6.10.11

...und links, zwei, drei...

Gespräch mit dem Verkehrsexperten Volker Völz

Herr Völz, seit einigen Jahren sind auf deutschen Autobahnen die notorischen Linksfahrer zu einem echten Problem geworden.

Linksfahrer sind nicht neu. Seit es Autobahnen gibt, halten sich manche Autofahrer nahezu ausschließlich auf der linken Spur auf.

Inzwischen aber sind die notorischen Linksfahrer zu einem ausgesprochenen Massenphänomen geworden. In schöner Regelmäßigkeit kann man sie auf zwar dicht befahrenen, vom Kollaps aber noch ein Stück entfernten Autobahnabschnitten beobachten. Während die rechte Fahrspur nur von einigen Lkw und Kleinst-Pkw benutzt wird, drängeln sich auf der linken Überholspur die Wagen - und keiner kommt mehr richtig voran, weil die Autobahn künstlich verstopft ist, da sie nur noch zur Hälfte genutzt wird. Ist doch verrückt, so was.

Das Wort "verrückt" erklärt nichts. Wer es benutzt, weigert sich, über die Gründe für ein bestimmtes Verhalten nachzudenken.

Dann erklären Sie mir bitte die möglichen Gründe für so ein "ver­rück­tes" Verhalten der Linksfahrer.

Alle verhalten sich "verrückt", weil alle es für wahnsinnig "ver­rückt" halten, wie sich alle verhalten.

Entschuldigen Sie, aber ein Paradox zu verwenden, ist mindestens genauso ausweichend wie die Verwendung des Wortes "verrückt".

Also gut: Wenn Sie als Autofahrer auf eine solche halb genutzte...

...halb verstopfte...

...Autobahn kommen - was machen Sie dann?

Ich ärgere mich.

Das ist Ihr Gemütszustand. Was aber tun Sie? Welche Spur benutzen Sie?

Die linke natürlich.

Natürlich, weil die linke Spur die immer noch schnellere ist.

Nun, eigentlich... eigentlich ist sie das irgendwann nicht mehr.

Dann könnten Sie aber "eigentlich" auf die rechte Spur wechseln. Die ist, wenn nicht schneller, so doch immerhin sicherer, wegen der größeren Abstände zwischen den Wägen.

Nun...

Aber Sie tun es nicht. Richtig?

Richtig. Jetzt, wo Sie das sagen... Eigentlich merkwürdig.

Versuchen wir, der Sache auf die Spur zu kommen. Stellen Sie sich vor, Sie fahren auf einer noch normal funktionierenden Autobahn. Weil Sie entschlossen sind, sich an Vernunft und Straßenverkehrsordnung zu orientieren, fahren Sie rechts und halten die empfohlene Richtgeschwindigkeit von 130 km/h ein. Bevor Sie den Lkw vor Ihnen überholen, blinken Sie - und werden von einer sich ungemein rasch nähernden Lichtorgel angeflammt. Die Lichtorgel entpuppt sich als 7er-BMW, der gerade sein Menschenrecht auf 260 km/h wahrnimmt.

Rücksichtslos, wie solche Leute sind, läßt er mich natürlich nicht raus.

Der ist nicht rücksichtslos, sondern einfach wahnsinnig schnell. Der könnte Sie gar nicht mehr reinlassen, selbst wenn er wollte.

Ich verstehe.

Ist der BMW vorüber, können Sie den Lkw überholen, um anschließend brav auf die rechte Spur zurückzukehren.

Ein einfacher Vorgang.

Schon. In Wirklichkeit aber gibt es auf einer gutbesuchten Autobahn viele Wägen, die teils erheblich schneller sind als Ihre 130 km/h, denn wegen der fehlenden Geschwindigkeitsbeschränkung auf deutschen Autobahnen liegen die gefahrenen Geschwindigkeiten sehr weit auseinander, irgendwo zwischen 70 km/h und Gebrüder Schumacher. Alle schnelleren Wägen sind logischerweise häufiger am Überholen als Sie selbst. Sie werden also bei jedem Überholversuch erst mal mehrere schnellere Wä­gen vorbeilassen müssen.

Ärgerlich, so was.

Mehr als das. Denn während Sie drauf warten, daß Sie auf die linke Spur wechseln können, fahren Sie notgedrungen mit der langsameren Geschwindigkeit Ihres Vordermannes. Ihre Durchschnittsreisegeschwindigkeit sinkt dadurch um ein gutes Stück. Was machen Sie?

Was soll ich schon machen?

Sie sind ein geduldiger Mensch, ich weiß. Andere sind nicht so geduldig wie Sie. Was werden die machen?

Sie werden... Ich beginne zu verstehen: Sie werden länger auf der linken Spur bleiben, um den Vorteil des schnelleren Fahr­wegs nicht so rasch wieder zu verlieren.

Und dabei werden sie merken, daß Links­­fahren eine gute Idee ist. Noch.

Woraus folgt, daß sie sich auf der linken Spur festsetzen werden.

Richtig. Was für Sie auf der rechten Spur heißt, daß Sie wegen der nunmehr dichter befahrenen linken Spur noch länger warten müssen, ehe Sie endlich überholen können. Das kann, wenn Sie Pech haben, jedes Mal Minuten dauern. Ihre Durchschnittsreisegeschwin­digkeit sinkt weiter drastisch ab. Was werden Sie machen?

Hm, irgendwann ist der Punkt erreicht, wo ich die Geduld verliere.

So ist es. Irgendwann verliert jeder die Geduld. Und dann macht er das, was die ungeduldigeren schon längst vor ihm gemacht haben.

Auch er setzt sich auf der linken Spur fest.

Wodurch - bei leerer und leerer werdender rechter Spur - die linke Spur immer mehr verstopft. Die Geschwindigkeit dort wird zwangs­­läufig immer niedriger.

Warum aber läßt mich dann, wenn die Geschwindigkeit ohnehin schon gesunken ist, keiner von rechts nach links rüberfahren?

Weil die anderen im Recht sind. Wer grad am Überholen ist, hat Vorfahrt.

"Grad am Überholen" ist gut. Diese Art von "Überholen" zieht sich über viele Kilometer.

Ich sehe, Sie haben die Spielregel kapiert. Zig Kilometer Vorfahrt - gibt's Schöneres für einen Autofahrer?

Demnach sind diese Leute also doch rücksichtslos?

Wenn Sie es unbedingt moralisch sehen wollen. Aber es ist natürlich auch eine Frage der Sicherheit. So langsam man immer auf der linken Spur fährt, man ist, bezogen auf die Abstände zwischen den einzelnen Autos, immer noch zu schnell dran, um sich unnötige Bremsmanöver leisten zu können.

Aber dadurch ist nur die halbe Autobahn ausgelastet.

Bedauerlicherweise.

Und es bleibt nichts mehr zum wirklichen Überholen.

Weswegen viele Strecken dreispurig ausgebaut sind.

Damit dort die linke und die mittlere Spur voll sind.

So ist es.

Das ist doch Wahnsinn.

Nein, sondern tragische Unausweichlichkeit.

Das glaube ich nicht. Wenn diejenigen, die gerade links fahren, jene, die vor ihnen zum Überholen nach links wechseln wollen, herausließen, dann würde die Situation gar nicht entstehen.

Dann müßte jener aber von vorneherein langsamer sein, damit er überhaupt noch reagieren kann.

Ja und?

Auf der Autobahn will jeder so schnell fahren, wie er nur kann.

Hm. Insgesamt gesehen kommt er so aber langsamer voran. Es wäre demnach vorteilhafter für ihn, auf sein Recht zu verzichten und vor ihm Überholende rauszulassen.

Vorteilhaft wäre es nur dann, wenn es alle machen würden. Solange nur er es macht, zahlt er drauf.

Warum machen es nicht alle?

Weil keiner damit anfängt. Gehe ich zu weit, wenn ich behaupte, daß man auf deutschen Autobahnen deshalb so langsam vorankommt, weil man auf deutschen Autobahnen so schnell fährt?

2.10.11

Muschi, Maria Theresia und Fotze

Als die Grünen 1987 erstmalig in den Bundestag einzogen, war unter den Neulingen im Hohen Haus auch der Kreuzeder Hias, ein damals 38jähriger Biobauer aus der Nähe von Freilassing [1]. Kreuzeder ist längst nicht mehr bei den Grünen, was ihn ehrt. Zur konstituierenden Sitzung war er in landestypischer Lederhose erschienen, in der Messertasche den Hirschfänger. Bei seiner ersten Rede sprach er Bairisch, und zwar nicht so wie im "Tatort" aus München, sondern so, wie er auch daheim auf seinem Hof gesprochen hätte. Auf den Hinweis der irritierten Bundestagsvizepräsidentin Annemarie Renger hin, er möge doch bitte Hochdeutsch sprechen, meinte Kreuzeder trocken, es sei nicht seine Schuld, wenn einige im hohen Haus Bildungslücken hätten. "I versteh euer Preißisch ja aa", sagte er und setzte seine Rede auf Bairisch fort.

Heimlich kichert der Preiß über Roman Herzog, weil der zwar Hochdeutsch spricht, aber halt mit leichtem landshuterischen Akzent und bairischer Sprechmelodie. Er selber aber...
Er selber sagt, ohne mit der Wimper (oder was immer zu zucken) im Bundestag oder im Fernsee: "Was Sie uns hier zum Thema Flejeversicherung auf den Tüsch geleecht haben ist unertreechlich. Damit können Sie allenfalls der Anaacho-ßene imponieren" und glaubt dann allen Ernstes, er habe eben Hochdeutsch gesprochen.
Daß er kein "i" und kein "pf" in "schümfen" hinbringt, veranlaßt den Preißn nicht, sich in logopädische Behandlung zu begeben. In Rhetorik lernt er es auch nicht, weil der Rhetoriklehrer selber 1 Preiß ist und nicht weiß, wie man spricht.
So ist der Preiß gebaut: Wenn ihm einer was verzählt, was er nicht versteht, dann ist nicht er, der Preiß, schuld, daß er keine Ahnung nicht hat, sondern der Verdacht liegt erst mal beim anderen, weil der Sachen sagt, die über den Horizont eines Preißn hinausgehen.

Was hat man nicht seinerzeit gelacht über den Stoiber Edmund, weil der erzählt hatte "...ich habe es mir auch angewöhnt, daß ich jeden Tag in der Früh in den Garten schaue und vielleicht eine Blume hinrichte oder aufrichte. Ja, und ein bißchen mähen tu' ich. Und ansonsten sag' ich meiner Frau, was ich alles tun würde. Und dann macht sie es bzw. mit dem Gärtner zusammen." Gar kein Ende wollte die Heiterkeit nehmen, als Stoiber bei anderer Gelegenheit seine Frau Karin "Muschi" nannte. "Der Stoiber hat einen Schlag", sagte sich der Preiß und kam in seiner Einfalt gar nicht auf die Idee, daß vielmehr das Problem seine eigene Unkenntnis bairischer Semantik sein könnte.
Was ich sagen will: Daß der Preiß nicht weiß, wie man in Bayern spricht, ist ja nicht weiter verwunderlich, das kann ihm keiner vorwerfen. Bemerkenswert ist jedoch, daß er gar nicht auf die Idee kommt, er könnte irgend etwas nicht wissen. Wenn ihm etwas merkwürdig oder auch nur ungewohnt vorkommt, dann stutzt der Preiß nicht, und denkt oder frägt dann nach, wie es ein verständiger Mensch machen würde. Nein, er hält erst mal den Anderen für einen Idioten und lacht dabei wie ein Depp.

Sodala, das war jetzt die routinemäßige Preißnbeschimpfung, jetzt kommt der pädagogische Teil:
Ein schiefes Ding, Blume oder Bild oder was, hinrichten (also in die gewünschte Ordnung bringen) ist ganz normaler Sprachgebrauch in Bayern. "Richten" überhaupt als Bezeichnung für Reparieren ist geläufig, trotz des Reparaturverbots in der Bibel: "Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet".
"Muschi" ist im Bairischen nichts anderes als die kosende Bezeichnung für eine Katze, ähnlich dem englischen "pussy". Abgeleitet davon ist es auch die kosende Bezeichnung für eine Frau oder ein Mädchen, und zwar für eine Frau in toto. Ich kannte einst ein Mädchen, das von ihrer Familie und all ihren Bekannten ganz selbstverständlich "Muschi" gerufen wurde und kein Schwanz hat sich etwas Obszönes dabei gedacht. Daß "Muschi" auch das weibliche Geschlechtsteil bezeichnet, ist ein relativ später Import aus dem Norden, womöglich indirekt aus dem Englischen.
Auch dieses "es mit einem machen" und dabei unter "es" den Geschlechtsverkehr verstehen, ist aus dem Norden importiertes Schwiemeldeutsch. Der Baier führt da eine geradlinigere Sprache, er spricht von gamsen, schnackseln, pudern [2]. Der Preiß aber is a Sau, die bei allem möglichen dreckig lacht und der Baier muß es ausbaden.
Es ist 1 Schande, daß ich auf meine Alten Tage jetzt noch den Stoiber verteidigen muß.

Seit einiger Zeit jedoch ist die Muschi Zug um Zug bis nach Österreich gedrungen.
Wer hier singt ist Elisabeth (Lisl) Gehrer, ehemalige österreichische Kultusministerin.
Sie hat das Lied vor ihrer Karriere als Politikerin aufgenommen, als sie noch Sängerin und dann Darstellerin in Soft-Porno-Filmen von Franz Antel war: "Frau Wirtin hat auch einen Grafen", "Frau Wirtin bläst auch gern Trompete", "Liebe durch die Hintertür" oder "Wenn Mädchen zum Manöver blasen".
Tu felix austria.
Daß irgendwann eine ähnliche Aufnahme von Ursula von der Leyen auftaucht, wird wohl ein Traum bleiben. Für solche bezaubernden Inkonsequenzen und Brüche ist der Preiß viel zu geradlinig. ("Ich versteh das nicht, ich bin aus Hannover" - Bülent Ceylan.)

Man erinnert sich vielleicht an den "Prinzen von Homburg" (von Kleist). Dieser handelt als Truppenführer einem Befehl des Kurfürsten zuwider; aus schlafwandlerischer Verwirrung heraus, nicht aus aufsässiger Gesinnung heraus, wie oft geschrieben wird. Er gewinnt mit diesem befehlswidrigen Handeln die Schlacht und wird vom Kurfürsten zum Tode verurteilt. Befehl ist Befehl und Kotzequenz unser Gott.
In Österreich gab es den Maria-Theresia-Orden. "Er war bis zum Ende der Habsburgermonarchie die höchste Tapferkeitsauszeichnung des Landes." (...) "Diese besondere Auszeichnung wurde für aus eigener Initiative unternommene, erfolgreiche und einen Feldzug wesentlich beeinflussende Waffentaten, die ein Offizier von Ehre hätte ohne Tadel auch unterlassen können, verliehen."
Das heißt, der höchste militärische Orden im alten Österreich wurde an den verliehen, der ohne Befehl oder gar befehlswidrig handelte und damit Erfolg hatte. Völlig inkonsequent, die Sache. Österreichisch halt, bairisch, mediterran.
Oder nimm die Geschichte mit Peppone (den aus den Don-Camillo-Geschichten). Als sein kleiner Sohn auf den Tod liegt kauft dieser Kommunist und Atheist eine riesige Kerze, schleicht nachts in die Kirche und entzündet die Kerze vor der Madonna (ausdrücklich nicht vor ihrem Sohn, denn der hält es zu sehr mit der Reaktion). Ein völlig irres Verhalten für einen konsequent denkenden Menschen. Peppone aber hat es in diesem Moment geholfen.
Der Balkan fängt irgendwo in der Gegend von Tirschenreuth an, die nördliche Küstenlinie des Mittelmeers liegt in der Gegend von Regensburg. Wer nördlich davon aufgewachsen ist, wird die charmanten Inkonsequenzen dieser Lebensart nie wirklich verstehen können, es wäre denn, eine südliche Muse hätte sich einst verflogen und ihn in der Wiege schon sanft auf die Stirne geküßt.

Und weil ich schon dabei bin und es jetzt auch nicht mehr drauf zammkommt: Das bairische Wort "Fotzn" hat ebenfalls nichts mit dem weiblichen Geschlechtsteil zu tun, es meint das Antlitz, lateinisch "facies" (ja, der Baier ist vornehm, hier spricht noch der letzte Kuhhirte Latein), beziehungsweise einen Schlag in dieses Antlitz.


[1]   Nein, Freilassing ist nicht das neudeutsche Wort für Amnestie.
[2]   Poppen ist Disco-Doitsch.

30.9.11

Love Story

Neulich habe ich einen Leitenden Angestellten eines großen Buchverlags mit angeschlossener Filmproduktion besucht. "He, Leitender Angestellter", sagte ich, "ich hab da eine wahnsinnig gute Idee für einen Roman oder ein Drehbuch."
"Aha", sagte der Leitende Angestellte, "erzählen Sie mal."

Einem lebensweisen Menschen ist klar, daß mein Besuch in diesem Verlag eine erfundene Geschichte sein muß. Kein Leiter oder auch nur Halbleiter eines Medienunternehmens wird einem Unbekannten, der vorgibt, eine gute Idee zu haben, zum Weitersprechen ermuntern. Jeder Angestellte eines Medienunternehmens träumt zwar davon, einmal im Leben ein neues Genie zu entdecken, aber niemand will das wirklich. Genie-Entdecken ist wie Goldsand-Sieben, die Mühe macht sich keiner mehr, der einen festen Arbeitsvertrag hat.

Wie auch immer: Ich trage also dem erfundenen Leitenden Angestellten meine Idee vor:
"Die Geschichte handelt von einer Nonne", sage ich und sehe, wie der Leitende Angestellte im Stuhl zusammensackt. "Diese Nonne verliebt sich in einen Arzt, wird seine Geliebte, verläßt das Kloster und heiratet ihn."
Der zusammengesackte Medienmann richtet sich in seinem Chefsessel auf und sieht mich an, wie man einen völlig Verrückten anschaut, von dem man nicht genau weiß, ob er eine Pistole bei sich trägt.
"Äh", sagt er in sanftem Ton, um mich nicht zu provozieren, die eventuell vorhandene Pistole zu ziehen, "diese Geschichte gibt es schon. 87mal als Roman und 218mal als Film."
"Ja, schon", antworte ich, "aber meine Geschichte handelt von einer 63jährigen Äbtissin und einem 72jährigen Arzt. Der Arzt ist seit kurzem verwitwet, sucht im Kloster Trost und Beistand und verliebt sich dabei..."
Der Leitende Angestellte hat inzwischen meine Kleidung mit den Augen abgetastet und ist jetzt sicher, daß ich keine Pistole bei mir habe.
"Hören Sie mal", sagt er, "Seniorengeschichten laufen inzwischen ja recht gut, auch über Seniorensex ließe ich mit mir reden. Aber Ihre Geschichte ist so was von an den Haaren herbeigezogen, so unrealistisch, so ein hanebüchener Scheißdreck, daß es nicht zu sagen ist."
Er atmet schwer, wahrscheinlich ist ihm grade eben der Gedanke gekommen, daß ich vielleicht einen winzigen Colt Derringer bei mir haben könnte.
"Ach, übrigens", fügt er hinzu und spielt mit einem langen, scharfgeschliffenen Brieföffner, "die Tür ist zwei Meter hinter ihnen."

In diesem Moment bedauere ich es aufs Höchste, meinen Colt Derringer nicht eingesteckt zu haben und verlasse das Büro.


29.9.11

Verbotene Liebe

Es ist inzwischen gute 10 Jahre her, damals wohnte ich aus beruflichen Gründen vor­übergehend bei meiner Mutter.
Ich hocke also eines Tages beim Abendessen in der Küche, während meine Mutter im Wohnzimmer gerade eine Vorabendserie mit Werbeumrahmung guckt. Plötzlich höre ich vom Fernseher einen Sprecher fröhlich quaken: "Verbotene Liebe mit Maggi-To­ma­ten­ket­chup macht einfach Spaß".
Eine ganze Weile sitze ich da wie vom Donner gerührt, entschließe mich dann aber, das Ganze auf einen Hörfehler meinerseits zu schieben, zu unglaublich erscheint mir das Gehörte. Tags drauf jedoch, gleiche Szene, gleicher Spruch. Und diesmal habe ich mich mit Sicherheit nicht verhört.

Ich möchte mich jetzt nicht weiter drüber auslassen, wie "verbotene Liebe mit Maggi-Tomatenketchup" rein technisch aussehen könnte, gestatte mir in diesem Zusammenhang lediglich die Anmerkung, daß es für den männlichen Maggi-Liebhaber möglicherweise - im Wortsinne - sehr eng werden könnte. Aber gut: Jeder Erwachsene kann und muß wissen, was er macht und vielleicht ist in diesen Zeiten von AIDS der Sex mit Tomatenketchup tatsächlich die gesündere Alternative zu promiskem Geschlechtsverkehr mit Frauen oder Männern, gleich welchen Geschlechts.

Kann sein.

Was ich aber nicht - und zwar überhaupt nicht - verstehen kann, ist die Tatsache, daß man einen dermaßen frivolen Werbespot im Vorabendprogramm bringt, zu einer Zeit also, da viele Jugendliche, ja Kinder, noch fleißig am Gucken sind. Man muß die Kids doch wirklich nicht auf derartige Gedanken bringen!
Es gab mal Leute - und es gibt sie dem Vernehmen nach immer noch - die Tomatenketchup essen. Vielleicht sollte die Firma Maggi ihre Kunden mal darauf aufmerksam machen.


Apropos Schweinereien und Maggi. Der Dramatiker und Lyriker Frank Wedekind hat in den Stücken "Lulu", "Frühlingserwachen" und "Der Marquis von Keith" die Grenzen seiner Zeit bei der Darstellung von Sexualität ausgereizt und mehr als einmal überschritten.
Die meisten werden das wissen.
Was viele vermutlich nicht wissen ist, daß Wedekind als junger Mann (als Schriftsteller noch völlig unbekannt) der erste Werbechef der Firma Maggi war, wahrscheinlich einer der ersten Menschen überhaupt, die in der Konsumartikelwerbung arbeiteten. Firmenchef Julius Maggi war begeistert von ihm und seinen Werken.
Diesem Gedicht etwa:
"Vater, mein Vater!
Ich werde nicht Soldat,
Dieweil man bei der Infanterie,
Nicht Maggi-Suppen hat."

"Söhnchen, mein Söhnchen!
Kommst du erst zu den Truppen,
So ißt man dort auch längst nur
Maggi's Fleischconservensuppen."

Man kann also auch ohne Schweinereien für Maggi Reklame machen.

20.9.11

Freitag-T-Shirt

Seit einiger Zeit wird auf der Website der Wochenzeitung FREITAG das neueste T-Shirt der FREITAGs-Kollektion angeboten, das folgendes Motiv vorne drauf hat:

Leute, ich werde dieses T-Shirt nicht kaufen.
Zum einen trage ich grundsätzlich keine Botschaften spazieren, die ich nicht verstehe. Für mich sind die Inschriften in der Karikatur schwerer zu entziffern als die Namen böhmischer Dörfer.
Zum anderen ist der Strich des Karikaturisten so was von uninspiriert und plump. Wäre ich Chefredakteur, so würde ich einen Karikaturisten, der mir öfter so was abliefert, rauswerfen.
Zum dritten schließlich... Ich kann wie gesagt, die Inschriften nicht entziffern, vermute aber, es handelt sich bei der Gestalt des Bilderbuchzuhälters mit seiner Feuermelder-Fresse [1] um die Allegorie des ägyptischen Volkes, welches einem mickrigen Mubarak Bescheid stößt. Und dieser Mubarak...
Als ich das Bild zum ersten Mal sah, war - noch ehe mir der Zusammenhang des Bildes klar war - mein erster spontaner Gedanke: Was für eine miese antisemitische Hetzkarikatur. Die Auflösung des Bildes ist nicht besonders gut, ich habe keine bessere im Netz gefunden, aber der kleine Herr links sieht mit seiner Hakennase und den Riesenohren aus wie der Haßjude in den Karikaturen der Naziblätter.
Nun unterstelle ich dem ägyptischen Zeichner keinen Antisemitismus, Araber sind ja selber Semiten und Mubarak ist kein Jude. Die Karikatur mag in Ägypten unschuldig wirken, da sie vermutlich dort keine Assoziationen weckt. In Deutschland dagegen sollte man genauer hinschauen und sensibler sein.
Ginge ich mit diesem T-Shirt spazieren, dann könnte es mir passieren, daß mich einige Glatzen - die den Entstehungszusammenhang der Karikatur ja nun gar nicht kennen (können) - schulterklopfend auf ein Bier einladen.



[1]        Zur Erklärung: Feuermelder-Fresse - Reinhauen und weglaufen.

19.9.11

Sicherheitskräfte

Im Deutschlandfunk hörte ich in den 18.00 h-Nachrichten, im Jemen hätten die Sicherheitskräfte heute 24 Demonstranten getötet.

Sicherheitskräfte.

Wie sich die jemenitischen Unsicherheitskräfte aufführen, will ich gar nicht erst wissen.

17.9.11

OTSAPPHTIS

Amerikanische Wissenschaftler (wer sonst?) haben festgestellt, daß der griechische Gott Dionysos, der Gott der Sinnenfreude und des rauschhaften Lebensgenusses in archaischen, vorklassischen Zeiten noch den Namen OTSAPPHTIS trug.

Nun, wir wissen es alle, die griechische Kultur und Religion ist untergegangen. Im heutigen Griechenland lungern bärtige Popen in zweifelhaften Kaschemmen, die sie "Kirchen" nennen, herum, vorbei die Alten Zeiten.

Aber... was die Wenigsten wissen werden: Nördlich der Alpen gibt es ein Millionendorf, das der Tarnung halber nach Mönchen benannt ist. Einmal im Jahr findet dort ein Fest statt, auf welchem dem Alten Gotte Dionysos gehuldigt wird. In einem, dem Christen obszön anmutenden Ritual eröffnet der Häuptling dieses Dorfes das Fest. Mit einem schweren Holzschlegel rammt er einen symbolischen Penis, Zapfhahn(!) genannt, in die ebenso symbolische Vagina einer symbolischen Frau, Banzen genannt, und läßt damit 15 Tage lang den Lustsaft fließen.

Wie letztes Jahr so hat auch heuer, also heute, der Häuptling nur zwei Schläge gebraucht, den Banzen zu entjungfern. Ist die Hierogamie, die Heilige Hochzeit, der... äh, Anstich, vollzogen, dann reckt der Häuptling den Schlegel triumphierend in die Höhe und ruft laut den uralten Namen des Gottes in den Saal:
Otsapphtis!

Anschließend füllt er zwei tönerne Krüge, reicht, als Geste allwährender Versöhnung, den ersten Krug dem König des Umlandes, auf daß dieser den ersten Schluck tue. Gemeinsam plaudernd leeren dann Häuptling und König ihre Krüge.

Der "Rot-Blaue Stuhl" von Gerrit Rietveld

I ch muß gestehen, ich weiß nicht, wie gut man in der Kunstgeschichte bewandert sein muß, um Gerrit Rietveld und seinen Rot-Blauen Stuhl z...