Nachts auf der Straße ausgeraubt zu werden, ist ein
Mißgeschick, das jedem von uns passieren könnte. Auch ein Straßenraub, - der
nachts um halb drei in der Nähe des New Yorker Central Parks von Nutten
begangen wird, sähe so manche von uns noch als potentielle Opfer. Vorausgesetzt
natürlich, wir würden uns dort zum Schnallentreiben
entschließen; und wären tollkühn genug, mitten im Herzen der Haupt-Stadt
unserer Freien Welt nachts noch auf die Straße zu gehen.
1. Abenteuer: Wie Franz einmal einen Freibrief für Verbrechen ausstellte
Unser Held - und hier enden alle Parallelen zwischen uns
halbwegs gesetzestreuen Normalbürgern und ihm - unser Held also entzog sich
seiner Pflicht, an der Aufklärung und Bestrafung eines Verbrechens mitzuwirken.
Weigerte sich, an der Gerichtsverhandlung als Zeuge
aufzutreten und zwang so die Behörden, das Verfahren unverrichteter Dinge
einzustellen. Klar, daß der Richter sauer war:
"Richter Lane bezeichnete es als eine Ironie,
daß in der Zeit der ständig zunehmenden Straßenkriminalität der Hauptzeuge
eines Verbrechens, nämlich das Opfer selbst, nicht vor Gericht erscheinen
wolle. Wenn jedermann diesem Beispiel folgen würde, wäre dies gleichbedeutend
mit der Ausstellung eines Freibriefes zum Begehen von Verbrechen! Seine
Entscheidung ist unglücklich, denn abgesehen von der Negierung der
ausgezeichneten Arbeit der Strafverfolgungsbehörden ist es ein sehr schlechtes
Beispiel für den gewöhnlichen Bürger." (SZ vom 20. 1. 1972)
2. Abenteuer: Wie
aus Franz ein Franz Josef und aus diesem dann ein Dr. Franz Josef wurde
Der Mensch, von dem hier die Rede ist, hatte einen Ruf als
einer der härtesten und entschiedensten Law-and-order-Männer, die diesen von
uns bewohnten Landstrich unsicher machen. Im Taufverzeichnis des Standesamtes,
beim polizeilichen Melderegister und im "Handbuch des Deutschen
Bundestags" von 1949 ist er als "Franz Strauß, geb. am 6. 12. 1915 in
München" aktenkundig. Allseits bekannt - aus Film, Funk und Fernsehen -
ist er aber unter seinem Künstlernamen "Dr. Franz Josef Strauß". Die
Buchstaben "D" und "r" mitsamt dem abschließenden Punkt hat
sich der gelernte Lateinlehrer auf dem Zweiten Bildungsweg erworben, durch ein
Studium der Volkswirtschaftslehre an der Universität Innsbruck. Den zweiten
Vornamen "Josef" hat er sich irgendwann im Laufe seiner Karriere
einfach zugelegt - vermutlich des Wohlklangs wegen.
3. Abenteuer: Wie die Börse einmal fieberte vor Sehnsucht nach Franz
Er hat eine Vergangenheit, die ausreichen würde, einer
ganzen FDP-Landtagsfraktion politisch den Hals zu brechen. Nicht nur, daß er
diese Vergangenheit schadlos überstanden hat und schließlich zum Ober-Bayern wurde,
lange Zeit schien es, daß er auch noch eine Zukunft vor sich habe. Und während
man im Herbst 1980 in den Kellern, wo die roten Ratten hausen, schon mal schwitzte
vor Angst hatte die Börse längst auf den frischgekürten Kanzlerkandidaten
reagiert: mit einer "Strauß-Hausse" auf dem deutschen Aktienmarkt,
kaum daß die Nachricht von seiner Nominierung die Runde gemacht hatte. In
fiebrig-freudiger Erwartung sehnte man den Tag herbei, da ein Kanzler Strauß
sich evtl. anschicken würde, den Couponschneidern die Rendite zu sichern, noch besser
zu sichern als man dies vom Kanzler Schmidt gewohnt gewesen war. In diesen
Kreisen weiß man nur zu genau, was man an ihm hat, dem Franz. Oberhalb der
jährlichen hunderttausend DM-Grenze herrscht ein Klassenbewußtsein, von dem die
Arbeiterbewegung in Restdeutschland nur träumen kann.
4. Abenteuer: Wie
der große Franz noch ein kleines Würstchen war im Großen Verein
Der 1915 geborene Strauß war alt genug für eine 1000jährige
Vergangenheit. Frappierend dabei ist allerdings, daß jemand mit solcher
Nazi-Vergangenheit in dieser Republik derart hoch steigen kann, wie es Franz
Strauß getan hat.
Globke hatte als Rechtsgelehrter die Nürnberger
Rassengesetze NS-konform kommentiert und ist dann bei Adenauer bloß
Staatssekretär im Kanzleramt geworden. Kiesinger war immerhin in der
reichsdeutschen Ministerialbürokratie loyal tätig, ehe er es dann zum Ministerpräsidenten
und Bundeskanzler gebracht hatte. Filbinger gar mußte als Militärrichter mit
Blut auf dem Latz wirken um später Ministerpräsident werden zu können. Und auch
Carstens konnte als Befähigungsnachweis für das Bundespräsidentenamt neben
seiner Mitgliedschaft im Großen Verein auf treue Dienste in der großdeutschen
Ministerialbürokratie verweisen. Dagegen Franz:
1937 dem Nationalsozialistischen
Deutschen Studentenbund (NSDStB) beigetreten (einer Untergliederung der
marxistisch-bolschewistischen Weltverschwörung, wie uns dem Strauß sein Stoiber
und dem Stoiber sein Sauter schon mal weiszumachen versucht hatten); im selben
Jahr auch Eintritt in das Nationalsozialistische Kraftfahrkorps (NSKK),
woselbst er beim Sturm 23/M 6 in München "weltanschaulicher Referent"
wurde. Damit ist seine NS-Vergangenheit auch schon vollständig aufgezählt. Weit
war es gekommen mit dieser Republik, daß damals schon kleine Mitläufer beim
großen Holocaust-Spiel nach dem wichtigsten Staatsamt greifen durften. Der
NSDAP-Präsident Karl Carstens hätte sich eines simplen NSKK-Kanzlers an seiner
Seite ewig schämen müssen. Nachfolger von Helmut Schmidt wurde dann Helmut
Kohl, gesalbt mit der Gnade der späten Geburt.
Was viele nicht wissen: Helmut Kohl ist wie Strauß gebürtiger
Bayer. Als er 1930 in Ludwigshafen geboren wurde, war die linksrheinische Pfalz
noch Teil von Bayern, erst 1945 wurde sie durch ein Arrangement der Alliierten
Besatzungsmächte der französischen Besatzungszone zugeschlagen und schied 1946
aus dem bayerischen Staatsverband. 1956 gab es ein Volksbegehren zur
Wiedervereinigung des Gebietes mit Bayern, das aber - wir wissen es alle -
scheiterte.
5. Abenteuer: Wie Franz einmal ein Atom-Ei legte
Nachdem dann vorerst Schluß war mit dem Nazi-Spielen und
Völkermorden wurde Franz Strauß Landrat von Schongau; auch Gründungsmitglied
der Christlich-Sozialen Union, seit 1949 ihr Generalsekretär. Als dem
Widerstand von KPD und CSU zum Trotz (beide hatten im Parlamentarischen Rat
gegen das Grundgesetz gestimmt) die Verfassung in Kraft getreten war, zog Franz
Strauß als Abgeordneter in den 1. Deutschen Bundestag ein. Seit überhaupt
Strauß-Biographien geschrieben werden, hat es sich eingebürgert - und durchaus
als sinnvoll erwiesen - das Leben des zu beschreibenden Helden einzuteilen in
Affären. Wie die Jahresringe von Bäumen markieren sie natürliche Einschnitte in
den Fluß der Zeit. Wobei die Zählung gemeinhin beginnt mit der HS 30‑Affäre
(die jeweils letzte aufgeführte Affäre hängt natürlich ab vom Erscheinungsjahr
des Buches). Wenig - oder gar keine Erwähnung findet deshalb Straußens Amtszeit
als "Bundesminister für Atomfragen" von 1955 - 1956 (nachdem er zuvor
bereits Bundesminister "ohne Geschäftsbereich", dann einer "für
besondere Aufgaben" gewesen war). Dieser Strauß'schen Amtszeit verdanken
wir die Einführung der friedlichen Kernenergienutzung in der Bundesrepublik.
Eine Errungenschaft, die erst viel später im Bewußtsein der Öffentlichkeit zum
Ärgernis wurde. Obwohl der Startschuß in's Atomzeitalter möglicherweise die
folgenschwerste Tat von Franz gewesen ist, können wir ihm gerade diese
Hinterlassenschaft subjektiv am wenigsten vorwerfen: Bis auf ein paar schlaue
Leute wollte 1955 jeder Atomkraftwerke.
6. Abenteuer: Wie Franz einmal sehr nett war zu einigen Bayernparteilern -
und zu anderen ganz böse
Die Frage allerdings, ob dieses Atom-Ei nun als seine erste
Affäre zu zählen ist oder nicht, erübrigt sich ohnehin, da Franz bereits 1950
als Skandal-Onkel debütierte; als er nämlich in die sogenannte
"Hauptstadt-Affäre" verwickelt war. Es ging darum, daß eine Reihe von
Abgeordneten der Bayernpartei, entgegen ihrem gerade gefaßten
Fraktionsbeschluß, für Bonn als der provisorischen Hauptstadt der BRD gestimmt
hatten, hierzu motiviert durch Geldzuwendungen von Seiten der CSU. Zwar konnte
die Affäre - wie so viele politischen Affären - nie restlos aufgeklärt werden. Fest steht aber, daß die
Bayernpartei-Abgeordneten Geldgeschenke von der CSU erhalten hatten - kleine
Aufmerksamkeiten im Bereich zwischen 10.000 und 20.000 DM pro Nase, was
damals eine Menge Geld war. Die Verhandlungen mit den zu Beschenkenden führte
der nachmals selbst so reichlich beschenkte Franz Strauß, CSU-Generalsekretär damals
noch.
Verdienste um seine Partei hatte sich Strauß auch erworben,
als es ihm gelungen war, die rivalisierende, weil aus dem gleichen
Wählerpotential schöpfende Bayernpartei bis zur Bedeutungslosigkeit zu
zerschlagen. Ihre führenden Funktionäre integrierte er entweder voll in die CSU
oder - so sie sich widerborstig zeigten - er ruinierte sie politisch und sogar
in ihrer bürgerlichen Existenz - geschehen mit den Opfern der sogenannten
"Spielbanken-Affäre".
7. Abenteuer: Wie Franz schließlich rausfand, daß Nehmen doch habseliger
ist als Geben und auch danach handelte
Ein Anfang war also gemacht mit Affären und Strauß fand
Gefallen an seinem neuen Hobby.
Kaum war er 1956 Verteidigungsminister geworden, bestellte
er riesige Mengen Schützenpanzer bei der Schweizer Firma HISPANO SUIZA. Bei
einem Laden, der allerlei Tötezeug und Kriegsgerät schon gebaut hatte bis
dahin, nur eben keine Schützenpanzer. Das eben bestellte Modell HS 30
schon gar nicht; nicht mal als Prototyp. Der Verdacht, daß hier Freunde sehr
lieb zueinander gewesen waren und sich gegenseitig reich beschenkt hatten,
wurde schon bald laut, konnte aber - das alte Lied - nie ganz geklärt werden.
Geklärt werden konnte allerdings, und dies mit jeder nur wünschenswerten
Deutlichkeit, daß die dann gelieferten Panzer im Gesamtwert (besser: zum
Gesamtpreis.) von 2,5 Milliarden DM (zweitausendfünfhundertmillionen Deutsche
Mark) einen Dreck taugten. Und 2,5 Milliarden DM waren damals noch ein Geld.
Zwei Jahre darauf bestellte er den Starfighter.
Diesmal - ein Fortschritt, immerhin - bei einer Firma, die zuvor schon mal
Flugzeuge gebaut hatte, bei Lockheed. Der Starfighter speziell allerdings wurde
von Lockheed noch gar nicht produziert, war, in der von der Bundesrepublik
Deutschland gewünschten Form, auch 1964 noch nicht einsatzreif. Und als dann
schließlich der Starfighter seinen Dienst tat, hielt er genau das, was man zum
Zeitpunkt seiner Beschaffung schon von ihm erwarten durfte: er erwies sich als
ein rechts Glump, allen Verbesserungen zum Trotz. 200 abgestürzte Maschinen bis
jetzt, 100 tote Piloten und das kleine Wunder, daß keines dieser Dinger auf
eine Stadt geplumpst ist.
8. Abenteuer: Wie Franz einmal dem Evangelist Johannes eine
Empfehlungsepistel schrieb
Und abermals 2 Jahre später war Strauß wiederum nett zu
seinen Freunden, gab ihnen - als Minister - ein Empfehlungsschreiben mit auf
den Weg. Seine Freunde waren diesmal der Passauer Verleger Dr. Johann
Evangelist Kapfinger und hinter diesem ein "phosphoreszierender
Kometenschweif höchst zweifelhafter Existenzen" (so der CDU-Abgeordnete
und ehemalige Bundesanwalt Max Güde im Bundestag). Unterkünfte für die
amerikanischen Streitkräfte in Deutschland wollten sie bauen, Kapfinger und
seine Freunde, und gründeten zu diesem Zweck die "Finanzbau
Aktiengesellschaft" (FIBAG). Strauß, ein guter Freund zu jeder Zeit,
empfahl sie weiter an seinen amerikanischen Kollegen. Eine Hand wusch
solcherart die andere; das ist aktenkundig. Ungeklärt aber ist, ob auch die
andere Hand der einen ihren Liebesdienst vergolten hat - durch Waschung,
Salbung, Schmierung ihrerseits.
9. Abenteuer: Wie Franz einmal ganz entspannt war in spannungsreicher Zeit
Als die Gefahr eines direkten bewaffneten Konfliktes
zwischen den Supermächten so groß war wie nie zuvor und seither nicht wieder,
war Strauß immer noch Verteidigungsminister. Und als in der Nacht vom 24. auf
den 25. Oktober 1962 die Krise ihren Höhepunkt erreichte, als sowjetische
Frachter mit Atomraketen für Kuba an Bord geradewegs auf den Blockadering der
Amerikaner zufuhren - war Strauß auf einem Empfang in Schloß Brühl, allwo er
Alkohol in jeglicher Gestalt und fast beliebiger Menge inhalierte. Bayerische
Folklore halt in ihrer feuchtesten Form. Zunächst bloß angetrunken, pöbelte er
recht grob - und also wiederum weißblau-folklorisch - die anwesenden sozialdemokratischen
Parlamentarier an, wünschte gar den späteren Justizminister Jahn an den Galgen.
In den frühen Morgenstunden dieser Krisennacht fand man dann den Befehlshaber
der Bundeswehr in einem Gebüsch des Schloßgartens - stockbesoffen und "in
einem erbärmlichen Zustand". Nun mag man sagen: Was soll's? Was könnte uns
denn Besseres passieren, als daß Strauß in der Stunde der Entscheidung besoffen
im Busch liegt? Besser dort, jedenfalls, als auf seinem Amtssessel. Da ist was
dran, doch. So gesehen ist die "Kuba-Krisen-Suff-Affäre" gar keine
Affäre gewesen, sondern eine Chance, die ungenutzt vertan wurde.
10. Abenteuer: Wie Franz einmal eine Grube aushob und schließlich selbst
reinfiel
SPIEGEL und Strauß hatten sich noch nie gemocht. Es war der
SPIEGEL, der die FIBAG-Affäre enthüllt hatte; es war der SPIEGEL, der den
Skandal um "Onkel Aloys" Brandenstein aufgedeckt hatte (eine
Strauß'sche Klein-Affäre, auf die aus Platzmangel nicht näher
eingegangen wird. Ebensowenig wie auf die Fälle des Oberstleutnants Barth,
des Polizeihauptwachmeisters Hahlbohm - beides Strauß-Geschädigte - und des
Rechtsanwaltes und Julius-Streicher-Freundes Dr. Peter Deeg - ganz entschieden
ein Strauß-Begünstigter. "Klein" waren diese Affären natürlich nur im
Vergleich; jede von ihnen hätte ausgereicht, einen Durchschnittspolitiker um
Amt und Würden zu bringen).
Im Oktober 1962 nun erschien der SPIEGEL mit einem Artikel
über die Bundeswehr, in welchem schwerwiegende Mängel in der konventionellen
Ausrüstung der Bundeswehr aufgedeckt wurden. Die Behauptung, daß die Bundeswehr
ein nur bedingt abwehrbereiter Sauhaufen sei, wurde nicht als polemischer
Angriff gegen den verantwortlichen Verteidigungsminister aufgefaßt, sondern -
die Behauptungen trafen also zu - als Landesverrat.
Als "Abgrund von Landesverrat" gar, wie Adenauer
damals raunte. Augstein wurde verhaftet, die Redaktions- und Wohnräume
durchsucht, der Redakteur Conrad Ahlers auf Veranlassung von Strauß in Spanien
verhaftet. Eine Maßnahme, die einzuleiten Strauß keinerlei Befugnis hatte. Dies
und die Tatsache, daß er in Sachen SPIEGEL Affäre wenig später den Bundestag
kräftig angelogen hatte, hat ihn erstmal zu Fall gebracht, für paar Jahre
wenigstens. Es waren die FDP-Minister im Kabinett Adenauer gewesen, die den
längst untragbar gewordenen Kollegen nicht mehr tragen wollten und auch die
CSU/CDU-Fraktion zwangen, Strauß zum Rücktritt zu drängen.
Weiter geht's demnächst. In diesem Theater.
Wird Franz noch einmal den Weg nach oben schaffen?