Donnerstag, 29. Dezember 2022

Korruption im Feuilleton

Dekoration einer Talk-Show. In weichen, dicken Ledersesseln sitzen der Kulturschmock Patrick Kytzler als Moderator und der Schriftsteller Thorsten Groneberg als Talkgast.

KYTZLER Herr Groneberg, seit 11 Wochen ist Ihr neuer Roman "Roman" auf Platz 1 der SPIEGEL-Bestseller-Liste. Wie fühlt man sich als...

GRONEBERG Gestatten Sie, daß ich Sie korrigiere. Mein Roman ist seit neun Wochen auf Platz 1 besagter Bestseller-Liste. Zuvor mußte er sich den zweiten Platz, auf den er auf Anhieb gekommen war, mit der unsäglichen Schmonzette "Schmonzette" meiner im übrigen wegen ihrer skrupellosen Geschäftstüchtigkeit hochverehrten Kollegin Saskia van Haalen teilen.

KYTZLER lächelt freudlos Wie auch immer. In der vorletzten Ausgabe der ZEIT hat Sie Leander Rylewicz in seiner Rezension von "Roman" ziemlich gnadenlos verrissen. Hat Sie das getroffen?

GRONEBERG lapidar Nein. Haben Sie sich schon mal überlegt, warum Rylewicz mein Buch verrissen hat? Rylewicz ist doch nicht dumm, er ver­steht etwas von Literatur. Mein Buch ist hervorragend, das sieht man und das sieht natürlich auch Rylewicz.

KYTZLER Warum hat Rylewicz dann ihr Buch verrissen? Ihnen zufolge hätte er den Verriß wider besseres Wissens geschrieben.

GRONEBERG Weil er bestochen wurde natürlich.

KYTZLER stockt der Atem. Nach einigen Sekunden, fassungslos Bestochen?

GRONEBERG Klar. Bernd-Axel Facius hat das Buch doch schon gelobt, wenn sich jetzt auch Leander Rylewicz dieser Meinung angeschlossen hätte, wäre der ganze Pfeffer rausgewesen. Das Buch wäre für "langweilig" angesehen worden. Kein Mensch will ein unbestritten gutes Buch lesen, wenn es nicht schon mindestens hundert Jahre alt und also zum Klassiker geworden ist. Also hat mein Verlag Leander Rylewicz dafür bezahlt, daß er mein Buch verreißt. Dadurch wurde das Buch zum umstrittenen Buch und umstrittene Bücher verkaufen sich wesentlich besser.

KYTZLER Sie beschuldigen also Leander Rylewicz tatsächlich, er sei bestechlich.

GRONEBERG Ich beschuldige ihn gar nicht. Ich habe meinen Vorteil davon, ich lobe ihn dafür.

Die Talk-Show löst großen Wirbel aus, Leander Rylewicz wehrt sich heftig gegen die Unterstellung, droht mit gerichtlichen Schritten. Bei nächster Gelegenheit interviewt ein anderer Kulturschmock Thorsten Groneberg.

ANDERER KULTURSCHMOCK Ist es wirklich wahr, daß Leander Rylewicz von Ihrem Verlag bestochen wurde?

GRONEBERG Nein, um Gottes Willen, natürlich nicht. Das würde mein Verlag nicht versuchen und Leander Rylewicz würde so was nie annehmen. Ist doch klar.

ANDERER KULTURSCHMOCK Warum haben Sie es dann behauptet?

GRONEBERG Ich wollte einer Verleumdungsklage entgehen.

ANDERER KULTURSCHMOCK ungläubig Einer Verleumdungsklage?

GRONEBERG Na klar. Ich kann einen angesehenen Kritiker doch nicht als dumm und hirnrissig bezeichnen. Dergleichen gehört sich nicht, selbst dann nicht, wenn es wahr ist.

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