Alte
Adelsgeschlechter, ob es sich nun um Geld- oder Adel-Adel handelt, sehen gerne
auf die sog. Parvenüs, die Emporkömmlinge herab. Beim Geldadel, also dem
bürgerlichen Adel ist das etwas verwunderlich, lautet doch die bürgerliche
Weisheit seit alters, daß dem Tüchtigen die Welt gehöre. Eigentlich müßte man
also heute demjenigen, der von unten nach oben gestiegen ist, mehr Respekt zollen als demjenigen,
der sich für seinen Reichtum und seinen Einfluß nur die Mühe machen mußte,
geboren zu werden.
Der Adel war eine
Kriegerkaste, die Raufbolde des Stamms, wenn man so will. Diese Berufskrieger
beherrschten den Stamm, einschließlich der besiegten anderen Stämme, denn der
stärkste Gorilla (m/w/d) ist normalerweise die Alpha-Bullin der Horde. Die
Mitglieder dieser brutalen und hinterhältigen Kriegerkaste nannten sich und
ihre Eigenschaften kackendreist edel,
edelig, adelig. Jener wiederum aus dieser Gruppe, der sich als der
stärkste, brutalste, hinterhältigste - also: edelste, edeligste, adeligste -
von allen erwiesen hatte, beherrschte den herrschenden Adel und nannte sich
König (oder Häuptling oder Fürst oder wie immer).
Wie auch immer: Alte
Adelsgeschlechter sind stolz auf ihre Vorfahren , sie verehren sie und sie verehren natürlich
vor allem den ruhmreichen Gründer des ruhmreichen Geschlechtes derer von
Weißnichtwer. Zwei Minuten mäßig angestrengten Nachdenkens genügen für die
Erkenntnis, daß dieser Gründer des Adelsgeschlechtes, wie weit immer man ihn in
der Geschichte zurückverfolgen kann, ein Parvenü gewesen sein muß. Er
nämlich kann ja noch nicht aus einem alten Adelsgeschlecht gestammt
haben, ansonsten er ja nicht der Gründer eines solchen gewesen sein
könnte. Der Urururopa Vorfahr muß also vor der Gründung des Geschlechtes
irgendein kleiner Mann gewesen sein, der sich dann hochgearbeitet, bzw.
hochgemetzelt hat.
Diese simple Logik ist
vielleicht der Grund, warum sich viele sehr alte Adelsgeschlechter gerne
mythische Vorfahren erfunden haben. Mythische Vorfahren haben den unschätzbaren
Vorteil, daß es von ihnen keine Grundbucheinträge und Ernennungsurkunden gibt
und keine geben kann. Kein Schwanz
kann also meine Behauptung, mein Ururururururopa stamme von Zeus persönlich ab,
(wahlweise gilt auch Odin) widerlegen. Eine Behauptung, die man prinzipiell
auch widerlegen könnte, wäre bereits Wissenschaft und Wissenschaft ist das Letzte, was du in
diesem Zusammenhang gebrauchen kannst. Wenn es für einen göttlichen Stammvater
nicht ganz reicht, gilt ersatzweise (besser als nix) auch die Abkunft aus dem
homerischen Nebel von Troja . Obwohl man sich bei trojanischen Vorfahren
schon auch fragen muß, was denn der kleinasiatische Urahn war, bevor er zum
Urahn wurde.
Ich schätze Napoleon unter anderem deswegen, weil er die
brillanteste Satire auf die Adelshuberei geschrieben hat, die ich kenne und er
hat sie mit dem Schwert geschrieben.
Das Adelssystem - ich knüpfe jetzt an weiter oben an - beruht
auf der Legitimation des jetzigen Adeligen durch vorherigen Adel. Die Queen
entstammt einem adeligen Geschlecht und innerhalb der Adelslogik hat sie
natürlich das Recht, Leute zu adeln, so wie das vor ihr auch schon Friedrich
II. von Hohenstaufen gemacht hat, mit gleicher angemaßter Legitimation, die auf
schamlosem Schmäh beruht. Aber lassen wir das.
Napoleon hat nun diesen Vorgang von Anmaßung vor aller Augen
in seiner damaligen Gegenwart vollzogen. Er hat nicht irgendwelche Leute in die
Archive geschickt und sie dort Dokumente finden oder fälschen lassen, aus denen
hervorginge, daß er Nachfahre von Karl dem Großen gewesen wäre. Er hat einfach
nur gesagt: "Wißt's was, Leute, ich
bin jetzt Erster Konsul, ab morgen nenn ich mich Kaiser. Obst, Papst, du bitte
so freundlich sein und zur Krönung erscheinen könntest?"
Er, aus korsischem Kleinst-Adel
stammend, kommt einfach daher und nennt sich Kaiser, obwohl er nach den
Maßstäben seiner Zeit nicht die
allermindeste Legitimation dafür hatte. Und er seinen neuen,
selbsterfundenen Titel dafür benutzt, neue Adelige zu erschaffen, gegen jegliche Legitimation aus der
Tradition. Er führt dem alteingesessenen Adel und dem sonstigen Pöbel
handfest vor Augen, wie seinerzeit der sogenannte "echte" Adel entstanden ist, nämlich ebenfalls durch Anmaßung
und "Gib-her-sonst-hau-ich-dich".
Napoleon hat, solange er die Macht dazu hatte, den gesamten
europäischen Adel wie Tanzbären vorgeführt. Der europäische Hochadel kam
angewuselt und hat ihn als Kaiser hofiert, der österreichische Kaiserkollege
hat ihm gar die Tochter ins Bett gelegt (mit der er sich dann
überraschenderweise so gut verstand, daß diese ihm nach St. Helena folgen
wollte, wenn ihr Vater sie gelassen hätte).
Und Napoleon machte die Wittelsbacher zu Königen. Diese
Narren waren auch noch stolz darauf. Kronprinz Ludwig haßte Napoleon und führte
dennoch nach dem Tode des Vaters selber den von Napoleon einfach frei
erfundenen Titel "König von Baiern" weiter, ohne sich als der Depp zu
fühlen, der er zeitlebens war.
Irgendwelche andere Leute ernannte er zu Adeligen und die
Nachkommen dieser Spaß-Adeligen sind heute noch stolz darauf, "richtige" Adelige zu sein. Einer
dieser Spaß-Adeligen wurde in einem fremden Land zu einem "richtigen" König gesalbt und als er
tot war, entdeckte man auf seiner Brust die Tätowierung "Mort aux rois!" ().
Der Nachkomme dieses Aushilfskönigs sitzt heut noch auf dem Thron (nimmt aber
seinen Job eher locker).
Napoleon hatte den Schalk im Nacken.
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Adelsstolze
Familien, schrieb mal einer,
gleichen
Kartoffeln. Das Beste von ihnen liegt unter der Erde.