5.1.22

Als Erich Mielke uns alle noch liebte

Im Sommer 1987 hielt der amerikanische Präsident Ronald Reagan seine inzwischen fast legendär gewordene Rede vor dem Brandenburger Tor: Mr. Gorbachev, tear this wall down! Reagans Besuch brachte viel Unruhe in die beiden Berline, die beiden Polizeien mußten gegen die eigenen Bürger einschreiten und sie taten es. So kompakt konnte man das Verhalten der beiden deutschen Obrigkeiten selten vergleichen. Ich habe damals einen Artikel für ein Regensburger Stadtmagazin geschrieben. Aus Anlaß eines unterirdischen Blogbeitrages bringe ich ihn hier, um seine Nicht-Aktualität wissend.

Zwei Systeme - Zweierlei Polizei

Unruhige Tage (1987) in Gesamt-Berlin machen krasse Unterschiede zwischen Ost und West deutlich

Die Demonstrationen und Polizeieinsätze von Kreuzberg/ Ku'damm/ Tauentzienstraße auf der einen Seite und Unter den Linden auf der anderen Seite sind kaum miteinander zu vergleichen, weder vom Anlaß noch gar vom Ausmaß her. Klar.

Trotzdem: die große räumliche und zeitliche Nähe dieser Unruhen verführt dazu, sie dennoch irgendwie miteinander in Beziehung zu setzen, sie letztlich also doch zu vergleichen. Nun gut, soll sein.

Von wegen Ähnlichkeit

Der taz-Kommentator Erich Rathfelder kam am Ende seines Systemvergleiches zu dem Schluß, Berlin West und Berlin Ost seien nach diesen Polizeieinsätzen "näher zusammengerückt", beide Seiten seien sich "ein Stück ähnlicher geworden".

Das kann ich nun überhaupt nicht finden.

Ich habe die Fernsehbilder vom Kreuzberger Maianfang gesehen, von den verhinderten Zaungästen beim Pfingstkonzert und schließlich die Bilder von den Folgen des Reagan-Besuches, dies- und jenseits der Mauer. Und mir sind die Unterschiede zwischen den Ereignissen in Ost- und in West-Berlin ganz aufdringlich vor Augen gesprungen. Mir haben diese unruhigen Tage gezeigt, wie sehr sich die beiden Deutschlands mittlerweile auseinander entwickelt haben.

Kein Helm und kleine Knüppel

Da zieht in West-Berlin eine Polizeistreitmacht von 10.000 Mann auf, mit Helmen, Schilden, Schlagstöcken, Wasserwerfern und Tränengasgranaten bewaffnet. Mit klassischen Polizisten haben die nichts mehr zu tun, das ist eine klassische Bürgerkriegsarmee reinsten Wassers.

In Ost-Berlin sehe ich auch Polizisten aufziehen, um gegen Bürger vorzugehen, Aber was für Polizisten!  Sie stecken in derselben leichten Sommer-Uniform in der sie vermutlich vor kurzem noch den Verkehr geregelt haben. Auf dem Kopf haben sie Stoff-Käppchen, keine Helme und sind überhaupt lediglich mit dem ausgerüstet, was ein Polizist normalerweise ohnehin mit sich trägt.

In West-Berlin knüppelt die Polizei mit (geschätzt) halbmeterlangen Holz- und Gummiprügeln auf Demonstranten ein, auch dann noch, wenn sie schon wehrlos am Boden liegen. Schwer demokratisch (Niemand darf wegen seines Geschlechtes bevorzugt oder benachteiligt werden) kriegen Frauen ebenso ihre Tracht Prügel ab wie die Männer.

In Ost-Berlin wird zu Pfingsten auch geprügelt, wohl wahr. Die im Schutze des Real Existierenden Sozialismus Demonstrierenden genießen aber immerhin den Vorzug, mit diesen kleinen, altmodischen Gummiknüppelchen verhauen zu werden, mit denen früher auch hierzulande die Polizei ausgerüstet war.

Wasserwerfer statt/oder Kehrmaschine

In  West-Berlin ist Großkampftag: ein ganzer Stadtteil wird schlicht und einfach abgeriegelt, dichtgemacht. Trotz laufender Tagesschau-Kameras sagt ein Polizist (offensichtlich ohne sich dabei zu schämen) einer verschreckten jungen Frau im 2 CV, warum sie nicht aus Kreuzberg rausfahren darf: "Weil Sie so aussehen, als könnten Sie möglicherweise in der City Krawall machen." Tagesschau vom 12. 6. 1987 (Solche Sätze kannte man bisher nur aus dem Kabarett.) Auch dort, wo eigentlich gar nichts los ist, macht die Polizei eine ganze Menge los: "Ob beim Verlassen eins Lokal oder beim Absitzen vom Motorrad, viel wurden seit dem Vorabend des Staatsbesuches ohne ersichtlichen Grund, weit ab von jeder Barrikade, 'nach Augenschein' im Polizeigriff gepackt und 'zur Gefahrenabwehr' abgeführt, Greiftrupps jagen 'Verdächtige' bis in die entlegensten Straßen und Hinterhöfe. Wohnungen wurden gestürmt:" Und: "Es ist nicht ratsam, in diesen Zeiten zu dritt durch die Straßen zu gehen. Zu groß ist die Gefahr, plötzlich als Kleindemonstration verkannt und von rasant nachsetzender Polizei verfolgt zu werden." taz 15. 6. 1987. Oder eine unverdächtigere, weil staatsbrave Quelle: "Journalisten und Notärzte berichten übereinstimmend, daß völlig unbeteiligte Personen von Polizisten regelrecht verprügelt worden seien, auch wenn sie noch am Boden lagen... Zu dieser Zeit gab es weder Ausschreitungen noch Zusammenrottungen von Chaoten." DIE ZEIT 19. 6. 1987

In Ost-Berlin fordert die Volkspolizei eine unerwünschte Zusammenrottung "über Lautsprecher auf: 'Bürger!' Setzen Sie Ihren Weg fort! Bleiben Sie nicht stehen! Gehen Sie weiter! Kaum jemand hielt sich an diese Weisung." Frankfurter Allgemeine Zeitung, 13. 6. 1987. Und was macht die DDR-Volkspolizei angesichts dieses Ungehorsams? Fahren jetzt "Wasserwerfer mit Reizgasbeimischung" (Polizeijargon für CN- und CS-Gasschleudern) auf und spritzen und tränen die aufsässige Menge auseinander? Ach, was! "Nachdem die Menge sich trotz wiederholter Aufforderung nicht entfernt hatte, fuhr am Freitag nachmittag schließlich ein Reinigungsfahrzeug langsam durch die Reihen der Schaulustigen." Mittelbayerische Zeitung 13. 6. 1987. Bei Gott, ich habe das Ding in der Tagesschau gesehen: es war eine Kehrmaschine, so klein und leicht gebaut, daß vier entschlossene Frauen (oder Männer) sie hätten umkippen können. Ganz langsam und zag­haft bahnte sie sich mit drehenden Kehrbesen einen Weg durch die Menge.

Prügel für westliche Journalisten in West-Berlin

In West-Berlin ist es am Präsidenten-Tag für Journalisten nur unter großer Gefahr für Ausrüstung und Gesundheit möglich, aus Kreuzberg zu berichten. "Ein Journalist des 'Tagesspiegel' ruft Freitag nacht in der OranienstraBe mehrfach 'Presse, Presse', bevor er von der Polizei zum Schutze des Gemeinfriedens niedergeprügelt wird." taz 11. 6. 1987. Und wieder ein unverdächtiger Zeuge: "Presseausweise und -plaketten wurden nicht anerkannt, einem Rundfunkreporter wurde das Bandgerät zerstört, einem Pressefotografen wurden die Zähne locker geschlagen..." DIE ZEIT 19. 6. 1987.

In Ost-Berlin sei zu Pfingsten die Berichterstattung über die Rock-Unruhen durch die staatlichen Organe verhindert worden, klagt die Tagesschau - und bringt dann ausführliches Bildmaterial über eben diese Unruhen weitgehend mit ruhiger, also unbelästigter Kamera gedreht. Einer der Techniker aus dem Fernsehteam sei übel mißhandelt worden, hieß es. Schlimm, aber: in Wackers-, Brok- oder Zehlendorf wäre er genauso vermöbelt worden, überdies aber hätte er bei uns seinen Film vergessen können, beschlagnahmt oder unbrauchbar gemacht. In Ost-Berlin dagegen durfte er seinen Film behalten und abends senden. Am Reagan-Tag wurde der "ARD-Hörfunkkorrespondent Hartwig Heber... von Sicherheitskräften aufgefordert, sein Mikrophon auszuschalten. Erst nach Rückfrage durfte der Journalist seine Arbeit fortsetzen." Mittelbayerische Zeitung 13. 6. l987. "Erst nach Rückfrage..." heißt aber auch, letztlich durfte er ungestört berichten.

Gewisse Schwierigkeiten, Kreuzberg zu verlassen

Fazit: Ich kann die von Erich Rathfelder beobachtete große Ge­meinsamkeit zwischen Ost- und West-Berlin nicht sehen. Ausrüstung und Verhalten der westberliner und westdeutschen Bürgerkriegs-Polizei haben in diesen 80er Jahren nur noch sehr wenig gemein mit der - vergleichsweise - zivilen und moderaten Volkspolizei Ost-Berlins. Die Bilder aus Kreuzberg wollen mir so gar nicht den Bildern Unter den Linden gleichen; sie erinnern mich viel eher an die Nachrichtenfilme aus Seoul, die derzeit fast jeden Tag in den Nachrichten zu sehen sind.

Früher mal, es mag tausendundeinen Tag her sein, konnte man in West-Berlin freier und entspannter atmen als drüben, in Ost-Berlin. Die Zeiten sind vorbei.

Heute besteht der Gipfel der Liberalität darin, daß du dich in­nerhalb eines eng umgrenzten Gebietes halbwegs frei bewegen kannst. "Für kraß überzogen... (halte ich) ...die Behauptung, das wäre ein Belagerungszustand gewesen. Jeder konnte sich innerhalb Kreuzbergs frei bewegen. Es gab für Personen, die Kreuzberg verlassen wollten, lediglich um die frühe Nachmittagszeit gewisse Schwierigkeiten." Interview mit Ulrich F. KRÜGER (CDU), Kreuzberger Vertreter im Abgeordnetenhaus., taz 15. 6. 1987

4.1.22

Über die Vergänglichkeit der Vergangenheit

Vor einigen Wochen, es ist noch gar nicht so lange her, hab ich in meinem rechten Schreibtisch nach Reißnägeln gesucht. Ich wußte, da mußten noch Reißnägel sein. Sie waren da, die Plastikschachtel war aber bereits ziemlich schmuddelig.

Beim Zurücklegen in die Schublade fiel mir auf, daß der Preis auf der Packung noch in DM angegeben war. Wann ist der Euro als Bargeld eingeführt worden? 2001? Ich les grad: 1. Januar 2002. Da waren wir bereits in Italien, die Reißnägel muß ich also noch in den Neunzigern erworben haben.

Das ist ein Anlaß, über die Stufen der Vergänglichkeit nachzudenken.

Erst ist das Ding neu, dann wird es allmählich zum alten Glump und in fünfzig Jahren wird die Schachtel Reißnägel zur Antiquität veredelt wiederauferstehen.

Lachgummi

Es mag fünf oder vielleicht auch zehn Jahre her sein, daß die Zuckerlfirma Storck [1] die Produktreihe Lachgummi in die Supermarktregale gebracht hat.

Gott, was hab ich nicht gegrübelt! Jahrelang habe ich mich gefragt, wieso die Dinger "Lachgummi" heißen und was an ihnen so lächerlich sein könnte. Ein Jahr, ungefähr, ist's her, daß ich das Rätsel gelöst habe.




[1]   Amerikanische Wissenschaftler haben festgestellt, daß die Firmen Storck und Haribo dem Bundesverband Deutscher Zähnärzte gehören. Die Lügenpresse verschweigt so was natürlich.

Der meschuggenste Baiernkönig, wo jemals gab

Daß der Kine, also König Ludwig II. von Bayern ein bisserl wirr im Hirn war, darüber werden wir leicht Einigkeit erreichen. Ein Monarch, der demonstrativ der Deutschen Reichsgründung im Spiegelsaal von Versailles fern bleibt, der lieber Schlösser bauen läßt als Militärparaden abzunehmen, ist schon ein wenig verhaltensauffällig. Der Kine ging auch nicht nach Königsart auf die Jagd [1], wie dies einst sein Vater Max II. Joseph so geliebt hatte, es fehlte ihm schlicht dieser für einen Staatsfrau so wichtige Instinkt zum Töten, was ihn letztlich das Leben gekostet hat.

Der Andere, also König Otto I. von Bayern, dem Kine sein Bruder, hat fast sein ganzes Leben in der Irrenanstalt Fürstenried (heute nach München eingemeindet) verbracht, die man extra und exklusiv für ihn eingerichtet hat.

Ich möchte, damit es nicht in Vergessenheit gerät, bei der Gelegenheit daran erinnern, daß König Ludwig I. noch meschuggener war als seine beiden Enkel Ludwig und Otto. "Noch meschuggener" deshalb, weil Ludwig I. bei klarem Bewußtsein verrückt war.

Schon als Kronprinz war Ludwig ein deutschnationaler Napoleonhasser gewesen. Für treue Dienste erhob Napoleon den bairischen Herzog Maximilian zum König, wozu Napoleon nach den alten Adelsregeln nicht das allermindeste Recht hatte. Ein auch nur leidlich vernünftiger Mensch hätte als Regent schlagartig den Spaßtitel "König" von sich geworfen. Ludwig behielt ihn.

Ludwig I. war ein großer Freund der Griechen, sein Sohn Otto war übrigens der erste griechische König der Neuzeit. Das Y galt Ludwig als der griechischste Buchstabe überhaupt. Das vordem überwiegend mit "i" geschriebene Baiern wurde unter seiner Regentschaft zu Bayern, und wird heute noch so geschrieben. Ludwig plante, München in Mynchen umzubenennen. Wegen Lola Montez, Bierpreis und überhaupt Revolution 1848 kam er nicht mehr dazu. Manchmal ist eine Revolution halt doch zu was gut.

Aber immerhin – wir verdanken es Ludwig I., daß Heinrich Heine auch nach seiner kurzen Zeit in München sich weiter zu einem der größten Dichter deutscher Sprache entwickelte und nicht vergoethelte.



[1]   Erstaunlich viele Leute glauben immer noch, der sogenannte "Königsjodler" besinge Ludwig II., was natürlich ein Schmarrn der Sonderklasse ist, vergleichbar etwa mit dem Wilden Gerücht, Mozart sei Österreicher gewesen.

Grenzen

Geboren bin ich in Gangkofen, so umra 50 km Luftlinie von Österreich entfernt. Dieser Geburtsort war mehr oder weniger Zufall, meine Eltern und gleichfalls meine ganze Mischpoke, kamen aus dem Sudetenland und es hat sie halt irgendwie nach Niederbayern gespült. Nach dem Krieg war man heilfroh, wenn man ihn irgendwie überlebt hatte, egal wo, und sei's halt Niederbayern.

Zwei Jahre später sind wir nach Eggenfelden verzogen, weit war das nicht von Gangkofen, derselbe Landkreis sogar. Von Eggenfelden waren (und sind!) es nur noch ca. 30 km Luftlinie nach Braunau am Inn. Man stelle sich das vor: Wäre ich nur 30 km weiter südlich geboren, wäre ich wahrscheinlich mit dem 8 Tage älteren Klaus Eberhartinger in Braunau in die Volksschule gegangen und wir hätten einen Ba - Ba - Banküberfall geplant.

Die Österreicher waren damals Narren, die 7 Schüllinge hingeschrieben haben, wenn sie 1 Mark meinten. Wenn du in Österreich irgendwas kaufen wolltest, dann stand da drauf, das Zeug koste 37 Schüllinge. Wenn du wissen wolltest, was das Zeug wirklich kostet, mußtest du durch 7 teilen. Damals aber war der Taschenrechner noch nicht erfunden... Ich dachte damals bei mir, die Österreicher müßten ziemliche schlaue Madl und Burschen sein, wenn sie das mit der Siebenteilung anscheinend so locker im Alltag handhaben können. Aber, so dachte ich weiter, wenn sie schon so schlau sind, warum schreiben sie nicht von vornherein die richtigen Preise hin?

Ich hab damals Österreicher für völlig durchgeknallt gehalten und das tue ich bis heute, heute mehr denn je, da ich "Fisch & Fleisch" kenne.

Die später zu mir durchgesickerte Information, ich sei als Abkömmling von Sudetendeutschen selber Österreicher habe ich verdrängt. Wer will schon für einen Bio-Österreicher gelten, wenn er sich genau so gut auch als Paßdeutscher ausgeben kann?

Was ich sagen will... Die Grenze nach Österreich war für mich der Inn. Ich war Nichtschwimmer (und bin es bis heute), was hieß, daß ich einen Fluß für eine eherne Grenze gehalten habe. Da kommst du nicht durch!

Irgendwann, ich war immer noch ziemlich klein, war ich mit meinen Eltern im Bayerischen Wald, direkt an der Grenze zur Tschechoslowakei. Ich hatte zuvor vom Eisernen Vorhang, von den stacheldrahtverhangenen Grenzbefestigungen gelesen und war nun sehr enttäuscht. Gesehen hat man nämlich nix¸ mein Vater hat irgendwie ins Ungefähre gedeutet und gemeint, dort bei den Bäumen sei die Grenze sowie der gleichnamige Zaun, dahinter, bei den anderen Bäumen sei das Niemandsland. Das Wort "Niemandsland" fasziniert mich bis heute. Bis heute kann ich mir nix drunter vorstellen. Ich mein, irgendwer muß doch dort sein, und sei's ein Fuchs oder ein Hase.

Einige Jahre später kam ich auf das Gymnasium Pfarrkirchen [1]  und hab Geschichte gelernt. Wir hatten den Historischen Weltatlas, den ich zweimal die Woche auf meinem zarten Kinderrücken ins Gymnasium tragen mußte. In diesem Historischen Weltatlas konnte ich die Grenzen von Preußen und Polen und Rußland sehen, sowie jene zwischen Dings- und Bumsistan. Irgendwann war dann für geraume Zeit Polen verschwunden, zu einer Zeit als es Deutschland noch gar nicht gab. Wie kann ein ganzes Land plötzlich verschwinden? Was man dem Historischen Weltatlas ebenfalls entnehmen konnte, war, daß sich diese Grenzen häufig änderten, nicht selten alle paar Jahre. Vor meinem geistigen Auge sah ich riesige Gruppen von Stachel- und Maschendrahtzaunverschiebern, die emsig durch die Landschaft stapften und die Grenzzäune auf den jeweils aktuellen Stand brachten.



[1]   Also noch näher an Braunau dran.

Sind Könige Mörder?

Man kennt es aus der Geschichte zur Genüge: In den regierenden Familien nicht nur der europäischen Monarchien war es ein oft und gern geübter Brauch, daß Väter ihre Söhne, Onkel ihre Neffen (und jeweils umgekehrt) nicht nur töten wollen [1], sondern dies auch tatsächlich tun.

Als moderner Mensch steht man etwas ratlos vor diesem Phänomen und tut dies als irgendwie gearteten Brauch ab.

Dabei ist die Tötung naher Verwandter in dynastisch-monarchischen Herrscherhäusern das Ergebnis eines verdammten Dilemmas.

Monarchische Herrscherhäuser entstehen aus dem Adel. Der Adel war eine Kriegerkaste, die sich und ihre Eigenschaften edel, edelig, adelig nannte. Diese Berufskrieger be­herrschten den Stamm, einschließlich der besiegten anderen Stämme, denn alle Macht kommt von der Klinge des Schwertes. Jener wiederum aus dieser Gruppe, der sich als der stärkste, brutalste, hinterhältigste - also: edelste, edeligste, adeligste - von allen erwiesen hatte, be­herrschte den herrschenden Adel und nannte sich König (oder Häuptling oder Fürst oder wie immer).

Damit die Herrschaft auch nach dem Tode des Königs in seiner Familie blieb, bestimmte der König seinen ältesten (überlebenden) Sohn zum Nachfolger. Um auf Dauer König, und also Chef einer brandgefährlichen, vor nichts zurückschreckenden Machtelite zu bleiben, mußte der Thronfolger (und nicht nur er, sondern auch die anderen Söhne, die quasi als Reserve bereit stehen, wenn dem Thronfolger etwas zustößt) mindestens genauso stark, brutal und hinterhältig sein wie der alte König, sein Vater. Damit er dies wurde, war es unumgänglich, ihn von Kindesbeinen an in den edlen Tu­genden des Adels, also Stärke, Brutalität und Hinterhältigkeit zu schulen.

Dadurch sicherte der König seiner Familie das Königtum über den eigenen Tod hinaus.

Dadurch geriet der König aber auch in ein verfluchtes Dilemma. Ein berufsbedingt ultramieser Stinkstiefel muß berufsbedingt im eigenen Hause eine Brut ultramieser Stinkstiefel heranzie­hen, damit einer von ihnen dereinst sein würdiger Nachfolger werde. Die Söhne des Königs sind Leute, denen man von klein auf beigebracht hat, jeden umzulegen, der ihnen im Wege steht.

Diese Schulung des eigenen Nachwuchses in den Tugenden des Adels ist für den König eine Investition in die Zukunft seiner Gene über den individuellen Tod hinaus. Solange er lebt, ist aber noch er König und muß vor dieser Horde machtgieriger und vor nichts zurückschreckender Söhne eine Heidenangst haben.

Scheißspiel!

Nun sind Morde innerhalb einer Familie auch heute nicht so selten, wie es sich der biedere Menschenfreund vorstellt. Bei der überwiegenden Mehrzahl aller Tötungsdelikte besteht (laut der Kriminalstatistik unserer Tage) eine enge verwandtschaftliche Beziehung zwischen Täter und Opfer.

Der moderne Psychologe aber sagt dir, daß in deiner Familie bei der Entwicklung der persönli­chen Beziehungen verdammt viel schief gelaufen sein muß, bis es soweit kommt, daß dich der eigene Sohn irgendwann erschlägt. In den guten, alten Zeiten jedoch war - zumindest bei Kö­nigs - der Vater-/Sohn-/Bruder-Mord die Folge einer geglückten Erziehung.

P. S.: Welcher europäische König hatte auf seiner Brust die Tätowierung "Tod den Königen!" Wer es weiß, den ernenne ich zum König oder salbe sie wahlweise zur Päpstin.

 



[1]   Ödipus-Komplex, eh schon wissen

2.1.22

Der leider nicht betrunkene Radlfahrer

Am Dienstag war ich im Waschsalon [1]. Als ich rauskam war es schon dunkel, ich strebe dem Bushäusl zu. Aus dem Nichts kommt ein Radler auf dem Radweg daher, hohe Geschwindigkeit, kein Licht und natürlich aus der falschen Richtung. Fast hätte er mich erwischt, freundlicherweise ruft er mir zornig zu, ich solle doch gefälligst aus dem Weg gehen. Ich nenne ihn einen Arsch und gebe ihm als Tagesmotto mit, er möge doch verrecken. Elendiglich, versteht sich.

 

Es wird meines Erachtens viel zu viel Geschiß gemacht um Alkohol auf dem Radl. Mit Alkohol auf dem Radl [2] gefährde ich in allererster Linie erst mal mich selber. Die Fremdgefährdung ist nahezu vernachlässigbar. Ich gehe sogar so weit, daß ich sage, die wirklich gefährlichen Radler sind die nüchternen. Die alkoholisierten Radler schwanken rum und fallen schließlich irgendwann auf die Schnauze. Die topfitten Velozipedisten dagegen jagen mit Höchstgeschwindigkeit wenige Zentimeter an den Fußgängern vorbei und - wenn's blöd läuft - eben nicht vorbei. Wir sollten alle den Saufköpfen auf dem Rad dankbar sein. Sie riskieren ihr Leben um unseres zu schonen. Ein Prost auf diese edlen Menschen!

 


[1]   Laßts euch nichts einreden, Kinder, es war nicht der letzte Dienstag, natürlich nicht, sondern der 2. No Fember! 2021.

[2]  Was viele nicht wissen: Wenn ich mit 2 Promille auf dem Rad erwischt werde, kann es passieren, daß mir während meines Führerscheinentzugs sogar das Radfahren (nüchtern, versteht sich) verboten ist, weil ein Fahrrad ja das Tatwerkzeug war. Werde ich dagegen mit 2 Promille am Steuer eines 20-Tonnen-Lkw-Hängerzuges oder eines vollbesetzten Reisebusses erwischt, bin ich vor dergleichen Mißlichkeiten sicher. In diesem Falle darf ich Radfahren, wann und wie ich lustig bin.

Der "Rot-Blaue Stuhl" von Gerrit Rietveld

I ch muß gestehen, ich weiß nicht, wie gut man in der Kunstgeschichte bewandert sein muß, um Gerrit Rietveld und seinen Rot-Blauen Stuhl z...