25.4.22

Mein Trolley ist weder vom Esterhazy noch vom Nikolausi, sondern vom Osterhasi

Seit ich kein Auto mehr habe, weil ich in der Stadt keines brauche habe ich einen Einkaufstrolley. Ein Einkaufstrolley ist ein ganz wunderbares Gerät, es bewahrt dich davor, daß eines Tages deine Arme so lang sind, daß du dich in den Kniekehlen kratzen kannst, ohne dich im Oberleib zu verkrümmen. Er bewahrt dich auch vor einem verkrümmten Rücken, den du vom ständigen Rucksacktragen bekommst. Diese Scheißrucksäcke ([1]), die dich im Supermarkt oder im Bus gegen die Wand drücken wenn der Besitzer eine Drehbewegung macht. Und das bloß, weil Fahrradkörbe auf Rennrädern nicht so geil ausschauen.

Als ich noch der Wald­bau­ern­bub war hatten wir in der Schule den Diercke-Welt­atlas. Der Diercke Welt­atlas galt als Kno­chen­brecher, denn zwei- bis viermal die Woche muß­ten wir ihn im Schulranzen von zuhause in die Schule schleppen und wieder zu­rück. Viele von uns haben die Schulzeit trotzdem oh­ne größere Schäden hinter sich gebracht, was die Evolutionstheorie vom Überleben der Fittesten glorreich bestätigt. Einige jedoch hat es bös erwischt, verschärft durch den Umstand, daß sie überlebt haben. Sie sind mißgestaltet und müssen sich als Glööckler von Notre Dame durch's fernere Leben schlagen.

Das Bemerkenswerte an un­se­ren Schul­ran­zen war der Umstand, daß die Ranzen umso praller gefüllt und deshalb schwerer waren, je jünger die Kinder waren. Vor Schulen und an Schulbus­haltestellen kannst du Zehnjährige beobachten, die den Diercke-Weltatlas und die ganze Last menschlicher Existenz auf ihren niedergedrückten Buckeln tragen, es ist zum Gottserbarm. Je größer und kräftiger die Damen und Herren Schüler werden, desto leichter wird ihre Schultasche.

Vor einigen Jahren habe ich an einer Bushaltestelle (wo sonst?) zu einer Gruppe junger Menschen an der Schwelle vom Kind zum Jugendlichen gepredigt, alle hatten sie Ranzen und die meisten davon waren ersichtlich schwer. "Höret, Kinder", sagte ich ihnen, "laßt euch an Weihnachten oder zum nächsten Geburtstag einen Einkaufstrolley schenken. Dann könnt ihr künftig den Diercke-Weltatlas und das gesammelte Wissen unserer Zeit ebenso bequem hinter euch herziehen wie ich meine Einkäufe. Singend und tanzend würdet ihr durch die Straßen ziehen, so wie ich."

Das ginge nicht, sagte man mir. - Weil? - Weil wegen diesem und jenem und aus vielerlei anderen Gründen. In Wirklichkeit, sehen wir die Dinge doch mal realistisch, sind Trolleys so was von uncool, das glaubst du nicht. Trolleys sind Nachzieh-Rollatoren. Inzwischen habe ich meine Geschichte von der Trolley-Predigt einigen Leuten erzählt und noch jeder hat behauptet, was ich denn hätte, es gäbe inzwischen doch schon nicht wenige Schüler, die von Ranzen auf Trolleys umgestiegen seien. Ich aber, wahrlich, ich habe noch niemals einen Schüler mit einem Trolley gesehen. Die Sache erinnert ein bisserl an das Ungeheuer von Loch Ness: Jeder kann was darüber erzählen, gesehen hat es noch keiner.

Der letzte Satz gilt im übrigen - merk ich grad - ebenso für den Lieben Gott.

So ab dem 13., 14. Lebensjahr hatten wir dann Schultaschen statt der Ranzen, was die Sache nicht besser machte. Ich hatte als Schüler Schwielen an den Händen wie ein Bauarbeiter, an beiden Händen, weil ich in regelmäßigen Abständen die sauschwere Schultasche von der rechten in die linke Hand geschwungen hatte und wieder zurück.

1969, ich hatte gerade Abitur gemacht, sind erstmals Menschen auf dem Mond gelandet. Im Jahr darauf hatte Bernard Sadow eine Idee, auf die er 1972 ein Patent bekam. "Er befestigte vier Rollen unter der Längsseite des Koffers, brachte noch ein flexibles Band zum Ziehen an und meldete die Konstruktion unter dem Namen "Rolling Luggage" zum Patent an. Im April 1972 erhielt er es unter der Nummer 3.653.474." Ich hatte so ein Ding mal, es funktionierte so lala auf absolut glatter Bodenfläche, bei Unebenheiten auf einem ganz normalen Gehsteig etwa, kippte der Koffer gerne um, von Kopfsteinpflaster will ich gar nicht erst reden.

1987 erfand dann Robert Plath, ein Verkehrspilot, den Trolley, wie wir ihn heute kennen: Die Räder (meistens nur zwei) an der Schmalseite des Koffers, ein Teleskopgriff zum Ziehen. (Der Spiegel, 01.12.2011)

Das heißt, die Mondlandung kam vor dem Rollkoffer, bemannte (m/w/d) Raumfahrt war für den menschlichen Geist leichter zu machen als ein bequemer Koffer. Wenn diese Reihenfolge der Ereignisse nicht bemerkenswert ist, was ist dann bemerkenswert?

Wann wird ein weiteres Genie auf die Idee kommen, an die vier Räder eines Trolley-Koffers eine Bremse zu montieren, damit der Koffer nicht in jeder Kurve der Bahnstrecke, bei jeder Beschleunigung oder Bremsung durch's Abteil zu tanzen beginnt?

Die Mondfahrt wird heute von ziemlich vielen Menschen in Zweifel gezogen. Wie, man wagt kaum zu atmen bei dem Gedanken, wäre es, wenn sich eines Tages herausstellte, daß es die Trolley-Koffer so wenig gibt wie Zar Rasputin von Rußland?

Zum Osterfeste nun - mehr wollte ich eigentlich gar nicht erzählen - hat mir der Osterhase einen neuen Trolley gebracht, mit Treppensteigrädern und einem ausklappbaren Sitz, wenn mal am Bushäusl kein Platz mehr frei ist. Manchmal bietet mir ein freundlicher junger Mensch seinen Sitzplatz an, ich aber winke generös ab und klappe meinen Altersruhesitz auf.



[1]   Nix gegen die Rucksäcke, die du nun mal brauchst, wenn du auf dem Nanga Parbat oder der Anna Purna spazierengehen willst. (Vor der Notdurft, nach dem Essen / Darfst das Gendern nicht vergessen. - Jussuf von Eichendorff).

Parkplatzgedicht

(mit In- und Ausbrunst zu singen)

Früher, als die Kinder noch klein und ich noch jünger war, sang ich den Kindern beim Wickeln und auch später noch gerne das Lied vom Parkplatz und dem Frühtau vor:


 Im Frühtau am Parkplatz wir spein, fallera,

Bekotzen uns Hohose und Hemd, fallera,

Denn wir sind sturzbesoffen,

Das macht uns nicht betroffen,

Wir lieben das Saufen, holjo fallera.

Das Sterben der Piraten in Würde

Wahrscheinlich hat sich noch kaum jemand auf dieser Welt je Gedanken gemacht, wie es wäre, wenn die Piraten der Karibik (Johnny Depp, eh schon wissen) nicht wirklich, sondern ganz bedeutungsschwanger im Konjunktiv gestorben wären.

Wenn die Piraten sterben, oho!

Meere von Blut sich färben, oho!

Und jetzt im Konjunktiv:

Wenn die Piraten stürben, oho!

Meere von Blut sich fürben, oho!

Das sind die Tücken des Konjunktivs.

Apropos Konjunktiv: Jahrzehntelang habe ich in meiner kindlichen Einfalt gedacht, Konjunktivitis sei der zwanghafte Impuls, alles, was man sagen wolle, im Konjunktiv zu sagen. Ein gesunder Mensch würde sagen Ich meine, der an Konjunktivitis Erkrankte sagte hingegen Ich würde meinen. Beim Zwangsneurotiker im Endstadium heißt es dann Ich würden meinen wollen. Im Bairischen gibt's allerdings auch den Höflichkeitskonjunktiv: I hätt gern a Bier gehabt, heißt nicht, man habe früher mal unter bestimmten Voraussetzungen den Wunsch nach einem Bier gehabt, dieser Wunsch sei inzwischen verflogen und sie, die Kellnerin (m/w/d) müsse sich nicht um Bier bemühen. Den Höflichkeitskonjunktiv gibt's anscheinend auch im Sächsischen. In einem Leipzig-Tatort steigt Kommissar Ehrlicher in einem Stadel die Stufen zum Obergeschoß hinauf, wo ein Paar eben Anstalten macht, sich zu begatten. Dabei spricht er die Sätze "Oh, Entschuldigung, Hauptkommissar Ehrlicher. Ich hätte gern ein paar Fragen gehabt." Höflicher kann ein Bulle nicht mit dir umgehen.

Die Palme auf meinem Balkon

Das Nibelungenlied aber - merkt auf! - beginnt so:

Uns ist in alten mæren  wunders vil geseit

von helden lobebæren,  von grôzer arebeit,

(Uns wird in alten Erzählungen viel Wunderbares berichtet

von berühmten Helden, großer Mühsal,)

Ich muß gestehen, daß ich keinen grünen Daumen habe, noch nicht mal zwei linke. Blumen verwelken mir im Topf, obwohl ich sie gieße, vielleicht zu selten, vielleicht zu oft, Kakteen etwa und sogar gelegentlich dünge, vielleicht zu selten.

Seit einigen Jahren wohne ich in einer Etagenwohnung und der Garten ist für mich kein Problem mehr, um den kümmert sich der Hausmeister. Pflanzen in der Wohnung habe ich keine, ich bin so sensibel, ich will keiner Pflanze meine Pflege [1] zumuten.

Dann aber, es ist inzwischen auch schon wieder 1 Weile her, kam mein Sohn auf die Idee, mir eine Palme zu schenken. Eine Palme genau dieser Art hatten wir seinerzeit in Italien in einer größeren Variante vor dem Haus stehen.

Die Palme vor dem Haus war bereits die Bonsai-Variante einer dieser Palmen, die man in Süditalien überall herumstehen sieht, nun also die Bonsai-Variante dieser Bonsai-Palme. Im Prinzip bereitete mir die Palme kaum Ungemach, ich stellte sie auf den Balkon, ab und zu ein bisserl gießen und im Frühjahr die alten Zweige abschneiden, mehr brauchte es nicht. Ach so, ja, im Winter muß ich auf das Thermometer schauen, wenn Frost droht nehme ich die Palme rein in's Zimmer.

In diesem Frühjahr aber wollen die Zweige nicht und nicht größer werden, so richtig grün sind sie auch nicht. Die Diagnose ist klar: Der Blumentopf ist zu klein geworden und ein bisserl Dünger wär wahrscheinlich auch nicht schlecht. Wochenlang schiebe ich die Aktion vor mich her, mir graust es vor der Arbeit. Dann aber bin ich im Waschsalon und hab nur einen Fünfziger einstecken, den der Automat aber nicht annimmt. Im Laden rechts neben dem Waschsalon weigert man sich, mir den Schein zu wechseln, links daneben ist ein Blumenladen- Ich also rein und geschaut, welche Kleinigkeit ich kaufen könnte. Eine Pflanze im Topf will ich auf keinen Fall nehmen, noch eine Pflanze, das hätte mir gefehlt. Ich frage nach einem Blumentopf und bekomme ihn, dann noch ein bisserl Blumenerde. Und Dünger, Dünger natürlich auch.

Mit sauberer Wäsche wieder zuhause tue ich zunächst gar nichts. Tagelang. Mir graust es immer noch vor der Arbeit. Dann aber spricht die Palme mit verröchelnder Stimme zu mir, ihr sei es zu eng und sie lechze nach Dünger. So grausam will ich denn doch nicht sein, ich fasse mir also ein Herz und topfe die Palme um. Auf der Packung mit den Düngestäbchen steht, man solle umgetopfte Pflanzen erst nach drei Wochen düngen. Der Termin steht in meinem Kalender.

Nein, das wird keine Liebesgeschichte zwischen mir und der Palme. Aber es ist das Heldenepos von einem, der in die Abgründe menschlicher Existenz hinabgestiegen ist, um eine Palme zu retten. Und nächstes Jahr rette ich dann den Tropischen Regenwald, falls ich bis dahin ausreichend Blumentöpfe und Düngestäbchen finde.

 


[1]   Für die nördlicheren Mitleser: "...ich will keiner Flanze meine Fleje zumuten".

Die schöngeflötete Reichskristallnacht

Seit den achtziger Jahren erscheint vielen wohlmeinenden Menschen in Deutschland der Begriff " Reichskristallnacht " als bedenklic...