Seit ungefähr dreißig Jahren , historisch gesehen also erst seit neulich, ist
die Verwendung des Wortes "*****" verpönt und wird es mit
fortschreitender Zeit immer mehr. Inzwischen zucken sogar ***** unangenehm
berührt zusammen, wenn in ihrer Gegenwart das Wort "*****" fällt.
Annalena Baerbock hat
vor einigen Wochen - es war spät im Juli, Saure-Gurken-Zeit, da kann man schon
mal sensibel sein - einen neuen Gipfel der Feinfühligkeit erklommen.
Was war passiert? An
einem Dienstag im August war Baerbock in der Tachles Arena des Zentralrats der Juden zum Interview zu Gast. Dort
erzählte sie eine Geschichte aus dem Schulunterricht des Sohnes einer
Bekannten. Besagter Sohn hatte sich geweigert, eine Bildergeschichte zu einem
Arbeitsblatt zu schreiben, auf dem das Wort "*****" stand. Baerbock
erzählte die Geschichte, um diskriminierende Bildungsinhalte an Schulen zu
kritisieren, sprach aber in ihrer Nacherzählung das N-Wort aus; in der Fassung
des Interviews, wie sie im Internet steht, ist das Wort "*****"
ausgepiepst .
Noch vor der
Ausstrahlung des Interviews via YouTube machte Baerbock jedoch selbst
bei Twitter auf ihre Wortwahl aufmerksam
und bat um Entschuldigung dafür, rassistische Sprache reproduziert zu haben: "Leider habe ich in der Aufzeichnung des
Interviews in der emotionalen Beschreibung dieses unsäglichen Vorfalls das
N-Wort zitiert."
Als ich diese
Geschichte hörte, mochte ich sie zunächst nicht glauben. Das ist, sagte ich
mir, nur der perfide Versuch rechter *****-Sager , den politisch korrekten - oder laß sagen: politisch leidlich sensiblen - Wortgebrauch
durch maßlose Übertreibung
lächerlich zu machen. Ob man heutzutage noch das Wort "*****" sagen soll
oder auch nur kann, darüber mag man streiten. Hier aber ging es darum, daß
Baerbock von jemandem, der das N-Wort benutzt hat, lediglich erzählt.
Es fing mit dieser
elendiglichen Gschamigkeit vor vielen Jahren an: "Er hat mich auf's
Heftigste beschimpft, mit Worten, die so gräßlich sind, daß ich sie hier nicht
wiedergeben kann." Du lieber Himmel, die gräßlichen Wörter sind doch der
Kern dieser Erzählung, sie sind oftmals sogar das einzig Wichtige an der Geschichte.
Ein Beispiel: An
Kirchenwänden findet man gelegentlich Darstellungen von Schweinen, die auf
irgendeine Art und Weise im Zusammenhang mit Juden stehen, Darstellungen,
welche Juden verhöhnen, ausgrenzen und demütigen sollten. Die Schöpfer und Auftraggeber dieser
Bildwerke gaben ihnen Namen, die so gräßlich sind, daß ich sie hier nicht
wiedergeben kann. Im Ernst, die Dinger hießen "Judensau".
Wenn ich darüber berichte, dann wäre mein Bericht unvollständig. wenn ich den
Namen unterschlage, selbst der ganz normale Lokalreporter muß ab und an darüber
berichten, weil immer wieder leidenschaftliche Diskussionen darüber entbrennen,
ob man diese Darstellungen entfernen oder sie als historische Zeugnisse stehen
lassen sollte.