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16.9.20

Englisch und Italienisch

Ein Schulfreund von mir wurde einst in München von einem Amerikaner angesprochen, der vorsichtshalber - auf Englisch, versteht sich - erstmal fragte, ob mein Freund Englisch spreche. Er bekam in bestem Oxford-Englisch die Auskunft: "No Sir, I can't speak English." Dabei wollte er ihn gar nicht verarschen, die Antwort kam spontan, er fühlte sich nur nicht kompetent genug mit seinen Englischkenntnissen. Ich glaube aber, er hat dann doch noch gerafft, daß er nicht schnell mal Shakespeare übersetzen soll, sondern lediglich den Weg zur Soundso-Straße erklären soll.

 

Obwohl... Eine Shakespeare-Übersetzung wäre für ihn wahrscheinlich leichter gewesen. Shakespeare übersetzen, Hemingway lesen haben wir 8 Jahre lang in der Schule gelernt, kein Problem. Aber irgendwo in Schottland ein Kneipengespräch über die Herstellung und den Konsum von Whisky führen... vergiß es. Die Thronrede der Königin verstehe ich, das wohl, einer Parlamentsdebatte aber kann ich bis heute nicht oder nur in verstreuten Bruchstücken folgen. I understand it not, zefix. Ich bin nicht in der Lage, aus dem Geräuschteppich eines sprechenden Engländers sinnvolle Wörter herauszufiltern. Von einem Amerikaner will ich gar nicht erst reden, was die USA betrifft, so kann ich nicht mal der Thronrede von König Donald I. folgen, geschweige einem Cowboy aus Wyoming.

Ich dachte jahrelang, das läge daran, daß ich nie in meinem Leben auch nur einen Tag lang in einem englischsprachigen Land verbracht habe. In Bayern war der amerikanische Soldatensender AFN auf Mittelwelle sehr gut zu empfangen, immer wieder habe ich mir vorgenommen, da mal reinzuhören. Ich hab's nicht mal geschafft, mir die Hörspielreihe "Gunsmoke" (auf deutsch lief das im Fernsehen unter dem Titel "Rauchende Colts" bis zum Ende anzuhören. Klassenkameraden lernten fleißig das gesprochene Englisch, weil sie Texte der Rolling Stones, von Bob Dylan und Johnny Cash verstehen wollten. Mir ging diese Art von Musik voll am Arsch vorbei und tut es noch heute.

Und unsere Englischlehrer am Gymnasium konnten auch nicht so richtig fließend Englisch speaken. Außer die Meier Susi, die hatten wir in den ersten beiden Klassen Gymnasium. Es war 1960, keiner von uns konnte auch nur ansatzweise Englisch, sie aber hat den Unterricht konsequent auf Englisch gehalten. Irgendwelchen Fragen unsererseits auf Deutsch begegnete sie mit der stereotypen Formel "Say it in English, please!" Aber wenn du doch noch kaum einen Wortschatz hast... Huste mal, wenn du keinen Hals hast.  

Die anderen beiden Englischlehrer haben wir - diesmal bereits in der Mittel- bzw. Oberstufe - zweimal gebeten, den Unterricht doch auf Englisch zu halten, das ging einen Tag lang gut, am folgenden Tag war wieder business as usual.

 

Ich war fast 50, als ich anfing, Italienisch zu lernen, mit 50 bin ich dann für 10 Jahre nach Italien gezogen. Nun mußte ich Italienisch lernen und hab's dann auch so weit gelernt, daß ich als Übersetzer vom Italienischen ins Deutsche arbeiten konnte. Nach einiger Zeit war es kein Problem mehr, mich im Gemüseladen verständlich zu machen oder mit Kunden zu telefonieren. Einige haben mich sogar für einen Italiener gehalten (jedenfalls einige Minuten lang, ehe die Wortfindungsschwierigkeiten zutage traten), aber glaubst du, ich hätte einem Gespräch zwischen zwei Italienern folgen können? Ein italienischer Kinofilm, das italienische Fernsehen... irgendwie habe ich fast nie verstanden, um was es in dem Film eigentlich ging. Jetzt wußte ich es: Ich bin einfach dumm.

Letzte Zweifel an meiner Dummheit wurden ausgeräumt, als ich gezwungen war, Englisch zu sprechen. Es ist heut noch so: Ich fange einen Satz auf Englisch an und beende ihn auf Italienisch. Isn't it a jammer? Yes, it is a jammer.

6.9.20

Männerdomäne Regietheater

Als im Usenet wieder mal über das Phänomen des Regietheaters diskutiert wurde, fiel einem der Diskutanten auf, daß es ganz überwiegend männliche Regisseure sind, die für ihr Regietheater bekannt sind. Erstaunlicherweise, so merkt er an, gebe es immer noch nur sehr "wenige Damen in der Riege, deutlich weniger als in der Politik, warum eigentlich?"

Ich habe eine Antwort zu finden versucht: Stell dir eine Frau Regisseurin vor, zu der eine Schauspielerin kommt. "Hömma, Cora, ich bring das nicht, daß ich als Hexe splitterfaservöllignackt vor Macbeth und Publikum trete. Könnte man da nicht wenigstens einen Schleier..." Ich könnte mir vorstellen, daß Frau Cora in dieser Situation nicht die nötige Sensibilität hat, die Bedürfnisse ihrer eigenen Schönen Seele rigoros gegen jene der Schauspielerin durchzusetzen. Ein männlicher Regisseur sagt hier vielleicht eher klärende und tröstende Worte: "Hör zu, ich sehe Shakespeares Hexen nackt, also gehst du gefälligst nackt raus auf die Bühne, du Schlampe."

13.9.19

Arsch, Kacker, Zwischenfresser

 Wie Ödipus einmal mit dem Leben davonkam [1]

WAS BISHER GESCHAH:
In Theben wütet die Pest. Kreon, der Vorsitzende der IHK Theben, ist aus Delphi zurückgekommen, wo er das Orakel befragt hatte. Kreon ist der Bruder von Iokaste, der Königin und damit Schwager von Ödipus, dem König. Kreon ist gleichzeitig auch der Onkel von Ödipus, aber das weiß zu diesem Zeitpunkt noch keiner.
Der Schuster Demosthenes eilt in den Königspalast, um dort die Botschaft von der Rückkehr Kreons zu überbringen. Er gerät mit Ödipus in Streit, erkennt dann erst, daß es sich hierbei um den König handelt. Kreon berichtet, er habe von der Orakelin erfahren, daß der vorherige König Laios im Gebirge erschlagen worden sei und der Mörder sich in Theben befinde. Es gelte, den Mörder zu finden und zu bestrafen.
Man rüstet zur Gerichtsverhandlung, Ödipus und Kallipyga richten das Arbeitszimmer von Ödipus manierlich her [2].

3. Akt

Arbeitszimmer von König Ödipus

ÖDIPUS, KALLIPYGA

Das Arbeitszimmer von König Ödipus ist geprägt von schreiender Unordnung. Ödipus und Kallipyga sind mit Eifer dabei, das herzzerreißende Chaos aufzuräumen, so daß der Raum schließlich entfernt an einen Gerichtssaal erinnert.
Kallipyga klatscht mit grimmiger Genugtuung einen Bürostuhl auf den Fußboden.
KALLIPYGA Demosthenes ist ein Arschkriecher und Speichellecker. Ich kenne ihn nur zu gut. Es muß für ihn ungemein peinlich gewesen sein, als er erkannte, daß es der König war, den er schwach angeredet hatte.
ÖDIPUS Rasend peinlich.
KALLIPYGA Lachend Schade, daß ich nicht dabei sein durfte.
Ödipus stellt den Stapel, den er gerade nach irgendwohin transportieren wollte, irgendwohin und legt Kallipyga den Arm zärtlich, aber nicht ungebührlich vertraulich auf die Schulter.
ÖDIPUS Ach, Kallipyga, du kannst dir nicht vorstellen, wie ich den Auftritt genossen habe. Endlich einmal einer, der seinen König nicht auf Anhieb als König erkennt.
KALLIPYGA So populär, mein König?
ÖDIPUS So prominent.
KALLIPYGA Viele sehnen sich danach, prominent zu sein.
ÖDIPUS Weil sie's nicht sind. Wo immer du hinkommst die gleiche Leier: "Ja, Herr König!", "Selbstverständlich, mein König!", "Wünschen Herr König noch Suppe?"
Kallipyga lacht, da Ödipus die Zitate auch nachspielt.
ÖDIPUS Es ist entsetzlich, Kallipyga, einfach entsetzlich. Ein Buchhalter klappt Abends seine Bücher zu, geht nachhause und ist dort kein Buchhalter mehr, sondern Ehemann und Vater. Ich hingegen klappe irgendwann meine königlichen Akten zu, setze mich zum Essen und bin König. Und wenn ich morgens aufstehe, bin ich immer noch König - nie etwas anderes! Selbst meine Kinder nennen mich nicht Ödipus, sondern König. "Ey, König, du nervst", sagt Polyneikes zu mir, wenn ich ihn bitte, nicht alle seine Spielsachen über das ganze Zimmer fein zu verteilen. Manchmal, wenn ich wach liege, habe ich einen Traum: Ich stehe an einer x-beliebigen Pommes-Bude irgendwo in Theben, tilge eine Curry-Wurst Schluchzt - in Wirklichkeit kriege ich nie Curry-Wurst; mein Koch weigert sich, trotz Androhung der Folter. Ich tilge also an dieser Bude eine Curry-Wurst, blicke um mich und habe dabei das absolut sichere Bewußtsein, daß sich niemand im weiten Umkreis auch nur das Mindeste um mich und mein Schicksal schert. Ich esse - und niemand frägt mich, warum ich Curry-Wurst esse und nicht Schaschlik; warum ich jetzt esse und nicht erst in ein paar Stunden; was ich überhaupt hier zu suchen habe, an dieser miesen Bude. Niemand, hörst du, Kallipyga: Niemand kümmert sich um mich. Seufzt selig, erfüllt von der Vision Wenn ich unter dem Curry-Wurst-Schlingen plötzlich tot umfiele, dann wäre ich für die anderen Gäste und den Budeninhaber einen Tag lang Gesprächsstoff, mehr nicht.
Kallipyga geht lächelnd auf Ödipus zu, küßt ihn sanft auf die Stirne.
KALLIPYGA Armer König.
ÖDIPUS Vorwurfsvoll Siehst du!
Kallipyga küßt ihn nochmal auf die Stirne.
KALLIPYGA Armer Ödipus. Nicht-Prominent-Sein hat auch seine Nachteile, glaub' mir.
(...)
3 Akte später, Ödipus ist als Vatermörder und Motherfucker enttarnt, was er aber locker nimmt. Seine biologischen Erzeuger Iokaste und Laios sind ja auch seine Mörder, nur ein Zufall hat damals verhindert, daß der Mordanschlag geglückt ist. Ödipus hat sich nicht geblendet, er verflucht sich auch nicht. Zusammen mit Kallipyga geht er in seine Heimat Korinth ins Exil.

Nachszene

Eine Landschaft in der Nähe von Theben.

ÖDIPUS, KALLIPYGA

Gott, eben eine Landschaft in der Nähe von Theben.
Ödipus und Kallipyga gehen gemächlich einher. Außer je einem leichten Stoffbeutel, den sie quer über die Schulter hängen haben, tragen sie kein Gepäck bei sich. Sie gehen eng nebeneinander her, ohne sich dabei wirklich zu berühren. Jeder scheint in seine eigenen, nicht unangenehmen Gedanken vertieft.
Plötzlich lacht Ödipus laut auf. Kallipyga blickt um sich, ob sie irgendwo den Grund für sein Lachen fände. Sie findet ihn nicht.
KALLIPYGA Warum lachst du?
ÖDIPUS Ich habe gerade daran gedacht, wie oft sie mich in den letzten Jahren einen Hurensohn genannt hat.
Jetzt lachen beide, übermütig, locker.
Sie gehen weiter, vor ihnen taucht eine Pommes-Bude auf. Ödipus deutet erregt auf die bunten Reklametafeln an der ziemlich miesen, schmuddeligen Bude.
ÖDIPUS Verklärt Eine Pommes-Bude, wahrhaftig eine Pommes-Bude. Wenn ich Glück habe, haben sie Curry-Wurst.
Kallipyga verdreht in stummem Seufzen die Augen nach oben. Ödipus beschleunigt seinen Schritt.

ÖDIPUS, KALLIPYGA, THESEUS, ZWEI GÄSTE

Bei der Pommes-Bude angekommen, studiert Ödipus eine kleine Weile die Tafel mit dem Angebot und den Preisen. Dann wendet er sich an Kallipyga.
ÖDIPUS Du nimmst...?
Kallipyga steckt sich einen Zeigefinger in den Hals, deutet Ekel-Kotzen an.
KALLIPYGA Ein Mineralwasser.
Ödipus wendet sich, ganz aufgeregt vor Glück, an den Budenbesitzer.
ÖDIPUS Eine Cola, ein Mineralwasser und eine doppelte Portion Curry-Wurst.
THESEUS Mit oder ohne?
ÖDIPUS Mit oder ohne "was"?
THESEUS Pommes.
ÖDIPUS Mit Pommes.
Der wenig ausgeschlafene, nur ansatzweise rasierte Budenbesitzer schlurft nach hinten, wirft eine Curry-Wurst in die Mikrowelle und fummelt an seiner Friteuse rum. Ödipus und Kallipyga warten, an einem Eßtisch stehend, auf die Curry-Wurst. Neben ihnen mampft ein anderer Gast mit sichtlichem Behagen ein Schaschlik in sich hinein. Der Schaschlikesser betrachtet mit unverhohlener Neugier das eben angekommene Paar. Er beugt sich ein wenig zu Ödipus hin.
ERSTER GAST Sag, Kumpel, hab ich recht gehört? Du hast Curry-Wurst bestellt?
ÖDIPUS Na ja, schon. Darf ich nicht?
ERSTER GAST Kumpel, wegen mir darfst du alles.
Er wirft einen überdeutlichen Blick in Richtung Kallipyga, zwinkert dann Ödipus verschwörerisch zu und lacht über seine ungemein originelle Bemerkung.
ERSTER GAST Aber: Curry-Wurst bei THESEUS bestellen, ist ein Verbrechen.
Ödipus wird bleich.
ÖDIPUS Ist sie so schlecht, die Curry-Wurst hier?
Der Gast schüttelt den Kopf.
ERSTER GAST Auch nicht schlechter als überall. Aber das Schaschlik von Theseus...
Der Gast hält die zusammengedrückten Fingerspitzen an den Mund, küßt sie und läßt sie dann wieder auseinanderschnellen.
ERSTER GAST Wenn du schlau bist, verfütterst du die Curry-Wurst an den nächsten Hund und bestellst dir Schaschlik.
Der Budenbesitzer stellt Ödipus' Essen auf die Budentheke, wo es Ödipus abholen kann.
THESEUS 'n Appetit.
Ödipus zahlt die Zeche. Er reicht das Mineralwasser an Kallipyga weiter, ißt dann selber. Verständnislos den Kopf schüttelnd schaut ihm der Schaschlik-Fan eine Weile zu. Dann entfernt er sich, formlos grüßend.

ÖDIPUS, KALLIPYGA, THESEUS, EIN GAST

Ein weiterer Gast, der stehend, den Kopf auf den Tisch gelegt, gedöst hatte, ist inzwischen aufgewacht. Er blickt um sich, ist sichtlich betrunken. Er schaut auf seine Armbanduhr, überlegt eine Weile und wackelt dann auf den Tisch von Ödipus und Kallipyga zu.
ZWEITER GAST Tach, Kumpel.
Vorsichtig geworden nickt Ödipus nur, um nur ja kein Gespräch anzetteln.
ZWEITER GAST Kumpel, ich sage dir, es ist zu spät.
Ödipus nickt zustimmend, ißt weiter.
ZWEITER GAST Ist dir das klar, was das heißt?
Wieder nickt Ödipus.
ZWEITER GAST Warum machst du's dann?
Ödipus, der wirklich keine Ahnung hat, wovon die Rede ist, zuckt mit den Schultern. Der Betrunkene wendet sich an den Budenbesitzer.
ZWEITER GAST Hörst du das? Der Budenbesitzer nickt Hast du das gehört? Der Budenbesitzer nickt Ist dir sowas schon mal vorgekommen?
Der Budenbesitzer schüttelt den Kopf. Der Betrunkene richtet seinen Zeigefinger drohend in die Richtung von Ödipus.
ZWEITER GAST Es ist halb vier, Kumpel. Für's Mittagessen zu spät, fürs Abendessen viel zu früh. Und ich seh' dich hier essen. Drohend Ungeniert. Laut Außerhalb jeglicher Tischzeit.
Ödipus, der noch lang nicht fertig ist mit seiner Wurst, legt das Besteck beiseite, wischt sich Curry-Soße vom Mund und geht nun seinerseits auf den Betrunkenen zu.
ÖDIPUS Du wirst mich jetzt in Ruhe lassen, ja?
Der Betrunkene weicht einige Schritte zurück, noch im Weggehen mault er nach.
ZWEITER GAST Halblaut, aber deutlich Arsch, Kacker, Zwischen-Fresser.
Der Betrunkene kommt nah an Theseus in der Bude vorbei. Theseus greift aus seiner Bude raus, packt den Betrunkenen am Kragen.
THESEUS Du verpißt dich jetzt, klar?
ZWEITER GAST Eine miese, schmuddelige Bude hast du hier, Theseus. Sie paßt zu dir.
THESEUS Sie paßt zu meinen Gästen.
ZWEITER GAST Zu Ödipus Hast du gehört? Er hat dich beleidigt.
ÖDIPUS Er hat wohl eher dich gemeint.
ZWEITER GAST Willst du mich beleidigen?
Ödipus nickt, während er weiter ißt. Der Betrunkene ist nun richtig wütend.
ZWEITER GAST Arsch, Kacker, Zwischenfresser.
Bei jedem Wort macht der Betrunkene einen raschen, aggressiven Ausfallschritt in Richtung Ödipus, weicht dann sofort zwei Schritte zurück, um beim nächsten Schimpfwort wieder vorzustoßen.
ZWEITER GAST Geh doch, wenn's dir hier nicht paßt. Verschwinde! Was hast du überhaupt zu suchen hier? Um diese Zeit?
Während des vergangenen Dialoges hat Kallipyga aufmerksam zugehört, dabei immer wieder kleine, kurze Notizen auf ihr Bierfilzchen gemacht. Jetzt stupst sie Ödipus an.
KALLIPYGA Es ist Zeit zu gehen.
ÖDIPUS Noch habe ich Wurst auf meinem Teller.
KALLIPYGA Feierlich Da aber die Curry-Wurst dreimal gekräht hatte, barg er sein Haupt in den Händen und ging schluchzend davon.
ÖDIPUS Was?
Ödipus tippt mit seinem Zeigefinger an Kallipygas Stirn.
KALLIPYGA Zumindest an dieser Pommes-Bude schert man sich um dein Schicksal.
ÖDIPUS Was?
Ödipus schaut einige Sekunden lang konsterniert, er begreift nichts.
KALLIPYGA Man frägt dich, warum du Curry-Wurst ißt und nicht Schaschlik; man macht dir Vorwürfe, warum du jetzt ißt und nicht später; man frägt, was du überhaupt zu suchen hast, an dieser miesen Bude. Man kümmert sich um dich! Willst du allen Ernstes austesten, was passiert, wenn du hier tot umfällst?
Jetzt kapiert Ödipus. Er lacht.
ÖDIPUS Okay, ich gehe. Das Leben läßt mir, scheint es, keine Illusionen.
Er packt seinen Reisebeutel und wirft ihn wieder über die Schulter.
ÖDIPUS Gott, wie ich mich auf diese Curry-Wurst gefreut hatte.
Ödipus und Kallipyga gehen weiter, sie lassen die Pommes-Bude hinter sich.

ÖDIPUS, KALLIPYGA

Ödipus und Kallipyga gehen nah beieinander, sie berühren sich beim Gehen, ihre Hände suchen sich, finden sich. Sie bleiben stehen, schauen sich an. Irgendwann küssen sie sich.
ÖDIPUS Was machen wir da?
KALLIPYGA Wir küssen uns.
ÖDIPUS Wohin führt das?
Kallipyga breitet die Arme aus, zieht den Hals in die Schultern - Weiß-ichs?-juckts-mich?-Geste.
ÖDIPUS Eine so wunderbare Freundschaft wie unsere sollte man nicht leichtfertig durch Liebe in Gefahr bringen.
KALLIPYGA Ein Bonmot, geliebter König, nicht mehr.
ÖDIPUS Ein gutes Bonmot.
KALLIPYGA Scheiß drauf!
ÖDIPUS Lieber einen guten Freund verloren als eine gute Pointe.
Kallipyga schnippt verächtlich den Mittelfinger vom Daumen weg.
ÖDIPUS Oder doch nicht?
Ödipus denkt nach, dann legt er den Arm und Kallipygas Schulter und sie schlendern davon, Ödipus fröhlich einen kleinen Ballettsprung machend. Hinter der Bühne hört man beide noch übermütig kichern.

VORHANG




[1]  Aus dem Theaterstück "König Ödipus - Eine Komödie aus der Alten Zeit
[2]  Kallipyga heißt "Die Schönärschige", sie ist Dienstmagd und Kinderfrau bei Ödipussens. 

5.3.12

Nackigkeit und Kunst

Um die Nackigkeit in der Bildenden Kunst ist es merkwürdig bestellt. Fotografiert ist ein nackertes Manns- oder Weibsbild Schweinkram, so was konnte man sich früher als seriöser Mensch nur zuhause bei zugezogenen Vorhängen anschauen. Gemalt oder aus Marmor gehauen ist ein Nackedei dagegen Kunst, da konnte auch ein Tugendbold öffentlich ein Auge riskieren.

(Achtung, die Skulptur ist eine raffinierte Fälschung. Das Bild enthält sieben sachliche Fehler, wer sie findet, darf solange essen, bis er auch so schön ist wie Dickelangelos Mavid.)

Heute, in den Zeiten des Internets, da Pornographie nur einen Klick weit vom eigenen Schreibtisch entfernt ist, sollte man eigentlich durch pure Gewöhnung die Sache mit der Nackigkeit (weiblich oder männlich) etwas gelassener sehen als damals.
Denkt man, und wahrscheinlich denkt man im Großen und Ganzen auch richtig.
Dann aber wieder findet man Merkwürdigkeiten.

Der Herr, der sich hier einen Teller Spaghetti übers Haar gekippt hat und dazu etwas grenzdebil grinst, ist nicht der Linsmaier Mamp mit zwei Promille im Bierzelt. Ich weiß, der Linsmair macht solche Sachen, wenn er 10 Maß gestemmt hat, deswegen sage ich es ja, daß er es nicht ist.
Der Herr ist vielmehr Schauspieler und er tut nur so, als wäre er etwas wirr im Hirn. Wer jetzt errät, welches klassische Stück der europäischen Theatergeschichte hier inszeniert wurde, dem bescheinige ich eine profunde Kenntnis der Literatur. Anschließend (vielleicht kommt jetzt jemand drauf) streifte sich der grinsende Herr auch noch das Unterhoserl ab, steckte sich ein Würschtl ins Arsenloch und bot dann dem feinsinnigen und kunstverwöhnten Publikum der Berliner Schaubühne seinen naturbelassenen Unterleib samt halb im Ars versenktem Würstchen dar. Er habe damit, so las man, den Weltekel seiner Bühnenfigur Alceste darstellen wollen. Ars gratia artis.

Auf der Website www.nachtkritik.de entspann sich auf eine Kritik der Premiere hin eine Diskussion (unter anderem) über Nackigkeit auf dem Theater im Besonderen und in der Kunst im Allgemeinen.
Um meine oben schon geäußerte Unterscheidung zwischen Photographie und Malerei zu illustrieren, hatte ich im Laufe dieser Diskussion zwei Bilder weiblicher Unterleiber samt Kommentar auf meine Website gegeben und einen Link auf diese Seite gesetzt. Der Link wurde von der Redaktion der "nachtkritik" entfernt. Als Begründung wurde (erst auf Anfrage) angegeben, die Redaktion halte "die verschiedentlich geposteten Ausführungen zu privaten und weniger privaten Vorkommensweisen der Nacktheit (samt Links zu Bildbeispielen unübersichtlicher Natur) nicht für alle Leser in gleichem Maße relevant". Und es waren doch die Bilder, behaupte ich.
Nun sind Leser und Schreiber in der "nachtkritik" Leute vom Fach oder doch regelmäßige Theatergänger (außer mir, natürlich). Und wer heutigentags regelmäßig ins Theater geht, der ist in puncto Nacktheit zwangsläufig ziemlich abgebrüht.
Was für schweinöse Bilder muß also dieser Heinrich da auf seine Website gegeben haben, so schweinös, daß sogar Leute vom Theater rot werden!
Nun sollte ich endlich anmerken, daß ich beide Bilder der Online-Ausgabe der Tageszeitung "Die Welt" entnommen habe, einer Zeitung also, die im Hinblick auf optische Sensationen doch wesentlich betulicher ist als ihr Schwesterblatt BILD.
"Die Welt" hat auf ihrer Website unter dem (etwas merkwürdigen) Titel "Die Vulvalogie - Das Geheimnis des weiblichen Sexualorgans" eine Folge von zehn Bildern zum Thema.
Die "schärfste" Photographie zum Thema ist die hier:
 Das Beispiel aus der Malerei ist in dieser Serie (neben der Venus von Botticelli) das hier:

Da braucht jetzt keiner zusammenzuzucken, das Bild ist - so photorealistisch es bis ins kleinste Schamhaar hinein wirkt - tatsächlich gemalt.
Es trägt den Titel "Der Ursprung der Welt", ein ebenso treffender wie hinterfotziger (pardon!) Titel. Es wurde 1866 von Gustave Courbet gemalt, das Original hängt im Pariser Musée d'Orsay, "arte" hat dem Bild vor über 15 Jahren eine knapp halbstündige Dokumentation gewidmet.

24.3.10

Männerdomäne Regietheater

Als im Usenet wieder mal über das Phänomen des Regietheaters diskutiert wurde, fiel einem der Diskutanten auf, daß es ganz überwiegend männliche Regisseure sind, die für ihr Regietheater bekannt sind. Erstaunlicherweise, so merkt er an, gebe es immer noch nur sehr "wenige Damen in der Riege, deutlich weniger als in der Politik, warum eigentlich?"

Ich habe eine Antwort zu finden versucht:
Stell dir eine Frau Regisseurin vor, zu der eine Schauspielerin kommt. "Hömma, Cora, ich bring das nicht, daß ich als Hexe splitterfaservöllignackt vor Macbeth und Publikum trete. Könnte man da nicht wenigstens einen Schleier..."
Ich könnte mir vorstellen, daß Frau Cora in dieser Situation nicht die nötige Sensibilität hat, die Bedürfnisse ihrer eigenen Schönen Seele rigoros gegen jene der Schauspielerin durchzusetzen. Ein männlicher Regisseur sagt hier vielleicht eher klärende und tröstende Worte: "Hör zu, ich sehe Shakespeares Hexen nackt, also gehst du gefälligst nackt raus auf die Bühne, du Schlampe."

17.12.09

Dem Regisseur ist nichts zu schwör

Unter diesem Titel habe ich jetzt meine hier veröffentlichten Anmerkungen zur Regietheater-Debatte zu einem einzigen Artikel zusammengefaßt.
Wer sich dafür interessiert findet den Artikel auf meiner Website.

Anmerkung für die ganz Peniblen: Wer sich nicht dafür interessiert, fände den Artikel dort auch, wenn er sich dafür interessierte.

4.8.09

Regietheater - Die vierte

Mein Beiträge "Regietheater - Die zweite" und "Regietheater - Die dritte" hier im Blog habe ich zu einem Text zusammengefaßt und damit auf einen Artikel des Dramaturgen Carl Hegemann im "Freitag" geantwortet.

Ein gewisser pkaras hat darauf ausführlich geantwortet, worauf wiederum ich geantwortet habe:

"Ich muss Ihnen widersprechen, wenn Sie meinen dass Kehlmann nicht richtig zugeschlagen hat, sondern nur spielerisch andeuten wollte."

Was Kehlmann wollte, weiß ich nicht. Ich sehe, was er getan hat und das war nicht mehr, als einige, relativ wenige Sätze über das Regietheater von sich zu geben.

"Regisseure, die sich nicht am Text halten, sind für ihn zutiefst frustrierte Linke, die die Bühne für ihre ideologischen Belange missbrauchen und dann noch die Frechheit haben, dass als Kunst zu verkaufen. Und dafür noch öffentliche Gelder bekommen. Kehlmann hält Leute wie Zadek oder Peymann für Schwindler."

Ich habe die Diskussion um diese leidige Rede ein wenig verfolgt, so weit sie im Internet geführt wurde (an deutschsprachige Print-Medien komme ich hier in Süditalien nicht so leicht ran). Was mir aufgefallen ist, das ist der Umstand, daß so entsetzlich wenig entlang des Textes von Kehlmann argumentiert wird. "Zutiefst frustrierte Linke", "Bühne für ihre ideologischen Belange missbrauchen" und "das als Kunst verkaufen" - wo tauchen all diese Dinge in der Rede auf? "Schwindler" gar.

"Als spielerische Andeutung würde ich das nicht verstehen. Eher als tiefe Abneigung, mit dem Wunsch, diesen linken Banausen das Maul zu stopfen."

Ich weiß zu wenig über Daniel Kehlmann, um ihn politisch einordnen zu können. Anhand der Rede hatte ich gar nicht den Eindruck, daß er über Linke schimpft, und wenn doch, dann gerade nicht aus der rechten Ecke heraus. "Es hat wohl mit der folgenreichsten Allianz der vergangenen Jahrzehnte zu tun: dem Bündnis zwischen Kitsch und Avantgarde. Nach wie vor und allezeit schätzt der Philister das Althergebrachte, aber mittlerweile muß sich dieses Althergebrachte auf eine strikt formelhafte Weise als neu geben. Denn wer ein Reihenhaus bewohnen, christlich-konservative Parteien wählen, seine Kinder auf Privatschulen schicken und sich dennoch als aufgeschlossener Bohemien ohne Vorurteil fühlen möchte - was bleibt ihm denn anderes als das Theater? In einer Welt, in der niemand mehr Marx liest und kontroverse Diskussionen sich eigentlich nur noch um Sport drehen, ist das Regietheater zur letzten verbliebenen Schrumpfform linker Ideologie degeneriert."
Das ist böser Spott, freilich, aber das ist - so lese ich diese Worte - der Spott eines Linken über "Linke".
Und das mit dem "Maul stopfen" - Kehlmann schreibt im Gegenteil: "... man kann es auch ganz anders sehen, man darf selbstverständlich auch für die drastischste Verfremdung eintreten, aber man sollte sich deswegen nicht für einen fortschrittlichen Menschen halten." Das ist nicht die Forderung nach dem Stopfen des Mauls, sondern ein Satz gegen die Monopolisierung des Begriffs "fortschrittlich".

"Ob es tragisch ist, da dies ein Sohn eines Theatermachers, dem ein Erfolg als Regisseur wg. dieser Stümper verwehrt wurde, formuliert hat, kann ich nicht beantworten."

An diesem Punkte möchte ich Ihnen doch raten, ein bißchen mehr über Michael Kehlmann in Erfahrung zu bringen. "Erfolg als Regisseur verwehrt" ist sicher nicht die richtige Formulierung für einen Künstler, der am Burgtheater inszeniert, der in den sechziger und siebziger Jahren aufsehenerregende Fernsehinszenierungen abgeliefert hat.

"Kehlmann hält es nicht für nötig, Regisseure beim Namen zu nennen, die er für diesen Missbrauch verantwortlich macht."

Das meinte ich mit "angedeutet, aber nicht richtig zugeschlagen". Es wußte eh jeder, wen und was er meinte, arg viel Zeit hatte er nicht im gegebenen Rahmen, aber, wie man sieht, hat auch das bißchen ausgereicht, die Fasane aus dem Unterholz zu scheuchen.

"Irgendetwas hat er vom anderen Österreicher, der, weil er selber keine Anerkennung bekam, jegliche Bilder bekannter Expression etc verbieten liess. Kehlmann hat hohe Anerkennung bekommen für seine Arbeit, sein Vater aber nicht."

Ich halte mich hier vornehm zurück - stelle aber die Frage, ob der Vergleich von Kehlmann mit Hitler nicht doch etwas abgeschmackt ist? Ganz abgesehen davon, daß er keine Grundlage hat, denn Kehlmann (Sohn) ist Bestsellerautor und Kehlmann (Vater) war einer der profiliertesten österreichischen Theatermacher.

"Sprich, sich nach wie vor von Vorurteilen lenken lassen, genauso verklemmt sind, sich nicht mit Dingen auseinander setzten. Das scheint sich in der Rede von Kehlmann, aber auch durch Ihren Kommentar u.a. zu bestätigen."

Eine hochinteressante Anmerkung. Ich bin lernwillig und (hoffe ich doch) lernfähig. Ich flehe Sie (oder jeden anderen, der hier zufällig mitliest) an, mir meine Verklemmungen anhand meines Textes herauszupräparieren. Ich habe sehr ausführlich argumentiert, habe damit auch reichlich Angriffsfläche geboten. Bitte, was ist falsch an meiner Argumentation?

"Ich sehe die grosse Zustimmung für Kehlmann, 66%, als Indiz für einen Rückfall in bornierte Biedermeierzeiten, die jegliche künstlerische Darbietung nach dem Preisleitungsverhältnis bewertet (wo Shakespeare drin steht soll auch Shakespeare drin sein und nur dafür zahle ich) und dieses Kriterium auch dafür benutzt, Kunst von sog. Scharlatanerie zu unterscheiden."

Noch mal: Von Scharlatanerie hat Kehlmann nie gesprochen, und wenn doch, dann bitte ich um einen Hinweis.
Und was das Preis-Leistungs-Verhältnis betrifft, so dürfte das sog. Regietheater unbestrittenerweise unschlagbar sein. Da wird an nichts gespart, das ist Showbusiness auf höchstem Niveau, nicht nur ausstattungsmäßig, sondern auch künstlerisch. Das mag Sie jetzt überraschen, aber die meisten Inszenierungen, über die wir hier sprechen, sind sehr effektvolle und raffinierte Theaterveranstaltungen, gar kein Zweifel. Und wenn auf den Plakaten draufstünde (ich wiederhole mich jetzt, säufts!), daß hier Hans Müller-Möhrenschneider sein neues Theaterstück "Macbeth", nach einer Idee des Kollegen Shakespeare aufführt, dann ist dagegen nichts zu sagen. Ich habe mit Sicherheit nichts dagegen (das weiß ich), und Daniel Kehlmann wahrscheinlich auch nichts (das kann ich allerdings nur vermuten).

"Wenn Zadek, Peymann, später Castorf oder auch Perceval, nur um einige zu nennen, Shakespeare im 16. Jh belassen hätten, dann wäre er wahrscheinlich heute nicht Schulstoff."

Ich habe in den sechziger Jahren ein Provinzgymnasium in Niederbayern besucht und damals war Shakespeare ganz selbstverständlich Schulstoff (im Original), auch Christopher Marlowe. Und bei den Altsprachlern im anderen Klassenzimmer war es Sophokles, im Deutschunterricht war es der "Faust", der "Tell", der "Zerbrochene Krug" etc. pp. Lessing hat seinerzeit Shakespeare aus der Versenkung geholt und für die Deutschen entdeckt, seither ist er im deutschsprachigen Theater nie wieder in der Versenkung verschwunden.

"Er würde in Vergessenheit geraten, weil der Wert des Textes als solcher unerkannt und Shakespeare seine Gültigkeit als Autor auf das 16. Jh beschränkt bliebe. Da aber Shakespeare grossartige Figuren schuf, ist es doch ungeheuerlich reizvoll zu prüfen, ob diese Figuren heute noch Gültigkeiten haben oder nicht."

Und - haben sie es? Natürlich haben sie es, auch wenn ich das entsprechende Stück nur lese. Wieso hält man gerade Theaterautoren für dermaßen bescheuert, daß man sie ständig aktualisieren muß, während man Romane, Gedichte, Novellen ganz selbstverständlich auch heute noch original liest und sie - zumindest die besseren unter ihnen - für ausgesprochen aktuell und interessant findet? Muß der "Simplicius Simplicissimus" seine Abenteuer im Zweiten Weltkrieg erleben, damit er mir noch was sagt?

"Auch wenn es Ihnen schwer fällt, es ist der Mühe wert, sich mit Shakespeare-Inszenierungen eines Castorf oder Perceval auseinander zu setzen."

Ich sitze in Süditalien, deutschsprachige Theater sind weit, ich bin also auf Fernseh-Aufzeichnungen angewiesen und da muß ich nehmen, was grad kommt.
Vor etlichen Wochen hatte ich mich wieder mal, was ich eher selten mache, vor den Fernseher gesetzt und mal geschaut, was so läuft. Die privaten Sender überspring ich eh, so daß ich relativ bald durch war. Auf 3Sat lief gerade ein Theaterstück. 4 Typen wollten ein Mädchen anwanzen und diskutierten gerade, wer hingehen sollte. Die Schauspieler waren nicht schlecht, also blieb ich dabei. Nach einiger Zeit wurde klar, daß die 4 Typen dieselbe Person sind, halt in viererlei Gestalt. Dergleichen steck ich weg, als wenn's nix wäre.
Nach wiederum einiger Zeit kamen mir einige Textfetzen bekannt vor, nanu, sagte ich mir und sagte schließlich, daß dies wohl Schillers "Räuber" sein müßte. Ein Blick in den Videotext gab mir recht.
Ein weiteres Weilchen schaute ich zu, die Schauspieler waren wirklich gut und ich bin ein geduldiger Mensch, dann schaltete ich um.
Aber, immerhin, ich will gerecht sein: Das Stück war angekündigt als "Die Räuber" nach Friedrich Schiller. Dann paßt's ja wieder. Obwohl die notorischen Kulturschmocks in den Feuilletons dann doch wieder wahrheitswidrig und entgegen dem ausdrücklichen Wunsch des Regisseurs schrieben: "Nicolas Stemann inszeniert Schillers Räuber in Salzburg."

Obwohl. Stemann selber hat sich da neulich verplappert: "Und für Kehlmann habe ich noch einen Tipp: Sollte er im Laufe des Trubels, der nun auf seine Rede folgt, überraschend doch noch ein Interesse für Theater entwickeln, so kann er sich ja vielleicht mal meine Inszenierung von 'Die Räuber' anschauen." Nobody is perfect.

1.8.09

Regietheater - Die dritte

Mein Leserbrief zum Artikel von Peter Michalzik ist im Bronski-Blog der FR komplett zitiert worden. Was drum rum stand, der Beitrag von Bronski selbst und zwei der Kommentare dazu haben mich dazu verleitet, Anmerkungen dazu zu machen:

Bronski schrieb: "Sein Vater habe im Regisseur noch einen Diener des Autors gesehen. Klar, dass Kehlmann selbst Autor geworden ist."

Was ich im Theater sehe, das sind die Schauspieler auf der Bühne. Was ich nicht sehe, das ist zum einen der Autor und zum anderen der Regisseur. Wenn es eine gelungene Inszenierung ist, dann sollte mir eigentlich gar nicht bewußt werden, daß dafür neben den Schauspielern auch ein Regisseur und ein Autor verantwortlich sind. Deren Leistung ist einfach da.

"Manchmal wünschte ich, es wäre so, dass die Deutschen staatlich verordnete Zuck-und-hysterisch-Schrei-Kurse absolvieren müssten."

Hm, wenn das hülfe gegen exaltierte Theateraufführungen, dann sollte man in der Tat drüber nachdenken.

"Der Salzburger Schauspieldirektor Thomas Oberender sagt dazu im Gespräch mit FR-Redakteur Peter Michalzik: “Nennen Sie mir ein Beispiel dafür, was kein Regietheater wäre!”

Das ist ja nun ein uralter Kalauer, den Oberender da ausgräbt. Jeder weiß zwar, daß der Begriff Regietheater gemeinhin in einem engeren Sinne als "Regie im Theater" verwendet wird, aber man tut so, als wüßte man es nicht und erntet so einige wohlfeile Lacher von schlichteren Gemütern.

Stefan Simon wird zitiert: "Mir ist im Vertrauen zu Ohren gekommen, dass Schauspieler und Sänger, die sich gegen die Vergewaltigung durch Regisseure wehren, fürchten müssen, an deutschen Bühnen nicht mehr beschäftigt zu werden..."

In den achtziger Jahren hat der Bayerische Rundfunk mal ein Feature über die Geschichte der Schuhmode gesendet. Darin kam unter anderem eine Schauspielerin C. vor, die seit früher Jugend schon sehr gerne in hochhackigen Stöckelschuhen rumlief und ein fast fetischistisches Verhältnis zu diesen Dingern hatte.
Frau C. erzählte nun, sie habe mal in einer Macbeth-Inszenierung in Bochum (?) eine der drei Hexen gespielt und der Regisseur habe den Einfall (!) gehabt, die Hexen nackt auftreten zu lassen (ja, gut, ich nehme das Ausrufezeichen wieder zurück, vielleicht war das damals noch originell). Sie habe sich furchtbar geschämt, so berichtete Frau C. weiter, splitternackt auf der Bühne rumzustehen und habe den Regisseur (ich weiß den Namen nicht mehr, es war ein recht bekannter Name, aber ich komm nicht mehr drauf) gebeten, wenigstens ihre Stöckelschuhe anbehalten zu dürfen, sie fühle sich dann nicht mehr so ganz nackt. Man habe sich schließlich drauf geeinigt, daß sie einen Stöckelschuh habe tragen dürfen.
Ich habe die Geschichte deshalb so ausführlich erzählt, um klarzumachen, daß es hier überhaupt nicht um Theater, Regie oder Regietheater ging.
Was kann man aus dieser kleinen Geschichte schließen? Frau C. war es ausgesprochen widerlich, nackt auf der Bühne aufzutreten, aber sie hat es nicht gewagt, sich schlicht zu weigern. Sie wäre aus diesem Stück rausgeflogen und sie hätte ganz, ganz schlechte Karten für künftige Engagements gehabt - das schließe ich daraus.
Und Michael Kehlmann ist im Laufe der Diskussion um die Rede seines Sohnes unter anderem autoritäres Verhalten auf der Bühne vorgeworfen worden...

BvG schreibt: "Ohne eine möglichst werkgetreue und historisch möglichst authentische Darstellung würden Interpretationen, Aktualisierungen überhaupt nicht wahrgenommen und verstanden."

Nun, nun. Noch gibt es Theaterstücke auch zum Lesen. Noch bin ich nicht auf mein jeweiliges lokales Theater angewiesen, um mir ein Stück reinpfeifen zu können.

"Ohne eine zeitgemäße oder gar individuelle Interpretation würden viele Werke langweilig und unverständlich bleiben..."

Also, wenn ein Theaterstück vom Text her nur noch zum Gähnen reizt, dann sollte man es lieber doch im Regal stehen lassen, zum gelegentlichen Gebrauch durch Studenten, die sich das antun müssen, um einen akademischen Abschluß zu erwerben.

"Die Entscheidung, das eine oder das andere zu tun, ist sicher eine ästhetische Entscheidung, auch eine kommerzielle. Sie sollte aber nicht durch Können begrenzt werden."

Ganz ernsthaft: Was spräche dagegen, einen Hamlet auf Müller-Möhrenschneider-Art als "Hamlet von Hans Müller-Möhrenschneider, nach einer Idee von W. Shakespeare" auf die Bühne zu bringen? Hmnja, ich versteh schon, das liebe Geld. Wer würde sich dergleichen dann schon anschauen wollen?
Mein Vater war Metzger und vielleicht bin ich deshalb ein bisserl eng in meinen Anschauungen: Wenn irgendwo Leberkäs drin ist, dann sollte, so denk ich mir, auch "Leberkäs" draufstehen und nicht "Leberpastete". Auch einem Schauspielerscheucher stünde ein wenig Handwerker-Ethos nicht schlecht an.

Walter H. Krämer schrieb: "Angesichts des Todes von Jürgen Gosch, Peter Zadeck und Pina Bausch finde ich die Diskussion um das “Regietheater” beschämend..."

Du lieber Heiland, nur weil jemand gestorben ist, herrscht Diskussionsverbot? Für wie lange? Und wenn die Frist um ist, stirbt womöglich der Nächste. Braucht man jetzt schon Särge, um Barrikaden zu errichten?

Damit eines klar ist: Ich habe nichts gegen angedeutetes oder echtes Ficken auf offener Bühne, das hat man im "Salambo" auf der Reeperbahn schon in den sechziger Jahren gemacht, wenn ich recht informiert bin. Ich habe auch nichts gegen Striptease, Blutverspritzen, Kotzen etc. auf der Bühne, selbst eine Kombination von all dem tätert mich nicht wirklich vom Stockerl hauen. Man brüht ab im Lauf der Jahre.
Daß ein Theaterstück, das zunächst ja nur ein Text ist, für jede Aufführung interpretiert werden muß, versteht sich. Wenn da steht "Erwin geht ab", dann wird sich der Regisseur seine Gedanken machen müssen, wie er den Erwin abgehen läßt. Und wenn da steht "Erwin reißt seinen Mantel auf, deutet auf seinen erigierten Schwanz und kichert irr. Neun nackte Nymphen treten aus dem Wandschrank und tanzen wild. Die siebte Nymphe schraubt sich den Kopf ab und aus dem Halsstumpf spritzt ihr Blut und saut die Bühne voll. Angewidert geht Erwin ab", dann wird der Regisseur sich etwas einfallen lassen müssen, dies zu gestalten. Wenn dergleichen aber nicht im Text steht, dann geht Erwin halt einfach nur ab.
Zuviel verlangt? Langweilig? Verstaubt? Geht's denn ohne Bierzelt-Gaudi überhaupt nicht mehr?

30.7.09

Regietheater - Die zweite

Daß Daniel Kehlmanns Salzburger Rede vom 24. Juli 2009 zum Regietheater etliche alles in allem recht aufgeregte Kommentare provoziert hat, ist bemerkenswert. Bemerkenswert insofern, als Kehlmann - genau besehen - gar nicht richtig zugeschlagen hat, sondern bloß ein bißchen spielerisch angedeutet hat, wo man hinhauen könnte. Die Heftigkeit der Reaktionen läßt auf ein gläsernes Kinn bei den angegriffenen Boxern schließen.

Selbst der uralte Kalauer, es sei schließlich jedes Theater zwangsläufig Regietheater wird jetzt aus gegebenem Anlaß wieder ausgegraben. Jeder weiß zwar, daß der Begriff Regietheater gemeinhin in einem engeren Sinne als "Regie im Theater" verwendet wird, aber man tut so, als wüßte man es nicht und erntet so einige wohlfeile Lacher von schlichteren Gemütern.

Kehlmann sprach davon, es sei "eher möglich, unwidersprochen den reinsten Wahnwitz zu behaupten (...) als leise und schüchtern auszusprechen, daß die historisch akkurate Inszenierung eines Theaterstücks einfach nur eine ästhetische Entscheidung ist, nicht besser und nicht schlechter als die Verfremdung, auf keinen Fall aber ein per se reaktionäres Unterfangen." Man stürzt sich auf das Wort von der "historisch akkuraten Inszenierung" und baut sich als Gegenpol zum Regietheater das museale Theater auf - Shakespeare nur so, wie man es im Globe Theatre einst sah: Bei Tageslicht, ohne Beleuchtungseffekte, Hamlet in Strumpfhosen, Frauenrollen von Männern gespielt etc. pp. - Lächerlich das, sagt man und mit recht. Als ob es darum ginge.

Es geht darum, daß Shakespeare einen Text hinterlassen hat, die Vorlage für ein aufzuführendes The­a­terstück. Diesen Text kann ich lesen, mir das Stück also selbst im Hirn inszenieren oder ich kann es mir im Theater anschauen. Wenn ich mir ein Stück von Shakespeare, das ich zuvor noch nicht gelesen habe, im Theater ansehe, dann möchte ich nach dem Verlassen des Theaters eine ziemlich gute Vorstellung davon haben, was Shakespeare eigentlich geschrieben hat.

Aber, hör ich, das sind doch alte Stücke, die womöglich in noch viel älterer Zeit spielen. Wir müssen zu diesen alten Stücken neue Zugänge finden, wir müssen die zu Monumenten erstarrten Klassiker zerlegen und neu zusammensetzen, damit wir uns und unsere Welt in diesen Stücken wiedererkennen können.

Ah so.

Merkwürdigerweise habe ich beim Lesen dieser alten Stücke so gar nicht den Eindruck, als wehte mir der Staub der Jahrhunderte entgegen. Und bei denen, die ich nach quälender Lektüre schließlich wieder zuklappe, käme ich nie auf die Idee, man sollte sie aktualisieren.

Übertragen wir die Forderung nach Aktualisierung alter Stücke einmal auf andere Gebiete der Kunst, bei denen man es ebenso mit alten bis sehr alten Werken zu tun hat.

Ein Roman etwa ist zu einer bestimmten Zeit geschrieben worden und spielt vielleicht in einer anderen. Und wenn dieser Roman heute wieder neu aufgelegt wird, dann wird er so herausgebracht, wie er damals geschrieben wurde. Gut, wenn er schon etwas älter ist, wird die Rechtschreibung etwas angepaßt, aber damit hat sich's auch schon. Kein Herausgeber käme auf die Idee, er müßte den Roman, um ihn dem heutigen Publikum näherzubringen, aus der Zeit, in der er spielt, herausnehmen. Man vertraut darauf - und zu Recht - daß der heutige Leser, so er kein Narr ist, auch aus einer alten Geschichte heute noch gültige Bezüge herauslesen werde.

Aber stellen wir es uns einmal vor, ein Übersetzer habe den "Don Quichote" ins Deutsche zu übertragen und er ließe den Roman, auf daß er dem heutigen deutschen Publikum aktuell erscheine, im Mecklenburg-Vorpommern der neunziger Jahre spielen, füge überdies - die Aktualisierung auf die Spitze zu treiben - Texte moderner Autoren in den Roman, dazu Auszüge aus der BILD-Zeitung.

Hm.

Damit eines klar ist: Auf diese Weise kann ein äußerst spannender und interessanter Text entstehen, aber... Ja klar, der "Don Quichote" von Cervantes ist es nicht mehr. Es ist ein neues Kunstwerk entstanden, eher lose mit dem alten Text von damals verbunden. Im Buchgewerbe ist es selbstverständlicher Brauch, daß man dann auch nicht "Don Quichote von Miguel Cervantes" draufschreibt, sondern etwa "Cervantes-Variationen von Hugo Blobbersich".

Ein ebenfalls reizvolles Gedankenspiel ist es, die Situation vom Theater weg in den Konzertsaal zu übertragen. Ein kreativer, genialer Dirigent etwa nähme sich ein Stück aus der Musikliteratur - sagen wir mal "Bilder einer Ausstellung" - und führte dieses Stück mit Schlagzeug, Synthesizer und E-Gitarre auf, kräftig mit Stil-Elementen aus der Rockmusik versetzt. Die feinsinnigen Musikfreunde (die häufig auch feinsinnige Theaterfreunde sind) würden aufjaulen.

Nun wissen wir natürlich, daß Emerson, Lake and Palmer genau das oben Geschilderte mit dem Stück von Mussorgsky getan haben und großen Erfolg damit gehabt haben. Womit mein Argument widerlegt wäre? Nein, denn der entscheidende Punkt dabei ist, daß ELP ihre Version des Stücks niemals als Aufführung eines Werkes von Mussorgsky ausgegeben haben. Es wurde immer als eigenständiges Kunstwerk gesehen, das sich in seinen Grundzügen an Mussorgsky anlehnte.

Würde der genialische Regisseur Hans Müller-Möhrenschneider sein Stück "Hamlet" (nach Motiven des Kollegen Shakespeare) aufführen, würde sich keiner, auch Daniel Kehlmann nicht, aufregen. Natürlich steht es jedem frei, sich in der Weltliteratur zu bedienen und vorhandene Stücke zu bearbeiten.

Ein bekannter Regisseur, der auch ein wenig als Dramatiker dilettierte, hat mehrere Stücke verstorbener Kollegen bearbeitet und aufgeführt, auf die Bühne gebracht hat er sie aber als seine Bearbeitungen von Stücken anderer. So penibel war Brecht, dem ansonsten ein eher entspanntes Verhältnis zu Fragen des geistigen Eigentums nachgesagt wird.

Das wirklich Ärgerliche am Regietheater ist doch nicht der Stil der Aufführungen, sondern der Etikettenschwindel, der damit verbunden ist. Hans Müller-Möhrenschneider bringt ein eigenes, locker am "Hamlet" des Shakespeare orientiertes Stück auf die Bühne, tut aber so, als würde er Shakespeare inszenieren. Er versteckt sich hinter Shakespeare, weil alle Shakespeare sehen wollen, kein Schwein aber sich für die Stücke von Hans Müller-Möhrenschneider interessiert.

Ich nehme die Hälfte der obigen Aussage wieder zurück. Doch, auch die Regieeinfälle so mancher Aufführungen sind ärgerl... nein, eher kindisch. Ich meine jetzt die Marotte, alte Stücke in der modernen Zeit spielen zu lassen. Wenn ich einen alten König in einen dunklen Anzug mit Krawatte stecke, dann verändere ich ihn radikal. Dann ist er kein alter König mehr, sondern ein neuzeitlicher Präsident oder Wirtschaftsboß oder was. Dann aber paßt der Text nicht mehr, den ihm der Klassiker zu sprechen vorgibt. Und mit "Text" meine ich nicht nur den Sprachduktus, sondern auch den Inhalt dessen, was er sagt. Ein Chef des 21. Jahrhunderts hat andere Ideen im Kopf als ein Chef des 10. Jahrhunderts. Wenn er etwas verschleiern will, etwas rechtfertigen will, greift er auf andere Verschleierungs- oder Rechtfertigungsmuster zurück. Vieles vom Vergangenen bleibt, manches aber nicht.

Viele Geschichten funktionieren nur in der Zeit, in der sie spielen. Man nehme nur den "König Ödipus" von Sophokles, dessen Geschichte nur in archaischer Zeit läuft, überall sonst ist sie lächerlich. Die Geschichte käme gar nicht ins Laufen ohne

- die tiefe, existentielle Orakelgläubigkeit, die ohne Scheu vor aller Welt präsentiert wird

- die engste Verbindung zwischen allgemeiner politischer Machtgeschichte und Familiengeschichte

- die Angst vor der durchaus wahrscheinlich und plausibel erscheinenden Ermordung durch den eigenen, noch ungeborenen Sohn

- die straflose, noch nicht mal verpönte Möglichkeit, den neugeborenen Sohn umbringen zu las­sen

- die Selbstverständlichkeit, mit der Iokaste als Siegespreis demjenigen winkt, der die Sphinx besiegt.

Die Frage bleibt, warum das Theater glaubt, nur mit immer neuen Regie-Einfälle über die Runden zu kommen. Ich habe den bösen Verdacht, es liegt daran, daß relativ wenige Leute regelmäßig ins Theater gehen. Dort werden - so groß ist das Repertoire gar nicht - immer die gleichen Stücke gespielt. Immer die gleichen Leute schauen sich also immer die gleichen Stücke an. Das wird auf Dauer langweilig und um die Langeweile zu vertreiben wird halt ein bisserl eine Show gemacht.

Zum Schluß noch eine Anmerkung zur vielbelächelten Formulierung Kehlmanns, es solle der Regisseur der Diener des Autors sein. Die beeindruckendsten Theateraufführungen waren für mich jene, bei denen der Gedanke, daß es da wohl auch einen Regisseur gegeben haben müsse, gar nicht erst auftaucht. So wenig übrigens wie der Gedanke, daß das Stück wohl einer geschrieben haben muß. Anspringen tun dich erstmal nur die Schauspieler auf der Bühne.

Im Fernsehen habe ich mal eine Inszenierung des "Jedermann", den ich nie gelesen habe, gesehen. Salzburger Festspiele, natürlich, Regie Istvan Szabo, mit Brandauer, Hoppe etc. Ich war begeistert. Nach nüchterner Überlegung am Ende der Aufführung dachte ich mir: "Was für ein Scheißstück! Was für eine Holzhammerdramaturgie mit dem moralischen Zeigefinger!" (und dieses ewige, lächerlich altertümelnde "nit") Aber: "Was für eine Aufführung!" Ein absolut phantastisches Team hat es geschafft, aus einem Haufen Knochen ein prächtiges Schnitzerl zu zaubern (in durchaus konventionellem Inszenierungsstil übrigens).

28.7.09

Regietheaterschelte von Daniel Kehlmann

Jeder, der auch nur ein wenig in den Feuilletons stöbert, wird es mitbekommen haben, daß Daniel Kehlmann als Gastredner zur Eröffnung der Salzburger Festspiele einige böse Worte über das Regietheater verloren hat.

Auf den Websites finden sich normalerweise nur Zusammenfassungen (meist die immer gleiche Agenturmeldung). Die Salzburger Nachrichten haben die Rede in ihrer Gesamtheit abgedruckt, wen es interessiert, der findet sie hier.

Der von Kehlmann angesprochene Artikel von Karl Kraus über Erwin Piscator ist hier nachzulesen.

In der "Frankfurter Rundschau" vom 26. 07. 2009 hat Peter Michalzik die Rede Kehlmanns kommentiert. Ich habe folgenden Leserbrief dazu geschrieben:

Peter Michalzik wirft Kehlmann vor, seine Rede sei "ressentimentgeladen und argumentfrei zugleich" gewesen. Das ist richtig, Kehlmann hat in seiner Rede in der Tat zu wenig argumentiert, während andererseits Michalzik in seinem Artikel überhaupt nicht argumentiert.
Man übertrage nur mal die Situation vom Theater weg in den Konzertsaal. Ein genialer Dirigent nähme sich ein Stück aus der Musikliteratur - sagen wir mal "Bilder einer Ausstellung" - und führte dieses Stück mit Schlagzeug, Synthesizer und E-Gitarre auf, kräftig mit Elementen aus der Rockmusik versetzt. Die feinsinnigen Musikfreunde (die häufig auch feinsinnige Theaterfreunde sind) würden aufjaulen.
Nun wissen wir natürlich, daß Emerson, Lake and Palmer genau das oben Geschilderte mit dem Stück von Mussorgsky getan haben und großen Erfolg damit gehabt haben. Womit mein Argument widerlegt wäre.
Der entscheidende Punkt dabei ist aber, daß ELP ihre Version des Stücks niemals als Aufführung eines Werkes von Mussorgsky ausgegeben haben. Es wurde immer als eigenständiges Kunstwerk angesehen, das sich in seinen Grundzügen an Mussorgsky anlehnte. Würde der genialische Regisseur Hans Müller-Möhrenschneider sein Stück "Hamlet" (nach Motiven des Kollegen Shakespeare) aufführen, würde sich keiner aufregen. Natürlich steht es jedem frei, sich in der Weltliteratur zu bedienen und vorhandene Stücke zu bearbeiten.
Ein bekannter Regisseur, der auch ein wenig als Dramatiker dilettierte, hat mehrere Stücke verstorbener Kollegen bearbeitet und aufgeführt, auf die Bühne gebracht hat er sie aber als seine Bearbeitungen von Stücken anderer. So penibel war Brecht, der ansonsten Urheberrechte eher entspannt betrachtete.
Das Ärgerliche am Regietheater ist doch nicht der Stil der Aufführungen, sondern der Etikettenschwindel, der damit verbunden ist. Hans Müller-Möhrenschneider versteckt sich hinter Shakespeare, weil alle Shakespeare sehen wollen, kein Schwein aber sich für die Stücke von Hans Müller-Möhrenschneider interessiert.

Der "Rot-Blaue Stuhl" von Gerrit Rietveld

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