich genau dasselbe Lied mit genau demselben Text gesungen von einem Mann. Das Kopfkino veränderte sich.

Ich frage meinen Freund Google, was es wohl mit diesem Lied auf sich habe. Das Lidl aus den Achtzigern finde ich zwar nicht, aber ich sehe zu meiner Verblüffung, daß das Stück bereits Ende der Zwanziger Jahre entstanden ist, gesungen von mehreren Interpreten - und diesmal ist die männliche Form des Wortes richtig.

Vor wenigen Tagen nun rauscht mir das alte Lied erneut durch die Rübe, es ist ein Ohrwurm und ich trällere es in einer Tour vor mich hin. Plötzlich macht es Shklonk! in meinem Hirn und ich merke, auf welches Wort sich segeln reimt. Wie sagt der Dichter?

Woissvogi?

Südlich von des Leibes Mitte

Sah im Wald ich eine Hütte,

Fand darin ein Vögelein,

Wollte gern gemädelt sein.

 

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Ich hab noch einen Sonderbonus zum Thema "Liebe"

und einen zum Thema "Haß".

Die schöngeflötete Reichskristallnacht

Seit den achtziger Jahren erscheint vielen wohlmeinenden Menschen in Deutschland der Begriff " Reichskristallnacht " als bedenklic...