Ja, was weiß denn ich, warum du eine Biene bist.
23.9.19
20.9.19
Rokokokokottenrock
Ich mein, ausschaun tut's ja, als
wär der Schreiber mitten im Schreiben von einem epileptischen Anfall überrascht
worden.
In Wirklichkeit steht da "Rokokokokottenrock" in
Steno, volle Verkehrsschrift.
Lernt heutzutag überhaupt noch einer Stenographie?
17.9.19
Die Wahrheit als Panne
Das Volk ist in der Demokratie der Empfänger von Macht, nicht ihr Ursprung
Was Wahrheit
letztendlich und eigentlich ist, ob es überhaupt eine gibt und wenn ja, ob wir
diese je erkennen können, und - falls wiederum ja - wie diese Wahrheit nun
genau aussieht - darüber haben sich Generationen von Philosophen Gedanken
gemacht. Eine Lösung hat bislang noch keiner gefunden, offensichtlicherweise denn
hätte es einer, so gäbe es nur noch 1 Philosophie, und zwar die richtige.
Nach langem Grübeln
über das Leben, das Universum und den ganzen Rest bin ich für mich zu dem
Ergebnis gekommen, daß wir niemals hinter die Wahrheit kommen werden und daß
das auch ganz gut ist. Ich bin zum Anhänger des Jameiismus geworden,
welcher besagt: Ja mei, da kannst nix machen, es is halt wie's is.
Wahrheit
Daß die Frage nach der
Wahrheit immer noch unbeantwortet
ist, sollte niemanden mehr freuen als die Philosophen selber. Die ewige Suche nach der Wahrheit ist für einen berufsmäßigen
Philosophen nämlich ein wesentlich günstigeres Geschäftsmodell als ihr Finden. Käme tatsächlich einer dahinter,
woher wir kommen, wohin wir gehen und welcher Sinn in dem Schlamassel
dazwischen steckt, und könnte er zudem seine Antwort auch stichhaltig und
unwiderleglich beweisen, so wäre die
Luft aus aller Philosophie
und Theologie heraus.
Aus, Äpfel, Amen.
"Laden zu vermieten - Wegen
mangelnder Nachfrage mußten wir die Firma 'Sein & Nichts GbR - Sinn en gros
und en detail' leider schließen."
Wer über ein bisserl
Lebenserfahrung verfügt, weiß natürlich, daß meine Schlußfolgerung Unsinn ist.
So klar und eindeutig kann eine
Antwort gar nicht sein, daß sich nicht doch Leute fänden, die nach der Antwort
hinter der Antwort suchen.
Douglas Adams hat sich
in "Per
Anhalter durch die Galaxis" [1] mit
seiner Episode vom Computer Deep Thought über
die Sinnsucher lustig gemacht.
Nach einer Rechenzeit von 7,5 Millionen Jahren liefert der Supercomputer die
Antwort: 42. Diese Antwort aber, so verkündet der Computer, bleibe sinnlos,
solange man nicht die dazu passende Frage genau formuliert habe. Im weiteren
Verlauf des Romans kommt der Held des Romans zufällig hinter die passende
Frage: "Wie viel ist neun multipliziert mit sechs?". Wer das
kleine Einmaleins noch im Kopf hat, dem wird auffallen, daß die Frage nicht zur
Antwort paßt. Klar, Adams macht sich über die Sinnsucher lustig.
Und was passiert?
Adams hätte es sich absurder nicht ausdenken können: Rudel von Sinnsuchern
versuchen, hinter das Geheimnis der von Adams formulierten Lösung 42 zu kommen.
Sie bemühen Lewis Carroll [2], das 13er-Zahlensystem, die Weisheit
tibetischer Mönche etc., um auf die Spur eines bewußt formulierten Unsinns zu
kommen. Adams selbst merkt dazu an: "Die
Antwort darauf ist ganz einfach. Es war ein Scherz. Es musste eine Zahl sein,
eine gewöhnliche, relativ kleine Zahl, und ich entschied mich für diese. Binäre
Darstellungen, Basis 13, Tibetische Mönche, das ist alles kompletter Unsinn.
Ich saß an meinem Schreibtisch, blickte in den Garten hinaus und dachte ‚42
wird gehen‘. Ich schrieb es hin. Ende der Geschichte." Dem wahren
Sinnsucher jedoch ist klar, daß das nur ein Täuschungsmanöver von Adams sein
kann, eine Finte, um die eigentliche Wahrheit zu schützen.
Was lernen wir daraus?
Wer bekannt genug ist, um überhaupt wahrgenommen zu werden, der kann sagen und
schreiben, was er will, er kann sogar ausdrücklich hinzufügen, daß all das, was
er geschrieben habe, ein übermütiger Scherz gewesen sei - es nützt nichts.
Einer hermeneutelt immer.
Gauweiler
Aber, Leute, ich habe
mich verschwatzt. Eigentlich nämlich wollte ich von Peter Gauweiler erzählen,
der einmal aus Versehen die Wahrheit gesagt hat.
Um die
Jahrtausendwende hatte die CDU/CSU mit einer der üblichen, routinemäßigen Finanz-
und Spendenaffären zu kämpfen. Im Januar 2000 hat Peter Gauweiler der
Passauer Neuen Presse dazu ein Interview gegeben.
Dabei ist ihm ein Satz
entschlüpft, den der zuständige Redakteur für so wichtig hielt, daß er ihn als
Überschrift zum Interview wählte:
"Wir müssen dem Volk wieder mehr Macht
geben."
In diesem kleinen Satz
eines Menschen, der etwas von Macht versteht, ist die ganze Wahrheit über die
politische Realität der Bundesrepublik Deutschland enthalten.
Im Grundgesetz findet
sich der lakonische Satz: "Alle
Staatsgewalt geht vom Volke aus." Der Dichter Bertolt Brecht hat
diesen Satz einmal um eine Frage ergänzt: "Wo
aber geht sie hin?"
Zu Peter Gauweiler und
seinen Freunden in Politik und Wirtschaft geht sie hin. Das wissen wir zwar
schon lange, aber die Mächtigen in diesem Lande blasen normalerweise empört die
Backen auf, wenn einer dergleichen behauptet. Sie verdächtigen ihn, er wolle
eine andere Republik, eine andere Demokratie und natürlich haben sie recht mit
diesem Verdacht. Nun aber hat einer aus dem Inneren Zirkel der Macht sein
Nähkästchen geöffnet und uns plaudernd bestätigt, was wir bereits wissen.
Denn eines ist klar:
Nur wer die Macht hat, kann ein
Stückchen davon dem Volk abgeben.
Ich habe damals einen
Leserbrief an die Passauer Neue Presse geschrieben, der Leserbrief wurde nicht
abgedruckt (sie haben damals die meisten meiner Leserbriefe abgedruckt, das
nebenbei). Und einen Internetanschluß hatte ich seinerzeit noch nicht. Denn das
Internet vermag, recht genutzt, einiges in Bewegung zu bringen, was sonst
unbeweglich geblieben wäre.
Köhler
Als seinerzeit
Bundespräsident Köhler in einem Rundfunk-Interview ein streng gehütetes
Staatsgeheimnis ausplauderte, wurde er unverzüglich aus dem Amt gemobbt. Das
Staatsgeheimnis war, daß Deutschland nicht wegen der Menschenrechte in
Afghanistan Krieg führt, sondern in Wirklichkeit zur Wahrung
seiner wirtschaftlichen Interessen:
"Meine
Einschätzung ist aber, daß insgesamt wir auf dem Wege sind, doch auch in der
Breite der Gesellschaft zu verstehen, daß ein Land unserer Größe mit dieser
Außenhandelsorientierung und damit auch Außenhandelsabhängigkeit auch wissen
muß, daß im Zweifel, im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist, um
unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege, zum Beispiel ganze
regionale Instabilitäten zu verhindern, die mit Sicherheit dann auch auf unsere
Chancen zurückschlagen negativ, bei uns durch Handel Arbeitsplätze und
Einkommen zu sichern."
Dieses Geheimnis kennt
zwar jeder, der sich fünf Minuten Zeit nimmt, drüber nachzudenken, aber unter
Politikern war (und ist) es strengster Komment, darüber nicht öffentlich zu
sprechen.
Köhler hatte ein Tabu
gebrochen, er hatte die große Lebenslüge bundesdeutscher Außenpolitik in die
allgemeine Diskussion gezerrt. Der Skandal war nicht, daß er etwas Falsches
gesagt hätte, er hat im Gegenteil etwas sehr, sehr Richtiges ausgesprochen, was aus Sicht der
politischen Klasse besser ungesagt geblieben wäre.
Ich darf an dieser
Stelle an das bekannte Wort von George Bernard Shaw erinnern: "Die Lebenserfahrung, diese Wissenschaft nach
Hausmacher-Art, lehrt die von ihr Befallenen, daß es nicht die gänzlich neuen,
für alle völlig überraschenden Nachrichten und Erkenntnisse sind, die
aufgeregten Wirbel verursachen. Verblüffende Neuigkeiten machen uns allenfalls
staunen, wirkliche und nachhaltige Empörung hingegen lösen jene Tatsachen aus,
die jedermann längst bekannt sind, die lediglich von irgend jemandem irgendwann
einmal ausgesprochen werden."
Wobei der Verplapperer
von Köhler zunächst mal gar keine Empörung, noch nicht mal Wirbel verursacht
hat. Keiner von den bekannten oder
weniger bekannten Kommentatoren in den großen oder weniger großen Zeitungen
oder Rundfunkanstalten hat sich darüber aufgeregt oder die Aussage auch nur
erwähnt. In den Medien wurden die Äußerungen Köhlers nicht weiter beachtet,
man könnte auch sagen, sie wurden totgeschwiegen.
Das ging so weit, daß der Deutschlandfunk, der das entsprechende Interview
gesendet hatte, auf seiner Website zunächst eine komplette Version des
gesendeten Interviews brachte, nach einigen Stunden jedoch war an dieser
Stelle eine geschnittene Fassung des Interviews zu hören, in welcher der
brisante Satz fehlte!
Lediglich im Internet
haben einige Blogger das Thema aufgegriffen und die Leute auf diese Äußerung
aufmerksam gemacht. Erst als im Netz die Wogen so hoch schlugen, daß man sie
nicht mehr ignorieren konnte, griffen
auch die Medien die Geschichte auf.
Man hat die Affäre
sehr geschickt gelöst, indem man Köhler zum Rücktritt veranlaßte. Durch seinen
Rücktritt wurde viel über den Rücktritt und das durch die Kritik an Köhler
angeblich beschädigte Amt gesprochen. Das eigentlich Interessante an dieser
Geschichte, der Satz nämlich, der letztlich zum Rücktritt geführt hatte, wurde
dadurch überwirbelt und unsichtbar gemacht und war nach anderthalb Jahren
bereits so gut wie vergessen.
Was man aus den
Geschichten um Peter Gauweiler und Horst Köhler lernen kann? Ich glaube, es war
Hercule Poirot, der einmal sinngemäß sagte, wenn man sich mit den Leuten lange
genug unterhalte, sie einfach plaudern lasse und ihnen aufmerksam zuhöre, dann
komme man hinter ihre verborgenen Geheimnisse. Irgendwann verplappere sich
jeder.
Afghanistan
Um auf Afghanistan und die wirtschaftlichen Interessen
zurückzukommen... Im Juni 2010 war es in allen Zeitungen zu lesen: "Ein US-Team von Geologen und Mitarbeitern
des Verteidigungsministeriums (!;
Ausrufezeichen von mir, W. H.) will Rohstoffvorkommen
im Wert von fast einer Billion Dollar in Afghanistan aufgespürt haben.
(...) Es gehe um Lithium, Eisen, Kupfer und Gold, zitiert die Zeitung
hochrangige US-Beamte.
In einem internen Papier des Verteidigungsministeriums heißt
es demnach sogar, Lithium könne für Afghanistan das werden, was Erdöl für
Saudi-Arabien bedeutet."
Die Meldung, die uns suggerierte, es sei dies ein
brandaktuelles Forschungsergebnis, wurde einige Tage lang durch das Mediendorf
getrieben, dann war Ruhe. Einige Sekunden lang hat der Große Zauberkünstler aus
Washington seine Karten gezeigt, dann hat er mit dem Finger geschnipst und
hypnotischer Schlaf hat die weltweit verbreitete Meldung wieder aus dem
Gedächtnis der Welt gelöscht. David Copperfield ist im Vergleich dazu ein
Anfänger.
Und es ist nicht das erste Mal, daß diese hochbrisante
Meldung dem Vergessen anheim fiel. Bereits am 13. 10. 2001 - einen guten Monat
nach 9/11 - schrieb Hubertus Erb in heise.de diesen Artikel:
Vor einigen Jahren hat man darüber gestritten, ob es sich
beim Kuddelmuddel in Afghanistan um Krieg oder um "kriegsähnliche
Zustände" handelte. Dabei waren die kriegsähnlichen Zustände in
Afghanistan, in welche die Bundeswehr eingegriffen hat, bereits ganz offiziell
ein Krieg, als noch Franz-Josef Jung Verteidigungsminister war. Damals hat
Georg Schramm auf ein Pressephoto
hingewiesen, auf dem zu sehen war, wie Angela Merkel einem Soldaten einen
Orden an die Brust heftete. Georg Schramm, gelernter Psychologe, war etliche
Jahre Berufssoldat [3]
und er merkte an, daß militärische Orden durch den jeweiligen Oberbefehlshaber
verliehen werden. In Friedenszeiten ist das der Verteidigungsminister, im
Verteidigungsfall (vulgo: Kriegsfall) ist dies der Bundeskanzler.
Ist der Verteidigungsfall eingetreten, gibt es solange keine
Bundestagswahlen mehr, bis der Krieg zu ende ist.
Um zum Schluß noch einmal auf die Wahrheit als solche zurückzukommen:
"Meine Herren, es hat zu allen Zeiten Völker gegeben,
die an einen Gott glauben, und es hat zu allen Zeiten Völker gegeben, die an
keinen Gott glauben. Die Wahrheit wird, wie immer, in der Mitte liegen." (THEODOR
FONTANE)
Doitsche Sprach - kann, muß nicht
In dem zurecht weitgehend unbekannten Internet-Forum
"Fisch und Fleisch" schrieb kürzlich jemand: "Bin schon froh, dass ich Hochdeutsch kann,
mit all seinen überflüssigen Fällen und Artikeln. Wurde nur erfunden, um stets
dem gemeinen Volk seine Dummheit vor Augen führen zu können."
Freilich, wozu auch brauche ich eine differenzierte deutsche
Sprache, wenn es doch reicht, irgendwas in
die Welt zu grunzen. Mein Gesprächspartner wird sich schon denken können (wenn
er denn denken kann), was ich gemeint haben könnte. Wenn er nicht denken kann (wovon ich hier bei
"Fisch und Fleisch" bei jedem
User bis zum Beweis des Gegenteils erstmal ausgehe) ist es schon zweimal
wurscht, was ich auf den Server in Wien rülpse. Abgesehen davon ist mindestens
die Hälfte von dem, was im Internet und vor allem hierzuforum mitgeteilt wird,
sowieso gelogen, ein dritter Grund, warum Sprache nicht mehr wichtig ist.
Ich stelle mir grad vor, es wäre ein ausländischer
Zuwanderer gewesen, der sich so wie der oben zitierte User über einen
differenzierten Gebrauch der deutschen Sprache geäußert hätte. Groß wäre das
Geheul aus der rechten Ecke gewesen über diesen Scheißkanacken, der bibergleich
das Fundament abendländisch-christlich-jüdischer Kultur zernagt. Ich mach ihn
Krankenhaus, dann sieht er scheiße aus.
Ich sing das "Ich mach dich Krankenhaus, dann siehst du
scheiße aus" gerne auf das bekannte Motiv aus der Ouvertüre von "La
Traviata"
Dein Knie hätte ich auch nie sehen dürfen.
"Ich hab dein Knie gesehn / Das durfte nie
geschehn" mag alles Mögliche sein, deutsch ist es nicht. "Das hätte
nie geschehen dürfen" müßte es eigentlich heißen, aber sing da mal was
drauf, auf welche Melodie immer.
Weil's jetzt auch schon wurscht ist... In einem Kurs für
Stenographie (volle Verkehrsschrift) hatten die Schüler mal folgenden Satz zu
schreiben: "Sind der Ring und die
Spange Anna genehm?" Im Lateinunterricht sollten sie folgendes auf
Caesareisch übersetzen: "Glaubst du,
daß dem Gaius Sempronius Gracchus vor eingemachten Bilchmäusen geekelt haben
würde?"
Zur Not kommt man aber auch ohne Deutsch aus. "Sorry, my bad", schrieb mal einer
im Usenet, "War wohl eher meine Font
als Dein Encoding", worauf ich antwortete: "So schön kann die
Deutsche Sprache sein, wenn man sie nicht benutzt."
16.9.19
15.9.19
Fälschung, plumpe
Es ist schon eine Weile her, daß ich im SPIEGEL dieses Bild
von einem segnenden Christus gefunden habe. Der Text dazu behauptet, es handele
sich um ein Christusmosaik aus dem 4. Jahrhundert, das man in einem Haus in
Ostia bei Rom ausgegraben habe.
Ich muß gestehen, daß ich das nicht geglaubt habe, ich habe
es für einen Scherz gehalten. Das Bild sieht es, als wäre es aus dem 20.
Jahrhundert. Ich habe im Internet nachgeschaut, es ist wirklich aus dem 4.
Jahrhundert.
Dieses Bild "Mann mit Trachtenhut" von
einem gewissen Franz Josef Rembrandt ist dagegen mit Sicherheit eine Fälschung.
ebenfalls eine Fälschung, beziehungsweise
eine Falschzuschreibung.
14.9.19
Der Rot-Blaue Stuhl von Gerrit Rietveld
Ich muß gestehen, ich weiß nicht, wie gut man in der
Kunstgeschichte bewandert sein muß, um Gerrit Rietveld und seinen Rot-Blauen
Stuhl zu kennen. Ich bin eher zufällig auf Rietveld und seinen Stuhl gestoßen.
Wir - das heißt meine inzwischen verstorbene Frau und ich -hatten damals die
Website eines kleinen Apartment-Hotels vom Italienischen ins Deutsche zu
übersetzen. Man warb für das Etablissement unter anderem mit dem Hinweis, im
Apartment "Luna" stehe eine Reproduktion des Rot-Blauen Stuhls zur
gefälligen Benutzung.
Wir haben uns damals kundig gemacht. Gerrit Thomas Rietveld
war ursprünglich Schreinermeister, entwickelte sich dann aber zu einem der
bedeutendsten Architekten und Designer der De-Stijl-Gruppe.
Die Künstlergruppe De Stijl formierte sich um eine
gleichnamige niederländische Zeitschrift für Bildende Kunst, die von Theo van Doesburg
herausgegeben wurde und zwischen 1917 und 1932 erschien. 1917 entwarf Gerrit
Rietveld seinen "Rot-Blauen Stuhl" ("Rood Blauwe Stoel").
Ursprünglich war der Stuhl in den für De Stijl charakteristischen Farben
Schwarz, Grau und Weiß gehalten. Beeinflußt von den Gemälden Piet Mondrians
übernahm Rietveld 1923 die für Mondrian typische Farbgebung.
Ein Stuhl ist ein Gebrauchsgegenstand, auch ein von einem
Designer entworfener Stuhl ist von
vorneherein auf die massenhafte, industrielle Fertigung dieses Stuhlmodells
ausgelegt. Ein industriell hergestellter Stuhl gleicht exakt dem anderen, das
Original (sagen wir besser: der Prototyp) dieses Stuhls ist nicht besser oder
schlechter als eine der unzähligen Kopien. Packt man den Prototyp und versteckt
ihn im Lager irgendwo zwischen vielen, vielen Industriestühlen des gleichen
Typs, so wird er auf ewig unauffindbar bleiben.
Das Original des Rot-Blauen Stuhls befindet sich im Besitz
des Stedelijk Museums
in Amsterdam und wird dort stolz präsentiert. Würde das Museum den Stuhl je
verkaufen, so erzielte es einen sehr hohen Preis, unvergleichlich viel höher
als es der Preis wäre, würde Rietvelds Stuhlmodell in einem Möbelhaus
angeboten.
Der besondere Witz an Rietvelds Stuhl ist der Umstand, daß
Rietveld, obwohl selber Schreinermeister, den Stuhl zwar entworfen hat, gebaut
hat den "Original"-Stuhl
aber ein gewisser Gerard van de Groenekan.
Selten wird es so deutlich, daß der im Museum stehende
Original-Stuhl eine Erfindung menschlicher Phantasie ist. Die künstlerische
Leistung Rietvelds bestand in der Idee
des Stuhls, die er auf Papier festgehalten hat und dann in Holz hat bauen lassen. Diese künstlerische Idee des
Stuhls teilt sich dem Kunstfreund oder auch einem gewöhnlichen Hinsetzer bei jedem Exemplar der Baureihe in gleicher Weise mit.
Der Kunstfreund und Hinsetzer hat bei einem industriell
gefertigten Stuhl überdies den nicht hoch genug zu schätzenden Vorteil, daß er
bei einem im Laufe des Gebrauchs unvermeidlichen Kratzer in der Lackierung oder
sonst einer Abnutzungserscheinung nicht mehrere hunderttausend Euro Wertverlust
hinnehmen muß. Einmal über den Kratzer lackieren und die Kunst ist wieder
hergestellt.
Ein Studienfreund von mir war mal von einer Stuhlkreation
der dänischen Firma "Den Permanente" [1]
fasziniert. Der Kauf dieses Meisterwerks dänischen Kunsthandwerks hätte sein
Budget weit überstiegen, so daß er sich den Katalog hat schicken lassen und
anhand der zwei, drei Photos aus verschiedenen Perspektiven den Stuhl nachgebaut
hat. Ich durfte den fertigen Stuhl besichtigen, wirklich hypsch. Ich durfte
seinen Stuhl auch bearschen, das Ding hielt, was die Bilder versprochen hatten.
Ich bin gerne wieder aufgestanden. So richtig bequem - was
ich von einem Stuhl zuvörderst erwarte - war er nicht. Mein Hintern ist doch deutlich konservativer als mein Kopf.
[1] Der Laden von "Den Permanente" in
Kopenhagen ist in Hitchcocks Film "Der zerrissene Vorhang" für
weniger als eine Minute ein Schauplatz. Ich bin mir nicht sicher, aber ich
glaube, daß die Agenten bei der einen Tür rein- und bei der anderen wieder rausgegangen
sind.
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