18.1.11

Aus meinem Ausschnittarchiv - Träume haben ihren Preis

In jenen alten Zeiten, da ich noch regelmäßig Zeitungen und Zeitschriften las, habe ich Artikel, Bilder, Kurznotizen, die mich empört haben, die mir interessant oder skurril oder sonstwie bemerkenswert erschienen ausgeschnitten und in Tagebüchern oder Poesiealben der eigentümlichen Art eingeklebt.
Einige dieser Ausschnitte möchte ich hier in unregelmäßigen Abständen vorstellen, manchmal kommentiert, manchmal nicht, denn etliche kommentieren sich selbst. Die Ausschnitte sind allesamt bereits ziemlich alt, Tagesaktualität ist also weder zu befürchten noch zu erhoffen.

Mitte der siebziger Jahre kaufte ich mir (obschon ich bereits eines hatte) ein Buch. Der Verkäufer gab das Taschenbuch in eine Tüte feinsten Papieres und händigte mir dann, nach Entrichtung des geringen Betrages, diese Tüte aus.
Im Begriff, den Laden zu verlassen, betrachtete ich beiläufig die Tüte und wäre beinahe zu Boden gefallen, vor Lachen.

16.1.11

Sehet die Fische auf dem Acker...

Neulich - was ich bitte, im Sinne von "jüngst" zu verstehen - kam ich mit meinem Hund Hemul, der ein reinrassiger Schlombinzinger ist, mit einem Stammbaum bis hinab zu Karl dem Großen...

Ich kam also von einem Spaziergang mit dem Hund zurück und war auf dem Weg von der Straße oben zu meinem Haus unten. An einer bestimmten Stelle blieb Hemul stehen und schnorchelte mit seiner Schnauze im vom Regen und der Schneeschmelze noch feuchten Acker neben dem Weg. Sachte griff er schließlich mit den Zähnen in den Schlamm und zog etwas heraus. "Ein toter Ratz", dachte ich zuerst, aber als der Hemul die mutmaßliche Ratte auf den Wiesenstreifen neben dem Acker gelegt hatte erwies sich der Ratz als Fisch.
"Aha, ein Fisch also", dachte ich in meiner kindlichen Einfalt. Als sich jedoch mein Hirn aus dem Standby-Modus selbsttätig aktiviert hatte, schrillte es Alarm. Ein Fisch? Auf dem Acker? Hier oben?
Dazu muß ich anmerken, daß in der Nähe, direkt neben meinem Haus, ein Fischteich liegt. Der ist allerdings gute 50 m vom Fundort des Fisches entfernt, der Fundort ist zudem etwa 10 m höher als der Teich. So was, dachte ich mir, schafft nicht mal ein Fliegender Fisch, den es in Niederbayern aber eh nicht gibt.
Die nähere Betrachtung ergab, daß dem Fisch der Kopf fehlte. Sherlock Holmes war mit dem Fall des "abgebissenen Fingers" in Niedernußdorf beschäftigt und so war ich, Watson, ganz alleine mit diesem Problem. Ob den Fisch einer, der dann doch lieber Schweinsbraten wollte, weggeworfen hat? Kaum. Wer fährt schon auf einer Straße, die nach wenigen hundert Metern beim Nachbarbauern endet, steigt aus und geht 50 m den Hang runter, um dort einen Fisch wegzuschmeißen? Ja, gut, dachte ich, es könnte sich vielleicht um ein magisches, gar satanisches Ritual handeln, aber so ganz überzeugte mich diese Theorie nicht. Die ortsansässige Bevölkerung hat es nicht so wild mit Schwarzer Magie, das würde ihnen auch der Pfarrer verbieten.
Die nächstliegende Theorie, es sei der Fisch in wilder, kopfloser (!) Flucht vor einem Otter aus dem Teich gesprungen, um dann hier zu verenden, verwarf ich nach kurzem Nachdenken ebenfalls, denn Otter gibt's hier nicht.
Was bleibt? Es bleibt die Überlegung, daß wegen Regen und Schneeschmelze die Bäche über die Ufer getreten sind und auf den Wiesen kleine Teiche gebildet haben. Nach Ende des Hochwassers bleiben erfahrungsgemäß immer etliche Fische auf den Wiesen zurück, die nicht rechtzeitig kapiert haben, daß der Spontan-Teich witterungsbedingt wieder geschlossen wird. Hunde, Katzen, Füchse oder Raubvögel haben dann leichtes Spiel und Nahrung im Überfluß. Möglich, daß eines dieser Tiere sich den Fisch gegriffen hat und nach Verzehr des Kopfes wegen Übersättigung keine Lust mehr auf Fisch hatte.

Aber vielleicht hat ja Sherlock Holmes, wenn er aus Niedernußdorf zurück ist, eine bessere Idee und räuchert dann das Satanisten-Nest in Aldersbach aus.

Zum Thema "Mysteriöse Vorgänge in Neustift" siehe auch mein nicht minder geheimnisvolles Erlebnis mit dem Teelöffel, am gleichen Orte.

Gefährliches Krankenhaus

Der Franze hat gsagt, 95 Jahr wär der Lindinger-Opa nie krank gewesen und hätt keinen Arzt nicht gebraucht. Dann, sagt er, hams ihn ins Krankenhaus gegeben und eine Woch später war er tot.

13.1.11

Selbsternannt

Am 12. Januar schrieb jemand in der Community der Wochenzeitung "der Freitag" einen Blogbeitrag mit dem Titel " Selbsternannte Tierschützer nerven", tags darauf legte ein anderer Blogger mit dem Blogbeitrag "Selbsternannte Lebensschützer - Ein Tagungsbericht" nach. Ende September war im Zusammenhang mit dem Tortenattentat auf Jürgen Trittin in nahezu sämtlichen Medien und absolut gleichlautend von der "selbsternannten Vollzeitaktivistin Hanna Poddig" die Rede, so als wäre "selbsternannte Vollzeitaktivistin" eine Amtsbezeichnung wie etwa "Bundespräsident" oder "Sparkassenfilialdirektor".

So ganz allmählich geht mir diese selbsternannte Rhetorik gewaltig auf den Senkel. Das Wort "selbsternannt" bedeutet nämlich genau besehen überhaupt nichts. Gar nichts. Es gibt keinen Titel "Tierschützer" ([1]), es gibt keinen solchen "Lebensschützer" und "Vollzeitaktivist" schon gar nicht. Leute, die einem auf den Geist gehen, als "selbsternannt" zu bezeichnen täuscht eine Argumentation vor, wo es sich in Wirklichkeit um eine pure Beschimpfung handelt. Da ist mir, ehrlich gesagt, "Arschloch" lieber, da wird wenigstens nichts vorgetäuscht, das ist Injurie pur.


[1]        Es gibt allenfalls einen Beauftragten der Bundesregierung für den Tierschutz (oder wie immer die richtige Amtsbezeichnung lauten mag.)

11.1.11

Mutmaßlich

Auf der Website der Tageschau (http://www.tagesschau.de/ausland/schiessereituscon110.html) lese ich den Anreißer über einem Bericht zum Massaker in Tucson:
"Nach dem Anschlag auf die Kongressabgeordnete Giffords im US-Bundesstaat Arizona hat die Staatsanwaltschaft Anklage gegen den mutmaßlichen Täter erhoben. Der 22-Jährige, der nach Angaben der Behörden psychisch gestört ist, muss sich wegen Mordes und versuchten Mordes verantworten. Er wird heute erstmals dem Richter vorgeführt. Über sein Motiv wird weiter gerätselt. Er hat sechs Menschen erschossen und 14 verletzt."

Nun habe ich alles Verständnis der Welt dafür, daß es seit vielen, vielen Jahren in den deutschen Medien üblich (oder sogar obligatorisch) ist, noch nicht verurteilte Verdächtige als "mutmaßliche Täter" anzusprechen. Wenn kein Geständnis vorliegt (und selbst dann gibt es gelegentlich Überraschungen) ist es immer noch möglich, daß der mutmaßliche Täter sich als unschuldig erweist.
Hier aber ist der Täter auf frischer Tat festgenommen worden, er wurde noch am Tatort überwältigt. Es gibt keinerlei Spielraum für irgendwelche Zweifel an der Täterschaft, fraglich ist lediglich die juristische Einstufung.
Warum also die Formulierung vom "mutmaßlichen" Täter? Abgesehen davon ist der Journalist, der den Anreißer verfaßt hat, inkonsequent, denn am Ende des kurzen Textes ist kein Konjunktiv mehr, keine sonstige Distanzierung: "Er (der angeblich nur mutmaßliche Täter; W. H.) hat sechs Menschen erschossen und 14 verletzt." Punkt.

Im Radio habe ich vor vielen Jahren mal die bizarre Formulierung vom "mutmaßlichen Verdächtigen" gehört. Ich vermute mal, daß dieser semantische Eiertanz daher kommt, daß in den siebziger und achtziger Jahren ständig von mutmaßlichen Terroristen die Rede war. So häufig, daß "mutmaßlich" im Zusammenhang von Rechtsprechung die Bedeutung von "ganz besonders schlimm" bekam. Ein normaler Mensch weiß ja eh nicht, was "mutmaßlich" ist.

10.1.11

Die Saufverweigerungssteuer

Wenn Sie sich im Getränkemarkt umsehen, dann werden Sie feststellen, daß Cola oder andere alkoholfreie Getränke ziemlich genau soviel kosten wie Bier. Mineralwasser ist billiger, teilweise erheblich billiger. Im Lokal stellen Sie fest, daß Sie für einen halben Liter Bier deutlich weniger zahlen müssen als für die gleiche Menge Cola oder Fanta oder was. Selbst simples Mineralwasser ist normalerweise beim Wirt erheblich teurer als das Bier.
Diese Preisgestaltung ist weder zufällig noch willkürlich. Der normale Biertrinker bestellt ein Bier und trinkt das nächste und wird am Ende auf seinem Bierfilzl eine ordentliche Zeche stehen haben. Ein Limo-Trinker dagegen besetzt ebenfalls einen Stuhl im Lokal, benutzt das Klo, macht den Aschenbecher voll ([1]), trinkt aber, selbst wenn er lange sitzen bleibt, lediglich zwei oder drei Cola oder Fanta. Limo-Trinker sind für den Wirt ein Plage, ein undankbare Kundschaft.
Er bestraft sie mit einer Saufverweigerungssteuer, welche das Bier und andere alkoholische Getränke attraktiver machen soll.
Junge Leute fallen gerne drauf rein.
Wer als Sechzehnjähriger in ein Lokal kommt, dort eigentlich am liebsten Cola trinken würde, ärgert sich regelmäßig über den hohen Preis seines noch aus der Kindheit vertrauten Lieblingsgetränkes. Bier und bereits die bierhaltigen Mischgetränke wie Radlerhalbe (halb Bier, halb Limo), Russenhalbe (halb Weißbier, halb Limo) oder Cola-Weizen sind erheblich billiger, was ihn dazu verleitet, von purem Cola zu durch Weißbier verdünntem Cola-Weizen zu wechseln. Am Anfang geht die Rechnung auf. Mit drei Cola-Weizen kommt er erheblich billiger weg als mit anderthalb Liter Cola.
Später, wenn er auch innerlich umgestiegen ist auf Weizenbier und locker seine fünf oder acht oder zehn Bier trinkt, sieht die Rechnung für ihn finanziell nicht mehr so günstig aus. Für den Wirt umso mehr.
Der Dealer wird zum Pusher. Ein Wirt, der sich weigert, das Spiel mitzumachen, bekommt von der Brauerei seinen Pachtvertrag gekündigt.


[1]        Der Text ist schon etwas älter, wie man an diesem nostalgischen Detail sehen kann.

3.1.11

Zur Philosophie der Vermehrung

"Die Kunst aller Verführerinnen", so sagte man mir einmal in einer Internet-Diskussion, "liegt darin, den Mann glauben zu machen, er sei einzigartig."

Sag nicht, das sei Unfug. Das braucht's vielmehr, das ist der übliche Schmäh, den man in solchen Situationen absondert. Jeder weiß zwar, daß es 1 Schmäh ist, aber wenn man ihn nicht absondert ist es auch nicht recht. Weil?

Weil, wenn es aus ist und er/sie dir zuvor süßen Unfug ins Öhrli geflüstert hat, dann kannst du losschreien und ihr/ihm all die gebrochenen Versprechungen vorwerfen. Das erzeugt dann jenes wunderbar schlechte Gewissen, über das sich der Psychotherapeut so freut, weil es ihm das Ein- und Auskommen sichert.

Wenn er dagegen sagt: "Hömma, Ilse, ich fänd es rasend nett, wenn ich eine Frau hätt. Du wärst nicht die schlechteste, nö. Ich schlag also vor, wir fangen uns was an, schaumermal, obs hält und wenn ja, wie lange..."
Mit so einem Spruch machst du bei Ilse keinen Stich, denn Ilse denkt an die Zukunft. Weil, wenns aus ist, kann sie dir - wie gesagt - nix vorwerfen. So was ist doch nicht seriös, so was.

Der "Rot-Blaue Stuhl" von Gerrit Rietveld

I ch muß gestehen, ich weiß nicht, wie gut man in der Kunstgeschichte bewandert sein muß, um Gerrit Rietveld und seinen Rot-Blauen Stuhl z...