Bevor einer frägt: Ich habe schon vor Jahren versucht, die Eberhard-Geschichten als e-Book anzubieten, gegen - man traut es sich kaum hinzuschreiben - Geld. Verdient habe ich damit keinen müden Cent, buchstäblich und wortwörtlich.
Hier gibt es jetzt also die Eberhard-Geschichten kotzenlos und für umeinsonst (ummasunst).
Vor ein paar Tagen: Ich schlafe, irgendwann träume ich auch,
wenn auch nicht so richtig, denn ich weiß
im Traum, daß ich träume. Und im Traum sage ich plötzlich "Urumtschi".
Nanu? Wer oder was ist "Urumtschi"? Ich weiß es nicht, weder im
Traum, noch im Wachzustand, in den ich vor Schreck geraten bin.
"Urumtschi" hört sich sehr nach irgendwelchen Phantasiewörtern an,
die ich manchmal so vor mich hinbrabble und die sich viel zu oft als echt
erweisen, Kyritz an der Knatter etwa,
Ushuaia oder gar Wurmannsquick. "In der am Meer gelegenen Stadt Urumtschi
lebte einst König Bulgur, der eine Tochter hatte, die liebreizende Soja. An
einem linden Abend im blütenduftenden Mai stand Soja am Fenster und sah den
roten Mond über den Hügeln aufgehen. Seufzend
senkte sie ihren Blick und sah unten auf der Straße ein großes, dickes,
rosafarbenes Schwein mit schwarzem Hut vorbeigehen. "Oh!", sagte
Anna, die dergleichen noch nie gesehen hatte. Das Schwein, überrascht von dem
Seufzer, blickte zu der Prinzessin auf. Und 'Oh!', sagte auch das Schwein, das
dergleichen noch nie gesehen hatte." So
etwa in der Art, man kennt das.
So sehr sich "Urumtschi" nach Quatsch anhört, so
sicher war ich mir, es müßte irgendwo auf dieser Welt ein Urumtschi geben. Als
der Laptop hochfuhr (ich habe Windows, so was zieht sich also) tippte ich auf
Afrika. Ja, "Urumtschi" liegt im Inneren Afrika. Wikipedia aber
meinte, Urumtschi liege
in China, 300 km vom Eurasischen
Pol der Unzugänglichkeit entfernt.
Die wenigsten werden es wissen [1],
deswegen erzähl ich es hier: In Norwegen haben Frauen einen gesetzlich
verbrieften Anspruch darauf, daß sie für gleiche Arbeit den gleichen Lohn
erhalten wie Männer. Ja, die Skandinavier, sind uns halt immer - oder doch oft
- eine Nasenlänge voraus.
Der norwegische König Frederik, von dem dieses Gesetz
stammt, herrschte damals auch über Dänemark, Schweden und - natürlich - Island.
Damals, das war 1720. Das ist -
versteht sich - eine Ällabäätsch-Information. Denn gleiche Bezahlung für
gleiche Arbeit gibt's längst nicht mehr, auch nicht in Skandinavien. Die Guten
Alten Zeiten (GAZ®) sind lang vorbei. Die Guten Alten Zeiten waren, als Islands
Fischer zu 30 bis 40 Prozent Fischerinnen waren, das blieb bis in die
Hälfte des 19. Jahrhunderts so.
In der Nationenwertung der Equal-Pay-Olympiade liegt heute
Norwegen auf Platz 8, nach den Philippinen, Thailand, Nepal, Vietnam, Namibia
und Mosambik. Mit Abstand Spitzenreiter ist (Trommelwirbel) Burundi.
In Burundi verdienen die Männer drei Viertel so viel wie ihre Frauen. Burundi
ist das einzige Land der Welt, in
dem das
Einkommensverhältnis zwischen den Geschlechtern umgedreht ist. Norwegen
liegt deutlich vor Deutschland oder gar Österreich.
Nun seid ihr natürlich schlaue Mäderlen und Buberlen und
laßt euch von einem Schabernack-Gaudiburschen wie mir nicht für dumm verkaufen.
Deshalb hier die Wahrheit über die Seawomen
of Iceland. Gestern, auf der Bahnfahrt nach Weißenburg zu einem Kurs für
Trunkenheitsfahrer habe ich mir eine Sendung über Þuríður Reynisdóttir und die anderen isländischen Seefrauen angehört.
Den Podcast "Geschichten aus der Geschichte" kann ich im übrigen ganz
allgemein wärmstens empfehlen.
Der Musikkritiker
Ulrich Schreiber hat 1980 im Westdeutschen Rundfunk ein bemerkenswertes
Experiment gemacht [1]. In einer Rundfunksendung wurden drei
Interpretationen der 4. Sinfonie,
der "Romantischen", von Anton Bruckner gespielt [2].
Die Hörer hatten die Möglichkeit, telefonisch ihre Meinung zu äußern,
das heißt sie konnten die drei Interpretationen in eine Rangordnung bringen.
Die einzelnen Aufnahmen wurden von kurzen musikkritischen Stellungnahmen
eingeleitet, welche die verschiedenen Interpreten (Karl Böhm, Leonard Bernstein
und Herbert von Karajan) stilistisch einordnen sollten und dabei ganz bewußt
mit Klischees arbeiteten.
Der Haken war - es
handelte sich jedesmal um die gleiche Aufnahme! Und: Sie stammte von
keinem der drei vorgestellten Dirigenten. Im Verlauf der Sendung riefen 563
Hörer an, die neben einigen soziologischen Daten ihr Urteil in den Computer beim
Sender einspeisten [3]. Dabei bezeichneten sich 65 Prozent der
Anrufer als Klassik-Spezialisten.
Das Ergebnis: 30 Prozent stimmten für Karajan, 28 Prozent für Bernstein und 23
Prozent für Böhm, 18 Prozent enthielten sich. Auf die Idee, daß hier
manipuliert worden sein könnte, kam kein
einziger, kein einziger Anrufer
äußerte auch nur den Verdacht, es habe sich um identische Musikbeispiele
gehandelt.
Ein bißchen
Wortgeklimper zur Einstimmung und der angebliche Kenner sackt mit all seiner
Sachkenntnis ein.
Ossian
Ein weiteres, noch
interessanteres Beispiel, an dem sich zeigen läßt, daß nicht nur Musikexperten
wirr im Hirn sind, sondern auch Literaturkenner, ist die Geschichte von Ossian.
1762 erschien in London die englische Übersetzung eines uralten keltischen
Epos. Der Text wurde auf ca. 500 bis 600 nach Christus datiert, war damit
deutlich älter als alle (bis heute) bekannten Sprach- und Literaturdokumente
nord- und mitteleuropäischer Sprachen. Der Autor war ein keltischer Barde
namens Ossian, der in seinem Epos in beeindruckend bildkräftigen Versen die Heldentaten
seines Vaters und anderer keltischer Heroen besang. Das intellektuelle Europa -
unter anderem der junge Goethe, der etwas später eine Übersetzung von Teilen
des Ossian-Epos ins Deutsche anfertigte - war begeistert von diesen Versen, von
der archaischen Wucht, die dem Leser entgegensprang.
In England blieb man
weitgehend skeptisch, man wollte dem barbarischen Volk der Schotten eine solche
Kulturleistung einfach nicht zutrauen. Das Mißtrauen wurde geschürt von dem
Umstand, daß der Übersetzer, James McPherson,
den von ihm entdeckten gälischen Originaltext nicht und nicht veröffentlichen
wollte. Geraume Zeit später war dann ohne Zweifel erwiesen, daß James McPherson
den Text nicht übersetzt, sondern verfaßt hatte. Pschschsch, eine
Fälschung! Raus war der Zauber und die Verse waren plötzlich gar nicht mehr von
archaischer Wucht (was sie immer noch hätten sein müssen, wenn die Beurteilung
zuvor von Sachkenntnis geleitet worden wäre).
Das literarisches Kunstwerk und sein
Autor
Das Kreuz nämlich ist,
daß einerseits ein Text ein Text ist. Andererseits aber ist ein Text auch
kontextabhängig. Wenn der Satz "Erwin Pachulke hat, das versichere ich
hiermit als Augenzeuge, Herr Kommissar, um ca. 18.00 h den Juwelier
Rembremmerding überfallen und erschossen" in einem Polizeiprotokoll
steht, dann wird dieser Text nur solange belangvoll sein, bis sich erwiesen
hat, daß Erwin Pachulke, ausweislich einer Videoaufzeichnung, um ca. 18.00 h,
ca. 300 km vom Tatort entfernt sein Auto betankt hat. Oder bis Pachulke endlich
gehängt ist.
Ist derselbe Satz
dagegen Teil eines literarischen Kunstwerks, so verlieren weder der Satz als
solcher, noch das literarische Kunstwerk an sich das geringste, wenn sich
herausstellt, daß der ehdem geschätzte Autor ein - sagen wir mal - Serienmörder
ist.
Künstler begehen eher selten Morde, das ist richtig, gelegentlich aber
begehen Mörder Kunst. Was ich sagen will: Der Hinweis auf den Serienmörder ist
kein ausgedachtes Beispiel. Der Österreicher Jack Unterweger[4] wurde wegen des Mordes an einer Wiener
Prostituierten verhaftet und schließlich verurteilt. Während seiner Haftzeit
startete Unterweger eine fulminante Karriere als Häfenliterat (in Deutschland
würde man Knastpoet sagen), er wurde zum Liebling des österreichischen
Feuilletons. Viele Prominente aus Kunst und Politik (unter anderem Elfriede
Jelinek, Günter Grass, Erich Fried) setzten sich für seine Begnadigung ein.
Unterweger wurde dann tatsächlich vorzeitig entlassen und setzte anschließend
seine Karriere als Serienmörder fort.
Ein literarisches
Kunstwerk wirkt aus sich heraus. Tut es das nicht, ist es kein Kunstwerk,
sondern eine Zumutung. Der Text ist entweder gut oder er ist es nicht, und er
wird nicht besser oder schlechter dadurch, daß ich irgendwas über den Autor
erfahre.
Ich habe mal aus relativer Nähe heraus die Geschichte eines
Journalisten erlebt, der unter anderem hochgelobte Bücher geschrieben und als
Ghostwriter für einen hochrangigen Würdenträger gearbeitet hat. Dann ist er auf
einmal verhaftet worden und wurde schließlich wegen einer sexuellen Straftat zu
einer Gefängnisstrafe verurteilt. Als die Vorwürfe gegen ihn bekannt wurden [5], hat sich der Würdenträger sofort von ihm
distanziert und heftig abgestritten, daß ihm der Mann die Reden geschrieben
hätte, und die Bücher wollte auch keiner mehr kaufen. Hm. Wie ich oben sagte:
Wenn die Texte vorher gut waren (ich fand sie nicht so toll, auch vorher
nicht), dann sind sie es nach dem Skandal immer noch.
Der Text selbst kann
seinen Charakter nicht mehr verändern, wenn er erstmal geschrieben ist. Was
sich dagegen ändern kann, ist seine Wahrnehmung und Interpretation, wobei letztere,
wie gesehen, sehr stark von dem Gewese und Getöse um den Text herum beeinflußt
sein kann.
George Forestier, der falsche
Fremdenlegionär
In den fünfziger
Jahren erschien in Deutschland ein Band mit Gedichten, in denen George
Forestier, ein ehemaliger Fremdenlegionär, seine erschütternden Erlebnisse
und Leiden während des Indochina-Kriegs verarbeitete. Forestier wurde damals
mit Ingeborg Bachmann in einem Atemzug genannt, einige stellten gar seine Gedichte
über die ihren. Sie beeindruckten in
ihrer Wucht und Authentizität.
1955 stellte sich
heraus, dass das Leben und das Werk Forestiers von Karl
Emerich Krämer frei erfunden worden waren. Krämer war alles mögliche (u. a.
Nazi), aber er war weder in der Fremdenlegion gewesen, noch kannte er Indochina
aus eigener Anschauung.
Batsch! Mit einem
Schlag war der Zauber seiner Verse verflogen, niemand liest heute noch die
Gedichte, in der Literaturgeschichte kommt Forestier allenfalls noch als
Kuriosität am Rande vor.
Literatur arbeitet
fast immer mit der Einfühlung, das heißt man erwartet von einem Schriftsteller
nicht, daß er die dargestellten Ereignisse tatsächlich selber erlebt hat, auch
wenn er als Ich-Erzähler auftritt. Karl May, der seinerzeit seine Geschichten ausdrücklich und beharrlich als
selbsterlebt ausgegeben hat, hat man seinen Schwindel verziehen, George Forestier
nicht.
Goya, der
Stümper
Was der Louvre in Paris für Frankreich ist, das ist der Prado in Madrid für
Spanien. Und was die Mona Lisa für den Louvre ist, das ist "Der Koloß"
von Francisco Goya für den Prado. "Der Koloß" gilt als das
Meisterwerk Goyas, der uns noch so viele andere Meisterwerke hinterlassen hat.
Das Bild ist das Schmuckstück des Prado und es zählt zu einem der am häufigsten und intensivsten von der
Fachliteratur behandelten Gemälde, nicht nur Goyas, sondern der
Kunstgeschichte insgesamt.
Alles Vergangenheit,
dies. Denn, wie es im Leben manchmal so geht: Vor einiger Zeit entdeckte man in
einer Ecke des Bildes ein verstecktes Kürzel, das Experten als die Initialen
"AJ" identifizierten. Das Bild ist inzwischen 200 Jahre alt und der
Laie frägt sich natürlich, wieso diese Entdeckung nicht schon längst gemacht
worden ist. Immerhin ist der Koloß eines der bestdokumentierten Werke der
Kunstgeschichte. Legionen von Experten haben im Laufe von 200 Jahren das Bild
sehr, sehr genau untersucht, kunstgeschichtlich, kunsttheoretisch und natürlich auch naturwissenschaftlich.
Wie auch immer:
Das Kürzel
"AJ" deutet nicht auf Francisco Goya hin, das wurde selbst den
Experten klar, sondern vielmehr auf Asensio Juliá, einen Schüler Goyas, der -
klar - auch in Goyas Werkstatt gearbeitet hat.
Und nun gingen den
Experten die Augen auf: Das Prado-Museum veröffentlichte ein Gutachten, das ein
Team von Experten verfaßt hatte, welche den "Koloß" mehre Monate lang
untersucht hatte (ntv-de vom 26.01.2009). Das Werk passe nicht zum Stil Goyas
hieß es dort und: "Es gibt markante Unterschiede zwischen dem
"Koloss" und den Meisterwerken Goyas, deren Urheberschaft
dokumentiert ist. (...) Bei richtigem Licht betrachtet wird deutlich, dass die
dürftige Technik, das Licht und die Farbtöne nicht dem Niveau Goyas
entsprechen." Die Gutachter hoben ferner hervor, dass das Gemälde
perspektivische Fehler aufweise, die einem Perfektionisten wie Goya niemals
unterlaufen wären.
Das sind starke Worte,
kühne Worte. Dem großen Meisterwerk Goyas, das zu den bedeutendsten
Meisterwerken der Malerei gezählt wurde, wird nun auf einmal "dürftige Technik"
nachgewiesen, man findet jetzt plötzlich Fehler in der Perspektive, die einem
Perfektionisten wie Goya niemals unterlaufen wären. Waren die Leute vorher alle
blind gewesen?
[1]Die Informationen verdanke ich dem Artikel
"Erkennen Sie den Interpreten?" von Reinhard Söll, Mittelbayerische
Zeitung, 17.07.1982. Er wiederum gibt als Quelle den Artikel
"Mystifikation in der Musik" aus der Zeitschrift
"HiFi-Stereophonie" vom Januar 1981 an. Dort wurde das Experiment
detailliert beschrieben, weitere Informationen zu diesem Artikel, geschweige
einen Link habe ich nicht gefunden.
[2]Es wurden anscheinend nur Auszüge gespielt.
Die 4. Sinfonie von Bruckner dauert immerhin ca. eine Stunde.
[3]PCs und Internet waren 1980 noch
unrealistische Träume.
[4]Der für einen Österreicher eher untypische
Vorname Jack kommt von seinem leiblichen Vater, einem GI. Es ist kein
Künstlername, obwohl Unterweger vor seiner literarischen Karriere
Aktionskünstler war (Bankraub, Mord etc.).
[5]Es wurde damals erst gegen ihn ermittelt,
eine Anklage, geschweige eine Verurteilung war noch in weiter Ferne.
Nicht, daß ich die
"Kronenzeitung" täglich läse - es gibt Grenzen des Wahnsinns.
Gelegentlich aber werde ich von jemandem drauf aufmerksam gemacht, was in der
"Kronenzeitung" gestanden hätte und jedesmal - je-des-mal - greife ich in den schandbarsten Schlamm. Schlimmer als
die BILD-Zeitung, und das heißt was.
In einem von einer
ungenannt bleiben müssenden Userin verlinkten Artikel lese ich: "Denn genau jener junge Mann (für ihn gilt
die Unschuldsvermutung), der mit Van der Bellen und dem grünen Landesrat
Anschober vor den Kameras stand, wird nun ein Fall für den Verfassungsschutz.
Auf seiner Facebook-Seite soll sich
der Flüchtling mutmasslich als Fan
der libanesischen Terrororganisation Hisbollah gezeigt haben. Auch dem
Iran-Regime sei er nicht abgeneigt."
Heißt: Ich weiß gar
nichts, schreib's aber mal hin. Der Österreicher Johann Nestroy hätte
geschrieben: "Dös is
klassisch"
Wenn du in der Schul
Latein gehabt hast, dann kennst du wahrscheinlich den Sallust. Wenn nicht,
suchst du dir einen Querbalken und hängst dich dran auf. Ich nehme zum Exempel
die alte Klatschtante Gaius Sallustius Crispus,
weil der Fall Catilina inzwischen
doch jede Tagesaktualität verloren hat:
Sallust nämlich schrieb einst: "Meines
Wissens glaubten manche Leute, daß die Jugend, die in Catilinas Haus verkehrte,
sich in entehrender Weise schamlos benommen habe; das wußte zwar niemand
zuverlässig, doch aus verschiedenen Gründen hielt sich dieses Gerücht."
Das ist
Berichterstattung nach Art der Kronenzeitung: Er ist sich nicht sicher (1.
Stufe des Gerüchts), ob manche Leute glauben (2. Stufe des Gerüchts), daß die
Jugend ... sich ... schamlos benommen habe (3. Stufe des Gerüchts). Dann betont
er noch mal, daß das alles wilde Gerüchte seien und zieht schließlich die
Trumpfkarte: "Doch aus verschiedenen Gründen hielt sich dieses
Gerücht." Ich weiß gar nichts, nicht mal ansatzweise, aber ich erzähl's
euch halt mal.
Sallust gilt unter
Altphilologen immer noch als lateinischer Klassiker und zitierenswerter
Geschichtsschreiber.
Ich mein, daß Gaius
Sallustius Crispus als Mensch eine Drecksau gewesen sein muß (und zwar so
drecksäuig, daß man ihn der Jugend zweitausend Jahre später definitiv nicht
mehr zumuten sollte), ist eine Sache. Daß er als Schriftsteller (eigentlich ja
Chronist seiner Zeit) ein Totalausfall war, unerachtet dessen aber immer noch
hoch geschätzt wird, ist ausgesprochen betrüblich. Anscheinend gilt tatsächlich
das Gesetz: Je länger ein Schriftsteller bereits tot ist, desto nachsichtiger
sind wir in seiner Beurteilung.
Beim real,- in Regensburg-Reinhausen haben
sie im Kühlregal [1] ganz hinten, also ganz links und ganz unten zwei
kleinere Fächer, in denen Produkte liegen, die in Bälde ihr Ablaufdatum
erreicht haben werden. Gleich drüber werden vegetarische und vegane
"Fleisch"-Produkte angeboten.
Immer mal wieder stehe
ich vor den Fächern mit den Schnäppchen, immer mal wieder sehe ich fast
zwangsläufig auch das Fake-Fleisch. Und jedes Mal wird mir dabei ganz
melancholisch um's Herz, denn - klar - ein Vegetarier,
der einen Veggie-Döner ißt, ist nur ein sogenannter Vegetarier. Wer ein
vegetarisches Schnitzerl verspeist, trägt seine Lust auf Fleisch zur Schau. Ein
Beispiel, um klarzumachen, was ich meine: Sähe ich einen trockenen Alkoholiker,
der seinen Eistee aus dem Cognacschwenker schlürft, dann muß ich kein
scharfsinniger Psychologe sein, um mir große Sorgen über die Dauerhaftigkeit seiner
Abstinenz zu machen. In einer kleinen Stadt in den Abruzzen sah ich einst einen
Mann, der während eines Gespräches einen Stift hielt, als wäre dieser
eine Zigarette, der immer wieder einen Zug aus dieser fiktiven Zigarette machte
und zwischendurch gedankenverloren die Asche vom Glimmstengel streifte. Der
Mann hatte offensichtlich mit dem Rauchen aufgehört, allerdings erst vor kurzem
und seine Abstinenz war alles andere als stabil. Seine Seele rauchte immer
noch.
Der Umstand, daß fleischfreie Wurst hergestellt, verkauft und verzehrt wird gibt zu denken. Kannst
du dir vorstellen, daß ein Fleischesser sich danach sehnt, sein Wienerl,
optisch und geschmacklich als Karfiol gestaltet zu verzehren? Der Fleischesser
mag entweder auch Blumenkohl, dann ißt er ihn, oder er mag ihn nicht, dann ißt
er ein anderes Gemüse zur Wurst.
Wenn der Vegetarier vegetarisches Döner ißt, dann macht er
damit dem Wolf in sich eine Freude. "Eigentlich würde ich jetzt am
liebsten richtiges Döner essen",
sagt er uns, "aber eine gottverschissene dreckige Möhrenmümmelideologie
hindert mich daran."
Es liegt so viel Traurigkeit und menschliches Elend in einem
Veggie-Burger. Alleine wenn ich mir vorstelle, wie viel künstliche Gewürze und
Farbstoffe, wieviel Nahrungsmittelergänzungen man in einen Gemüsepapp geben
muß, damit er optisch und geschmacklich so leidlich als Fleisch durchgeht,
In den sechziger Jahren gab es
bei Tengelmann (ich denk jedenfalls, daß es Tengelmann war) Sojafleisch [2] zu kaufen. Ich bin in einem Metzgerhaushalt [3] aufgewachsen, Mein Vater war ein neugieriger Mensch und
so gab es eines Tages Sojafleisch. Jeder hat gekostet und wir haben viel gelacht.
"Schmeckt scheiße, das Zeug" war das einhellige Urteil. Wobei... so
schlecht war das Zeug eigentlich gar nicht. Wäre es als Sojakügelchen oder wie oder
was angeboten worden, man hätte sich damit anfreunden können. So aber mußte das
arme Ding sich als etwas ausgeben, das es nicht war. Sojafleisch, ein Fleischersatz. (Fast) jeder Ersatz fällt gegenüber dem
Original deutlich ab, außer vielleicht das Wichsen. Bei uns in Niederbayern hat
man seinerzeit auf dem Baugesagt:
"Ficken kann gar nicht so schön
sein, wie du's dir beim Wichsen vorstellst." [4]
Denk da mal darüber nach.
P. S.: Hast du dir je klargemacht, daß Wodka und Wixi streng
vegan sind, Stillen aber nicht? Prost!
Damits ihr allesamt nicht dumm sterbts, noch ein kleines
Kapitelchen Kunstgeschichte. Der Österreicher Giuseppe Arcimboldo [5]
hat anno seinerzeit ein Topferl Gemüse, das ihm seine Frau auf dem Markt von
Prag oder wo gekauft hatte, gemalt.
Viele Jahrhunderte später erst hat ein Forscher-Team der Università Federico II. in Napoli herausgefunden,
daß es sich in Wirklichkeit um das Porträt eines Vegetariers handelte.
[2]Kein Mensch wußte damals, was Soja ist,
sowenig wie Jute. Als Zehnjähriger mußte ich beim Erlernen des
Zehnfingermaschinenschreibens Geschäftsbriefe abtippen, in welchen einem Kunden
Jutesäcke angeboten wurden. "Aha", sagte ich mir. Vorstellen, so
richtig vorstellen konnte ich mir unter "Jute" aber nix.
[3]Meine Mutter hat sich stets (und vergeblich)
bemüht, mir Gemüse und Salat schmackhaft zu machen. "Iß, Junge, das ist
sooo gesund."
[4]Niederbayern sind grobschlächtig, Bauarbeiter
auch... Nur damit du einen Begriff bekommst von der Grobheit niederbayerischer
Bauarbeiter.
[5]Arcimboldo wurde 1526, vielleicht auch
erst 1527 in Mailand geboren. 1525 war Mailand habsburgisch geworden und blieb
dies jahrhundertelang, bis 1866 ein gewisser Giuseppe Garibaldi erst den
Schnellkochtopf und wenig später Italien erfunden hat.