7.11.18

High Noon oder: Wieviel Liebe in einer Revolverkugel stecken kann

Ich weiß nicht, ob junge Leute den Film-Klassiker "High Noon" ("12 Uhr mittags) aus dem Jahre 1952 noch kennen. Wir sind damals noch mit der Schule ins Kino gepilgert, um diesen Film von Fred Zinnemann, mit Gary Cooper und Grace Kelly zu sehen.
"Am Anfang des in Echtzeit erzählten Filmes heiratet Will Kane, verdienstvoller und beliebter Town Marshal der Kleinstadt Hadleyville, die Quäkerin Amy. Dafür hat er zuvor seinen Posten aufgegeben, sein Nachfolger wird am folgenden Tag eintreffen. Doch unmittelbar nach der Trauung erhält er die Nachricht, dass der Bandit Frank Miller, der von Kane fünf Jahre zuvor ins Gefängnis gebracht wurde und ihm Rache geschworen hat, begnadigt worden sei und mit dem Zug um zwölf Uhr mittags (High noon) in die Stadt kommen werde. Da bereits drei Mitglieder der Miller-Bande am Bahnhof warten, wird Kane von den anwesenden Hochzeitsgästen gedrängt, die Stadt sofort zu verlassen und seinen verdienten Ruhestand anzutreten.
Kane gibt zunächst nach, kehrt jedoch trotz Amys energischem Protest bald um. Amy, die Gewalt grundsätzlich ablehnt, stellt ihn vor die Wahl: Entweder er flieht mit ihr, oder sie verlässt allein die Stadt - und damit ihn - mit dem 12-Uhr-Zug. Kane entscheidet sich dafür, zu bleiben und zu kämpfen, da die Stadt, in der erst er Recht und Ordnung hat durchsetzen können, andernfalls wieder in die Hände der Banditen fiele."
Wie auch immer - es kommt schließlich zum Showdown, eine wilde Rennerei und Schießerei. Kane gelingt es mit einigen Listen zunächst, zwei der Gefährten von Miller zu erschießen. Der dritte Komplice schießt beide Revolver leer, will nachladen. Amy, die sich im Büro des Marshalls befindet, beobachtet dies. Aus dem Hinterhalt schießt sie - entgegen ihrer religiösen Überzeugung und ohne ihn anzurufen - dem Banditen in den Rücken. Batsch, aus.
Ein tödlicher Schuß in den Rücken, aus dem Hinterhalt und aus nächster Nähe... Sag an, gibt es eine zärtlichere Geste, dem Geliebten seine Liebe zu beweisen?
Damit keine Mißverständnisse aufkommen - ich meine das nicht sarkastisch, sondern ganz ernst. Amy ist Quäkerin, als solche ist sie, anders als die meisten Amerikanerinnen, niemals an der Waffe ausgebildet worden. Ihn anzurufen und ihn aufzufordern, sich zu ergeben wäre Selbstmord gewesen. Der erfahrene Killer hätte sie auf jeden Fall ausgetrickst und seinerseits umgebracht. Sie hat alles richtig gemacht.
An dieser Stelle sollte ich vielleicht erwähnen, daß ich als junger Mann ein strikter Pazifist war. Daß mit meinem Pazifismus irgend was nicht stimmte, habe ich anläßlich des Münchner Olympia-Attentats von 1972 gemerkt. Im Radio kam die Nachricht, auf dem Militärflughafen Fürstenfeldbruck seien alle Geiseln getötet worden, dazu einige der Geiselnehmer. Die anderen Geiselnehmer seien festgenommen worden.
Ich war entsetzt. Wie kann man, so fragte ich mich irritiert, palästinensische Geiselnehmer festnehmen statt sie an Ort & Stelle zu töten? Was wird passieren? Irgendwann wird irgend einer Geiseln nehmen um die festgenommenen Palästinenser freizupressen. Genau so war's dann auch.
"Du sollst nicht töten", heißt es. Dagegen ist nichts einzuwenden. Manchmal aber ist es ein Verbrechen jemanden nicht zu töten.
Anläßlich eines runden Jubiläums des Olympia-Massakers gab es im Fernsee eine Dokumentation. Unter anderem kam ein Italiener zu Wort, damals Mitglied der Olympia-Mannschaft im Kleinkaliberschießen. Er erzählte, er habe seinerzeit von seinem Zimmer aus einen der Attentäter gesehen, nicht gerade nah aber doch nah genug, daß er ihn - hochtrainierter Schütze, der er war - locker tödlich hätte treffen können. Minutenlang sei die Situation so gewesen, minutenlang habe er gezögert und dann doch nicht geschossen. Dann brach er in Tränen aus, schluchzte. 30 oder 40 Jahre danach quälte ihn immer noch sein Gewissen, weil er jemanden nicht erschossen hat.

Ach ja, ehe ich es vergesse: Man nennt mich gerne einen "Gutmenschen". Dieselben Arschlöcher, die mich oder irgendwelche anderen Leute "Gutmensch" nennen werden mich jetzt verachten, weil ich dasselbe Arschloch bin wie sie.

1.11.18

Es gibt keine Rassen

Eines muß klar sein, Mädels: ES GIBT KEINE RASSEN! Weder bei Hunden oder Katzen oder Rindern, schon gar nicht bei Menschen.

Wer mit offenen Augen durch die Welt geht, dem wird irgendwann auffallen, daß es Hunde verschiedenster Rassen gibt.
Wer ganz genau hinschaut und auch nur für ein Fünferl zum Denken imstande ist [1], dem ist allerdings klar, daß es natürlich keine Rassen gibt. Rasse ist ein menschliches Denkkonstrukt, der Mensch denkt sich die Rassen in die Welt hinein. Jeder Mensch (weiblich) kann sich prinzipiell mit jedem anderen Menschen (männlich) paaren, so daß Nachkommen entstehen, die dann halt irgendwie ausschauen und es gibt ein wunderbares Durcheinander. Daß die Leute am Limpopo (fast) alle schwarz sind, an der Donau dagegen eher weiß, liegt schlicht am unterentwickelten (Reise-)Verkehr zwischen Donau und Limpopo. Daß die schwarzen Menschen schwerpunktmäßig am Limpopo leben und nicht an der Donau, liegt daran, daß unter vor- oder frühzivilisatorischen Lebensbedingungen in den Ländern um den Äquator die stark pigmentierte schwarze Haut ein enormer Überlebensvorteil war. Natürlich gibt es biologisch keine Rassen, das gilt für Menschen und das gilt selbstverständlich auch für Hunde oder Katzen oder Rinder.
Jeder Hund (weiblich) kann sich mit jedem anderen Hund (männlich) paaren, so daß Nachkommen entstehen (Gut, okay, die Paarung zwischen einem Chihuahua und einem Dobermann wäre in der Praxis etwas schwierig, aber sonst...). Reinrassige Deutsche Schäferhunde gibt es nur deshalb, weil die Züchter sorgfältig drauf achten, daß sich ihre Weibchen nur mit entsprechenden Rüden paaren. Ließe man die Hunde einfach nach Gusto entscheiden, wäre diese heute wohldefinierte Hunderasse sehr bald verschwunden.
Die Mamma Ima, eine meiner vielen Hunde, hatte einst 15 Welpen. Gut, zwei davon kamen bereits tot zur Welt, bleiben 13. Bis auf einen Welpen hatten alle den Körperbau von Mamma Ima. Die Fellzeichnung dagegen war unterschiedlich, teilweise extrem unterschiedlich. Mamma Ima war sehr fleißig, sie hat sich seinerzeit mit wahnsinnig vielen Rüden gepaart.
Die beiden Schönen hier sind Sammy und Lola. Es sind Schwestern und zwar aus dem gleichen Wurf. Es gibt biologisch keine Rassen!
Soziologisch dagegen gibt es durchaus Rassen. Auch sie sind ein menschliches Denkkonstrukt, ein Denkkonstrukt aber, das ungeheure Auswirkungen auf das Leben von Menschen hat. In unserer real existierenden Welt ist es absolut nicht gleichgültig, mit welcher Haut­far­be ich auf diese Welt gekommen bin.
Jemand wie Obama wäre noch in den sechziger Jahren aus dem Scheißhaus geprügelt worden, wenn er sich in ein Abteil für Weiße verirrt hätte.

Festzuhalten bleibt, daß die ganze Rassenhuberei eine menschliche Erfindung ist. Da hat Hägar der Schreckliche
 einen Hund, der aussieht wie ein Wolf.
"Ey, Hägar, ich will auch so einen Hund", sagt Sven Glückspilz und so geht Hägar daran, seinen Hund mit einem anderen Hund zu paaren, der ganz ähnlich aussieht wie der erste Hund. Von den Welpen schauen nur die wenigsten so aus, wie die Elterntiere, die nicht ähnlichen werden mit dem Kopf an einen Stein geschlagen und weggeworfen. Züchterischer Bio-Müll.
Nur die ähnlichen werden behalten und weitergezüchtet und irgendwann ist Hägar so weit, daß bei einer Paarung von Wolfshund mit Wolfshund fast nur noch kleine Wolfshunde rauskommen. Die definiert er nun als Rasse.
Was ich sagen will: Rassen findet der Mensch nicht vor, er muß sie vielmehr erzeugen.
"Aktuell wird „Rasse“ taxonomisch nur noch für Haustiere und Kulturpflanzen verwendet (vgl. Rasse (Züchtung)), ist wissenschaftlich obsolet und kommt mehr und mehr außer Gebrauch."
Und weiter, ebenfalls Wikipedia:
"In der Biologie wird die Art Homo sapiens heute weder in Rassen noch in Unterarten unterteilt. Molekularbiologische und populationsgenetische Forschungen seit den 1970er Jahren haben gezeigt, dass eine systematische Unterteilung der Menschen in Unterarten ihrer enormen Vielfalt und den fließenden Übergängen zwischen geographischen Populationen nicht gerecht wird. Zudem wurde herausgefunden, dass die augenfälligen phänotypischen Unterscheidungsmerkmale der Rassentheorien nur von sehr wenigen Genen verursacht werden, der größte Teil genetischer Unterschiede beim Menschen stattdessen innerhalb einer sogenannten „Rasse“ zu finden ist. Überdies ist etwa die Hautfarbe evolutionär ein sehr labiles Merkmal, das heißt, sie hat sich bei Wanderungsbewegungen menschlicher Populationen über verschiedene Breitengrade hinweg in relativ kurzer Zeit verändert. Dies liegt daran, dass die Hautfarbe unter starkem Selektionsdruck steht. So gehen Anthropologen heute davon aus, dass die ersten Europäer (Cro-Magnon-Mensch) dunkelhäutig waren.
Die Einteilung des Menschen in biologische Rassen entspricht damit nicht mehr dem Stand der Wissenschaft. Dennoch wird der Begriff bisweilen in der biomedizinischen Forschung und im üblichen Sprachgebrauch in manchen Ländern (etwa in Lateinamerika) nach wie vor verwendet."



[1]   Das ist gottlob nur eine kleine radikale Minderheit.

Vormerz und andere Jahreszeiten

Zwei Wochen vor Karneval ist in Deutschland der Vormerz
offiziell eröffnet worden, es sei dies nur für spätere Historiker angemerkt.
"Wolle mer'n reilosse?" - Narrhallamarsch!
Vor ca. 15 Jahren hat mal einer - Shakespeare nur unwesentlich abwandelnd - gesagt: "Hütet euch vor den Ideen des Merz."
Apropos Vormerz:
Hier ist das Lied
 und hier der Text dazu. 

Kindisch

Ich bin manchmal sehr kindisch. Das hat jetzt eher wenig mit meinem Alter zu tun, denn kindisch bin ich schon sehr lange. Sehr, sehr lange, im Grund bereits von klein auf. Ich konnte noch nicht mal richtig sprechen, war aber schon perfekt kindisch.
Wenn du so was nicht von Kindesbeinen an lernst, wirst du es nie lernen.

27.10.18

Playboys: Der Schnorrerkönig Poldi Waraschitz

In den fünfziger Jahren und zumindest noch in der ersten Hälfte der sechziger galt das knallharte Arbeitsethos des Wiederaufbaus. Der Wert eines Menschen bemaß sich an seiner Leistungsfähig- und -willigkeit. Entgegen einem verbreiteten Gerücht war in diesen harten, arbeitsreichen Jahren Genuß keineswegs verpönt, wenn er "verdient" worden ist. Wenn man was geleistet hatte, dann konnte man sich etwas gönnen, dann durfte man sich etwas gönnen. Geld war nicht einfach "verdientes Geld", sonder immer "sauer verdientes Geld". Geld, das nicht sauer verdient war, gab es nicht, bzw. darüber sprach  man sowenig in der Öffentlichkeit wie über Bordelle und sonstige Obszönitäten.
Auf der anderen Seite war in den Medien, den Illustrierten vor allem, eine unheimlich beliebte Kategorie von Mensch der sog. "Playboy".  Ein Playboy ist ein Mann, der Geld hat, viel Geld, unheimlich viel Geld. Soviel Geld, daß er es sich leisten kann, nicht (mehr) zu arbeiten, sondern stattdessen seine Zeit damit zu verbringen, das Geld mit vollen Händen auszugeben. Über Playboys wurde in den Illustrierten fast mehr geschrieben als über gekrönte Häupter, woraus sich zwanglos folgern läßt, daß man Playboys einerseits (natürlich) verachtete, weil sie dem Arbeitsethos so entschieden ins Gesicht schlugen, sie andererseits aber auch (mindestens ebenso natürlich) unheimlich beneidete, weil sie sich diese Mißachtung leisten konnten.
Der Industrie-Erbe Gunter Sachs war einer dieser international bekannten Playboys, ein anderer war ein in Neapel geborener Brasilianer mit italienischem Namen: "Baby" Pignatari [1]. Dieser Baby Pignatari hatte sein Vermögen offensichtlich nicht wie Gunter Sachs ererbt, sondern selbst erworben. Er pflegte zu sagen, er habe die erste Hälfte seines Lebens damit zugebracht, wie ein Tier zu schuften, habe damit ein Vermögen erworben und verbringe nunmehr die zweite Hälfte des Lebens damit, von der ersten Hälfte auszuruhen [2].
Auch einige der Playboys legten also Wert auf das Herausstreichen des Arbeitsethos.
Diese Playboys bewegten sich im Laufe eines Jahres um die Welt, schwerpunktmäßig in Europa. Im Winter war man in St. Moritz, im Sommer an der Côte d'Azur, vor allem in St. Tropez. Wo immer man war, gab man Parties, ging zu Parties. Es war Pflicht, solche ernsthaften Dinge sehr locker zu nehmen. Jeder Eingeladene hatte das selbstverständliche Recht, wieder andere Leute mitzunehmen, so daß solche Parties - Platz genug war ja - oft von den Teilnehmern her sehr, sehr unübersichtlich waren.
Bestimmte Leute, die gewandt und frech genug waren, machten sich dies zunutze, indem sie sich mit allerlei Tricks Zutritt zu den Parties verschafften, dort Leute kennenlernten, die dazugehörten, die dachten, auch jene anderen Leute gehörten dazu, die einen dann wieder auf ihre eigenen Parties einluden oder zu anderen Parties mitnahmen. Diese Leute, die eigentlich nicht dazugehörten, nannte man die Schnorrer. Sie störten anfangs nicht weiter, man nahm sie kaum zur Kenntnis. Die Presse, die Gesellschaftsreporter der größeren Illustrierten, sahen in diesen Schnorrern jedoch interessante Leute, meist erheblich interessanter als die eigentlichen Playboys. Man berichtete über sie und einer von denen, über die am meisten berichtet wurden, war der sog. Schnorrerkönig Poldi Waraschitz, dem Namen nach ganz offensichtlich ein Österreicher. Warum "König" weiß ich nicht mehr, vermutlich deshalb, weil er am häufigsten präsent war, am dicksten absahnte und überhaupt besser als andere mit den Spielregeln zurande kam.
Die eigentlich nötige Anonymität ging den Schnorrern damit verloren, sie tauschten sie aber mit einer gewissen eigenen Prominenz, die sie mehr und mehr zu unentbehrlichen Attributen der Parties machte. Wenn du als Groß-Playboy eine Party gabst und Schnorrerkönig Poldi Waraschitz war nicht auf deiner Party anwesend, dann war das ein dickes Zeichen dafür, daß du nicht mehr (noch nicht, nie) zur Creme de la Creme der Party-Society gehört hast. Eine Katastrophe!

In einem anderen Zusammenhang habe ich geschrieben, in diesem Scheiß-Internet müßte man jede Information, die einem komisch vorkäme, überprüfen, da im Internet jeder, wirklich jeder Narr, etwas schreiben. Ich anempfehle meiner illustren Leserschaft, auch meine Geschichten mißtrauisch zu prüfen.
Die Geschichte vom Waraschitz Poldi ist aber wahr.



[1]   Die Familie der Mutter von Pignatari, die Grafen Matarazzo, kommt aus Castellabate, wo ich zehn Jahre gelebt habe. Der damals jüngste Sproß der in Castellabate gebliebenen Familie ist mit meinem Sohn in die scuola elementare und die scuola media gegangen.
Ein Anderer aus der Familie hat 1959 das Paradox Zenons von Elea von Achilles und der Schildkröte aufgelöst, das heißt die Fragestellung in der Luft zerfetzt.
Eine Kuriosität am Rande: Einige Jahre lang hieß der Botschafter Italiens in Brasilien Matarazzo, während gleichzeitig der brasilianische Botschafter in Italien ebenfalls Matarazzo hieß.
[2]   Es ist unglaublich, was für unwichtigen Scheißdreck man sich alles über die Jahrzehnte hinweg merkt, während anderes, ungleich wichtigeres, längst vergessen ist.

Vision

Während meiner Studienzeit in den siebziger Jahren war ich Mitglied im Liberalen Hochschulverband (LHV) [1], Mitglied im Studentenparlament, Sozialreferent im AStA [2], Redakteur der Regensburger Studentenzeitung des AStA, Chefredakteur und fast einziger Schreiber der "Schnecke" des Liberalen Hochschulverbandes; eine zeitlang sogar alles das gleichzeitig.
Damals ist es einmal passiert, daß ich tagsüber zu tun hatte, abends dann noch im AStA eine Sitzung war, die bis lang in die Nacht gedauert hat. Anschließend waren wir viel zu aufgedreht, um schlafen zu können. Wir haben uns beim Lehmann Heinz, wo auch beim LHV und im AStA war, zusammengehockt, durchgequatscht und viel geraucht (also Zigaretten, keine Joints). Dann kam der Morgen, die Müdigkeit war weg. Am nächsten Tag war wieder einiges zu tun, am Abend war Redaktionssitzung der  "Regensburger Studentenzeitung", die bis spät in die Nacht hinein dauerte. Danach waren wir viel zu aufgedreht, um noch schlafen zu können, wir sind zu einem gegangen, haben dort gequatscht und geraucht, bis der Morgen kam und die Müdigkeit verflogen war.
Am darauffolgenden Vormittag war ich in der Gesandtenstraße beim Pustet, einer Regensburger Buchhandlung. Ich ging gerade vom Pustet weg zum Neupfarrplatz, als ich plötzlich zwei Bilder von der Situation im Kopf hatte. Das eine Bild war das, das man hat, wenn man geht und die Welt um sich sieht. Ganz normal. Im zweiten Bild, das ganz selbstverständlich neben dem ersten stand, sah ich mich gleichzeitig, von weit oben, wie ich unten auf der Gesandtenstraße ging.
Da wußte ich, daß es Zeit war, nachhause zu gehen und zu schlafen. Nicht, daß mir noch die Jungfrau Maria erschienen wäre, mitten in Regensburg.




[1]   Ich hatte niemals was mit der F.D.P. (die schrieben sich seinerzeit tatsächlich so) zu tun, Alda ischwör!
[2]   Der AStA (Allgemeiner Studentenausschuß) war damals so was wie die "Regierung" der Studenten.

25.10.18

Der Teufel hat den Schnaps gemacht

Alkoholberatung - Eine Szene

 Gang im Amt


Ein langer, behördenmäßig wirkender Gang in einer Behörde. Ein etwas - aber wirklich nur: etwas - derangiert wirkender Mann geht, die Tür­schil­­der absuchend, den Gang entlang. Schließlich kommt er an eine Tür mit der Auf­schrift: "Alkoholberatung". Er klopft.

STIMME (von drinnen) Herein!

Der Mann tritt ein.

Büro im Amt


Ein kleines, behördenmäßig wirkendes Zimmer in einer Behörde. Hinter dem Schreibtisch ein Beamter, wohl der Alkoholberater, vertieft in ir­gend­wel­che Akten. Er schaut aus den Akten auf, blickt seinen Besucher von unten forschend und wenig freundlich an.

BERATER (barsch) Sie wünschen?

BESUCHER Ich möchte... (druckst) ...ich hätte einen Termin...

BERATER Sie hätten? Haben Sie nun oder hätten Sie nur gerne?

BESUCHER Ich habe.

BERATER Hunger? Kinder? Zahnweh?

BESUCHER Einen Termin.

BERATER Einen Termin?

BESUCHER (nickt) Bei Ihnen.

BERATER Bei mir?

Er schlägt einen dicken Chefkalender auf und  blättert ziellos darin. Wäh­­rend seines Blätterns ist deutlich zu sehen, daß alle Seiten des Ka­len­ders ohne Eintragung sind. Endlich hat er doch eine Seite mit Ein­trag ge­funden.

BERATER Wenn Sie "Lenz" heißen...

BESUCHER Heiße ich.

BERATER Und heute der... (kurzer Blick zurück in den Kalender) ...ach­te Februar ist...

BESUCHER Das ist es.

BERATER Dann haben Sie einen Termin bei mir.

Der Blick des Beraters bleibt an einem Wandkalen­der hängen, auf eine ro­te 8 steht.

BERATER (triumphierend) Nur ist der achte Februar leider ein Sonn­tag.

BESUCHER (nickt) Achtundneunzig ja. Aber wir haben neunzehnhun­dert­neunundneunzig.

BERATER Oh!

Ein genauerer Blick auf den Wandkalender zeigt, daß der Besucher recht hat.

BERATER (zu sich) Das erklärt natürlich, warum ich heute im Büro bin.

Der Berater wird geschäftsmäßig.

BERATER Bitte! (deutet auf den Besucherstuhl) Was kann ich für Sie tun?

Der Besucher nimmt vorsichtig Platz, wobei er nur die vordere Hälfte der Sitzfläche in Anspruch nimmt.

BESUCHER (langsam, zögerlich) Nun, es ist... Meine Frau meint... (gibt sich einen Ruck, spricht auf einmal ganz schnell) Es ist we­gen dem Trinken und ich sollte mal zur Alkoholberatung ge­hen.

BERATER (scharf, vorwurfsvoll) Sie trinken?

Der Besucher nickt zerknirscht mit dem Kopf.

BERATER (vorwurfsvoll ungläubig) Alkohol?

Wieder nickt der Besucher, begleitet von einem leisen Schluchzen, wäh­rend er schuldbewußt in sich zusammensackt. Der Berater, der alles, was er bisher machte, langsam, fast träge gemacht hat, taucht blitzschnell nach unten und zaubert mit einem einzigen Griff eine Schnapsflasche oh­ne Eti­kett, zusammen mit zwei Gläsern im Senfglasformat, auf die Ar­beits­fläche seines Schreibtisches. Die Flasche ist zur Hälfte mit einer was­serklaren Flüssigkeit gefüllt.

BERATER Darf ich Ihnen etwas anbieten?

BESUCHER Äh, nun... Ich dachte eigentlich... (kurzer Moment des Über­legens, der Versuchung, dann Entschluß) Ja, bitte.

Der Berater gießt in beide Gläser reichlich ein, schiebt das eine Glas sei­nem Besucher hin.

BERATER (hebt sein Glas) Prost!

Der Besucher nimmt das Glas, zögernd, hebt es.

BESUCHER Prost.

Während der Besucher einen höflich kleinen Schluck nimmt, trinkt der Be­­rater sein Glas in einem Satz leer. Jetzt traut sich auch der Be­su­cher und Schwupp-di ist sein Glas ebenfalls leer.

BERATER Das war... (deutet fragen, Antwort erwartend auf den Besu­cher)

BESUCHER (Unsicher, ratend) Spitze?

BERATER (winkt ärgerlich ab) Welches Getränk?

BESUCHER Ah so. (blind ratend) Korn?

BERATER (verdreht die Augen über soviel Einfalt nach oben) Ran.

BESUCHER Ran?

BERATER Äh, Rum. Das war Rum.

BESUCHER Rum? Aber ich dachte, Rum wäre...

BERATER Braun. Sie dachten, Rum wäre braun?

Der Besucher nickt zustimmend.

BERATER (triumphierend) Jaaa, das denken viele. Was natürlich haupt­­sächlich daran liegt, daß es richtig ist.

BESUCHER Aber...

BERATER Sie haben sich viel mit Philosophie beschäftigt?

BESUCHER Nnn... Nur wenig, eher. Wissen Sie, in der Berufsschule...

BERATER Wenn Sie auch nur in die Anfangsgründe der Philosophie ein­ge­drungen sind, dann werden Sie wissen, daß es fahrlässig wä­re, aus der Richtigkeit eines Tatbestandes auf die Falschheit sei­­nes Gegenteils zu schließen.

BESUCHER Ach?

BERATER Ja. (dozierend) Rum ist ein Branntwein, der aus Zuckerrohr her­gestellt wird. Zuckerrohr wird vor allem in der Karibik an­ge­­baut und deshalb stammt auch der Großteil der Weltproduktion an Rum von dort, genauer von den Antillen. Seine - wie Sie rich­tig er­kannten - charakteristische braune Farbe hatte er frü­her vom Holz der Fässer, in denen er gelagert wurde, heute al­lerdings kommt sie hauptsächlich von zugesetzter, so­ge­nann­ter "Zuc­­ker­cou­leur", also braunem Zuckersirup. Brauner Rum hat ein ausge­sprochen kräftiges Aroma, während Weißer Rum (deutet auf die Schnapsflasche, gießt dann, während er weiterredet, noch­mal die beiden Gläser voll, so daß die Flasche jetzt leer ist) ei­nen er­heblich zarteren Geschmack besitzt.

Der Berater hebt sein Glas, der Besucher tut es ihm nach und wieder lee­­ren sie das Glas in einem Zug.

BERATER Schmecken Sie's?

BESUCHER Öh...

BERATER Schmeckt nach fast nichts.

BESUCHER Ja.

BERATER Außer einem leichten Nachgeschmack, der ein wenig an Al­ko­hol erinnert.

Der Berater lacht herzlich über seinen Witz, während er mit eleganter, gro­ßer Geste die leere Flasche in den Papierkorb wirft, wo sie klirrend auf eine anscheinend dort bereits befindliche Flasche trifft.

BERATER Ganz anders dagegen...

Der Berater taucht wieder in bewundernswerter Schnelligkeit und Eleganz nach unten und holt aus dem Schreibtisch eine weitere Schnapsflasche her­­aus, diesmal mit einer braunen Flüssigkeit.

BERATER ...der hier.

Obwohl die Flasche noch reichlich voll ist, gießt der Berater eine win­zige, gerade mal den Boden bedeckende Menge der Flüssigkeit in beide Glä­­ser.

BERATER Das ist brauner Rum.

Beide trinken, diesmal jedoch, angesichts der geringen Menge, schlück­chen­weise, bedächtig, schlürfend, in der Manier professioneller Weinko­ster.

BESUCHER Schmeckt kräftiger, ja.

BERATER (diabolisch grinsend) Ist aber kein Rum.

BESUCHER (trotzig, will sich nicht länger verarschen lassen) Schmeckt aber wie Rum.

BERATER Jaaa... Zwischen Rum und "Rum" liegen Welten. Was Sie hier­zu­lande als "Rum" (spuckt das Wort verächtlich aus) zu kaufen krie­­gen, sowas zum Beispiel (deutet auf die Fla­sche), ist le­dig­lich auf Trinkstärke verdünnter Originalrum.

BESUCHER Verdünnt?

BERATER (nickt) Richtig. Mit Wasser verdünnt auf 38 bis knapp 50 Pro­­zent. Auf Jamaica oder Haiti oder so wird dagegen Original­rum - und das sind Wässerchen zwischen 65 und 80 Pro­zent - her­ge­stellt und abgefüllt.

BESUCHER (bewundernd) Und getrunken?

BERATER Und getrunken.

Der Berater strahlt bei dieser Botschaft. Er bückt sich erneut zu sei­nem Schreibtischfach hinunter und holt - diesmal allerdings schon ein Stück­­chen langsamer und deutlich weniger elegant - eine dritte Flasche mit brauner Flüssigkeit heraus. Er gießt für beide ein, diesmal wieder das gan­ze Glas voll. Der Besucher riecht vorsichtig an seinem Glas.

BESUCHER Riecht stark.

BERATER Ist stark.

Der Berater hebt sein Glas, auch der Besucher greift danach.

BERATER Auf das Echte und Wahre!

Erneut kippen beide die braune Brühe wie Cola in ihren Hals. Während der Be­rater auch diesen höchstprozentigen Schnaps mit unbewegter Miene trinkt, muß der Besucher heftig jappsen und husten.

BERATER (lacht) Wenn er zu stark ist, bist du zu schwach. Apropos "du" - wie heißt du eigentlich?

BESUCHER (müht sich, zwischen zwei Hustenanfällen) Erwin.

BERATER Ich heiße Günther. Mit Te-Ha. Apropos "Te-Ha" - was weißt du über Whisky?

BESUCHER Whisky? Ist auch ein Schnaps.

BERATER (kichert) Auch ein Schnaps. Mir scheint, du hast wirk­lich eine gründliche Alkoholberatung nötig.

Der Berater bückt sich in sein Flaschendepot, recht langsam und tapsig in­zwischen, taucht nach einer Weile wieder auf.

BERATER Der Whisky, wo ist der Whisky?

Er geht bedächtig und konzentriert - was nötig ist - zu einem ver­schlos­­senen Aktenschrank, läßt den Rollverschluß herunter. Der ganze Ak­ten­schrank ist voller - an den Regalböden säuberlich beschrifteter - Schnapsflaschen.

BERATER Wh... Wh...

Er sucht in der Gegend des Buchstabens F.

BERATER (über die Schulter zum Besucher gewandt) Der Whisky muß im Ar­chiv...

Jetzt erst merkt er, daß sein Besucher inzwischen das Büro verlassen hat.

Gang im Amt


Völlig geschafft, verwirrt mit dem Kopf wackelnd verläßt der Besucher die Al­koholberatungsstelle. Er kramt ein wenig in den weiten Taschen sei­nes rie­sigen Regenmantels, holt schließlich einen Flachmann heraus und nimmt gie­rig einen tiefen Zug.

BESUCHER (inbrünstig) Aaahhh!

Eine junge Frau kommt beschwingten Schrittes und fröhlich summend den Gang entlang, in der Armbeuge ein Aktenstapel. Sie geht an dem Besucher vor­­bei, auf die Tür mit der Aufschrift "Alkoholberatung" zu. Der Be­su­cher ver­sucht, sie mit einer erschrockenen Geste aufzuhalten.

BESUCHER Gehen Sie da nicht rein!

Die junge Frau schaut fragend.

BESUCHER Gehen Sie da um Himmels Willen nicht rein!

ANGESTELLTE Nein?

BESUCHER (entschieden) Nein. Da drinnen sitzt ein Verrückter.

Die junge Frau lacht.

ANGESTELLTE Wem sagen Sie das? Aber Chef ist Chef.

Dreht sich um und ist auch schon im Büro der Alkoholberatung verschwun­den. Der Besucher nimmt einen weiteren Schluck aus seinem Flachmann. Schlurft kopfschüttelnd davon.

Der "Rot-Blaue Stuhl" von Gerrit Rietveld

I ch muß gestehen, ich weiß nicht, wie gut man in der Kunstgeschichte bewandert sein muß, um Gerrit Rietveld und seinen Rot-Blauen Stuhl z...