1.9.21

Altwiener Kaffeehaus

 


Oberpfalts, Gott erhalz

 

Das Beste stets zuletzt

Früher, als meine Oma alt war, ich aber nicht, habe ich es so gehalten, daß ich mir das Beste an einer Mahlzeit für zuletzt aufgehoben habe. Das Beste als krönender Abschluß.

Einmal allerdings ist eine Tragödie passiert. Im Gegensatz zur Zubereitung der bayerischen Blut- und Leberwürste in der Wikipedia haben wir die schlesischen Blut- und Leberwürste in der Pfanne gebraten, so daß die Wurst­haut aus Naturdarm schön knusprig war. Zumindest die Leberwürste waren eines meiner Lieblingsgerichte (und wären es heute noch, wenn ich sie bekäme). Ich habe stets die Fülle säuberlich rausgedrückt und gegessen, während ich die knusprige Haut beiseite gelegt habe. Die nämlich war der krönende Höhepunkt, den ich mir bis zuletzt aufheben wollte. Einmal allerdings habe ich einen Moment lang nicht aufgepaßt und - schwupp! - hatte meine Großmutter die Haut genommen und sie dem Hund gegeben. Auf meinen empörten Aufschrei hin meinte sie, sie habe gedacht, ich wolle die Haut nicht, weil ich sie zur Seite gelegt habe. Säufts.

Inzwischen bin ich alt und meine Oma schon lange tot. Jetzt hat sich mein Verhalten beim Essen umgedreht, jetzt esse ich das Beste zuerst. Es hat eine Weile gedauert, bis ich drauf gekommen bin, warum. Ich mache das so, weil ich ja in der nächsten Sekunde tot umfallen könnte und dann hätte ich das Beste an dieser Mahlzeit verpaßt.

Neger, Nacktheit und Theater

Als ich noch der Waldbauernbub war, gab es in Eggenfelden, dort, wo heute das Theater an der Rott steht eine Schrebergartensiedlung. Einen halben Kilometer entfernt davon bin ich aufgewachsen.

1963 ist das Theater an der Rott eröffnet worden, bis heute das einzige Theater in Deutschland, das von einem Landkreis betrieben wird. Wenige Jahre später gastierte dort ein brasilianisches Sambaballett. Die Auf­führungen waren seinerzeit sehr gut besucht, denn die Damen des Ensembles hopsten dort teilweise mit blanker Brust herum. Mit nackter Brust, man stelle sich vor. Eine Sensation damals, eine echte Sensation. Ich selber war kein Augenzeuge, habe nur aus der Lokalpresse davon erfahren: Die vom Theater hätten mich niemals reingelassen, mit den 14 oder 15 Jahren, die ich seinerzeit alt war.

Nackte Busen auf der Bühne gab's in den sechziger Jahren in Hamburg-St. Pauli auf der Reeperbahn, das schon. Da gab's im Salambo von René Durand sogar einen zwar künstlerisch choreographierten aber doch echten Fick auf offener Bühne.

In Niederbayern... vergiß es! Bei Negerinnen dagegen ging das. Leute, das ist Rassismus, hundsgemeiner Rassismus. Heute halten 1fältige Menschen schon das bloße Aussprechen des Wortes "Neger" für rassistisch.

29.8.21

Dahoam wird dahoamig gesprochen, basta!

Vor einiger Zeit sonderte einer hier einen markigen Satz [1] ab, dessen Logik man sich schwer entziehen kann: "Wer nicht deutsch lernt, kriegt weniger Moneten."

Ich entgegnete ihm:

"Das ist so eine Sache. Ich war ja selber 10 Jahre lang Ausländer. Meine Frau sprach zwar wesentlich besser Italienisch als ich, aber auch sie war anfangs nicht recht damit zufrieden. Die damals noch ziemlich jungen Kinder (10 und 12 Jahre alt) konnten seinerzeit überhaubenz kein Italienisch, aber - immerhin - sie gingen jeden Tag in die Schule und sie waren noch sehr jung. "Weißt was", sagten wir uns gegenseitig, "wir sprechen auch dahoam nur noch Italienisch. So lernen wir von unseren Lendenfrüchten die italienische Sprache im Schnelldurchgang."

Eine endgeile Idee, kannst nix dagegen sagen. Bis der Jüngste eines Tages deutsch sprach und ich ihm entgegnete: "Micky, was du eben gesagt hast, war nicht deutsch, sondern Italienisch mit deutschen Wörtern." Die durchgehend deutschen Wörter hatte er nach Art der italienischen Grammatik zu einem Satz zusammengebaut.

Heißt, der Knabe war dabei, seine erste Muttersprache zu verlernen, noch ehe er die zweite Muttersprache so recht beherrschte. "Alarm!" [2] war der Spruch des Tages. Von Stund an wurde bei uns daheim in Castellabate nur noch Deutsch untereinander gesprochen. Inzwischen haben beide Kinder längst ihre maturità mit Bestnote geschafft, sie haben vier Muttersprachen, Deutsch, Bairisch, Italienisch, Cilentano. Was willste mehr.

 

Für den Absonderer des Eingangssatzes hatte ich noch einen Rat: "Das Wort 'deutsch' in deinem oben zitierten Satz schreibt man GROSS. Ich schlage mal 15 % Kürzung deines Einkommens vor, wegen Nichtraffung der hiesigen Landessprache."



[1]   Auf dem österreichischen Forum "Fisch & Fleisch" sondern die meisten Blogger und Kommentatoren markige Sätze ab. Daher wahrscheinlich der Name Ostmark.

[2]   "Alarm" kommt übrigens aus dem Italienischen, "all' arme", was so viel heißt wie "zu den Waffen".

27.8.21

Ein Hund muß sich was dazu verdienen

1958 gefiel es einem Hund, sich "Onkel Otto" zu nennen und seinen Dienst als Werbetrenner beim regionalen Vorabendprogramm des Hessischen Rundfunks anzutreten. Genau genommen war es gar kein Hund, sondern ein Fern-Se(e/h)hund.



 Onkel Otto hat seinen Dienst brav bis heute verrichtet und drohte schließlich ein Opfer der Altersarmut zu werden. Also mußte er sich auf seine Alten Tage etwas dazuverdienen. Andere Leute in seiner Lage sammeln Pfandflaschen, ich mache Kurse für Trunkenheitsfahrer und Otto heuerte unter dem Namen
Dieter Zetsche bei Mercedes an.

Eigentlich ein schlauer Job, viel können mußt du nicht, tot arbeiten tust du dich auch nicht und mit 8 bis 9 Millionen € pro Jahr müßte man über die Runden kommen.

Mein Nachbar hat sich ausgesperrt

Heute vormittags klingelt es an der Haustüre, draußen steht mein Nachbar im leichten Homedress, man kann auch Pyjama sagen. Er ist ein weißhaariger älterer Herr, was red ich, er ist ein alter Mann, noch älter sogar als ich. Er habe sich aus seiner Wohnung ausgesperrt, sagt er. So was passiert, wenn­gleich es nicht passieren sollte. Ich selber, klugscheiße ich ihn voll, stecke beim Nachhausekommen stets den Wohnungsschlüssel von innen in's Schloß und sperre ab. Wenn ich nun die Wohnung verlassen wolle, sei ich gezwungen, den Schlüssel in die Hand zu nehmen. Ich bin so was von dermaßen schlau, ich warte nur noch drauf, bis ich mich dereinst selber mal aussperre. Ach.

Ich tröste ihn, es sei ja keine Katastrophe passiert, schließlich gebe es den Schlüsseldie...

Doch halt! Seine Frau sei doch in der Arbeit, wenn er die jetzt anriefe, könne sie kommen und ihn aus der mißlichen Lage befreien. Wo sie denn arbeite? Das wisse er nicht mehr, er sei nämlich, müsse ich wissen, schon ein bisserl vergeßlich. Ich nicke verständnisvoll, das bin ich meinem Beruf und meinem ebenfalls bereits fortgeschrittenen Lebensalter schuldig. Er hat anscheinend auch sein Alter vergessen, denn sein erster Vorschlag ist, daß er über meinen Balkon zu seinem Balkon klettern wolle. Da sind aber erstens noch zwei andere Wohnungen dazwischen und zweitens geht der Nachbar bestimmt stramm auf die 80 zu. Von einem Balkon zum anderen klettern hätte ich mich nicht mal mit 30 getraut. Die Wohnungen sind im Ersten Stock, nicht hoch genug, um beim Runterfallen (auf eine Wiese) garantiert zu sterben, aber doch hoch genug, um ein Leben lang gelähmt zu bleiben. Gut, so lange würde das im konkreten Jetztfall nicht mehr dauern, aber doch...

Ob sonst noch jemand einen Zweit-, eigentlich ja Drittschlüssel habe, frage ich weiter. Ja, meint er, sein Schwager. Dessen Namen wisse er aber auch nicht mehr. Er erwies sich als ein bisserl sehr vergeßlich. Aber nein, den Schlüsseldienst wolle er nicht bemühen, das koste doch so viel Geld [1]. Ja, schon, entgegne ich, aber es sei die einzige Alternative, ansonsten müßte er stundenlang im Hausflur auf und ab gehen, bis schließlich am späten Nachmittag seine Frau heimkomme. Er blieb stur.

Irgendwann ist mir dann der Schlüsselbund aufgefallen, den er schon die ganze Zeit in der Hand gehabt hatte. Ja, nein, er wisse nicht, ob das sein Haustürschlüssel sei, wahrscheinlich nicht, denn er könne damit nicht aufsperren. Ich probiere es auch und tatsächlich brin­ge ich den Schlüssel nicht in's Schlüsselloch, so als wäre es ein Schlüssel für ein ganz anderes Schloß. Was der Schlüsselbund zu bedeuten hat, bleibt rätselhaft.

Ich habe dann die Hausverwaltung angerufen, vielleicht haben die ja einen Nachschlüssel. Aber nein, die hätten keinen, wurde mir versichert. Dann habe ich beim Schlüsseldienst Löffler angerufen, der Anrufbeantworter teilt mir mit, daß sie derzeit in Urlaub seien. Ich rufe einen anderen Schlüsseldienst an, dort sagte man mir, man könne nicht tätig werden, solange der Wohnungsinhaber selbst keinen Auftrag erteile. Gleiches erfahre ich von der dann angerufenen Polizei. Was man dann machen könne? Man könne die Leute vom Bezirkskrankenhaus (vulgo: Klapse) rufen, ohne ein psychiatrisches Gutachten kommst du heutigentags nicht mehr in deine Wohnung.

Nach ca. einer halberten Stunde entschließe ich mich, auf eigene Faust den Schlüsseldienst zu rufen [2] und alles weitere später mit dem Nachbarn seiner Frau zu regeln. Ich telefonier gerade, als ein weiterer Nachbar durch meine offene Wohnungstür ruft, es habe sich inzwischen alles geregelt. Ich schau auf den Flur und richtig, da steht der erstgenannte Nachbar und winkt mir aus seiner offenen Wohnungstür zu. Nachbar zwei erklärt mir, das Türschloß sei lediglich ein wenig streng gegangen, ein Tropfen Öl habe Wunder gewirkt.

Puh, nochmal gutgelaufen!

Dann kommt der erste Nachbar gut gelaunt über den Hausflur auf mich zu. Er hat nichts in der Hand und sein Pyjama hat keine Taschen. Blitzschnell nehme ich meinen Wohnungsschlüssel in die Hand und flitze ihm entgegen, laufe an ihm vorbei und stelle mich in seine Wohnungstür, damit sie nicht bei einem Windstoß [3] zuschlagen kann. Sein Schlüssel steckt nicht im Schloß, er findet sich auch seiner Wohnung nicht.

Was lernt uns diese Geschichte?

1. Geschichten, über die man sich totlacht, wenn man sie im Film sieht, sind in echt ziemlich lästig.

2. So sehr man über Geschichten von Dementen manchmal lachen kann, es steckt immer eine Tragödie dahinter.

Säufts.

 


[1]   Es kostet 69,- €, so viel ist das nicht. Woanders zahlt man 150,- oder auch schon mal 200,- €.

[2]   Zum Schnäppchenpreis von 69,- €, wir erinnern uns. 

[3]   Nicht, daß ein Wind gegangen wäre.

Der "Rot-Blaue Stuhl" von Gerrit Rietveld

I ch muß gestehen, ich weiß nicht, wie gut man in der Kunstgeschichte bewandert sein muß, um Gerrit Rietveld und seinen Rot-Blauen Stuhl z...