11.4.22

Die Fußstapfen von Stephen Hawking

Ich sitz am Gerät und schau mir auf YouTube das Video "LIVE: Das Leben, das Universum und Harald Lesch [REUPLOAD [1]]" an, in welchem Harald Lesch in einem Livestreaming online gestellte Zuschauerfragen beantwortet. Irgendwann (ich bin da optimistisch) erklärt mir einer, was ein Live-Streaming ist und inwiefern sich ein Streaming von einem normal anzuschauenden und herunterladbaren Video unterscheidet. Es gibt noch viele Rätsel in diesem Kosmos zu lösen. Apropos "Kosmos"... in den sechziger Jahren gab's mal aus dem Franckh-Verlag die Zeitschrift KOSMOS, herausgegeben von "KOSMOS - Gesellschaft für Naturfreunde". Der Pauli, ein Schulfreund von mir, gründete daraufhin eiskalt den Verein "SOMSOK - Gesellschaft für Naturgegner". Seit damals, seit den später sechziger Jahren geht es tatsächlich der Natur schlechter und immer schlechter und eines nicht mehr fernen Tages werden die SOMSOK-Leute die Natur besiegt haben und die Weltherrschaft übernehmen.

Ich verschwatz mich schon wieder, was ich sagen wollte: Ich schenk mir grad einen Tee ein (TWININGS-Tea "Prince of Wales"), als die Moderatorin Jasmina Neudecker dem Lesch die Zuschauerfrage weitergibt, ob er einen Kosmologen kenne, der in die Fußstapfen von Stephen Hawking treten könne. Mich hebt's aus dem Stuhl, gottlob war ich mit dem Einschenken schon fertig gewesen, so daß ich nichts verschüttet hab. Stephen Hawkings Fußstapfen... Dazu muß man wissen, daß Hawking seit seinem 26. Lebensjahr auf den Rollstuhl angewiesen war, das mit den Fußstapfen also nicht so ganz passend war.

Weder der Lesch noch die Neudecker haben was gemerkt, sie haben ganz normal weitergeredet, während ich vor Lachen vor mich hingluckste. So schnell kann es gehen, daß du in das schwärzeste aller Schwarzen Löcher, das Metaphernloch stolperst und auf ewig drin verschwindest. Obwohl... Der Zahn der Zeit, der schon so viele Tränen getrocknet hat, wird auch über diese Wunde Gras wachsen lassen.



[1]   Kennt von den Jüngeren noch jemand den Reup Loadl aus Ruhpolding?

Die Marktlücken im Sinnhandel

Überlieferungen sind umso zuverlässiger, je größer der Abstand zwischen damals und heute ist. Wenn ich heute nach einem Aufstieg auf den Brotjacklriegl in die Stadt zurückkomme, zwei Blätter Computerausdrücke unterm Arm, und verkünde, ich sei dort oben GOtt begegnet, der mir zehn Gebote geoffenbart habe, auf daß ich sie Jedermann verkünde, dann riskiere ich damit die Einweisung in die Psychiatrie.

Dabei ist meine Geschichte sehr gut dokumentiert, x Kameras haben mich gefilmt, wie ich vom Berg zurückkomme, man kann das Papier und die Schrift darauf analysieren, ich stehe für Interviews und Talkshows zur Verfügung, in denen mich jeder befragen und meine Darlegungen auf innere und äußere Glaubwürdigkeit abklopfen könnte.

Je älter eine solche Geschichte dagegen ist, je weniger gut sie dokumentiert ist, desto glaubwürdiger wird sie. Nimm die uralte Geschichte von Moses und dem Sinai, die uns überliefert ist von einem, der einen gekannt, welcher der Schwager eines guten Bekannten war, der wiederum der Ur-ur-ur-ur-Enkel von Moses gewesen sein soll... Sie wird ernst genommen als enthielte sie... äh,... Gottes Wort.

Und je öfter schon irgendwelche Leute an dieser alten Geschichte herum geändert haben für desto authentischer gilt sie. Man deutelt frohgemut an jedem Buchstaben des Textes, der, wie gesagt, bekanntermaßen x-mal redigiert worden ist. Theologie ist über weite Strecken eine Gerüchtologie.

Es gibt nichts Leichtgläubigeres als einen klugen Menschen, der glauben will, weil er sich dann besser fühlt. Der Mensch muß sich die Welt erklären, anders erträgt er sie nicht, anders kann er nicht in ihr leben. Jede Theorie - buchstäblich und wortwörtlich: jede - ist besser als keine Theorie. Religionsstifter und Philosophen haben das erkannt und die Marktlücke mit Sinn gefüllt. Mit irgendeinem Sinn.

Wo tu ich nur all die Österreicher hin?

Der Österreicher - wir wissen es alle - hat einen Hang zum Unterirdischen, dort bewahrt er auch gerne seine Nachkommen auf. Ich gehe fest davon aus, daß es ca. doppelt so viele Österreicher gibt als in den amtlichen Statistiken aufgeführt. Die andere Hälfte ist im väterlichen Keller Anders brächte man niemals so viele Leute in dieses winzige, schnitzelförmige Land.

Vom Beifallklatschen

Wenn du ein paar Jahre bei "Fisch und Fleisch" mitliest und gelegentlich auch mitschreibst, dann glaubst du irgendwann, du wärst inzwischen - und das gleich mehrfach - in die tiefsten Höhlen des Irrsinns hinabgestiegen und so schnell könnte dich nichts mehr verwundern.

Und dann findest du diesen Kommentar:

Wie bei "Fisch und Fleisch" üblich gibt dieser Kommentar nicht an, auf was er sich bezieht, man kann den Bezug auch nicht erraten, dafür ist der Kommentar zu kurz. Aber das ist noch nicht das eigentlich Verwunderliche. Bemerkenswert ist vielmehr, daß immerhin zwei User diesem absolut sinnlosen Kommentar zwei grüne Hände der Zustimmung geben.

9.4.22

Der larvierte Kolonialismus und der Religionskrieg

Wenn eine europäische Macht - zum Beispiel England - ein südlicheres Land - sagen wir mal: Indien - überfällt und dann das Land regiert, dann nennen wir das Kolonialismus.

Wenn eine europäische Macht - zum Beispiel Rußland ein östlicheres oder südlicheres Land - sagen wir mal: Sibirien oder Kasachstan - überfällt und dann die Länder regiert, dann nennen wir das natürlich nicht Kolonialismus, denn Kasachstan und Sibirien grenzen direkt an Rußland an. Nachbarländer, die zu Kolonien werden, fallen nicht weiter auf als Kolonien.

Wenn eine europäische Macht - sagen wir mal: England - eine benachbarte Insel - zum Beispiel Irland - überfällt und dann das Land regiert, dann nennen wir auch das nicht Kolonialismus, denn: Gleiche Lebenslüge für alle.

In den zwanziger Jahren hat sich Irland vom englischen Nicht-Kolonialismus befreit. Ein eher kleineres Stück Irland blieb beim Kolonialherren Großbritannien, mußte bleiben, daher der Name "-herr".

In der Republik Irland sind über 80 % Katholiken, nur 2,8 % sind Anglikaner. In Nordirland dagegen liegen Katholiken und andere Christen bei jeweils 40 %.

Soweit ich weiß gab's zwischen Katholiken und Anglikanern in der Republik Irland seit der Unabhängigkeit kein Geschiß wegen Religion. In Nordirland dagegen wütete viele, viele Jahre ein blutiger Bürgerkrieg. Wegen der Religion?

Wem einmal klargeworden ist, daß selbst der Dreißigjährige Krieg kein Religionskrieg war, sondern ein Krieg Fürsten gegen Kaiser, das erzkatholische Frankreich vereint mit dem protestantischen Schweden gegen den erzkatholischen Kaiser, der wird auch im Falle von Nordirland stutzig und frägt sich.

Zurecht.

Die Katholiken in Nordirland sind die alteingesessenen Iren, jene die immer schon da waren. Die Protestanten (Anglikaner) in Nordirland dagegen sind die Nachfahren der englischen Kolonialherren. Wie schon der Name "‑herren" andeutet sind sie im Durchschnitt erheblich wohlhabender als die katholischen Grattler. Der nordirische Bürgerkrieg war also kein Bürgerkrieg, sondern ganz normaler, ganz brutaler Klassenkampf.

Weltmeister im Dumpfboitltum

Was in Österreich die Tschechen, Slowaken, Slowenen, Kroaten und Serben sind, das sind in Deutschland die Polen. Wenn du das Telefonbuch von... sagen wir mal: Bochum aufschlägst, purzeln dir massenhaft polnische Familiennamen entgegen, allesamt mit deutschen Vornamen. Das sind die Nachkommen der polnischen Bergarbeiter, die man in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts für's Ruhrgebiet angeworben hatte. Heute schimpfen die Schimaniaks, Juskowiaks und Lewandowskis über die Scheiß-Polacken, die uns die Autos wegklauen. Ich erwähn das nur deswegen, damit hier keiner glaubt, die Österreicher (übrigens allesamt Ausländer!) wären die Weltmeister im Dumpfboitltum.

Wür sünd das Volk. Nachbarin, euer Kotzeimer.

Der "Rot-Blaue Stuhl" von Gerrit Rietveld

I ch muß gestehen, ich weiß nicht, wie gut man in der Kunstgeschichte bewandert sein muß, um Gerrit Rietveld und seinen Rot-Blauen Stuhl z...