12.7.23

Je Friseur desto Schwermut

Der Spruch "Post coitum omne animal triste" (Nach dem Ficken ist Mensch wie Tier schlecht drauf) wird gerne gesprochen, wenn Ackerdemiker bei einer Foyerzangenbowle am bullernden Kamin beisammen sitzen und mit jedem Schluck besoffener werden. Der Spruch wird Aristoteles zugeschrieben, wahlweise auch dem antiken Arzt Galen, Cicero, Ovid oder auch Augustinus. Nachzuweisen ist der Spruch allerdings erst für das 16. Jahrhundert und inhaltlich ist der Satz sowieso ein Scheisendreck. Was stimmt - zumindest für mich - ist dagegen der Spruch "Post tonsorem omne animal triste" (Nach dem Friseurbesuch ist der Mensch von Schwermut erfüllt).

Du sagst der Friseuse, wie du die Haare gerne hättest und sie schneidet dir die Haare nach eigenem Gutdünken. Und zwar so, daß deine Mutter erst, später deine Frau und noch später deine Typberaterin meint "Jetzt schaust wieder wie ein anständiger Mensch aus."

Martin Luther seligen Angedenkens bekam auf dem Reichstag zu Worms 1521 ordentlich die Haar gewaschen und geschnitten und er hat sich danach dermaßen geschämt, daß er ein Jahr lang nicht mehr unter Leute ging. Er versteckte sich auf der Wartburg und übersetzte dort aus Langeweile das Neue Testament in's Deutsche. Noch heute endet die Bibel mit der Apokalypse und diese wiederum mit den Worten: Vom Barbier kömmt die Schwermut, von der Schwermut der Wermut und vom Wermut die Trunksucht.

9.7.23

Du dummes Stück Scheiße!

Der bekannte Enthüllungsjournalist Günter W. aus Köln hat in einer Schuhschachtel seiner längst verstorbenen Omma ein Jugendbildnis des weitgehend unbekannten Enthüllungsjournalisten Dr. Kartoffelschnitz Allwissend gefunden.

Es soll auch eine Videoaufnahme des jungen Mannes geben, auf welcher er den Videofilmer (vom Postillon) laut und vernehmlich als dummes Stück Scheiße tituliert. Experten des Bundeskriminalamtes in Wiesbaden prüfen derzeit noch, ob es sich beim Video um eine computergenerierte Fälschung (deep fake) handelt.

3.7.23

Mutmaßlicher Unfug

Während einer öffentlichen Bürgerfragestunde am 8. Januar 2011 schoß ein junger Mann in Tucson, Arizona der demokratischen Kongreßabgeordneten Gabrielle Giffords aus nächster Nähe in den Kopf, sie wurde schwer verletzt, überlebte aber. Nachfolgend wurden sechs Personen getötet, 13 weitere Personen wurden teilweise schwer verletzt. Der Attentäter wurde von anwesenden Personen überwältigt und anschließend von der Polizei verhaftet.

Auf der Website der Tageschau las ich damals den Anreißer für einen TV-Bericht über das Massaker von Tucson:

"Nach dem Anschlag auf die Kongressabgeordnete Giffords im US-Bundesstaat Arizona hat die Staatsanwaltschaft Anklage gegen den mutmaßlichen Täter erhoben. Der 22-Jährige, der nach Angaben der Behörden psychisch gestört ist, muss sich wegen Mordes und versuchten Mordes verantworten. Er wird heute erstmals dem Richter vorgeführt. Über sein Motiv wird weiter gerätselt. Er hat sechs Menschen erschossen und 14 verletzt."
Nun habe ich alles Verständnis der Welt dafür, daß es seit vielen, vielen Jahren in den deutschen Medien üblich (oder sogar vorgeschrieben) ist, noch nicht verurteilte Tatverdächtige als "mutmaßliche Täter" anzusprechen. Wenn kein Geständnis vorliegt [1] ist es immer noch möglich, daß sich der mutmaßliche Täter als unschuldig erweist. Oder die Mörderin wird zum Totschläger, der erstmal angenommene Mord erweist sich als fahrlässige Körperverletzung mit Todesfolge.
Hier aber ist der Täter auf frischer Tat festgenommen worden, er wurde noch am Tatort überwältigt, wahrscheinlich gibt es x Photos und Videos vom Tatgeschehen. Es gibt keinerlei Spielraum für irgendwelche Zweifel an der Täterschaft, fraglich ist lediglich die juristische Einstufung.

Warum also die Formulierung vom "mutmaßlichen" Täter, denn Täter ist er in jedem Falle. Abgesehen davon ist der Journalist, der den Anreißer verfaßt hat, inkonsequent, denn am Ende des kurzen Textes bringt er keinen Konjunktiv mehr, keine sonstige vorsichtige Formulierung. Ganz lakonisch heißt es: "Er (der angeblich nur mutmaßliche Täter; W. H.) hat sechs Menschen erschossen und 14 verletzt." Punkt.

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Am 2. August 1980 verübten Neofaschisten einen verheerenden Bombenanschlag auf den Hauptbahnhof von Bologna, bei dem 85 Menschen starben und mehr als 200 verletzt wurden. Im Deutschlandfunk habe ich damals die bizarre Formulierung gehört, in Bologna habe man jetzt einen "mutmaßlichen Verdächtigen" festgenommen. Auf den ersten Blick ist das einer der vielen Weißen Schimmel und anderen Sprachschlampereien, die man immer wieder hört oder liest.

Ich aber wöhne - und das arg - daß es eher ein Beispiel für die rasche Veränderung von Wortbedeutungen ist. Wie fast jedes andere Ding so nutzt sich auch Sprache ab durch Gebrauch. Das wohltuend distanzierte Wort "mutmaßlich" ist so oft im Zusammenhang mit - im Urteil der Öffentlichkeit längst verurteilten - Terroristen aufgetreten daß "mutmaßlich" seine Bedeutung innerhalb weniger Jahre umgedreht hat. In den siebziger und achtziger Jahren war ständig von mutmaßlichen Terroristen die Rede war. So häufig, daß "mutmaßlich" im Zusammenhang von Rechtsprechung die Bedeutung von "ganz besonders schlimm und arschklar erwiesen" bekam. Ein "mutmaßlicher Verdächtiger" ist also jemand, der schon längst und unwiderlegbar überführt ist, was fehlt ist lediglich das formelle Urteil durch ein Gericht.

Der normale Sprachverbraucher weiß ja meist eh nicht, was "mutmaßlich" ist.



[1]   Und selbst dann gibt es gelegentlich Überraschungen.

30.6.23

Die Hadsch im Lichte des Kirchenrechts

In Grinzing und Umgebung wird man es nicht so mitbekommen, deswegen erzähle ich es hier: In Mekka ist zur Zeit der Teufel los, es ist die Zeit der Großen Hadsch, der Pilgerfahrt zu den Heiligsten Stätten des Islam, die jeder Moslem (m/w/d), dem es gesundheitlich und finanziell irgend möglich ist, mindestens einmal im Leben gemacht haben sollte.

Siebenmal umrunden sie im Gegenuhrzeigersinn die Kaaba, den schwarzen Würfel im Zentrum von Mekka, an einem anderen Tag schlappt man die 20 km hinaus zum Berge [1] Arafat (nicht Ararat, damit keine Mißverständnisse aufkommen), betet dort und sammelt sieben Kieselsteine [2], mit denen man an wieder einem anderen Tag drei Betonsäulen bewirft, welche die Versuchungen des Teufels darstellen.

Ohne die Teilnahme an der Verweilzeremonie (wuqūf) in Arafāt hat die Hadsch keine Gültigkeit, sagt mir die Wikipedia.

Inzwischen kann man die laufenden Ereignisse in Mekka auf mehreren YouTube-Kanälen auch live miterleben. Zugegeben, die Tonspur ist ein bisserl eintönig und auf Dauer auch sehr nervig, aber mei... Religion ‑ gleich welcher Art - ist halt nur was für die ganz harten Marlboro-Cowboys.

Beim Nachdenken über die Hadsch und die Hadschis (m/w/d) bin ich in's Grübeln gekommen [3]. Die Hadsch ist die fünfte der fünf Grundsäulen des Islam, also wahnsinnig wichtig. Jeder Moslem (m/w/d) sollte mit aller Kraft danach trachten, den Ehrentitel Hadschi zu erlangen, der natürlich in dem Moment aufhörte, ein Ehrentitel zu sein, wenn die allermeisten Moslems Hadschis wären. Mit dem Ehrentitel Inhaber der Fahrerlaubnis der Klasse B kannst du schließlich auch keinen Eindruck schinden beim Aufriß von Frauen (m/w/d). Du verstehst?

Wirklich Kopfzerbrechen aber macht mir die Frage, wie das mit dem Hadschititel (m/w/d) bei Einwohnern von Mekka und dem näheren Umland ist. Ich mein, wenn jemand aus der Keupstraße in Köln nach Mekka radelt und dort den Teufel steinigt, dann ist das eine be8liche sportliche und spirituelle Leistung. Wie aber verhält es sich bei Bürgern der Stadt und des Landkreises Mekka? Du steigst in die Tram, fährst vier Haltestellen weiter bis zur Großen Moschee, wo du dann siebenmal um einen Steinwürfel läufst. Damit kannst du niemanden wirklich be1drucken.



[1]   Der Schleswig-Holsteiner wird andächtig den Berg betrachten, einen Österreicher beeindrucken die 61 Meter, die sich das Hügelchen über der Ebene erhebt, wahrscheinlich nicht so sehr.

[2]   Ich gehe davon aus, daß die saudischen Behörden in der staaden Zeit zwischen den Pilgertagen Unmengen von Kieselsteinen zum Heiligen Berg bringen müssen.

[3]   So ist das manchmal... du denkst dir nix Böses, schmunzelst so vor dich hin und plötzlich mußt du feststellen, daß du nachgedacht hast.

28.6.23

Tote und Tabu

Als ich noch der Waldbauernbub war, habe ich im Schwarz-weiß-Fernsee eine der ganz frühen Winnetou-Inszenierungen der Karl-May-Festspiele in Bad Segeberg gesehen. Wie das bei Indianerkunst häufiger geschieht wurde einer erschossen und lag dann tot in der Kalksteinkulisse herum. Die Handlung ging weiter und irgendwann war die Kamera ziemlich nahe am Toten dran und ich konnte deutlich sehen, wie sich die Bauchdecke des Toten hob und wieder senkte. Ich wies meine kindlichen Mitschauer auf diesen Umstand hin und rief empört: "Aber der ist doch gar nicht tot!" Eines der älteren Kinder meinte, so sei das im Theater, bei Morden und anderen Peinlichkeiten wie etwa Geschlechtsverkehr werde das auf der Bühne nicht echt gemacht, sondern nur angedeutet.

Ich war empört, ich fühlte mich betrogen, ich forderte Authentizität, obwohl ich damals dieses Wort noch nicht mal hätte aussprechen können.

Noch heute schaue ich mir keine Filme an, wenn ich auch nur den Verdacht habe, die dargestellten Vorgänge könnten nicht echt sein, auch wenn das ständige Anschauen von Überwachungsvideos und Webcams auf Dauer doch etwas langweilig ist.

Nebenbei gesagt: Die meisten Pornos - in denen einiges ja doch echt ist - sind noch viel langweiliger als das Wasserloch in der Namib-Wüste.

26.6.23

Laster

Es ist wahr, Neugier ist ein Laster, wenn sie nicht der Wissenschaft dient. Was es hinter der Mauer zu sehen gibt, wüßte ich aber schon ganz gerne, Wissenschaft hin oder her.

Wie dumm kann ein Mensch sein?

 Gestern erschien es mir hoch an der Zeit, meinen großen Computer, der seit ein paar Tagen spinnt und nicht mehr zum richtigen Laufen zu bri...