5.3.09

Die alte Sau, das geile Schwein

Mit der verletzten Ehre mancher Menschen ist es manchmal eine ganz eigene Sache. So eigen, daß manchmal der energische Schutz vor Beleidigung beleidigender ist als die Beleidigung, vor der man jemanden schützen wollte.
Das glaubst du nicht? Das ist dir zu abstrakt? Dann laß dir eine Geschichte erzählen.
In den frühen achtziger Jahren, Franz Josef Strauß wandelte noch über die Erde, als wäre er einer von uns, gab es im Allgäu eine Rock-Band namens "Checkpoint Charlie", welche, wenn sie nicht gerade musizierte, in ihrem Hauptquartier Schweine züchtete. In sich schlüssig also, daß die Buben sich aus Pappe und Pinselstrich eine Sau bauten, diese Papp-Sau dann zu ihrem Wappentier ernannten und - ach ja! - auf den Namen "Franz Josef" tauften. Bei ihren Bühnenauftritten stellten sie ihr Maskottchen jeweils vor der Bühne auf.
Eines Tages wurden sie angezeigt und ein Kemptener Staatsanwalt verfaßte eine Anklageschrift, in welcher er u. a. schrieb: "Zur Erklärung sagten sie, das sei ihr Maskottchen Franz Josef. Irgendeine Ähnlichkeit mit einem lebenden Schwein sei rein zufällig. Die Angeschuldigten brachen dann einen Textvorschlag, in dessen Refrain es heißt: 'Franz Josef, die Sau, Franz Josef, die alte Sau, Franz Josef, das geile Schwein'. Dies bezog sich, wie für jeden Zuschauer offenkundig (!!!; W. H.) war, auf den bayerischen Ministerpräsidenten Dr. Franz Josef Strauß."
Hm. Der Staatsanwalt wollte mit diesem letzten Satz sagen: "Bleibt mir mit dem allerunvergeßlichsten Bart-Kaiser Franz Josef vom Hals. Das einzige geile Schwein, die einzige alte Sau, die ich kenne und die auf den Namen Franz Josef hört, ist der bayerische Ministerpräsident." Ohne diese Logik bliebe der letzte Satz ohne Sinn.
In einer aufsteigenden Vision sah ich damals den alten Atheisten Sigmund Freud neben dem Lieben Gott sitzen, sah, wie die beiden kicherten und sich in die Seiten pufften. Amüsiert warteten sie darauf, daß der eifrige Staatsanwalt ob seiner respektlosen Assoziationen einen gehörigen Anschiß bekommt. Wahrscheinlich warten sie immer noch.

4.3.09

Eberhard - Geschichten von einem Schwein


Man glaubt es gar nicht, was alles für wilde Gerüchte im Umlauf sind über die Gründung Roms, die Erfindung der Pizza und den Bratenfänger von Hameln.

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Diamant im Tropenlicht

Ich weiß nicht, ob Sie jemals einen geschliffenen Diamanten im vollen Sonnenlicht der Tropen haben schimmern und blitzen und blinken gesehen. Wenn ja, können Sie sich vorstellen, wie das aussieht. Wenn nicht, kann ich Ihnen kaum weiterhelfen, denn auch ich habe dergleichen noch nie gesehen.

Herz-Jesu-Marxisten

Als Norbert Blüm noch jung war und nicht Ex-Minister, nannte man so die Mitglieder der Sozialausschüsse der CDU. Diese Zeiten drohenden Umsturzes sind gottlob vorbei.

Empörung

Die Lebenserfahrung, diese Wissenschaft nach Hausmacher-Art, lehrt die von ihr Befallenen, daß es nicht die gänzlich neuen, für alle völlig überraschenden Nachrichten und Erkenntnisse sind, die aufgeregten Wirbel verursachen, einen richtig schönen Skandal nach sich ziehen.

Verblüffende Neuigkeiten machen uns allenfalls staunen, wirkliche und nachhaltige Empörung hingegen lösen fast ausschließlich jene Tatsachen aus, die jedermann längst bekannt sind, die lediglich von Irgendjemandem irgendwann einmal ausgesprochen werden.

So wie im Kabarett, in der Komödie die Leute am lautesten und nachhaltigsten über jene Witze und Pointen lachen, die sie bereits kennen, bzw. deren Kommen von weitem her absehbar war.
Man denke auch an den Fall eines inzwischen verstorbenen bayerischen Spitzenpolitikers, dessen private und politische Dubiositäten jedermann längst bekannt waren, deren posthume "Enthüllung" dann merkwürdigerweise enormen Wirbel verursachte und dem Enthüller fast eine Anklage wegen Verunglimpfung des Andenkens Verstorbener einbrachte.

Im Drama "König Ödipus" von Sophokles weiß die Königin Iokaste bereits relativ früh, deutlich früher jedenfalls als Ödipus, wie der Hase läuft, daß also Ödipus niemand anderer als ihr eigener Sohn ist. Sie drängt ihn, mit den Nachforschungen aufzuhören, bleibt aber weiter im Spiel. Erst als Ödipus weitermacht, beharrlich weiter nachbohrt und schließlich die Wahrheit ans Licht bringt, hängt sie sich auf. Nicht die Tatsache, daß sie mit dem eigenen Sohn und Töter seines Vaters, ihres Ex-Gatten, geschlafen und Kinder gezeugt hat, treibt sie um, sondern lediglich die Tatsache, daß die Leute davon erfahren könnten.

1.3.09

Rosinen im Kopf

Inzwischen habe ich sie auch schon wieder verschmissen, aber vor etlichen Jahren hatte ich mal eine - damals schon antiquarische - PC-Version des Duden-Lexikons "Redewendungen und sprichwörtliche Redens­arten" gekauft.
Dort bin ich auch auf den Eintrag über die "Rosinen im Kopf" gestoßen.
Rosine: große Rosinen im Kopf haben (ugs.): hochfliegende Pläne, Ideen haben: Sie hatte schon immer große Rosinen im Kopf. ... für ihn sei die Rekrutenzeit die sorgloseste Zeit gewesen, weil man noch keine Verantwortung hatte und noch große Rosinen im Kopf (Ott, Haie 310).
- Die heute gebräuchliche Wendung ist eine Abwandlung der älteren Wendung »große Rosinen im Sack haben«, die sich auf den Wohlstand des reichen Händlers bezog. Sie wurde übertragen auf das Streben nach diesem Wohlstand, auf große Pläne.
Diese Erklärung konnte (und kann) mich nicht recht überzeugen, sie will mir nicht plausibel erscheinen. "Rosinen im Kopf haben" (ich habe die Redensart übrigens bisher nur in der Variante ohne "groß" gehört) bezieht sich ja nicht nur - und nicht mal hauptsäch­lich - auf die Träume vom Großen Geld, vom Großen Reichtum. Es sind die großen (unrealistischen?) Träume von einer Filmkarriere, wissenschaftli­chem Ruhm, sportlichen Erfolgen und was der schönen Dinge mehr sind, die den Leuten im Kopf herumspuken. Diese Traumkarrieren bringen natürlich, wenn sie denn wahr werden, meistens auch finanziellen Segen mit sich. Der finanzielle Aspekt spielt jedoch in den "Rosinenträumen" der jungen Leute meist gerade keine Rolle. Da gibt's in den Familien doch immer die großen "Wovon-willst-du-dann-leben?"-Diskussionen mit dem Nachwuchs, wenn er mitteilt, er wolle Schriftsteller, Schauspieler oder Duden-Redakteur wer­den.
So gesehen macht die vom Duden (und nicht nur von ihm, ich habe ähnliche Erklärungen auch anderswo im Netz gefunden) behauptete Herkunft des Spruchs vom großen Sack des reichen Händlers keinen rechten Sinn.
Meine Erklärung, die ich allerdings nicht belegen kann, erscheint mir plausibler:
Ich glaube, der Spruch von den "Rosinen im Kopf" kommt aus dem französi­schen Sprachraum. Und ich glaube das deshalb, weil der Spruch auf franzö­sisch ein ganz wunderschönes und passendes Wortspiel ergibt; sehr viel passender, als die etwas gewaltsam zurechtgebogene Geschichte mit dem Sack des Kaufmanns. Der übertrieben optimistische junge Franzose hat raisins im Kopf und sollte doch - nach Überzeugung noch jeder Elterngene­ration - was im Kopf haben? Raison natürlich, Vernunft, Verstand.
Sehen sich die beiden Wörter schon geschrieben sehr ähnlich, so werden sie - ein bißchen schlampig ausgesprochen - sogar ganz leicht verwechsel­bar.
Und weil ich gerade dabei bin, füge ich noch eine Bemerkung zur etymologischen Ableitung von "Matsch" im Duden hinzu:
Matsch: Der seit dem 18. Jh. bezeugte Ausdruck für "weiche, breiige Masse; nasser Straßenschmutz" gehört zu dem Verb matschen ugs. für "mischen, durcheinandermengen, herumsudeln", das lautmalenden Ur­sprungs ist. Neben 'matschen' findet sich auch eine gleichbedeutende na­salierte Form manschen (17. Jh.), wie z.B. 'panschen' neben 'patschen'; beachte auch Mansch ugs. für "Schneewasser; schlechtes Wetter; Suppe; wässeriges Essen". Abl.: matschig ugs. für "breiig; klebrig, schmutzig; überreif" (um 1800).
Das mit der Lautmalerei der Worte "Matsch" und "matschen" leuchtet mir zwar ein... Aber es gibt im Italienischen das Verb macinare, kleinmahlen, der Caffé macinato ist das staubfein gemahlene Espressomehl, die macina ist der Mahlstein.
Könnte es nicht sein...?
Und noch ein Spruch, den ich bei der Recherche im Netz gefunden habe:
Lieber Rosinen im Kopf als Haare im Kuchen

Tierquälerei

Am 23. 12. 1986 - es ist keine hochaktuelle Meldung mehr, ich geb es zu - stand in der Regensburger "Woche" folgende Meldung:

Steinadler Kopf abgerissen

Einem lebenden Steinadler, der angekettet als symbolischer Wächter am Tor des Vogelparadieses der Burg Thierlstein bei Cham saß, wurde bei lebendigem Leib der Kopf abgerissen. Mit dieser Tierquälerei beschäftigt sich seit Tagen die Chamer Poli­zei und kam in ihren Ermittlungen bis jetzt nicht weiter. Der Steinadler hat einen Wert von 12000 Mark, außerdem wurde von denselben Tätern ein Wan­derfalke aus einem Käfig ge­stohlen, der auf 8000 Mark ge­schätzt wird. Das Vogelparadies auf Thierlstein, zu dem eine Falknerei gehört, muß Feinde haben, denn bereits vor einigen Monaten wurde ebenfalls in ei­ner Nacht- und Nebelaktion ein Jagd­falke, der in einem Käfig saß, vergiftet.

Hast du den Irrsinn dieses Vorgangs bemerkt?

Da hat ein Mensch - ein fieser Sack, kein Zweifel - einem "lebenden Steinadler, der angekettet als symbolischer Wächter am Tor des Vo­gelparadie­ses der Burg Thierlstein bei Cham saß (...) bei lebendigem Leibe (den) Kopf abgeris­sen." Und mit dieser Tierquälerei, began­gen an einer beweglichen Sache (vulgo: Tier) im Werte von 12.000 DM beschäftigte sich die Chamer Polizei.

Nun gut, soll sie sich damit beschäftigen. Warum aber beschäf­tigt sich - anscheinend - keine Be­hörde mit jener Tierquälerei, die darin besteht, einen Steinadler, ein riesiges Flugtier also, bei lebendigem Leibe an das Tor eines "Vogelparadieses" zu ketten? Verglichen mit dieser Tierquälerei wird mir der ein­gangs erwähnte fiese Sack fast schon wieder sympa­thisch, da er dem endlosen Schrecken wenigstens ein - wenn auch schreckliches - Ende gemacht hat.

Der "Rot-Blaue Stuhl" von Gerrit Rietveld

I ch muß gestehen, ich weiß nicht, wie gut man in der Kunstgeschichte bewandert sein muß, um Gerrit Rietveld und seinen Rot-Blauen Stuhl z...