23.8.21

Vornehm, vornehm

Als wir seinerzeit, schon lange her, nach Castellabate gezogen waren, konnte ich erstmals den Fürsten sehen, quasi in Zivil, also außerhalb der Rahmenbedingungen, unter denen ich ihn sonst gesehen habe.

Wer "der Fürst" ist?

Als wir das erste Mal in Castellabate Urlaub gemacht hatten, das ist noch länger her, ist mir auf dem Weg vom Strand zum Hotel "Madonna della Scala" dieser Mann aufgefallen. Fast jeden Tag hat er in einer kleinen Parkbucht und hat Feigen feilgeboten. In Süditalien ist das nichts Ungewöhnliches, vor allem im Sommer bieten alle möglichen Leute alle möglichen Sachen am Straßenrand an, ob nun aus dem Auto heraus oder aus neben ihnen stehenden Kisten.

Dieser Mann saß bequem auf einem Klappstuhl im Schatten und wartete auf Kundschaft. Ein schon etwas älterer Mann, mit kurzgeschnittenem, grauen Haar, grauem Schnauzbart und brauner Haut. Nicht die gepflegte Bräune des Strandes, sondern jene dunklere der Arbeit auf dem Feld. Ein Bauer. Wie er so, die Beine übereinandergeschlagen, die Arme vor der Brust verschränkt, den Blick aufmerksam auf seine Umgebung gerichtet, strahlte er eine gelassene Würde und ein ganz selbstverständliches Selbstbewußtsein aus. Diesen Mann in ein erstklassiges Gewand gesteckt, auf einem kostbaren Sessel postiert - und jeder würde in ihm einen Fürsten aus uraltem Adelsgeschlecht sehen. Einen, der von Kindesbeinen an gewohnt ist, daß man ihm mit Ehrerbietung begegnet.

Vor vielen Jahren war mal im "stern" eine Photoserie zu sehen. Ein Photograph, den Namen habe ich leider vergessen, hatte Penner von der Straße geholt. Er ließ sie waschen, pflegen und steckte sie dann in Kleidung, die für sehr reiche und vornehme Männer üblich sind. So ließ er sie nun als Herren posieren und photographierte sie. Hätte man nicht die Photos der Herren im "Originalzustand" danebengestellt, man wäre nie auf die Idee gekommen, es könnte etwas nicht stimmen mit diesen Lords.

Und dann lohnt sich ein Blick auf diese vier Galgenvögel. Wie man aus den Namensschildchen erkennen kann, handelt es sich um Polizeiphotos und es wäre ein nettes Gesellschaftsspiel, auf einer Party raten zu lassen, wegen welcher Verbrechen diese Leute in Polizeigewahrsam gekommen sind.

Nun, es handelt sich um Vorstandsmitglieder der IG Farben, nach dem Krieg wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit angeklagt und verurteilt. Allesamt haben sie nach kurzer Haftzeit ihre Karriere in der Bundesrepublik Deutschland fortgesetzt.

Aber das ist eine andere Geschichte. In unserem Zusammenhang ist interessant, daß anscheinend Vornehmheit, Selbstbewußtsein und all die schönen Dinge, durch die sich unser Führungspersonal auszeichnet, von der Situation abhängt, in der sich ein Mensch befindet. Im Gefängnis sitzend, wie Strolche behandelt, sehen die Herren nicht mehr wie Herren aus, sondern wie Strolche.

 

Wenigen ist es gegeben, auch in mißlicher Lage noch inneren Glanz auszustrahlen.

22.8.21

Nordic Walking

Nordic Walking ist nicht die Frage. Die Frage ist vielmehr, ob man auch in Australien oder Neuseeland nordic walkt.

Ingeborg Flachmann

Inge, borg mir deinen Flachmann

So anrührend und erhellend sein Prosatext ansonsten auch war, als er obigen Satz aus diesem Text vorlas, hatte es sich Kunz Knörer natürlich in Klagenfurt verschissen.

Mozarts Mutter

Als ich jung war... Ich frage mich manchmal, ob ich jemals jung gewesen bin, schon allein deswegen, weil ich mich nicht mehr daran erinnern kann. Aber man hat mir mehrmals von kompetenter Seite versichert, das müßte wohl schon so gewesen sein. Einen schlüssigen Beweis dafür gibt es gleichwohl nicht. Man hat mir zwar Bilder vorgelegt und behauptet, der darauf abgebildete Bub sei ich in jungen Jahren, aber das kann natürlich genau so gut nur eine dreiste Behauptung gewesen sein.

Wie auch immer: Als ich jung war, hatte ich ein kleines Kofferradio und ein Spulentonbandgerät. Mehr brauchte ich nicht zur Ohrenpflege, mehr wollte ich nicht. Schallplatten gingen mir am Ars vorbei, mir hat das Gedudel aus dem Radio gereicht, von welcher Musik ich einiges aufgenommen habe im Laufe der Zeit.

Mit 30 Jahren - inzwischen zum Diplom-Psychologen gesalbt - habe ich mir den ersten Plattenspieler meines Leben gekauft und, weil ich eh grad am Geldausgeben war, noch eine Schallplatte dazu. Mit wenig Sachkenntnis habe ich mir eine Langspielplatte mit zwei Violinkonzerten von Mozart ausgesucht, KV 216 und KV 219. Beide Aufnahmen sind von den Berliner Philharmonikern unter Herbert von Karajan, die Solovioline spielte die damals 15-/16jährige Anne-Sophie Mutter, ausweislich der Plattenhülle ein süßes Mäderl mit Babyspeck. Zuhause habe ich die Platte aufgelegt - und war sofort hin und weg. Leck mich am Arsch, ist das eine Musik! Und das alles in Stereo, zum ersten mal für mich.

Kurz drauf sehe ich in einer Grabbelkiste eine Audiokassette mit genau den beiden Violinkonzerten, gespielt von einem mir damals und bis heute unbekannten ungarischen Orchester. Ich hab's mir angehört und wußte seitdem, daß selbst ich den Unterschied zwischen einem normalen professionellen Orchester und einem Klangkörper der Spitzenklasse erkenne.

21.8.21

Shoah und Holocaust - Schöngeflötete Wörter

1979 kam die vierteilige US-amerikanische Fernsehserie "Holocaust" in's westdeutsche Fernsehen. Mit der Serie kam auch das Wort "Holocaust" in den allgemeinen Gebrauch deutscher Muttersprachler. Zuvor war das Wort nur relativ wenigen Wissenschaftlern geläufig gewesen, es kommt aus dem Altgriechischen ὁλόκαυστος - holókaustos - und bedeutet ursprünglich "vollständig verbrannt", auch (religiöses) "Brandopfer" (von Tieren). 1985 kam der zweiteilige Dokumentarfilm "Shoah" in den deutschen Sprachraum, "Shoah" war ein Begriff den vordem fast ausschließlich Juden und Judaisten kannten. Das hebräische Substantiv שׁוֹאָה Shoa bezeichnet in der Bibel (Jes. 10,3 EU) eine von Gott gesandte ausländische Bedrohung des Volkes Israel, übersetzt als "Unheil" oder "Heimsuchung". Davon ausgehend bezeichnet es allgemein für ganze Völker existenzbedrohende Geschichts- oder Naturereignisse, übersetzt etwa als "große Katastrophe", "Untergang" oder "Zerstörung".

Beide Wörter wurden damals nahezu verzögerungsfrei in den deutschen Wortschatz aufgenommen, ganz so als hätte man auf ihr Erscheinen gewartet. Im SPIEGEL-Archiv taucht "Shoah" erstmalig 1986 auf, nachdem der Film von Lanzmann also in Deutschland gezeigt worden war. Zuvor scheint das Wort also auch in den führenden Medien nicht im Gebrauch gewesen zu sein. Ähnliches gilt für "Holocaust", hier ist der früheste Treffer im SPIEGEL-Archiv von 1977 - eine Meldung, daß in Berlin einige Szenen für die amerikanische Fernsehserie "Holocaust" gedreht würde. Daß ich nicht lüge: Es gibt einen Ausreißer aus dem Jahre 1962. "Seine (Kennedys; T. R.) besondere Vorliebe gilt kontrapunktischen Wendungen, von denen er (oder sein Ghostwriter Theodore Sorenson) eine ganze Reihe erfunden hat, um seine Grundthese auszudrücken: eine "Wahl zwischen Demütigung und Zerstörung" (humiliation and holocaust), eine "Wahl zwischen Kapitulation und totalem Atomkrieg" (surrender and all-out nuclear war), eine "Wahl zwischen schmählichem Rückzug und unbegrenzter Vergeltung" (inglorious retreat and unlimited retaliation)."

Sprachverschleierung

Ich habe die Wörter Shoa und Holocaust viele Jahre lang benutzt, ohne mir was dabei zu denken. Ich benutze sie weiter, auch hier einer Gewöhnung folgend, aber ich kann sie nicht mehr so unbefangen verwenden wie zuvor. Vor etlichen Jahren nämlich ist mir aufgegangen, wieviel Verschleierungspotential für einen deutschen Muttersprachler in diesen beiden Wörtern steckt. Diese Bemerkung wird manchem rätselhaft vorkommen, ich sollte sie erklären.

In einem zu Recht weithin unbekannten österreichischen Internet-Forum beklagte sich einst eine Userin, es würden gerade diejenigen, "die sich die Toleranz so demonstrativ auf´s Hirn nageln" (...) "alles, was nicht in ihr Weltbild passt, reflexartig als böse, rechtsextrem, xenophob, menschenverachtend und was weiß ich noch alles diffamieren."

Allen Kommunikationspsychologen hier fällt natürlich sofort das Wort "xenophob" auf. Das Wort ist griechischen Ursprungs und heißt auf Deutsch so viel wie "fremdenfeindlich". Die Frage ist: Warum verwendet die Userin, die sonst gar nicht zu übermäßigem Fremdwortgebrauch neigt, so ein Wort?

Von der Keuschheit der lateinischen Sprache

Mein (Kommunikations-)Psychologie-Professor von anno seinerzeit - im übrigen ein Schla-Wiener, das nur nebenbei - hat dergleichen unnötigen ([1]) Fremdwortgebrauch als "Flucht ins keusche Latein" bezeichnet: Jemand verwendet Fachtermini gerne dann, wenn er über kitzlige, ihm peinliche Dinge spricht, oder wenn er - wie in der Fußnote angerissen - selber nicht so genau weiß, wovon er eigentlich spricht.

Ein Wort aus einer fremden Sprache hat im Deutschen nämlich nicht diese unmittelbaren und manchmal drastischen Beiklänge (Konnotationen) wie ein deutsches Wort. Das Wort "Koitus" ist klinisch sauber, "Ficken" oder selbst das neutralere "Geschlechtsverkehr" dagegen sind sehr viel konkreter, laß sagen schmuddeliger. "Faeces" hört sich netter an als "Scheiße".

In Wörtern aus dem Lateinischen, Griechischen oder einer anderen Fremdsprache steckt sehr viel mehr Verschleierungspotential als im entsprechenden deutschen Wort. Ein Fremdwort nämlich bringt bei einem deutschen Muttersprachler nichts bzw. nur sehr wenig zum Klingen. In vielen Fällen macht genau das Fremdwörter so attraktiv, weil klinisch steril.

Einmal in der deutschen Sprache angekommen, haben "Shoah" und "Holocaust" rasend schnell das zuvor verwendete Wort "Judenvernichtung" auf die Plätze verwiesen. Weil? Weil "Shoah" und "Holocaust" einem deutschen Muttersprachler so schön angenehm - weil fremdsprachig und also abstrakt - aus dem Mund flutschen, während "Judenvernichtung" in seiner Brutalität (weil Bildkraft) richtiggehend ins Hirn schneidet.

Schriebe ich in einem Zeitungsartikel "...und sie feierten ausgelassen das Shoahfest", ich wäre neugierig, wie viele Leser überhaupt darüber stolpern und, falls ja, wie lange sie brauchen, um zu merken, warum da was nicht stimmt.

"Bei der Defäkation hebt der Priester beide Hände zum Himmel und ruft..." - wieder so ein Satz, bei dem viele Leute gar nichts oder erst nach ein, zwei Stutzsekunden etwas merken. Defäkation ([2]) klingt so vornehm, es könnte auch Teil eines religiösen Rituals sein.

Ein Witz, zwo, drei:

Eine Dame aus Husum ist zum ersten Mal in ihrem Leben in Hamburg. In der Nähe der Landungsbrücken sieht sie einige ziemlich aufgedonnerte Frauen herumstehen. Sie frägt einen Polizisten.

"Sagen Sie mal, Herr Schutzmann, was sind denn das für Frauen da drüben?"

"Die? Ach das sind Prostituierte."

"Prostituierte?" wiederholt die Frau nachdenklich. "Na, ob da man nich 'n paar Nutten bei sind."

"Prostituierte" hört sich in der Tat an wie ein akademischer Titel.

Was ich oben schrieb gilt, wohlgemerkt, für die deutsche Sprache und einen deutschen Muttersprachler. Wer dagegen hebräisch spricht, für den hat Shoah eine völlig andere Konnotation (Nebenbedeutung). Der Hebräischsprecher denkt automatisch die ihm vertraute ursprüngliche Bedeutung des Wortes (Unheil, große Katastrophe) mit, wenn er das Wort benutzt. Im Deutschen ist es vorerst ein noch wenig vertrautes Kunstwort, ähnlich wie Wrdlbrmft.

Ovid

Das Schlußwort gehört Ovid. Ovid, der alte Charmeur und Schönschwätzer (Küß die Hand, schöne Frau, Ihre Augen sind so blau, tirili, tirilo, tirila) meinte einst in seiner "Ars amatoria" (Von der Kunst des Fickens):

Es ist eine feine Sache, die Übel zu mildern, indem wir sie anders benennen: Als braun werde die bezeichnet, deren Blut (eigentlich: Haut) schwärzer ist als illyrisches Pech; Schielt sie, so heiße sie "der Venus gleich"; sind ihre Augen graugelb, so gleiche sie Minerva; stirbt sie fast vor Magerkeit, sei sie "schlank"; nenne eine jede, die klein ist, "handlich", die Dicke "vollschlank". So sei jeder Fehler unter dem benachbarten Vorzug verborgen. ([3])

 


[1]   Nicht wenige Fremdwörter, vor allem Fachbegriffe sind schlicht knackiger und präziser als entsprechende deutsche Wörter. Nicht selten ist es aber doch nur Blähsprech, Imponiergehabe. Meine Erfahrung ist: Je weniger jemand selbst etwas von einer Sache versteht, desto komplizierter drückt er sich aus, wenn er dir etwas erklärt.

[2]   Defäkation, lateinisch für Abkacken.

[3]   Nominibus mollire licet mala: "fusca" vocetur, Nigrior Illyrica cui pice sanguis erit: Si paeta est,"Veneri similis": si rava, "Minervae": Sit "gracilis", macie quae male viva sua est; Dic "habilem", quaecumque brevis, quae turgida, "plenam"; et lateat vitium proximitate boni.

Traue keinem Schimpansen

SIE "Dass der Schimpanse so häufig seine Geschlechtspartner wechselt...

ER Der Schimpanse ist ein Sittenstrolch.

SIE ...und es daher mehr Konkurrenz beim Sperma gebe, könnte die schnelle Evolution in dieser Tierart vorangetrieben haben...

ER Was heißt schon schnelle Evolution? Amerikanische Wissenschaftler haben festgestellt, daß 98 % aller Doktorarbeiten von Schimpansen Plagiate sind.

Vom rechten Umgang mit Despoten

In meinem Leben, das nun auch schon wieder 1 Weile währt, habe ich Militärputsche noch stets verflucht, wenngleich ich damit noch keinen einzigen Putsch vorzeitig beenden konnte. Als ich aber seinerzeit vom Militärputsch gegen Erdogan hörte, habe ich den türkischen Putschisten die Daumen gedrückt. Macht's eahm platt, haut's eahm zamm! Und dann habe ich im hiesigen Internet geschrieben: Wenn er euch in die Hände fällt, zögert keine Sekunde lang, hackt ihm den Kopf ab und tragt den Sauschädel auf der Spitze einer Lanze durch Ankara oder Istanbul.

Damit hab ich mir natürlich einen Schiefer eingezogen bei so manchem menschenfreundlichen Internet-Nutzer. So was kannst du doch nicht sagen, sagte man mir, geschweige schreiben. Nett ist Kopfabhacken freilich nicht, aber einen gefangenen Diktator leben lassen wäre auch ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit.

Als Italien damals Mussolini stürzte hat man ihn auf dem Gran Sasso eingesperrt, er wurde von den Nazis befreit und übte dann in Salò durch seine bloße Existenz weiter Einfluß aus auf die Hirne der Italiener. Als man ihn kurz vor Kriegsende nochmal in die Hand bekam, hat man ihn kurzerhand erschossen. Die Rumänen haben daraus gelernt. Als ihnen Ceausescu in die Hände gefallen war, hat man eine alberne Gerichtsverhandlung inszeniert und ihn und seine Frau dann kurzerhand erschossen.

Wieso - so wäre grundsätzlich zu frage - regt man sich groß auf, wenn (selten genug) mal ein König oder was von seinem Volk getötet wird, während man es achselzuckend hinnimmt, daß Könige (oder wer) rudelweise ihre Untertanen töten lassen? Noch heute nimmt man es den Franzosen übel, daß sie damals den sechzehnten Lui auf die Guillotine geschickt haben, von den Bolschewiken will ich gar nicht reden, die seinerzeit den Zaren und seine Familie erschossen haben.

Ich glaube, die Welt wäre friedlicher und freundlicher, wenn die Gefahr, gewaltsam um's Leben zu kommen, umso höher wäre, je höher einer in der sozialen Rangordnung steht. Wäre der Feldherr in der Schlacht gefährdeter als der kleine Infanterist, so gäbe es wesentlich weniger Kriege und die verbliebenen Kriege verliefen schonender.

 

Um auf die Türkei zurückzukommen: Noch heute bin ich Döner-Verweigerer, Döner gibt's erst wieder, wenn die Türken den abgehackten Kopf von Erdogan durch Istanbul tragen. Wir müssen alle irgendwie, irgendwo, irgendwann Opfer bringen.

Der "Rot-Blaue Stuhl" von Gerrit Rietveld

I ch muß gestehen, ich weiß nicht, wie gut man in der Kunstgeschichte bewandert sein muß, um Gerrit Rietveld und seinen Rot-Blauen Stuhl z...