20.4.19

Die Geschichte vom verlorenen Schlüssel

Als mein ältester Sohn zehn Jahre alt war, geschah es, daß er eines Morgens hektisch und ganz offensichtlich suchend im Haus hin und her läuft, die Treppe rauf und gleich wieder runter. Die Hektik ist verständlich, es ist nämlich hoch an der Zeit, daß er endlich das Haus verläßt, um den Zug noch zu erreichen.
"Was suchst du denn, Basti?", frage ich ihn und bekomme keine richtige Antwort, allenfalls einen unwilligen Grunzlaut. "Was du da suchst, Basti?" wiederhole ich meine Frage, denn ich ahne nichts Gutes. Das Spiel ist bekannt. Unwillig gibt Basti schließlich zur Antwort: "Die Schlüssel". - "Welche Schlüssel?" - "Meine Schlüssel." - "Welche von deinen Schlüsseln?" - "Die Schlüssel für das Schließfach." [1]. - "Wo hängen die denn dran?" Und wieder kommt zunächst keine richtige Antwort, nur ein undeutliches, unwilliges Grunzen. "Wo die dran hängen!" wiederhole ich und füge präzisierend hinzu: "Damit ich sie erkenne, wenn ich sie sehe." Weil ich ja wirklich mitsuchen will. - "Die hängen nirgends dran." Oh, mein Gott. Das heißt, die sind einfach irgendwie lose?" - "Die sind in der Tasche drin." - "In welcher Tasche?" - "In der Tasche, die du mir gekauft hast." - "Welche Tasche hab ich dir gekauft?" - "Die schwarze." - "Was für eine schwarze Tasche denn?" - "Das Schlüsseltascherl." - Ach so.
Das Schlüsseltascherl fand er dann selber und zwar in seiner eigenen Schultasche, genau dort also, wo es hingehört.



[1]   Er hatte da nämlich in der Schule seit einigen Wochen ein Schließfach, wo er Sachen, die er grad nicht braucht und die ihn eher behindern, wegsperren kann. Heute ist Schulsportfest, sie müssen aber sicherheitshalber trotzdem die Schulsachen mitnehmen. Klar, daß er den Schlüssel braucht.

3.4.19

Ein schwuler Philosoph im Kinderzimmer

In einem anderen Forum als diesem hier und zu einer anderen Zeit als unserer hat jemand geschrieben, er habe zu einer noch anderen Zeit einen Text in jenes Forum eingestellt, und zwar über die Heterotopien von Foucault.
Eine Frau - wer sonst? - antwortete ihm: "Was fürn Zufall. Ich mache heute Hausputz und komme gerade aus dem Kinderzimmer, da schreibst Du von Heterotopien."
.
Ob dieser Fuhkoo - so frage ich mich - jemals eigenhändig ein von der anarchischen Wildheit einer Kinderseele gestaltetes [1] Zimmer aufgeräumt oder wenigstens bewußt in Augenschein genommen hat?
Dem Wikipedia-Artikel über ihn entnehme ich, daß Michel Foucault, den ich im Übrigen durchaus schätze, 1984 an AIDS gestorben ist. Wahrscheinlich war er also schwul und hat sich damit dem Frondienst (eigentlich ja Frouwendienst) in Kinderzimmern entzogen. Wer niemals ein Kinderzimmer aufgeräumt oder auch nur betreten hat und dabei mit nackten Füßen auf einen Legostein getreten ist, kann meines Erachtens keine verläßliche Aussage über den Zustand der Welt machen.
Dennoch sei mir ein mahnendes Wort an alle Hausfrauen (m/w) gestattet: Wer Kinderzimmer aufräumt, setzt ein Signal. Dieses Signal aber, bedenkt das wohl, bedeutet: Wieso soll ich, Kind, den Saustall aufräumen, wenn die Papa [2] oder der Mama im Weigerungsfall meinerseits das ohnehin machen? Sie tun es wahrscheinlich nörgelnd und schimpfend, aber sie tun es. Wozu also soll ich, Kind, einen Finger rühren?



[1]   Na ja, "gestaltet".
[2]   Als meine Söhne noch klein waren nannten sie mich tatsächlich "die Papa", ischwör. Ja, ich bin gelernter Windelwechsler. Wenn die Wutzerln auf dem Wickeltisch vor mir lagen, hilflos meinen Launen ausgeliefert, habe ich ihnen auf die Melodie von Bobby Solo vorgesungen:
Du hast ja Scheiße in der Wi-hin-del,
Und die Scheiße muß heraus,
Diese Scheiße in der Wi-hin-del,
Diese Scheiße muß heraus.
Zu solchen Höhen kann sich Lyrik hinaufschwingen, wenn sich ein wahrer Dichter mit der Musik verbündet.
Die wahre Originalmusik hat übrigens seinerzeit der king himself gesungen.

31.3.19

Ryrei und andere Geheimnisse der Kochkunst

In einer Internet-Diskussion hat einer mal ein Getränk namens Kiba erwähnt. Ich hatte wieder mal keine Ahnung und fragte nach. Nun weiß fast jeder, daß man im Internet so gut wie nie eine anständige Antwort auf eine höflich formulierte Frage bekommt. So war es auch hier: "Kleiner Tip, Wolfram : Kiba sollte man besser nich im Masskrug bestellen ;-)"
Ich mußte also selber resch ärschieren und bin dabei auf einen sehr lehrreichen Dokumentarfilm gestoßen.

Wie oft hab ich mich nicht schon gefragt, wie man es anstellt, zwei Flüssigkeiten zusammenzugießen, jetzt weiß ich es.
Bei Gelegenheit der Reschärsche bin noch auf diesen Dokumentarfilm gestoßen,
der Hausfrauen beiderlei Geschlechts interessieren könnte. Ein wirklich faszinierendes Gericht, dieses Rührei. Leider konnte ich es nicht nachkochen, da ich in meinem süddeutschen Haushalt keine Fanne gepfunden habe. Der Schluß des Filmes ist insofern interessant, als der Lehrkoch ("Das dauert jetzt ein bißchen lang") anscheinend bislang noch nicht auf die Idee gekommen ist, das fertige Rührei auf den Teller gleiten zu lassen, indem er die Fanne schräg hält.
Ich gehöre übrigens einer anderen Rührei-Sekte an, ich verquirle die rohen Eier zuvor, gebe eventuell noch ein Schlückerl Milch rein und schütte dann erst das Geschleime in die Pfanne (in Süddeutschland verwenden wir Pfannen, keine Fannen).
Die oben erwähnte Informationsverweigerin meinte zu meinem Kommentar: "So toll, jetzt is mir schlecht :-( Ich werd nie wieder ein normales rührei essen können !"
Ich antwortete ihr: "So was Sensibles, nein aber auch. In dem Film 'Der aus dem Regen kam' mit Marlene Jobert [1] und Charles Bronson macht sie ihm ein Rührei und er gibt Ketchup drüber, worüber sie sich als "typisch amerikanisch" mokiert.
Viel später habe ich das mal ausprobiert und tapfer gelöffelt. Meine Frau meinte, das sähe aus, wie das Hirn eines Unfallopfers, woraufhin ich das Einlöffeln einstellte.
Jetzt tät's mich doch mal interessieren, ob man im Norden generell das Rührei erstmal halb zu Spiegelei werden läßt und dann erst umrührt. Vielleicht hat es ja was mit den Römern und dem Limes zu tun.
Ein anderer Kommentator lobte mich: "Einen wirklich sehr lehrreichen Kanal haste da gefunden."
In der Tat. In diesem Kanal wird auch das Rätsel gelöst,

wie aus den harten Spaghetti im Beutel genußfertige Pasta wird.
Nun soll keiner glauben, das sei Satire. In meinen Studententagen kannte ich einen, der sich Wiener Schnitzel zubereiten wollte. Aus seinen Zeiten bei Mama wußte er noch, daß man dazu - neben dem Schnitzel selber - Mehl, Eier und Semmelbrösel braucht. Die letzteren drei Zutaten gab er in eine Schüssel und rührte gut durch. Dann wälzte er das Schnitzel in der entstandenen Pampe. Das Ergebnis war, wie er mir später klagte, unbefriedigend.
Ein anderer, der sich Pellkartoffeln machen wollte, war schlauer und rief zuvor bei Mama an. Diese sagte ihm, er müsse lediglich die Kartoffeln (je nach Größe) 20 bis 30 Minuten kochen. Nachdem ihm bei zwei Versuchen die Kartoffeln schwarz geworden waren, kam er ins Grübeln. Die Mama hatte ihm eine wichtige Zutat verschwiegen, weil sie diese als selbstverständlich ansah und der Erwähnung nicht für wert befand.
Beide Kommilitonen waren übrigens beim MSB Spartakus, der Studentenorganisation der DKP. Jedem wird unmittelbar klar, warum das mit dem Sozialismus nix werden konnte.
"Wenn man sich z.B. die Spaghetti-Kochanleitung anguckt, könnte man meinen, die Künstler wollten damit ein Stück Wissen für die Ewigkeit konservieren." maulte einer nach.
Ich maulte zurück: "Wenn es nach Ablauf der Ewigkeit noch Spaghetti gibt, wird man wissen, wie man sie macht (es gäbe sonst keine mehr). Vielleicht fallen aber auch im Zuge des Waldsterbens die Spaghettibäume im Tessin

dem Fortschritt zum Opfer.


[1]   Ein ganz wunderbarer Film übrigens, eine noch wunderbarere Marlene Jobert.

26.3.19

Putin und Trump

Der US-amerikanische Präsident Putin ist ja verdächtigt worden, er habe sich vom russischen ([1]) Präsidenten Trumpow beim Wahlkampf helfen lassen. Jetzt ist er gnadenlos rehabilitiert worden. Was, bittschön, könnte unschuldiger sein als ein Baby?
 Obwohl... so ganz gut geht's dem russischen Präsidenten derzeit auch nicht.




[1]   Das heißt sowjetischen... machen wir uns nix vor.

25.3.19

Von Brandenburger und anderen Toren

Ende letzter Woche war ich - wieder mal, Gott sei's geklagt - in dieser merkwürdigen Ortschaft ganz in der Nähe von Potzdamm. Jedes Mal, wenn ich dort bin fühle ich mich bedroht, ich kann die Hand nicht von meiner Smith & Wesson lassen.

Die stete Bedrohung macht mich aggressiv, die aggressive Grundstimmung führt dazu, daß ich mich des öfteren an einem Berliner vergreife.
Mein Partner Jerry Kottan meint, diese Aggressivität sei nicht gut für meine psychische Gesundheit. Ich sollte mir, so rät er, bei jedem Berlin-Besuch etwas Gutes und Friedsames gönnen. Was aber - jetzt wird's schwierig - hat Berlin schon zu bieten?
Das Brandenburger Tor, richtig, das hatte ich zuvor noch nie in echt gesehen. Das heißt, gesehen hatte ich es schon, aber damals stand noch die Mauer davor.
Ich also rin inne S-Bahn und raus ausse S-Bahn [1], dann stand ich vor dem Ding.
"Oh, mein Gott", flüsterte ich entsetzt. "Ist das Ding mickrig." Und dieser sechszinkige Kamm ist nun das Wahrzeichen Deutschlands!
Wie war ich da froh, daß ich zwar Paßdeutscher, eigentlich jedoch Bio-Österreicher bin. Ich mein, da ist ja selbst der Großglockner noch größer (und glöckner, nota bene).



[1]   In mühsamem Selbststudium hatte ich die eigentümlich gurgelnde Sprache der Eingeborenen erlernt.

19.3.19

Grenzen

Als ich noch der Waldbauernbub war, war ich mit meinen Eltern an der Grenze zur Tschechoslowakei. Ich stand im Bayerischen Wald und blickte hinüber in den Böhmerwald, der sich vom Bayerischen Wald nicht sonderlich unterschied, eigentlich gar nicht. Er erschien mir als ein Gebirge, und so war's dann auch.
Zwischen mir und dem Böhmerwald sah ich einen ziemlich bedrohlichen Grenzzaun. Auf dem Gymnasium hörte ich dann später von Kriegen und wiederum Kriegen, die jeweils neue Grenzen nach sich zogen. Im Historischen Weltatlas (der im Grunde ein Atlas von Europa war) sah ich dann, wie diese Kriege innerhalb weniger Jahre oder Jahrzehnte die Grenzen veränderten. Vor meinem geistigen Auge sah ich riesige Heerscharen von Bauarbeitern, die beständig unterwegs waren, die jeweils neuen Grenzen mit den entsprechenden Zäunen zu versehen.
Die Tatsache, daß es zwischen Deutschland und Österreich keinen Grenzzaun gab, hat mich übrigens in meiner Meinung nicht erschüttert. Die Grenze bildete hier (zumindest in dem Bereich, den ich aus eigener Anschauung kannte) der Inn. Als Nichtschwimmer (der ich bis heute bin) war mir klar, daß es in diesem Fall keinen Zaun brauchte, das Wasser (schudder, bibber) schien mir Grenzbefestigung genug.

Wie dumm kann ein Mensch sein?

 Gestern erschien es mir hoch an der Zeit, meinen großen Computer, der seit ein paar Tagen spinnt und nicht mehr zum richtigen Laufen zu bri...