28.12.22

Säubrennerkirmes

Es gibt sonne un sonne, ich mein jetzt Comediennes und Kabarettisten, nenn sie, wie du willst. Zu den besten Kabarettistinnen zählt für mich Stefan Danziger. In der Nummer "Eine Woche saufen" erzählt er die kabarettistisch überdrehte Geschichte von der Säubrennerkirmes. In Wittlich in der Moseleifel, in einer Weinbaugegend, gebe es alljährlich die besagte Kirmes, bei der - wie bei allen Kirmessen [1] - gesoffen werde bis zum Abwinken. Die Kirmes gehe auf eine alte Sage, die sogenannte Säubrennersage zurück. Hört euch die Geschichte mal an, sie ist zwar völliger Unfug, trotzdem oder vielleicht gerade deswegen sehr lustig.

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Säubrennerkirmes

Säubrennersage


[1]   Ich habe nachgeschlagen, die Mehrzahl von Kirmes ist tatsächlich Kirmessen.

14.12.22

Einwandsvorwegnahme durch Umfangsmaximierung

Als ich noch der Waldbauernbub war, in Regensburg Kommunikationspsychologie studiert hab und mir dort eine Diplomarbeit abgequält habe [1], habe ich eine Argumentationsfigur erfunden, welche den Namen trug Einwandsvorwegnahme durch Umfangsmaximierung. Das heißt, wennst du einem ackerdemischen Gremium ein erleuchtetes Papier (damals sagte man paper) von zwei Seiten hingewischt hast, dann haben die ackerdemischen Gremianten einen kurzen Blick drauf geworfen und dann gesagt "Schmeißts den antialphabetischen Bauernlackl raus aus der Universität!". Hast du ihnen dagegen eine Diplomarbeit von 380 Seiten Umfang, voll mit Zitaten hingelegt, dann haben sie gesagt "Ja, durchlesen wern mir den Schmarrn nicht, aber 380 Seiten sind schon mal nicht schlecht. Setzts ihm 1 Doktorhut auf und sagts ihm, er soll sich schleichen."

 


[1]   Der Text, auf den ich verlinkt habe, ist lediglich der Theoretische Teil der Diplomarbeit. Die ganze Arbeit wär umfangsmäßig gar zu arg

Klatsch und Tratsch

In Facebook las ich einst Folgendes: "...ich hab aus gut unterrichteten Kreisen gehört, dass sie was mit der römischen Gräfin Alessandra Borghese hat. Is scheinz zu feig zu ihrer Bisexualität zu stehen und verteufelt dann die anderen... seufz." Sie, das ist die Regensburger Fürstin Mariae Gloria von Thurn und Taxis, die eigentlich gar keine Fürstin ist, sondern die Witwe eines Fürsten. Genau genommen nicht einmal das, denn seit 104 Jahren gibt es sowohl in Österreich als auch in Deutschland keinen Adel mehr.

Wie auch immer: Manchmal, eigentlich ziemlich oft, kann ich das Wort nicht halten und so kommentierte ich:

Ich hab's damals miterlebt, wie der Hansi (vulgo: Prinz Johannes von Thurn und Taxis) in den siebziger Jahren durch die Regenwurmpresse gehechelt worden ist. Der Hansi war seinerzeit so umra 40 Jahre alt, ein Playboy der Sonderklasse. Mit seinem Lieblings-Filipino war er überall dort, wo sich die Schönen und Reichen getroffen haben (also eher selten in Regensburg). Sein Vater jedenfalls hat damals ein Machtwort gesprochen: Entweder heirate er und zeuge einen Erben (die männliche Form ist kein Zufall, sondern Adels-Algebra), oder er werde enterbt.

Wir wissen es alle: Ein Scheck ist wirkmächtiger als die allmächtige Liebe. Dem Hansi wurde Mariae Gloria Ferdinanda Joachima Josephine Wilhelmine Huberta Gräfin von Schönburg-Glauchau als jungfräuliche Braut zugeführt und siehe, er kam über sie und sie wurde schwanger von ihm. Leider war's nur ein Weibsstück und so mußte der Hansi wieder ran an die Jungfrau. Wie's der Deibel haben will, war es wiederum ein Mädchen. Aber was tut man nicht für ein Milliardenerbe? Der Hansi teilte erneut das Beilager und diesmal erwuchs daraus endlich  ein richtiger Mensch.

Nun tat der Prinz, der in der Zwischenzeit zum Fürsten gereift war, der Welt den Gefallen, aus ihr zu verschwinden.

So, und nun füge ich deine Information zu meiner, streiche dabei das Wort Bisexualität: Ein Grund-Schwuler und eine Elementar-Lesbe werden von der Macht des Geldes kopuliert - "Oh ja, Baby, ich komme, oh mein Gott, ja ja" -  um einen Kronprinzen zu erzeugen.

Was für eine Dramödie hätte Shakespeare daraus gemacht! Ich höre gerade, der Kollege Shakespeare sei inzwischen verstorben... Soll ich die Dramödie schreiben?

Ich bin nackt und bekackt

Ein gewisser Werdi, der während eines schizophrenen Schubes eine zeitlang glaubte, Vagner zu heißen, hat mal ein Opernlibretto geschrieben, dann aber vergessen, den Text zu vertonen.

Ein gewisser Hans Sedlacek hat einige Jahrzehnte später Werdis Libretto aus dem Italienischen ins Deutsche übertragen und dem Text einige läppische Klavierklimpereien unterlegt, die er als Musik ausgab. Bei der Übersetzung von "L'Ambasciatore di Malta" ("Der Botschafter von Malta" ) hat Sedlacek sehr genau den würdevoll-frivolen Ton des Originals getroffen, manche meinen sogar, er habe das Original übertroffen. Viele, auch gut informierte Opernliebhaber glauben bis heute, der ursprüngliche Text sei von Sedlacek, die italienische Originalfassung nur eine mäßig geglückte Übersetzung aus dem Deutschen...

Sono nudo, son' caccato

E se non, son' ben robato.

Son' un vero diplomato.

Ich bin nackt und bekackt

Und wenn nicht, bin ich befrackt.

Ich bin ein Diieeh - plomat.

Wie einmal Adalbert Stifter der Vorname abhanden kam

Die Walhalla bei Regensburg ist groß, größer jedenfalls als meine Wohnung, dennoch ist der Platz für eine angemessene Lagerung der Marmorköpfe Großer Deutscher [1] begrenzt. 132 Büsten lagern derzeit dort, dazu 65 Gedenktafeln, 13 der Geehrten sind Frauen. 4 Plätze für Büsten sind noch frei.

Am 26. September 1954 kam die Büste des Österreichers Adalbert Stifter in die Walhalla, wobei der damalige bayerische Kultusminister Dr. Schwalber den bemerkenswerten Satz sprach: "Ich enthülle das Bildnis Adolf Stifters."

Quelle (ab 11:02 min.)



[1]   Überraschenderweise ist das Wort bereits gegendert.

6.12.22

Der Paß

Ein Kommentar zur aktuellen Debatte in Deutschland.

"Der Pass ist der edelste Teil von einem Menschen. Er kommt auch nicht auf so einfache Weise zustande wie ein Mensch. Ein Mensch kann überall zustande kommen, auf leichtsinnigste Art und ohne gescheiten Grund, ein Pass niemals. Dafür wird er auch anerkannt, wenn er gut ist, während ein Mensch noch so gut sein kann und doch nicht anerkannt wird."

28.11.22

DIE RATTE und wie er zu diesem Namen kam

Gerhard Rat hatte Glück bitter nötig. Gerhard Rat war ein Unglückswurm, wie es - so bleibt zu hoffen - wenige gibt. Kaum etwas von dem, was er anfing, fügte sich je zu einem glücklichen Ende. Vielmehr schien es, als liebten die Dinge Gerhard nicht, als entzögen sie sich seiner Handhabung, wo immer sie konnten - und sie konnten oft. Klar, daß mit der Zeit auch Gerhard seinerseits die Dinge zu hasse begann, so daß niemals ein wirklich ersprießliches Verhältnis zwischen ihm und dem Kosmos entstehen mochte.

In seiner Jugend war Gerhard Rat das gerade Gegenteil von Peter Pan gewesen. Peter Pan - Sie kennen die Geschichte? - hatte beschlossen, niemals erwachsen zu werden; ein Junge wollt' er bleiben, bis er stürbe, dermaleinst und jugendfrisch. Für das "Gerhardili" hingegen, wie sein unseliger Vater den jungen Gerhard bis weit über die Volljährigkeit hinaus zu nennen pflegte, hatte das Älterwerden und Erwachsensein gar nicht schnell genug gehen können.

In der Schule war er "Ratatat" gerufen worden, was zum einen an seinem Namen lag, zum anderen daran, daß er schnell und hektisch sprach, ein semantisches Maschinengewehr. An diesem Spitznamen änderte sich auch nichts, als ihn seine Eltern mit zehn Jahren in's Humanistische Gymnasium übertraten.

Nach einem Urlaub mit den Eltern an der Côte d'Azur hatte Albert Kruschwitz aus der Fensterreihe damit begonnen, Gerhard "Ratatouille" zu rufen. Eine Gewohnheit, die sehr bald von allen - Gerhard ausgenommen - begeistert angenommen wurde. Selbst jene wenigen, die es vermocht hätten, vermieden dabei die korrekte Aussprache des Eintopfgerichtes, schlossen vielmehr mit einem harten und speienden "tui". Der Spitzname "Rata-Tui" blieb an Gerhard haften bis ins sechzehnte, siebzehnte Lebensjahr, bis die Geschichte mit Bruno Ascherl den Dingen eine neue Wendung gab.

Bruno Ascherl lebt heute als angesehener Rechtsanwalt im Fränkischen und hat gut lachen. Damals aber hatte Bruno genugsam darunter zu leiden, daß ihn der ganze, selten ordinäre Haufe "Brunzo Arscherl" rief. Nach einem Kinobesuch - einer Filmkunst-Matinée, man denke - hatte es Bruno, der es besser hätte wissen müssen, rasend geistreich und ungeheuer witzig gefunden, Gerhard mit "Professor Unrat" anzusprechen. Der eher schmächtige und entschieden kleingewachsene Bruno, der die Regeln kannte und also nichts anderes erwartet hatte, nahm es mit einem schmerzlichen Seufzen hin, daß er für sein "Unrat"-Rufen von Gerhard verdroschen wurde. Erst als Gerhard eine zufällig herumliegende Latte ergriff und mit ihr in stummer Wut auf Bruno eindrosch, zerbrach das stillschweigende Einverständnis.

Unter diesen Umständen ist es verständlich, daß Gerhard Rat die Jahre, da er den verschiedenen Spitznamen seiner Altersgenossen ausgeliefert war, schnell hinter sich bringen wollte; daß er sich danach sehnte, als Erwachsener endlich und respektvoll mit "Herr Rat" angeredet zu werden.

Nun begab es sich aber, daß Brunzo Arscherl noch am selben Tage an den Folgen der erwähnten Prügel fast verschiedenen wäre; sieben bange Wochen lag er auf den Tod. Gerhard Rat wurde der gefährlichen Körperverletzung angeklagt und mußte, da dies die dritte Straftat dieser Art war, ins Jugendgefängnis von Niederschönenfeld einfahren.

Damals, als Bruno mit dem Tode rang, schwebte eine Zeitlang über Gerhards Haupt der Dichterlorbeer. Das kam, weil Gerhard im Grunde seiner Seele ein ungemein sensibler Mensch war. Der Psychologe, der ihn für die Verhandlung zu begutachten hatte, maß seinerzeit einen Wert von immerhin 9 (neun!) Sensi-Bel auf der nach oben offenen WECKER-Skala. Diese Empfindsamkeit, verquirlt mit einem zureichenden Schöpfer Sprachgefühl hatte Gerhard schon früh zum Schreiben von Gedichten verleitet. Als sein Fall durch die Schlagzeilen gellte, hatte eine große Illustrierte - vermutlich durch eine gezielte Indiskretion von Gerhard selbst - von den auf Halde liegenden Dichtstücken Wind bekommen.

Innige Verse eines eiskalten Totschlägers! Ha!!

Einfühlsame Poesie eines knallharten Killers! Heißa!!

Einige Tausender hatten die fixen Jungs vom Bilderblatt bereits über den Tisch geschoben, als die traurige Nachricht von Brunos endgültiger Genesung die Runde machte. Auf die Lyrik eines Körperverletzers aber ist geschissen, zu übermächtig ist die Konkurrenz dichtender Mörder.

Nun auf einmal - und ganz unvermittelt - warf der Oberredakteur Berger mit unbarm­herziger Strenge die Qualitätsfrage auf.

homo duplo. was?

homo duplo. was?

 

 

wenn ich einmal zweimal bin,

wenn ich einmal zweimal bin,

geb ich mir die hand;

geb ich mir die hand;

dabei stets vorausgesetzt,

dabei stets vorausgesetzt,

ich hätte mich erkannt.

ich hätte mich erkannt.

Niemand könne, so ereiferte sich Berger in der Redaktionskonferenz, einer auf Niewoh bedachten Zeitschrift wie seiner...

...an dieser Stelle von Bergers Ausführungen entschlüpfte dem Freien Mitarbeiter Riemerschmidt, der die Hauptlast der Recherchen im Fall Rat getragen hatte, ein Lächeln; was ihn Monate später, unter einem fadenscheinigen Vorwand seinen Freien-Mitarbeiter-Ver­trag kostete...

 ...niemand also könne ihm, Berger, zumuten, die Gedichte dieses...

liebe & symmetrie

(symmetrie?)

 

 

 

wenn

wenn

 

ihr einen

ihr einen

 

schweinebraten

schweinebraten

 

könnt gebrauchen

könnt gebrauchen

 

seht her

kommt her

 

ich bin's

ich will euch

 

 

einer sein

 

 ...dieses Menschen abzudrucken.

schön

mein kopf

 

 

so schön

mein kopf

wie ich

ist

ist keiner

bewundernswert

nein keiner

schön

nicht einer

 

ist schöner

besonders

als ich

der

 

linke

 

"'Trilogie der ausfransenden Symmetrie' - daß ich nicht lache", lachte Ober­­redakteur Berger höhnisch und meinte damit Gerhard Rats "Trilogie der ausfransenden Symmetrie", die hier im Text versteckt eingefügt ist. Und ob jeder hier in der Konferenz schon mal das Wort "Manierismus" gehört hätte? Und wenn ja, ob er dann auch wüßte, daß er - Berger - auf Manierismus - jedweden Manierismus gleich welcher Art - scheiße?

 

Wie Berger sagte, also geschah es. Keine Zeile von Gerhard wurde gedruckt. Keine. Kein Ruhm, kein nichts, nur Knast. Und im Knast hatte natürlich niemand etwas mit "Herr-Rat"-Komplimenten am Hut, auch nicht, als Gerhard volljährig wurde und schließlich erwachsen. So kam es, daß Gerhard Rat in eingeschränkter Umgebung seinen letztgültigen Spitznamen verpaßt bekam: "DIE RATTE".

Der "Rot-Blaue Stuhl" von Gerrit Rietveld

I ch muß gestehen, ich weiß nicht, wie gut man in der Kunstgeschichte bewandert sein muß, um Gerrit Rietveld und seinen Rot-Blauen Stuhl z...