Wie Ödipus einmal mit dem Leben davonkam [1]
WAS BISHER GESCHAH:
In Theben wütet die Pest. Kreon, der Vorsitzende der IHK
Theben, ist aus Delphi zurückgekommen, wo er das Orakel befragt hatte. Kreon
ist der Bruder von Iokaste, der Königin und damit Schwager von Ödipus, dem
König. Kreon ist gleichzeitig auch der Onkel von Ödipus, aber das weiß zu
diesem Zeitpunkt noch keiner.
Der Schuster Demosthenes eilt in den Königspalast, um dort
die Botschaft von der Rückkehr Kreons zu überbringen. Er gerät mit Ödipus in
Streit, erkennt dann erst, daß es sich hierbei um den König handelt. Kreon
berichtet, er habe von der Orakelin erfahren, daß der vorherige König Laios im
Gebirge erschlagen worden sei und der Mörder sich in Theben befinde. Es gelte,
den Mörder zu finden und zu bestrafen.
Man rüstet zur Gerichtsverhandlung, Ödipus und Kallipyga
richten das Arbeitszimmer von Ödipus manierlich her [2].
3. Akt
Arbeitszimmer von König Ödipus
ÖDIPUS, KALLIPYGA
Das Arbeitszimmer von König Ödipus ist geprägt
von schreiender Unordnung. Ödipus und Kallipyga sind mit Eifer dabei, das
herzzerreißende Chaos aufzuräumen, so daß der Raum schließlich entfernt an einen
Gerichtssaal erinnert.
Kallipyga klatscht mit grimmiger Genugtuung
einen Bürostuhl auf den Fußboden.
KALLIPYGA Demosthenes ist ein Arschkriecher und
Speichellecker. Ich kenne ihn nur zu gut. Es muß für ihn ungemein peinlich
gewesen sein, als er erkannte, daß es der König war, den er schwach angeredet
hatte.
ÖDIPUS Rasend peinlich.
KALLIPYGA Lachend
Schade, daß ich nicht dabei sein durfte.
Ödipus stellt den Stapel, den er gerade nach
irgendwohin transportieren wollte, irgendwohin und legt Kallipyga den Arm
zärtlich, aber nicht ungebührlich vertraulich auf die Schulter.
ÖDIPUS Ach, Kallipyga, du kannst dir nicht
vorstellen, wie ich den Auftritt genossen habe. Endlich einmal einer, der
seinen König nicht auf Anhieb als König erkennt.
KALLIPYGA So populär, mein König?
ÖDIPUS So prominent.
KALLIPYGA Viele sehnen sich danach, prominent
zu sein.
ÖDIPUS Weil sie's nicht sind. Wo immer du
hinkommst die gleiche Leier: "Ja, Herr König!",
"Selbstverständlich, mein König!", "Wünschen Herr König noch Suppe?"
Kallipyga lacht, da Ödipus die Zitate auch
nachspielt.
ÖDIPUS Es ist entsetzlich, Kallipyga, einfach
entsetzlich. Ein Buchhalter klappt Abends seine Bücher zu, geht nachhause und
ist dort kein Buchhalter mehr, sondern Ehemann und Vater. Ich hingegen klappe
irgendwann meine königlichen Akten zu, setze mich zum Essen und bin König. Und
wenn ich morgens aufstehe, bin ich immer noch König - nie etwas anderes! Selbst
meine Kinder nennen mich nicht Ödipus, sondern König. "Ey, König, du
nervst", sagt Polyneikes zu mir, wenn ich ihn bitte, nicht alle seine
Spielsachen über das ganze Zimmer fein zu verteilen. Manchmal, wenn ich wach
liege, habe ich einen Traum: Ich stehe an einer x-beliebigen Pommes-Bude
irgendwo in Theben, tilge eine Curry-Wurst Schluchzt
- in Wirklichkeit kriege ich nie Curry-Wurst; mein Koch weigert sich, trotz
Androhung der Folter. Ich tilge also an dieser Bude eine Curry-Wurst, blicke um
mich und habe dabei das absolut sichere Bewußtsein, daß sich niemand im weiten
Umkreis auch nur das Mindeste um mich und mein Schicksal schert. Ich esse - und
niemand frägt mich, warum ich Curry-Wurst esse und nicht Schaschlik; warum ich
jetzt esse und nicht erst in ein paar Stunden; was ich überhaupt hier zu suchen
habe, an dieser miesen Bude. Niemand, hörst du, Kallipyga: Niemand kümmert sich
um mich. Seufzt selig, erfüllt von der
Vision Wenn ich unter dem Curry-Wurst-Schlingen plötzlich tot umfiele, dann
wäre ich für die anderen Gäste und den Budeninhaber einen Tag lang
Gesprächsstoff, mehr nicht.
Kallipyga geht lächelnd auf Ödipus zu, küßt ihn
sanft auf die Stirne.
KALLIPYGA Armer König.
ÖDIPUS Vorwurfsvoll
Siehst du!
Kallipyga küßt ihn nochmal auf die Stirne.
KALLIPYGA Armer Ödipus. Nicht-Prominent-Sein
hat auch seine Nachteile, glaub' mir.
(...)
3 Akte später, Ödipus ist als Vatermörder und Motherfucker
enttarnt, was er aber locker nimmt. Seine biologischen Erzeuger Iokaste und
Laios sind ja auch seine Mörder, nur ein Zufall hat damals verhindert, daß der
Mordanschlag geglückt ist. Ödipus hat sich nicht
geblendet, er verflucht sich auch nicht. Zusammen mit Kallipyga geht er in
seine Heimat Korinth ins Exil.
Nachszene
Eine Landschaft in der Nähe von Theben.
ÖDIPUS, KALLIPYGA
Gott, eben eine Landschaft in der Nähe von
Theben.
Ödipus und Kallipyga gehen gemächlich einher.
Außer je einem leichten Stoffbeutel, den sie quer über die Schulter hängen
haben, tragen sie kein Gepäck bei sich. Sie gehen eng nebeneinander her, ohne
sich dabei wirklich zu berühren. Jeder scheint in seine eigenen, nicht
unangenehmen Gedanken vertieft.
Plötzlich lacht Ödipus laut auf. Kallipyga
blickt um sich, ob sie irgendwo den Grund für sein Lachen fände. Sie findet ihn
nicht.
KALLIPYGA Warum lachst du?
ÖDIPUS Ich habe gerade daran gedacht, wie oft
sie mich in den letzten Jahren einen Hurensohn genannt hat.
Jetzt lachen beide, übermütig, locker.
Sie gehen weiter, vor ihnen taucht eine
Pommes-Bude auf. Ödipus deutet erregt auf die bunten Reklametafeln an der
ziemlich miesen, schmuddeligen Bude.
ÖDIPUS Verklärt
Eine Pommes-Bude, wahrhaftig eine Pommes-Bude. Wenn ich Glück habe, haben sie
Curry-Wurst.
Kallipyga verdreht in stummem Seufzen die Augen
nach oben. Ödipus beschleunigt seinen Schritt.
ÖDIPUS, KALLIPYGA, THESEUS, ZWEI GÄSTE
Bei der Pommes-Bude angekommen, studiert Ödipus
eine kleine Weile die Tafel mit dem Angebot und den Preisen. Dann wendet er
sich an Kallipyga.
ÖDIPUS Du nimmst...?
Kallipyga steckt sich einen Zeigefinger in den
Hals, deutet Ekel-Kotzen an.
KALLIPYGA Ein Mineralwasser.
Ödipus wendet sich, ganz aufgeregt vor Glück, an
den Budenbesitzer.
ÖDIPUS Eine Cola, ein Mineralwasser und eine
doppelte Portion Curry-Wurst.
THESEUS Mit oder ohne?
ÖDIPUS Mit oder ohne "was"?
THESEUS Pommes.
ÖDIPUS Mit Pommes.
Der wenig ausgeschlafene, nur ansatzweise
rasierte Budenbesitzer schlurft nach hinten, wirft eine Curry-Wurst in die
Mikrowelle und fummelt an seiner Friteuse rum. Ödipus und Kallipyga warten, an
einem Eßtisch stehend, auf die Curry-Wurst. Neben ihnen mampft ein anderer Gast
mit sichtlichem Behagen ein Schaschlik in sich hinein. Der Schaschlikesser
betrachtet mit unverhohlener Neugier das eben angekommene Paar. Er beugt sich
ein wenig zu Ödipus hin.
ERSTER GAST Sag, Kumpel, hab ich recht gehört?
Du hast Curry-Wurst bestellt?
ÖDIPUS Na ja, schon. Darf ich nicht?
ERSTER GAST Kumpel, wegen mir darfst du alles.
Er wirft einen überdeutlichen Blick in Richtung
Kallipyga, zwinkert dann Ödipus verschwörerisch zu und lacht über seine
ungemein originelle Bemerkung.
ERSTER GAST Aber: Curry-Wurst bei
THESEUS bestellen, ist ein Verbrechen.
Ödipus wird bleich.
ÖDIPUS Ist sie so schlecht, die Curry-Wurst
hier?
Der Gast schüttelt den Kopf.
ERSTER GAST Auch nicht schlechter als überall.
Aber das Schaschlik von Theseus...
Der Gast hält die zusammengedrückten
Fingerspitzen an den Mund, küßt sie und läßt sie dann wieder
auseinanderschnellen.
ERSTER GAST Wenn du schlau bist, verfütterst du
die Curry-Wurst an den nächsten Hund und bestellst dir Schaschlik.
Der Budenbesitzer stellt Ödipus' Essen auf die
Budentheke, wo es Ödipus abholen kann.
THESEUS 'n Appetit.
Ödipus zahlt die Zeche. Er reicht das
Mineralwasser an Kallipyga weiter, ißt dann selber. Verständnislos den Kopf
schüttelnd schaut ihm der Schaschlik-Fan eine Weile zu. Dann entfernt er sich,
formlos grüßend.
ÖDIPUS, KALLIPYGA, THESEUS, EIN GAST
Ein weiterer Gast, der stehend, den Kopf auf den
Tisch gelegt, gedöst hatte, ist inzwischen aufgewacht. Er blickt um sich, ist
sichtlich betrunken. Er schaut auf seine Armbanduhr, überlegt eine Weile und
wackelt dann auf den Tisch von Ödipus und Kallipyga zu.
ZWEITER GAST Tach, Kumpel.
Vorsichtig geworden nickt Ödipus nur, um nur ja
kein Gespräch anzetteln.
ZWEITER GAST Kumpel, ich sage dir, es ist zu
spät.
Ödipus nickt zustimmend, ißt weiter.
ZWEITER GAST Ist dir das klar, was das heißt?
Wieder nickt Ödipus.
ZWEITER GAST Warum machst du's dann?
Ödipus, der wirklich keine Ahnung hat, wovon die
Rede ist, zuckt mit den Schultern. Der Betrunkene wendet sich an den
Budenbesitzer.
ZWEITER GAST Hörst du das? Der Budenbesitzer nickt Hast du das gehört? Der Budenbesitzer nickt Ist dir sowas schon mal vorgekommen?
Der Budenbesitzer schüttelt den Kopf. Der
Betrunkene richtet seinen Zeigefinger drohend in die Richtung von Ödipus.
ZWEITER GAST Es ist halb vier, Kumpel. Für's
Mittagessen zu spät, fürs Abendessen viel zu früh. Und ich seh' dich hier
essen. Drohend Ungeniert. Laut Außerhalb jeglicher Tischzeit.
Ödipus, der noch lang nicht fertig ist mit
seiner Wurst, legt das Besteck beiseite, wischt sich Curry-Soße vom Mund und
geht nun seinerseits auf den Betrunkenen zu.
ÖDIPUS Du wirst mich jetzt in Ruhe lassen, ja?
Der Betrunkene weicht einige Schritte zurück,
noch im Weggehen mault er nach.
ZWEITER GAST Halblaut, aber deutlich Arsch, Kacker, Zwischen-Fresser.
Der Betrunkene kommt nah an Theseus in der Bude
vorbei. Theseus greift aus seiner Bude raus, packt den Betrunkenen am Kragen.
THESEUS Du verpißt dich jetzt, klar?
ZWEITER GAST Eine miese, schmuddelige Bude hast
du hier, Theseus. Sie paßt zu dir.
THESEUS Sie paßt zu meinen Gästen.
ZWEITER GAST Zu Ödipus Hast du gehört? Er hat dich beleidigt.
ZWEITER GAST Willst du mich beleidigen?
Ödipus nickt, während er weiter ißt. Der
Betrunkene ist nun richtig wütend.
ZWEITER GAST Arsch, Kacker, Zwischenfresser.
Bei jedem Wort macht der Betrunkene einen
raschen, aggressiven Ausfallschritt in Richtung Ödipus, weicht dann sofort zwei
Schritte zurück, um beim nächsten Schimpfwort wieder vorzustoßen.
ZWEITER GAST Geh doch, wenn's dir hier nicht
paßt. Verschwinde! Was hast du überhaupt zu suchen hier? Um diese Zeit?
Während des vergangenen Dialoges hat Kallipyga
aufmerksam zugehört, dabei immer wieder kleine, kurze Notizen auf ihr
Bierfilzchen gemacht. Jetzt stupst sie Ödipus an.
KALLIPYGA Es ist Zeit zu gehen.
ÖDIPUS Noch habe ich Wurst auf meinem Teller.
KALLIPYGA Feierlich
Da aber die Curry-Wurst dreimal gekräht hatte, barg er sein Haupt in den Händen
und ging schluchzend davon.
ÖDIPUS Was?
Ödipus tippt mit seinem Zeigefinger an
Kallipygas Stirn.
KALLIPYGA Zumindest an dieser Pommes-Bude
schert man sich um dein Schicksal.
ÖDIPUS Was?
Ödipus schaut einige Sekunden lang konsterniert,
er begreift nichts.
KALLIPYGA Man frägt dich, warum du Curry-Wurst
ißt und nicht Schaschlik; man macht dir Vorwürfe, warum du jetzt ißt und nicht
später; man frägt, was du überhaupt zu suchen hast, an dieser miesen Bude. Man
kümmert sich um dich! Willst du allen Ernstes austesten, was passiert, wenn du
hier tot umfällst?
Jetzt kapiert Ödipus. Er lacht.
ÖDIPUS Okay, ich gehe. Das Leben läßt mir,
scheint es, keine Illusionen.
Er packt seinen Reisebeutel und wirft ihn wieder
über die Schulter.
ÖDIPUS Gott, wie ich mich auf diese Curry-Wurst
gefreut hatte.
Ödipus und Kallipyga gehen weiter, sie lassen
die Pommes-Bude hinter sich.
ÖDIPUS, KALLIPYGA
Ödipus und Kallipyga gehen nah beieinander, sie
berühren sich beim Gehen, ihre Hände suchen sich, finden sich. Sie bleiben
stehen, schauen sich an. Irgendwann küssen sie sich.
ÖDIPUS Was machen wir da?
KALLIPYGA Wir küssen uns.
ÖDIPUS Wohin führt das?
Kallipyga breitet die Arme aus, zieht den Hals
in die Schultern - Weiß-ichs?-juckts-mich?-Geste.
ÖDIPUS Eine so wunderbare Freundschaft wie
unsere sollte man nicht leichtfertig durch Liebe in Gefahr bringen.
KALLIPYGA Ein Bonmot, geliebter König, nicht
mehr.
ÖDIPUS Ein gutes Bonmot.
KALLIPYGA Scheiß drauf!
ÖDIPUS Lieber einen guten Freund verloren als
eine gute Pointe.
Kallipyga schnippt verächtlich den Mittelfinger
vom Daumen weg.
ÖDIPUS Oder doch nicht?
Ödipus denkt nach, dann legt er den Arm und
Kallipygas Schulter und sie schlendern davon, Ödipus fröhlich einen kleinen
Ballettsprung machend. Hinter der Bühne hört man beide noch übermütig kichern.
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