14.7.10

Ob Tiere lügen?

In dem Buch "'Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort!' - Die Weltgeschichte der Lüge" von Traudl Bünger und Roger Willemsen fand ich den Satz:
"Zur Lüge gehört vielleicht Bewußtsein, und schärfer noch: Planung. Setzen wir das voraus, sind wir die einzigen möglichen Lügner."

Jahre zuvor hatte ich in "Wörterbuch der Lebenskunst(-griffe)" von Janosch eine ähnliche Anmerkung gelesen:
"Wahrscheinlich gäbe es weniger Unheil auf der Welt, wäre dem Menschen nicht das Wort gegeben. Mit dem er lügt. Und verdreht. Ein Hund kann gar nicht lügen."

Dazu eine Beobachtung von mir:

Vor einigen Jahren - wir lebten noch in Italien - hatten wir fünf Hunde. Manchmal schenkte uns der Metzger von Castellabate Innereien und Knochen für sie. Einige dieser Knochen waren so groß, daß sie sich mit den normalen Haushaltswerkzeugen nicht zerteilen ließen.

Eines Tages hatten wir vier schöne, große Knochen für fünf Hunde. Lola hat das Rennen um den Knabbernachtisch verloren, sie geht leer aus.

Vier Hunde liegen also auf der Terrasse im Schatten und knabbern an ihren Knochen, Lola schaut zu, frustriert. Sie ist der kleinste Hund, keine Chance also, sich ein Stück doch noch mit Gewalt zu sichern. Mit einem Mal springt Lola auf, bellend. Sie läuft zum Zaun, an dem die Straße entlang führt, weiter bellend.

Nach meinem Dafürhalten ist auf der Straße nichts Bemerkenswertes zu erkennen, auch wenn ich mich in die Gemütslage und Bedürfnisstruktur eines Hundes versetze, finde ich nichts, was ein Bellen erklären könnte.

Das Bellen läßt die anderen vier Hunde aufmerken, wenige Sekunden hören sie dem Gebell zu, dann springen auch sie auf, um mitzubellen, wo es anscheinend was zu bellen gibt. Am Zaun angekommen, schauen sie nach dem Grund von Lolas Empörung, es geht ihnen ähnlich wie mir, sie finden nichts Rechtes. Bellen aber dennoch - man weiß nie.

Lola indes hat sich in die andere Richtung abgesetzt, sie ist um das Haus herum gelaufen und nun bei den verwaisten Knochen angelangt.

Als die anderen vier Hunde beschließen, daß es doch nichts (mehr) zu bellen gibt und sich zu ihrem Nachtisch zurückbegeben, fehlt einer der Knochen, der größte.

Lola fehlt auch.

Sie ist im ziemlich großen und sehr unübersichtlichen Garten verschwunden, mit dem Knochen im Maul.

Ich versuche, mir den Vorfall zu erklären. Mit Instinkt und herausgemendelten automatischen Verhaltensmustern komme ich nicht weiter. Es bleibt als Erklärung: Lüge.

Lola, das raffinierte Luder, hat die anderen, etwas einfältigeren Hunde schlicht gelinkt. Sie hat ihnen, ganz ohne Worte, eine Lügengeschichte erzählt, um selbst von dieser Lüge zu profitieren.

Zur Lola fällt mir noch ein, daß sie einmal, als ich zum Gartentor ging, neben dem Tor stand und in die andere Richtung blickte, so als würde sie das gleich fällige Öffnen des Tores überhaupt nicht interessieren. Ich glaube, wenn sie pfeifen hätte können, dann hätte sie jetzt unschuldig gepfiffen: "Achte gar nicht auf mich, mich interessiert das Tor überhaupt nicht". Kaum war das Tor offen, hat sie sich blitzschnell umgedreht und war draußen. Und das Luder war unglaublich schnell.

12.7.10

Das Kreuz auf dem Turm und das Ampelmännchen

Die Panne mit dem Berliner Fernsehturm kann ich nachvollziehen. Sicher, man hätte wissen können, welche optischen Effekte das Sonnenlicht auf einer glänzenden Oberfläche mit kleinen Pyramiden erzeugen würde. Andererseits aber stellt ein so gigantisches Bauprojekt wie ein Fernsehturm große Anforderungen an die Konstrukteure, so daß eine Nebensächlichkeit wie der Reflektionseffekt schon mal übersehen werden kann.

So mußten es also die Bauherren des Berliner Fernsehturmes zähneknirschend hinnehmen, daß immer, wenn die Sonne durchkam, ein riesiges, hellstrahlendes Kreuz über ganz Berlin zu sehen war. Und ist, natürlich.

Was mir dagegen schon nicht mehr so klar einleuchtet, das ist die Sache mit dem (Ost-)Berliner Ampelmännchen. Ich meine jetzt nicht die merkwürdige Sache, daß der Berliner Senat die Ost-Ampelmännchen gegen Standard-Ampelmännchen aus dem Westen austauschte und diesen Austausch dann nicht nur zurücknehmen mußte, sondern jetzt sogar im Westen Ost-Ampelmännchen aufstellt.

Nein, ich meine die ideologische Panne mit dem roten Männchen, das dem Fußgänger "Halt" gebietet.

Was für eine ideologische Panne ich meine? Ich meine den Umstand, daß mitten in der marxistischen, atheistischen DDR auf ganz subtile Weise Propaganda gemacht wurde für den Vatikan und die Römisch-Katholische Kirche.

Das rote DDR-Ampelmännchen trägt den breitkrempigen Cappello Romano der italienischen Kleriker, der Cappello ist rot, wie dies dem Papst vorbehalten ist. Und dieser DDR-Papst breitet seine Arme segnend aus wie der Christus auf dem Corcovado über Rio de Janeiro.

Ich verstehe es nicht. So eine Sache wie die Auswahl der graphischen Gestaltung für sämtliche Fußgängerampeln ist doch keine Sache, die man schnell mal nach durchzechter Nacht beschließt. Da gibt dieser und jener seinen Senf dazu, da wird diskutiert und erwogen und schließlich entscheidet sich irgendein Obermotz für den passenden Entwurf. Und all diesen Leuten soll nicht aufgefallen sein, was mir unmittelbar in die Augen gesprungen ist?

Gab es in der DDR papistische Seilschaften in hohen und höchsten Rängen?

Hitze

Der Franze hat gsagt, in Deutschland ist man den Sommer nicht so gewöhnt. Jedes Jahr, sagt er, erwischt ihn die Hitze kalt.

11.7.10

Subversiver Gehorsam

In keinem der Nachrufe auf Fritz Teufel, die ich in diesen Tagen gelesen habe, fehlt die mehr oder weniger ausführliche Schilderung jenes Vorfalls, bei dem der legendäre Satz fiel: "Na ja, wenn's denn der Wahrheitsfindung dient". Es scheint, als wäre es ganz vorrangig dieser eine Satz, den Fritz Teufel der Nachwelt hinterlassen hat. Ich fand sogar die Anmerkung, Fritz Teufel habe damit Rechtsgeschichte geschrieben.

Auf den ersten Blick ist dies erstaunlich, denn sooo bedeutend scheint das Sätzlein nicht zu sein, daß es Unsterblichkeit verdient hätte. Vielleicht hilft es, wenn man den Zusammenhang betrachtet, in dem es gesprochen wurde.

Fritz Teufel war angeklagt gewesen, bei einer Demonstration Steine auf Polizisten geworfen zu haben (er wurde von diesem Vorwurf freigesprochen, dies nebenbei). Als er eine etwas allgemeinere, politische Erklärung vortragen wollte, wurde er vom Richter zurechtgewiesen, er möge nur solche Sachen vortragen, die der Wahrheitsfindung dienten. Kurz darauf betrat das Gericht nach einer Verhandlungspause den Saal und die Anwesenden, einschließlich der Zuschauer, erhoben sich von ihren Plätzen. Nur Fritz Teufel blieb sitzen.

Der Vorsitzende forderte ihn auf, er möge gefälligst aufstehen, wenn die Richter in den Saal kommen. Fritz Teufel schraubte sich gaaanz langsam hoch und sagte: "Na ja, wenn's denn der Wahrheitsfindung dient."

Der Witz der Aussage ist nun verständlicher, die Frage bleibt, warum dieser Satz damals und bis heute fortdauernd so gezündet hat.

Teufel macht hier etwas sehr Paradoxes: Er übt subversiven Gehorsam. Er beleidigt den Befehlenden, indem er dessen Befehl gehorcht, er bleibt aufrecht indem er sich beugt.

Wenn ein Ranghoher einem Rangniederen einen Befehl erteilt, dann hat der Unter mehrere Möglichkeiten:

- Er kann dem Befehl gehorchen. Das freut den Ober und erspart dem Unter Unannehmlichkeiten.

- Er kann sich dem Befehl widersetzen. Das ärgert den Ober zwar, aber er hat in aller Regel Möglichkeiten, den Unter zu bestrafen, was den Ober dann letztlich doch wieder freut.

- Er kann dem Befehl gehorchen, dabei aber gleichzeitig die Botschaft rüberbringen: "Ich halte dich für ein genauso unbedeutendes Würschtl wie mich, aber gut, du hast das schärfere Schwert..."

Genau das hat Teufel getan. Wäre er auch nach der Aufforderung sitzengeblieben, so hätte er eine weitere Ordnungsstrafe kassiert. Der Richter hätte sich zwar über ihn geärgert, gleichzeitig aber die Genugtuung gehabt, daß er die Unbotmäßigkeit sanktionieren konnte. So, wie es dann tatsächlich gelaufen ist, war der Richter machtlos.

Der Saal hat gelacht, er hat über Teufels Bemerkung gelacht - und er hat den Richter ausgelacht. Einen Richter mitten in der laufenden Verhandlung straflos der Lächerlichkeit preisgeben - brillant! Der Richter muß damals geschäumt haben vor Wut.

Mit Ungehorsam kommen Ranghohe meist ganz gut zurecht, das Brechen von Widerstand gehört zur Grundausbildung. Subversiven Gehorsam dagegen lieben Mächtige überhaupt nicht.

9.7.10

Freiheit statt Selbstbestimmung!

Rauchfrei ist die Haselnuß,
Rauchfrei bin auch ich, ja ich.
Rauchfrei soll mein Deutschland sein,
Gerad so frei wie ich.

3.7.10

Rauchzeichen

Am 4. Juli mögen die US-Amerikaner ihre Unabhängigkeit feiern, die Bayern stapfen an diesem Tag in die Wahllokale, um über das Rauchverbot in der Gastronomie zu entscheiden.

Zur Erinnerung:
2007 war Bayern beim Nichtraucherschutz Vorreiter in der Bundesrepublik gewesen, das Rauchverbot in Gastwirtschaften war total und ausnahmslos. Bei den Landtagswahlen 2008 mußte die CSU dann drastische Verluste hinnehmen, nicht zuletzt wegen des kompromißlosen Rauchverbots. Gott, der brennende Dornbüsche und also Rauch liebt, hatte auf seine CSU als Strafe seine Geißel herabgeschickt, die FDP.
Die neue Landesregierung lockerte die Regelung, jetzt darf in Bier-, Wein- und Festzelten wieder geraucht werden, ebenso in Eckkneipen mit einer Fläche von bis zu 75 Quadratmetern. Auch in Nebenräumen von Restaurants und in Diskotheken wurde das Rauchverbot aufgehoben.
Die ÖDP leierte daraufhin ein Volksbegehren an, wobei sie von der SPD und den Grünen unterstützt wurde. Nun also ist die Zeit gekommen, in einem Volksentscheid darüber abzustimmen.

Ich werde gegen ÖDP, SPD und Grüne stimmen. Ich weiß es zu schätzen, daß mir im Speiselokal keiner mehr Rauch über das Schnitzerl bläst, ich schätze es aber auch, daß ich in einem Café zum Kaffee eine Roth-Händle rauchen kann. Am Eingang zu den Orten des Lasters hängen jetzt gut sichtbare Schilder, die diese verräucherten Höhlen als Rauchlokale ausweisen. Jeder, der diese (eh ziemlich seltenen) Lokale nicht betreten will, kann hohnlachend an ihnen vorbei gehen.

Was mich an dieser Abstimmung allerdings verbittert, das ist der Umstand, daß ich jetzt auf meine Alten Tage dazu gezwungen werde, mit der CSU zu stimmen. Ich. Mit der CSU.

Dies werde ich SPD und Grünen nie verzeihen. Mögen sie dereinst in der tiefsten Hölle schmoren, eingehüllt von den Schwaden des Ewigen Peinigungsfeuers!

27.6.10

"Richard III.", bzw. "Kasperl und das Krokodil"

Inzwischen ist es ein Jahr her, daß ich Shakespeares "König Richard III." zum zweiten Mal gelesen habe. Seit der ersten Lektüre habe ich immer wieder mal Auszüge daraus gelesen, gesehen oder gehört. Fast immer die üblichen:
- Eingangsmonolog
- Richard und Lady Anne an der Leiche von deren Schwiegervater
- Schlußszene (nur echt mit dem Pferd, dem Pferd und dem Königreich).

Und fast immer war ich beeindruckt von den Szenen und den Schauspielern, von Laurence Olivier bis zu Heinz Bennent (sagenhaft!).
Nie ist mir etwas aufgefallen. Und jetzt, beim Wiederlesen war es fast ein Schock (wenn das Wort für ein Leseerlebnis nicht gar so unpassend wäre).
Noch bevor irgend etwas passiert ist tritt der Held auf und sagt dem Publikum, daß er ein Schurke sei. Und nicht nur das, er analysiert auch noch ganz cool, warum er das sei und ein noch größerer werden wolle.

Ich, um dies schöne Ebenmaß verkürzt,
Von der Natur um Bildung falsch betrogen,
Entstellt, verwahrlost, vor der Zeit gesandt
In diese Welt des Atmens, halb kaum fertig
Gemacht, und zwar so lahm und ungeziemend,
Daß Hunde bellen, hink' ich wo vorbei;
Ich nun, in dieser schlaffen Friedenszeit,
Weiß keine Lust, die Zeit mir zu vertreiben,
Als meinen Schatten in der Sonne spähn
Und meine eigne Mißgestalt erörtern;
Und darum, weil ich nicht als ein Verliebter
Kann kürzen diese fein beredten Tage,
Bin ich gewillt, ein Bösewicht zu werden
Und feind den eitlen Freuden dieser Tage.
Anschläge macht' ich, schlimme Einleitungen,
Durch trunkne Weissagungen, Schriften, Träume,
Um meinen Bruder Clarence und den König
In Todfeindschaft einander zu verhetzen.

Und in den folgenden Szenen passiert es mindestens zweimal, daß Richard einem anderen etwas vorsäuselt und dann beiseite spricht, wobei er dem Publikum seine wahren (bösen, versteht sich) Absichten verrät.

Mir ist natürlich klar, daß das Londoner Theaterpublikum zu Shakespeares Zeiten noch vor dem Betreten des Theaters wußte, daß Richard ein Bösewicht ist. Richards Tod lag damals nur etwas mehr als hundert Jahre zurück und diese hundert Jahre hat die Tudor-Propaganda fleißig benutzt, die Legende vom Bösen König Richard zu erfinden und auszugestalten. So gesehen wäre der Eingangsmonolog nur ein historischer Nachhilfeunterricht für die groundlings auf den billigen Plätzen gewesen.
Aber auch dann bleibt der merkwürdige Umstand, daß der Titelheld Richard von Gloucester als Figur nicht allmählich entwickelt wird und sich nach und nach als Bösewicht darstellt, sondern mit einem Donnerschlag auftritt.
Na ja, "Donnerschlag", wohl eher Pritschenklatschen:
"Also, liebe Kinder, ich bin das Böse Krokodil und ich will jetzt dem Kasperl und seiner lieben Großmutter auflauern, damit ich sie beide fressen kann."

Ich hatte diese Überlegungen vor einigen Monaten schon mal im Usenet zur Debatte gestellt und dabei - erwartungsgemäß - Widerspruch geerntet.
Einer meinte, Richard sage "ja zu Beginn noch nicht, wie er böse sein" wolle, das sei dann "der Inhalt der 5 Akte".
Ich antwortete ihm, daß mich das nicht weiter gewundert und schon gar nicht gestört hätte. Dieses Brecht'sche "Nicht Spannung auf den Ausgang, sondern Spannung auf den Gang" hat Shakespeare andernorts schon mal vorweggenommen, 300 Jahre vor Brecht.
"And never was a story of more woe, than that of Juliet and her Romeo" heißt es in einer Art Vorspiel.
Im "Richard III." ist das aber nochmal was anderes. Der Held tritt nicht augenzwinkernd auf und verrät dem Publikum die Story (die das Publikum damals ohnehin kannte, besser als die meisten Menschen heute), sondern er charakterisiert sich selbst, am Anfang, noch ehe etwas passiert ist. Eine (mit Einschränkungen) vergleichbare Selbstanalyse des Helden findet man in Brechts "Leben des Galilei", aber da kommt sie am Schluß, nachdem die Story erzählt worden ist.
Mir ist klar, daß "Richard III." kein Whodunnit-Krimi ist, bei dem sich Publikum und Hauptpersonen fragen, wer wohl hinter den mysteriösen Todesfällen im Umkreis des Königshauses stecke. Selbst wenn man den Eingangsmonolog um die Selbstbezichtigung Richards kürzen würde, würde schnell klar, wie der Hase läuft.

Ein anderer meinte, man sage, daß der Erste, der "Liebe" auf "Triebe" gereimt habe, ein Genie gewesen sei, die tausende Nachahmer dagegen lauter Idioten. Vielleicht sei Shakespeare eben nur der erste gewesen, der den Täter gleich zu Beginn vorgestellt habe.
Ich stellte die Frage, ob es denn Nachahmer gegeben habe, die diesen Kunstgriff übernommen hätten und ich meinte damit nicht "Kasperl und das verschwundene Marmeladenglas". Welches Stück gibt es noch, in dem die Hauptperson am Anfang auf die Bühne tritt und spricht: "Also Leute, ich bin der Erwin, ich bin eine gottverdammte Drecksau, weil ich eine schwere Kindheit hatte und überdies einen Buckel. Schwamm drüber, jedenfalls bin ich eine Drecksau und jetzt schaumermal was für Schweinereien ich noch verüben kann."

Ein Dritter legte mir einen Link ans Herz, bei dem ich aus dem Gespräch von Truffaut mit Hitchcock ("Wie haben Sie das gemacht, Mr. Hitchcock?") lernen könnte, warum Autoren mitunter so schwatzhaft seien, wenn sie das Publikum in Spannung versetzen wollen.
Die Empfehlung brachte mich nicht weiter, es ging in dem Auszug um die Spannung, die aus dem Wissen des Publikums und dem Nicht-Wissen der Akteure entsteht. Im "Richard III." aber ist so eine Spannung gar nicht da. Keine der Hauptpersonen macht sich - und das von Anfang an - irgendwelche Illusionen über die Gefährlichkeit und Skrupellosigkeit von Richard, selbst die Komplicen Richards wissen, daß sie mit einer hochgefährlichen Giftschlange arbeiten. Ich sehe da sehr wenig Spannung, es werden keine Erwartungen enttäuscht, niemand wundert sich, niemand ist desillusioniert. Die Hauptpersonen des Stücks wissen genau so klar wie das Publikum, was für ein Schurke Richard ist.
Lady Anne bespeit Richard, er beschwatzt sie, sie lenkt am Schluß des Dialoges, wenn auch halbherzig, ein. (Warum eigentlich? Die Schönheit Richards - bei dessen Anblick die Hunde heulen, wenn er nur vorübergeht - kann es nicht sein.) Als sie wieder auftritt ist sie bereits mit Richard verheiratet und eine verängstigte, eingeschüchterte Frau. Kein Hinweis im Text, warum sie sich entschlossen hat, ihn nun doch zu heiraten.
Der naheliegende Einwand (der auch tatsächlich kam), man habe damals "in diesen Kreisen nach reinem Machtkalkül" geheiratet, "wenn man nicht gar das kleinere von zwei Übeln" gewählt habe, und sei es das nackte Leben zu retten, sticht nicht recht. Wie alle Hauptpersonen des Dramas weiß auch Lady Anne, daß der gefährlichste Platz im Königreich England die Nähe Richards ist.

Noch nicht einmal das Ende Richards baut irgendeine Spannung auf, kein retardierendes Moment, alles läuft geradlinig auf seine Vernichtung zu. Macbeth, ein anderer Schurke Shakespeares, kann sich noch eine Weile in Sicherheit wiegen, denn nach der Weissagung werde er nur sterben, wenn der Wald von Birnam auf sein Schloß zurücken werde, er könne überdies nur von einem getötet werden, der nicht von einer Frau geboren worden sei.
Bei Richard dagegen... Gleich am Anfang verfluchen ihn eine Menge Leute (siehe den fast schon komödiantische Wettstreit der Frauen darüber, welche von ihnen unter Richard am meisten gelitten habe: Ich habe viel gelitten - Und ich noch mehr - Aber ich, ätsch, hab am meisten gelitten). Im Laufe des Stückes werden die Flucher mehr und vor der Schlacht treten dann die Geister der Erschlagenen auf. Sie gehen zu Richard und nennen ihn Drecksau, schlappen rüber zu Richmond (dem späteren Heinrich VII.) ins feindliche Lager und muntern ihn auf: "Würg ihn, Heinrich, mach ihn alle."

Einem Anfänger, der so ein Stück bei einem Theater einreichen würde, bekäme sein Manuskript vom Dramaturgen um die Ohren gehaut.
Versteh ich wieder mal ganz einfach nicht, was los ist oder ist das Drama wirklich so schlicht gestrickt? Oder konkreter: Ist dieser Ausflug von Shakespeare ins Kasperltheater ein dermaßen raffinierter dramaturgischer Schachzug, daß er über mein Begriffsvermögen geht - oder nicht. Und wenn er so raffiniert ist, warum ist er das? Was geht hier vor?

Oder ist es einfach so, daß "Richard III." eine Folge brillanter und äußerst bühnenwirksamer Szenen ist, mitnichten aber ein Theaterstück?

Der "Rot-Blaue Stuhl" von Gerrit Rietveld

I ch muß gestehen, ich weiß nicht, wie gut man in der Kunstgeschichte bewandert sein muß, um Gerrit Rietveld und seinen Rot-Blauen Stuhl z...