Zum Fall Wulff abschließend (abschließend?) ein Wort von Dario Fo:
Wenn es keine Skandale gäbe, müsste man sie erfinden, weil sie ein unentbehrliches Mittel sind, die Macht der Mächtigen zu erhalten und den Unmut der Unterdrückten fehlzuleiten. (...) Worauf es ankommt, ist der Skandal! (...) Damit endlich auch das italienische Volk sozialdemokratisch wird, wie die Völker Englands, Nordamerikas, Deutschlands usw. …moderne Völker! Damit unsere Mitbürger endlich stolz sagen können: "Ja, wir waten bis zum Hals in der Scheiße, aber genau deshalb tragen wir den Kopf hoch erhoben!"
14.1.12
19.11.11
Die Wahrheit als Panne
Das Volk ist in der Demokratie der Empfänger von Macht, nicht ihr Ursprung
Was Wahrheit letztendlich und eigentlich ist, ob es überhaupt eine gibt und wenn ja, ob wir diese je erkennen können, und - falls wiederum ja - wie diese Wahrheit nun genau aussieht - darüber haben sich Generationen von Philosophen Gedanken gemacht. Eine Lösung hat bislang offensichtlich noch keiner gefunden, denn hätte es einer, so gäbe es nur noch 1 Philosophie, und zwar die richtige.
Was Wahrheit letztendlich und eigentlich ist, ob es überhaupt eine gibt und wenn ja, ob wir diese je erkennen können, und - falls wiederum ja - wie diese Wahrheit nun genau aussieht - darüber haben sich Generationen von Philosophen Gedanken gemacht. Eine Lösung hat bislang offensichtlich noch keiner gefunden, denn hätte es einer, so gäbe es nur noch 1 Philosophie, und zwar die richtige.
Nach langem Grübeln
über das Leben, das Universum und den ganzen Rest bin ich für mich zu dem Ergebnis
gekommen, daß wir niemals hinter die Wahrheit kommen werden und daß das auch
ganz gut ist. Ich bin zum Anhänger des Jameiismus geworden, welcher besagt: Ja
mei, da kannst nix machen, es is halt wies is.
Daß die Frage nach der
Wahrheit
immer noch unbeantwortet ist, sollte niemanden mehr freuen als die Philosophen
selber. Die ewige Suche nach der
Wahrheit ist für einen berufsmäßigen Philosophen nämlich ein wesentlich günstigeres
Geschäftsmodell als ihr Finden. Käme
tatsächlich einer dahinter, woher wir kommen, wohin wir gehen und welcher Sinn
in dem Schlamassel dazwischen steckt, und könnte er zudem seine Antwort auch
stichhaltig und unwiderleglich beweisen, so wäre die Luft aus aller Philosophie
und Theologie heraus.
Aus, Äpfel, Amen.
"Laden zu vermieten - Wegen
mangelnder Nachfrage mußten wir die Firma 'Sein & Nichts GbR - Sinn en gros
und en detail' leider schließen."
Wer den verlinkten
Wikipedia-Artikel durchliest, wird merken, daß meine Schlußfolgerung natürlich
Unsinn ist. So klar und eindeutig kann
eine Antwort gar nicht sein, daß sich nicht doch Leute fänden, die nach der
Antwort hinter der Antwort suchen.
Douglas Adams hat sich
mit seiner Episode vom Computer Deep Thought (siehe wiederum den obigen Link
auf die Wikipedia) über die Sinnsucher lustig gemacht. Nach einer Rechenzeit
von 7,5 Millionen Jahren liefert der Supercomputer die Antwort: 42. Diese
Antwort aber, so verkündet der Computer, bleibe sinnlos, solange man nicht die
dazu passende Frage genau formuliert habe. Im weiteren Verlauf des Romans kommt
der Held des Romans zufällig hinter die passende Frage: "Wie
viel ist neun multipliziert mit sechs?". Wer das kleine Einmaleins noch im Kopf hat, dem wird auffallen,
daß die Frage nicht zur Antwort paßt. Klar, Adams macht sich über die
Sinnsucher lustig.
Und was passiert? Adams
hätte es sich absurder nicht ausdenken können: Rudel von Sinnsuchern versuchen,
hinter das Geheimnis der von Adams formulierten Lösung 42 zu kommen. Sie
bemühen Lewis Carroll [1], das 13er-Zahlensystem, die Weisheit
tibetischer Mönche etc., um auf die Spur eines bewußt formulierten Unsinns zu
kommen. Adams selbst merkt dazu an: "Die Antwort darauf ist ganz einfach. Es war ein Scherz. Es musste eine
Zahl sein, eine gewöhnliche, relativ kleine Zahl, und ich entschied mich für
diese. Binäre Darstellungen, Basis 13, Tibetische Mönche, das ist alles
kompletter Unsinn. Ich saß an meinem Schreibtisch, blickte in den Garten hinaus
und dachte ‚42 wird gehen‘. Ich schrieb es hin. Ende der Geschichte."
Dem wahren Sinnsucher jedoch ist klar, daß das nur ein Täuschungsmanöver von
Adams sein kann, eine Finte, um die eigentliche Wahrheit zu schützen.
Was lernen wir
daraus? Wer bekannt genug ist, um überhaupt wahrgenommen zu werden, der kann
sagen und schreiben, was er will, er kann sogar ausdrücklich hinzufügen, daß
all das, was er geschrieben habe, ein übermütiger Scherz gewesen sei - es nützt
nichts. Einer hermeneutet immer.
Aber, Leute, ich habe
mich verschwatzt. Eigentlich nämlich wollte ich von Peter Gauweiler erzählen,
der einmal aus Versehen die Wahrheit gesagt hat.
Um die
Jahrtausendwende hatte die CDU mit einer der üblichen, routinemäßigen Finanz- und Spendenaffären
zu kämpfen. Im Januar 2000 hat Peter Gauweiler der Passauer Neuen Presse
dazu ein Interview gegeben.
Dabei ist ihm ein Satz entschlüpft, den der zuständige Redakteur
für so wichtig hielt, daß er ihn als Überschrift zum Interview wählte:
"Wir müssen dem
Volk wieder mehr Macht geben."
In diesem kleinen Satz eines kompetenten Menschen [2]
ist die ganze Wahrheit über die politische Realität der Bundesrepublik
Deutschland enthalten.
Im Grundgesetz findet sich der lakonische Satz: "Alle Staatsgewalt geht vom Volke
aus." Der Dichter Bertolt Brecht hat diesen Satz einmal um eine Frage
ergänzt: "Wo aber geht sie
hin?"
Zu Peter Gauweiler und seinen Freunden in Politik und
Wirtschaft geht sie hin. Das wissen wir zwar schon lange, aber die Mächtigen in
diesem Lande blasen normalerweise empört die Backen auf, wenn einer dergleichen
behauptet. Sie verdächtigen ihn, er wolle eine andere Republik, eine andere
Demokratie und natürlich haben sie recht mit diesem Verdacht. Nun aber hat
einer aus dem Inneren Zirkel der Macht sein Nähkästchen geöffnet und uns
plaudernd bestätigt, was wir bereits wissen.
Denn eines ist klar: Nur wer die Macht hat, kann ein Stückchen davon dem Volk abgeben.
Ich habe damals einen Leserbrief an die Passauer Neue Presse
geschrieben, der Leserbrief wurde nicht abgedruckt (sie haben damals die
meisten meiner Leserbriefe abgedruckt, das nebenbei). Und einen Internetanschluß
hatte ich seinerzeit noch nicht. Denn das Internet vermag, recht genutzt,
einiges in Bewegung zu bringen, was sonst unbeweglich geblieben wäre.
Als seinerzeit Bundespräsident Köhler in einem
Rundfunk-Interview ein streng gehütetes Staatsgeheimnis ausplauderte, wurde er
unverzüglich aus dem Amt gemobbt. Das Staatsgeheimnis war, daß Deutschland
nicht wegen der Menschenrechte in Afghanistan Krieg führt, sondern in
Wirklichkeit zur Wahrung seiner wirtschaftlichen Interessen [3].
Dieses Geheimnis kennt zwar jeder, der sich fünf Minuten Zeit nimmt, drüber
nachzudenken, aber unter Politikern war (und ist) es strengster Comment,
darüber nicht öffentlich zu sprechen.
Köhler hatte ein Tabu gebrochen, er hatte die große
Lebenslüge bundesdeutscher Außenpolitik in die allgemeine Diskussion gezerrt.
Der Skandal war nicht, daß er etwas Falsches gesagt hätte, er hat im Gegenteil etwas
sehr, sehr Richtiges ausgesprochen,
was aus Sicht der politischen Klasse besser ungesagt geblieben wäre.
Ich darf an dieser Stelle an das bekannte Wort von George
Bernard Shaw erinnern: "Die
Lebenserfahrung, diese Wissenschaft nach Hausmacher-Art, lehrt die von ihr
Befallenen, daß es nicht die gänzlich neuen, für alle völlig überraschenden
Nachrichten und Erkenntnisse sind, die aufgeregten Wirbel verursachen.
Verblüffende Neuigkeiten machen uns allenfalls staunen, wirkliche und
nachhaltige Empörung hingegen lösen jene Tatsachen aus, die jedermann längst
bekannt sind, die lediglich von irgend jemandem irgendwann einmal ausgesprochen
werden."
Wobei der Verplapperer von Köhler zunächst mal gar keine
Empörung, noch nicht mal Wirbel verursacht hat. Keiner von den bekannten oder
weniger bekannten Kommentatoren in den großen oder weniger großen Zeitungen
oder Rundfunkanstalten hat sich darüber aufgeregt oder die Aussage auch nur
erwähnt. In den Medien wurden die Äußerungen Köhlers nicht weiter beachtet, man
könnte auch sagen, sie wurden totgeschwiegen. Das ging so weit, daß der
Deutschlandfunk, der das entsprechende Interview gesendet hatte, auf seiner
Website zunächst eine komplette
Version des gesendeten Interviews brachte, nach einigen Stunden jedoch war
an dieser Stelle eine geschnittene
Fassung des Interviews zu hören, in welcher der brisante Satz fehlte!
Lediglich im Internet haben einige Blogger (unter anderem
ein gewisser mcmac im
"Freitag") das Thema aufgegriffen und die Leute auf diese Äußerung
aufmerksam gemacht. Erst als im Netz die Wogen der Empörung so hochkochten, daß
man sie nicht mehr ignorieren konnte,
griffen auch die Medien die Geschichte auf.
Man hat die Affäre sehr geschickt gelöst, indem man Köhler
zum Rücktritt veranlaßte. Durch seinen Rücktritt wurde viel über den Rücktritt und
das durch die Kritik an Köhler angeblich beschädigte Amt gesprochen. Das
eigentlich Interessante an dieser Geschichte, der Satz nämlich, der letztlich
zum Rücktritt geführt hatte, wurde dadurch überwirbelt und unsichtbar gemacht und
ist nach anderthalb Jahren bereits so gut wie vergessen.
Was man aus der Geschichte um Peter Gauweiler lernen kann? Ich
glaube, es war Hercule Poirot, der einmal sinngemäß sagte: Wenn man sich mit
den Leuten lange genug unterhalte, sie einfach plaudern lasse und ihnen
aufmerksam zuhöre, dann komme man hinter ihre verborgenen Geheimnisse. Irgendwann
verplappere sich jeder.
[1] Lewis Carroll ist der Verfasser von
"Alice im Wunderland" und war im Zivilberuf Mathematiker.
[2] Das meine ich jetzt ernst und gar nicht
sarkastisch.
[3] "Meine
Einschätzung ist aber, daß insgesamt wir auf dem Wege sind, doch auch in der
Breite der Gesellschaft zu verstehen, daß ein Land unserer Größe mit dieser
Außenhandelsorientierung und damit auch Außenhandelsabhängigkeit auch wissen
muß, daß im Zweifel, im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist, um
unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege, zum Beispiel ganze
regionale Instabilitäten zu verhindern, die mit Sicherheit dann auch auf unsere
Chancen zurückschlagen negativ, bei uns durch Handel Arbeitsplätze und
Einkommen zu sichern."
16.11.11
Der Diktator als junger Mann
Die wenigsten werden es
wissen, aber Muammar al Ghaddafi hatte in jungen Jahren schwer um seinen
Lebensunterhalt zu kämpfen. Das ging so weit, daß er sich in Deutschland als
Schauspieler verdingen mußte, um leidlich über die Runden zu kommen.
So was glaubt mir natürlich wieder mal kein Schwein, wie
immer. Ich aber, wahrlich ich sage euch, ich habe Beweise.
Im Tatort "Kurzschluß" [1]
spielt Ghaddafi, unter dem Künstlernamen Dieter Laser einen Bankräuber.
[1] Regie Wolfgang Petersen, Klaus
Schwarzkopf als Kommissar Finke, Günter Lamprecht als Landpolizist, und auch
ansonsten hervorragend besetzt. Ein Juwel der Filmkunst, das
meine ich ernst.
8.11.11
Vom Schreiben und vom Reden
1997 hielt der aus Film, Funk und Fernsehen wohlbekannte
Philosoph Prof. Dr. Peter Sloterdijk auf dem 71. Bachfest der Neuen
Bachgesellschaft e.V., Freiburg, einen ca. dreiviertelstündigen Vortrag mit dem
Titel "Über das Hören". Der Vortrag wurde vom Südwestfunk aufgezeichnet
und in der Tele-Akademie ausgestrahlt. Die Rede ist auch auf YouTube zu hören. Mir wurde diese Rede über einen Link anempfohlen und
ich habe sie mir angehört.
Nein, ich will nicht lügen. Ich habe diese Rede nur an-gehört und dann, nach wenigen Sätzen, wieder aufgehört mit Hören.
Das lag nur zum geringeren Teil daran, daß Prof. Sloterdijk,
im Gegensatz zu den Professoren, mit denen ich in Regensburg zu tun hatte, ganz
offensichtlich kein begnadeter Vortragskünstler ist. Ich habe Mitleid mit
seinen Studenten, die wohl oder übel in seine Vorlesungen gehen müssen. Einen derart
einschläfernden Tonfall habe ich lange nicht mehr gehört, nicht mal der bayerische Wirtschaftsminister Zeil (und der ist ein Schlafmittel der
Sonderklasse) kann hier mithalten.
Es war der Inhalt, der mich aufschreckte, und am Einschlafen
hinderte. Der Vortrag beginnt nämlich mit folgenden Sätzen:
"Unter den
Gebärden des Rechts auf Ergreifendürfen tritt von alters her die Macht als
Wahrheit auf. Jedoch - in der Verweigerung der Ergriffenheit kommt die mühevoll
erworbene strategische Klugheit zur Geltung, die weiß, daß durch das
gutgläubige Ohr auch die Lügen gehen. Durch Widerstand wird das Subjekt
geboren, als Kraftpunkt einer Nichtergriffenheit. Nach den psychohistorischen
Standards der letzten zweieinhalb tausend Jahre kann als erwachsen zunächst nur
gelten, wer sich einem umfassenden Defaszinationstraining unterworfen hat. In
dem soll das Subjekt bis an die Schwelle gebracht werden, an der für es ein
unergriffener Umgang mit einverständnisfordernden rhetorischen und musischen
Verführungen möglich wird."
Leute, jetzt mal ganz im Ernst, kein Scheiß: Wenn ein
Vortrag so beginnt, dann ist es Zeit, aufzustehen und in die nächste Kneipe zu
gehen. Hohleres Geschwätz werdet ihr dort auch nicht hören, die Gäste mögen so
besoffen sein, wie sie nur wollen.
Sicher, in der Kneipe wird das Geschwätz nicht auf diesem
hohen sprachlichen Niveau wie bei Sloterdijk sein, es wäre denn, ich geriete
zufällig in eine Intellektuellenkneipe. Intellektuelle sind auch mit hohen
Promillewerten noch in der Lage, so zu sprechen, daß du als Nüchterner nichts,
aber auch überhaupt nichts, verstehst. Dabei ist klar, daß eine solche Sprache,
Promille hin oder her, eine Kunstfertigkeit voraussetzt, die auf Universitäten
oder im Selbststudium mühsam erworben werden muß. Hat man sich diese
sprachliche Kunstfertigkeit aber einmal angeeignet, dann wird die Verwendung
dieser Sprache zu einer Methode, eigene gedankliche Schlamperei zu verbergen. Denn,
machen wir uns nichts vor, kompliziert zu formulieren ist eine schnelle Sache
für einen mit allen Salben geriebenen Akademiker, so etwas wird ihm zumindest
in den Sozial- und Geisteswissenschaften antrainiert. Und weil der komplizierte
Jargon auch noch so wunderhübsch klingt, dir jeder Kollege auf die Schulter
klopft und "Toll, ganz toll, das" murmelt, kannst du dir einreden, du
hättest alles ganz wunderbar durchdacht.
Nach meiner Erfahrung ist das Gegenteil der Fall: In der Oberstufe des Gymnasiums, als die
Mathematik allmählich doch kompliziert wurde, habe ich für Klassenkameraden, die also auf gleichem Vorbildungsniveau waren wie ich, mit der
Infinitesimalrechnung und Analytischen Geometrie aber nicht so gut zurande
kamen (kostenlose) Nachhilfe gegeben. Manchmal habe
ich lange geredet und keinen Durchbruch erzielt, es blieb Verständnislosigkeit zurück. Ich habe dann meine Erklärungen immer einfacher formuliert und irgendwann
hat's dann doch "klick" gemacht und die anderen hatten verstanden. Und genau an diesem Punkt hat's
auch bei mir "klick"
gemacht - plötzlich hatte ich selbst verstanden, wirklich verstanden,
was ich zuvor den anderen zu erklären versucht hatte.
Später, wenn ich einen
nicht ganz platten Gedanken niederzuschreiben hatte, bestand die erste Fassung meines Textes in aller
Regel aus langen, in viele Nebensätze
verschachtelten Sätzen, die viele komplizierte Begriffe enthielten. Diese Fassung, die niederzuschreiben für mich relativ einfach war, wäre für andere nur schwer und mit großer
Konzentration zu verstehen
gewesen. Im Zuge der Überarbeitung wurden
die
Sätze kürzer, die
Nebensätze wurden zu eigenen Sätzen, die komplizierten Wörter wurden durch
einfachere ersetzt und nicht zu vermeidende komplizierte Begriffe sauber und
möglichst einfach erklärt. Diese Überarbeitung kostete mich Mühe, manchmal große Mühe, das Ergebnis aber war nun angenehm zu lesen und relativ leicht zu verstehen.
Was mir dabei
aufgefallen ist: Vorher war ich zu dieser einfachen Formulierung nicht imstande, denn am Anfang meines Schreib- und Denkprozesses hatte ich das, was ich mitteilen
wollte, selber noch nicht
richtig verstanden. Und das heißt: Je besser ich eine Sache verstehe, desto einfacher, sprich: verständlicher, kann ich
sie darstellen.
Einfacher Stil ist
also nicht nur ein Service am Leser, sondern auch ein Dienst an mir als Autor.
Erst wenn die Sache einfach dasteht verstehe ich selber, was ich mir so gedacht
hatte. Das ist keine Koketterie, sondern aus der Selbstbeobachtung abgeleitet.
Ich übersetze die ersten beiden Sätze von Sloterdijk so in Alltagsdeutsch:
"Wer die Macht hat, behauptet von sich gerne, er habe und sage die
Wahrheit. Wir aber wissen aus Erfahrung, daß das auch gelogen sein kann." Dagegen
läßt sich nichts einwenden.
Die folgenden zitierten Sätze sind dagegen eine freche Lüge.
In keiner Bildungseinrichtung, von der Grundschule bis zur Universität, wird systematisch
ein Defaszinationstraining angeboten. Ganz im Gegenteil: Hast du Glück, verdammt
viel Glück, dann bekommst du für eine gewisse Zeit einen Lehrer, der dich zur
Skepsis gegenüber genau jener Ergriffenheit heischenden Imponiersprache
anleitet, die Sloterdijk im Vortrag selber anwendet. Im Normalfall aber hast du
kein Glück, du lernst vielmehr, den Blähsprech von Sloterdijk und anderen
Großdenkern für gedankentief zu halten und als Philosophie zu verehren.
In meinen Studentenzeiten kannte ich einen Kommilitonen, der
mir auf die Frage, was ich von einem bestimmten Buch eines bestimmten Autors [1]
zu halten hätte, antwortete: "Ganz hervorragend, das Buch, ich habe kein
Wort verstanden." Nein, Leute, tut alle Hoffnung ab, das war nicht
ironisch gemeint von ihm.
Gegen Sloterdijks erste beiden Sätze läßt sich, wie gesagt,
nichts einwenden, denn sie formulieren eine in ihrer Plattheit nicht zu
bestreitende Wahrheit. Das ist kein Sarkasmus meinerseits, denn natürlich läßt
sich nicht prinzipiell etwas gegen das Aussprechen von Plattheiten sagen.
Manchmal, und gar nicht mal so selten, ist es schlicht notwendig, in einer
Argumentation einige Selbstverständlichkeiten zusammenzufassen, um dann, von
diesen Plattheiten ausgehend, einen differenzierten und vielleicht sogar neuen
Gedankengang zu entwickeln. Die ausgesprochenen Plattheiten dienen dazu,
Einverständnis herzustellen, bzw. zu überprüfen, ob Einverständnis besteht:
Hier, auf dieser niedrigen Ebene, sind wir uns noch alle einig, jetzt
schaumermal, ab wann sich Widerspruch zum von mir Vorgetragenen einstellt.
Nichts gegen Plattheiten also, die werfe ich Sloterdijk gar nicht
vor. Was ihm vorzuwerfen ist der Umstand, daß er diese Plattheiten so
formuliert hat, als handele es sich um kostbare Wahrheiten. Er hat die Todsünde
jedes Menschen begangen, der einen Text schreibt: Er hat seinen Text
komplizierter formuliert als es unbedingt nötig gewesen wäre.
Ich weiß nicht, ob Sloterdijk den vorgetragenen Text
ursprünglich für die Veröffentlichung als Buch oder Zeitschriftenbeitrag
verfaßt hat, oder ob es sich von vorneherein um ein Redemanuskript handelt. Es
spielt auch nicht die wirklich große Rolle. Wichtig ist nur, daß ihm klar war,
klar sein mußte, daß er diesen Text zu einem bestimmten Zeitpunkt als Rede
halten würde.
Schon zu meiner Studentenzeit, die inzwischen auch schon
wieder geraume Zeit zurückliegt, war es unter Kommunikationswissenschaftlern
eine... hmnja, Plattheit, daß eine Rede keine Schreibe ist. Das heißt, es ist
eine völlig andere Kommunikationssituation ob ich einen geschriebenen Text in
einer Zeitschrift oder einem Internet-Forum veröffentliche oder ob ich ihn als
gesprochenen Text einem anwesenden Publikum vortrage.
Habe ich einen geschriebenen Text vor mir, so kann ich zum
einen meine Lesegeschwindigkeit selber bestimmen; bestimmte Passagen lese ich
einfach locker weg, bei anderen muß ich erst mal - und seien es nur wenige
Sekunden - drüber nachdenken, ehe ich sinnvoll weiterlesen kann. Dieses
Innehalten um nachzudenken ist manchmal auch bei einem einfach formulierten,
also sorgfältig durchdachten Text nötig, schlicht deshalb, weil die Sache selbst nicht so ganz einfach ist.
Zum anderen kann ich bei einem geschriebenen Text nach
Belieben zurück oder nach vorne blättern, wenn mir etwas unklar bleibt. Bei
einem Vortrag ist das nicht möglich [2].
Kompakte Formulierungen, bei denen der Inhalt dichtestmöglich zusammengedrängt
ist, Sätze, die lang und verschachtelt sind, sind für einen Vortrag tödlich.
Geschriebene Sprache kann
redundant sein, also dasselbe mehrmals auf verschiedene Weise - einmal etwa
abstrakt, das andere mal anhand von Beispielen - erklären. Redundanz macht
einen Text angenehm zu lesen, und ein angenehm zu lesender Text ist eine Geste
der Höflichkeit und Wertschätzung des Schreibenden gegenüber dem Leser. Ein
Vortrag muß redundant sein,
ansonsten ist er nur für Zuhörer geeignet, die ohnehin bereits wissen, was der
Vortragende sagen wird. In diesem Falle aber ist der Vortrag überflüssig.
Ich verstoße allerdings selber gerne gegen die an sich
beherzigenswerte Formel, daß eine Schreibe keine Rede sei. Geschriebenes
formuliere ich oft so, als säße mir der Leser gegenüber und ich würde mit ihm
von Angesicht zu Angesicht sprechen. Ich gestehe, daß dies eine ausgesprochen
egoistische Gewohnheit ist. Zum einen möchte ich über dem Korrekturlesen nicht
einschlafen, sondern ein gewisses Vergnügen daran haben. Zum anderen aber - und
dies vor allem - möchte ich das, was ich schreibe, selber verstehen.
Ich weiß, ich verlange viel.
1.11.11
Der Wimmer Dammerl über Ehe und Krieg
Thomas Wimmer (1887 - 1964) war von 1948 bis 1960
Oberbürgermeister von München. Er hatte 1913 geheiratet, nach dem Tod seiner
ersten Frau heiratete er 1938 erneut.
1939 soll er gesagt haben: "Jedesmal, wenn ich heirate,
bricht's Jahr drauf der Krieg aus."
Der Verlauf der Geschichte hat uns gelehrt, daß Thomas
Wimmer kein drittes Mal geheiratet hat. Und wir alle sollten uns freuen, daß
die Wimmersche Heiratsregel nicht für Gerhard Schröder oder gar Joschka Fischer
gilt.
22.10.11
Literaturkritik als Feuerwehr
Im Juni 1965 wurde im Zürcher Fernseh-Studio eine Diskussion
zwischen dem Literaturkritiker Marcel Reich-Ranicki, dem Literaturprofessor
Hans Mayer und dem Schriftsteller Friedrich Dürrenmatt über die Funktion der
Literaturkritik und über die Rolle der Kritiker aufgezeichnet.
Die drei Herren sitzen gemütlich da, vor ihnen Kaffeetassen,
Wein- und Likörgläser, auf dem Tisch einige Flaschen, die ersichtlich kein
Mineralwasser enthalten und bereits zu Beginn der Diskussion nicht mehr ganz voll
sind. Hans Mayer spricht mit nacktem Mund, während Reich-Ranicki und Dürrenmatt
eifrig Zigarren rauchen.
Und dann bricht ein Brand im Aschenbecher aus. Der
Schriftsteller und Brandstifter Dürrenmatt bleibt gelassen, während sich die
Kritiker zum Löschen verpflichtet fühlen.
Wer sich - kehren wir zurück zu Aristoteles - nicht nur für
Sitcoms interessiert, sondern sich die ganze Diskussion anschauen möchte, der
kann das hier tun:
In seinem Buch "Theaterprobleme" schreibt
Dürrenmatt: "Die Literatur muß so
leicht werden, daß sie auf der Waage der heutigen Literaturkritik nicht mehr
wiegt. Nur so wird sie wieder gewichtig."
21.10.11
Kaputtsgorod
In Berlin brennen die Autos. Bis heute dachte ich, das sei
eine Sache der jüngsten Zeit; bis ich auf diese Seite stieß
und mich belehren lassen mußte, daß das schon seit 2007
läuft. Man beachte, daß die Website seit einem Jahr nicht mehr aktualisiert
wird, bis Oktober 2010 hatten die emsigen Leutchen 633 abgebrannte Autos
gezählt.
Na, wie auch immer...
Andere Länder, andere Sitten. In Berlin macht die aus Film,
Funk und Fernsehen unbekannte Firma Irgendwelchechaoten Autos kaputt, in
Vilnius in Litauen macht das der Bürgermeister.
"Schtznpnzr" hätte Ernst Jandl gedichtet.
siehe auch hier.
Anmerkung: Ja, ich weiß, daß in Litauen nur 10 % der Bevölkerung Russisch sprechen.
Anmerkung: Ja, ich weiß, daß in Litauen nur 10 % der Bevölkerung Russisch sprechen.
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