Dekoration einer Talk-Show. In weichen, dicken Ledersesseln
sitzen der Kulturschmock Patrick Kytzler als Moderator und der Schriftsteller
Thorsten Groneberg als Talkgast.
KYTZLER Herr
Groneberg, seit 11 Wochen ist Ihr neuer Roman "Roman" auf Platz 1 der SPIEGEL-Bestseller-Liste. Wie fühlt man
sich als...
GRONEBERG Gestatten Sie, daß ich Sie korrigiere. Mein Roman
ist seit neun Wochen auf Platz 1
besagter Bestseller-Liste. Zuvor mußte er sich den zweiten Platz, auf den er
auf Anhieb gekommen war, mit der unsäglichen Schmonzette "Schmonzette" meiner im übrigen
wegen ihrer skrupellosen Geschäftstüchtigkeit hochverehrten Kollegin Saskia van
Haalen teilen.
KYTZLER lächelt freudlos Wie
auch immer. In der vorletzten Ausgabe der ZEIT hat Sie Leander Rylewicz in
seiner Rezension von "Roman"
ziemlich gnadenlos verrissen. Hat Sie das getroffen?
GRONEBERG lapidar Nein. Haben Sie sich schon mal überlegt, warum Rylewicz
mein Buch verrissen hat? Rylewicz ist doch nicht dumm, er versteht etwas von Literatur.
Mein Buch ist hervorragend, das sieht man und das sieht natürlich auch Rylewicz.
KYTZLER Warum hat Rylewicz dann ihr Buch verrissen? Ihnen
zufolge hätte er den Verriß wider besseres Wissens geschrieben.
GRONEBERG Weil er bestochen wurde natürlich.
KYTZLER stockt der
Atem. Nach einigen Sekunden, fassungslos Bestochen?
GRONEBERG Klar. Bernd-Axel Facius hat das Buch doch schon
gelobt, wenn sich jetzt auch Leander Rylewicz dieser Meinung angeschlossen
hätte, wäre der ganze Pfeffer rausgewesen. Das Buch wäre für "langweilig"
angesehen worden. Kein Mensch will ein unbestritten gutes Buch lesen, wenn es
nicht schon mindestens hundert Jahre alt und also zum Klassiker geworden ist. Also
hat mein Verlag Leander Rylewicz dafür bezahlt, daß er mein Buch verreißt.
Dadurch wurde das Buch zum umstrittenen Buch und umstrittene Bücher verkaufen
sich wesentlich besser.
KYTZLER Sie beschuldigen also Leander Rylewicz tatsächlich,
er sei bestechlich.
GRONEBERG Ich beschuldige ihn gar nicht. Ich habe meinen
Vorteil davon, ich lobe ihn dafür.
Die
Talk-Show löst großen Wirbel aus, Leander Rylewicz wehrt sich heftig gegen die
Unterstellung, droht mit gerichtlichen Schritten. Bei nächster Gelegenheit interviewt
ein anderer Kulturschmock Thorsten Groneberg.
ANDERER KULTURSCHMOCK Ist es wirklich wahr, daß Leander Rylewicz
von Ihrem Verlag bestochen wurde?
GRONEBERG Nein, um Gottes Willen, natürlich nicht. Das würde
mein Verlag nicht versuchen und Leander Rylewicz würde so was nie annehmen. Ist
doch klar.
ANDERER KULTURSCHMOCK Warum haben Sie es dann behauptet?
GRONEBERG Ich wollte einer Verleumdungsklage entgehen.
ANDERER KULTURSCHMOCK ungläubig
Einer Verleumdungsklage?
GRONEBERG Na klar. Ich kann einen angesehenen Kritiker doch
nicht als dumm und hirnrissig bezeichnen. Dergleichen gehört sich nicht, selbst
dann nicht, wenn es wahr ist.