14.2.21

Philosophie-Philosophen und Philosophen-Philosophen

Und siehe, es entzündete sich im Internet - wo sonst? - ein Streit um die Frage, ob es für einen Philosophen notwendig ist, Altgriechisch zu können. Ich aber, wahrlich ich sage euch: Es gibt zwei Arten von Philosophen, zum einen die Philosophen-Philosophen, zum anderen die Philosophie-Philosophen. Letztere denken sich irgendwelche Theorien über Gott und die Welt aus, erstere verwalten diese Theorien und legen sie aus. Es gibt, versteht sich, Überschneidungen zwischen den beiden Gruppen (Schnittmengen der beiden Teilmengen, damit hier auch mal ein bisserl 1 Wissenschaft reinkommt). Die Philosophen-Philosophen sind Diplom-Philosophen, Philosophen mit Diplom, mit Philosophen-Diplom (damit sie was Eigenes haben, wenn die Kinder aus dem Haus sind), die anderen sind nicht selten Amateure ohne solide einschlägige Ausbildung, Hobby-Philosophen also. Der Plato etwa, der nicht mal Abitur hatte oder der Linsenschleifer Spinoza oder der Jurist Karl Marx.

Ein Philosophie-Philosoph laßt einen Satz unter sich fallen, der Philosophen-Philosoph beschnüffelt das Fallengelassene, klassifiziert es und legt es aus. Dann kommt ein anderer Philosophen-Philosoph und bewertet die Aussage des ersten Philosophen als "richtig" oder "falsch". Ist der Philosophen-Philosoph 2 ranghöher als der Philosophen-Philosoph 1, muß letzterer zur Strafe noch ein Semester dranhängen, sind beide gleichrangig gibt es einen wunderschönen wissenschaftlichen Disput und der Nachmittag ist wieder mal auf angenehme Weise verbracht.

Was ich sagen will: Bin ich gezwungen, als Philosophie-Professor meinen Lebensunterhalt verdienen, weil ich sonst nichts gelernt habe, muß ich also junge Leute in die Geschichte der Philosophie von den Vorsokratikern bis... äh, Sloterdijk einführen, dann sind solide Kenntnisse des Altgriechischen sicherlich hilfreich. Mache ich mir dagegen Gedanken über die Beschaffenheit der Welt und die Rolle Gottes in ihr oder außer ihr, dann sind Griechischkenntnisse so was von wurscht, das glaubst du nicht. Der Philosophie-Philosoph will ja nachdenken und nicht Plato oder Aristoteles nach-denken. Plato und Aristoteles sind - man glaubt es kaum - auch nur Menschen gewesen, sie haben Vorschläge gemacht, wie und wohin man denken sollte, unverbindliche, zuweilen kluge Vorschläge. Schaumermal, wohin uns dieser Vorschlag führt.

Der einzig greifbare Vorzug, den Plato und Aristoteles vor den mehr oder weniger zeitgenössischen Philosophen haben ist der, daß sie bereits (länger) tot sind als ihre jüngeren Kollegen. Der Mensch nämlich, bedenkt auch dies wohl, ist ein Narr, er kniet umso andächtiger vor einem Denker, je länger dieser schon tot ist. Moses gilt als Großer Prophet, käme dagegen heute einer und berichtete von seiner jüngsten Wanderung durch den Bayerischen Wald, es sei ihm Gott in einem brennenden Dornbusch erschienen und habe ihm seinen wahren Namen verraten, so landete er in der Klapse.

Je länger etwas her ist, desto wahrscheinlicher ist es, daß es wohl schon irgendwie stimmen würde. Wie gesagt, der Mensch ist ein Narr.

11.2.21

Die liberalen Tierschutzgesetze der Nazis

Wenn dir früher nicht ganz wohl war, hast du zu einem Buch gegriffen, meist war es dieses: "Was die Omama rät - Handbuch der medizinischen Hausmittel". Wenn du was Unrechtes eingenommen hast, dann wurde dir dort als Brechmittel Kupfervitriol (Kupfersulfat) empfohlen. Der Opapa, der sich öfter im Internet rumtreibt, empfiehlt dir dagegen das österreichische Forum "Fisch und Fleisch". Lies einen Blogbeitrag und du wirst schpeim, kupfervitrioliger als nach jedem Kupfervitriol [1].

Da mußte man lesen: "Unter Nazideutschland wurde erstmals darüber nachgedacht, dass Tiere einen gewissen Respekt verdienen. Man erließ Tierschutzgesetze die teils rigoroser als heutige sind."

Du hockst da und denkst dir irgendwelche Satiren aus. Und dann kommen auf "Fisch und Fleisch" lallende Idioten unter ihrem Stein hervorgekrochen...

Aber klar, eines ist nicht zu leugnen: Dr. Josef Mengele, der Werksarzt des Ferienlagers Auschwitz-Birkenau, ist seinerzeit völlig vom Konzept barbarischer Tierversuche abgekommen.

"auch unser waffengesetz kommt aus der ecke. davor war es deutlich liberaler und all diese witzigen verschärfungen der braunen sind dinge denen heute die postmoderne linke zustimmt. (...) ich glaube dass sehr viele die heute grüne und rote ansichten haben damals vieles (nicht alles, aber vieles) der braunen abgenickt hätten."

Das mit den strengen Waffengesetzen der Nazis ist so eine Sache. Den Abschnitt aus der Wikipedia über das deutsche Waffenrecht im Faschismus zitiere ich sinnvollerweise komplett. Nur so erschließt sich die Liberalität der Braunen:

"Direkt nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten im Jahr 1933 wurde die Waffengesetzgebung der Weimarer Republik genutzt um politische Gegner zu entwaffnen oder unter dem fadenscheinigen Grund, „Waffen zu suchen“, Razzien und Hausdurchsuchungen durchzuführen. Als rechtliche Grundlage wurde das Waffengesetz von 1928 genutzt, welches der Polizeibehörde das Recht zur Erteilung und dem Entzug der waffenrechtlichen Erlaubnis zubilligte. Beispielsweise verfügte der Polizeipräsident von Breslau am 21. April 1933, dass die Juden ihre Waffenscheine und Schützenbewilligungen sofort den Polizeibehörden übergeben müssen. Ein prominentes Beispiel hierfür ist Albert Einstein, dessen Sommerhaus in Caputh am Schwielowsee im Frühjahr 1933 durchsucht wurde. Auch Großrazzien wie am 4. April 1933 im Scheunenviertel in Berlin wurden durchgeführt. Nachdem die jüdische Bevölkerung als nicht vertrauenswürdig eingestuft wurde, wurden auch keine Waffenscheine an sie ausgestellt.

Im Jahr 1938 wurde das Waffenrecht im Waffengesetz vom 18. März 1938 (RGBl. I S. 265) von den Nationalsozialisten umfassend neu geregelt. Dieses Gesetz verfolgte das Ziel, Regimegegnern die Beschaffung von Waffen zu erschweren und andererseits die „Wehrhaftmachung des deutschen Volkes“ zu erleichtern. es lockerte die bisher bestehenden Vorschriften für Funktionäre der NSDAP und ihrer angeschlossenen Organisationen. Für diesen Personenkreis war gemäß den §§ 18 und 19 Waffengesetz kein Waffenschein mehr zum führen dienstlich gelieferter Schußwaffen erforderlich. Die Regelung begünstigte u. a. Unterführer der NSDAP ab Ortsgruppenleiter, der Sturmabteilung, der Schutzstaffel, des Nationalsozialistischen Kraftfahrkorps und auch der Hitlerjugend ab Bannführer aufwärts. Das Waffengesetz untersagte hingegen Zigeunern“den Waffenbesitz sowie allen Personen, denen die bürgerlichen Ehrenrechte aberkannt waren oder die unter Polizeiaufsicht standen. Im Gesetz direkt wurde Juden untersagt sich an der gewerblichen Herstellung von Schußwaffen und Munition zu beteiligen. eine Erwerbsscheinpflicht war nur noch für Faustfeuerwaffen vorgeschrieben, während Langwaffen und Munition grundsätzlich wieder frei erworben werden konnten.

Unmittelbar nach der „Reichskristallnacht“ wurde Juden durch die Verordnung gegen den Waffenbesitz der Juden vom 11. November 1938 (RGBl. I S. 1573) jeder Waffenbesitz verboten. Im zeitgenössischen Bericht des Apostolischen Nuntius Berlin an Eugenio Pacelli über die Novemberpogrome heißt es dazu: "Auch wurden den Juden alle Waffen weggenommen; und obwohl der Zweck ein ganz anderer war, war das doch gut, denn die Versuchung zum Selbstmord muss bei manchen groß gewesen sein."

Die Repressalien gegen die Juden in den nationalsozialistischen Waffengesetzen nutzt die National Rifle Association und ihr nahe stehender Autor Stephen Halbrook als Argumentation gegen Verschärfungen des Waffenrechts. Waffenkontrolle wird dabei mit Nationalsozialismus gleichgesetzt; Personen die für Waffenkontrolle eintreten werden als Sympathisanten des Nationalsozialismus diffamiert."

 



[1]   Freilich, wenn du Pech hast, dann führt dich der Zufall auf einen der wenigen erleuchteten Blogbeiträge, so wie dieser einer ist.

Ein Lobgesang auf Walter Ulbricht

Eine uralte Weisheit dänischer Kapitalisten besagt: "Øre wem Øre gebyhrt". [1] Bei Gelegenheit der Erwähnung dieser urkapitalistischen Weisheit möchte ich anmerken, daß ich meine relativ gute Ausbildung dem Genossen Walter Ulbricht verdanke.

Nein, ich bin nicht in der DDR aufgewachsen. Es verhielt sich vielmehr so:

In der alten Bundesrepublik begann im Laufe der sechziger Jahre eine ganz erstaunliche Bildungsoffensive, neue Universitäten wurden gebaut, bestehende Unis ausgebaut, vergleichsweise großzügige Stipendien  wurden eingerichtet. Das Bundesausbildungsförderungsgesetz [2] (BAföG) ersetzte das "Honnefer Modell", oft auch "Honnef" genannt. Hatte man begriffen, daß für eine funktionierende Demokratie gebildete Staatsbürger notwendig sind? Natürlich nicht.

In den fünfziger Jahren hat Konrad Adenauer einmal gesagt, er sehe nicht ein, warum die Bundesrepublik Deutschland viel Geld in Universitäten investieren solle, solange es die Technische Hochschule Dresden gebe. Verdammt gut ausgebildete Chemiker, Ingenieure, Facharbeiter etc. pp. aus der DDR machten rüber und wurden mit offenen Armen aufgenommen. Und dann war auf einmal die Grenze dicht. Die einst überreichlich sprudelnde Quelle wurde zum Rinnsal, auf das man keine Ökonomie mehr bauen konnte. Nun mußte man auf einmal selbst für gut ausgebildeten Nachwuchs sorgen...

Danke, Walter, für die Mauer.

Womöglich war auch Walter Ulbricht ein Teil von jener Kraft, die oft [3] das Böse will und stets das Gute schafft.



[1]   Die einzige andere dänische Weisheit, an die ich mich erinnere ist "Smørrebrød, Smørrebrød, røm pøm pøm pøm"

[2]   Es sind Wörter wie diese, welche deutschlernende Ausländerinnen gelegentlich verzweifeln lassen.

[3]   "Stets", wie der Altmeister meinte, erscheint mir in diesem Zusammenhang etwas übertrieben.

10.2.21

Ein echtes Wienerl geht nicht unter

Vom Echten Wiener® geht das Gerücht, er gehe nicht unter. Gleiches gilt angeblich auch für dem Wiener seine Frau, der Echten Wienerin®. Es soll sogar eine Fernsehserie über das Phänomen gegeben haben, die sogenannte Sackbauer-Saga.

Die Legende von der Unsinkbarkeit haftete seinerzeit auch an der "Titanic", ehe sie - wenige Wochen nach der Geburt meines Vaters - im Nordatlantik unterging. Man sollte also dem Spruch von der Nichtuntergehbarkeit des Echten Wieners® einem strengen naturwissenschaftlichen Test unterziehen.

Nun habe ich in meinem Haushalt weder eine echte Wienerin noch auch nur einen echten Wiener, wohl aber deren gemeinsames Kind, das Wienerl. Und damit werde ich jetzt die oben genannte These beweisen oder widerlegen.

Eine Anmerkung noch zum Begriff "Echter Dingenskirchner®": Es gibt kaum einen verschnarchteren Scheisendreck als eben diesen. Da ist jemand stolz darauf, irgendwo geboren worden zu sein und sich zeitlebens nicht und nicht verändern zu wollen.

Ich bin als Deutscher geboren, ich lebe als Deutscher und ich werde als Deutscher sterben. - Ja, aber haben Sie denn gar keinen Ehrgeiz?

1.2.21

Laß dir nicht den Arsch abputzen

"...lass dir nicht den Arsch abputzen.", so wurde ich ermahnt. Die Geschichte hinter der harschen Anmache traust du dir nicht auszudenken.

Da stellt ein Narr (im Folgenden Narr 1 genannt) einen Blogbeitrag ein, der auf einer Meldung fußt, die du nur an einer Stelle im Internet, sonst NIRGENDWO findest. ("Gefunden hast" müßte man sagen, denn der gerade ablaufende Sturm im Wasserglas hat inzwischen natürlich weitere Spuren im Netz erzeugt.)

Ich weise in einem relativ ausführlichen Kommentar auf diesen merk ‑ würdigen Umstand hin und ernte als Antwort den Kommentar eines anderen Narren (im Folgenden Narr 2): "Gestern Abend habe ich die Meldung auch in deutscher Sprache gelesen." Das ist der gesamte Kommentar, mehr kommt nicht. - Ich hake nach: "Und? Wo?" - Und Narr 2 läßt mich ganz cool abtropfen: "Klar, ich suche dir das auch raus. Bemühe dich selbst und lass dir nicht den Arsch abputzen." Er behauptet also etwas und weigert sich mit Nachdruck, diese Behauptung zu belegen. "Die Sache, Alda, geht so: "ICH sag, die Erde ist eine Kugel und DEINE Sache ist es, zu beweisen, daß ich recht habe." Dieser Argumentationsfigur bin ich hier, in diesem erlesenen Forum der Weisen, schon mal begegnet. Damals war die Antwort in etwa so: "Du bist doch so schlau, deine Spezialität ist die Suche nach einer Begründung."

So kackendreist sind normalerweise nur Theologen und andere Aluhutträger: Das ist, als würde... warte mal, daß ich's richtig auf die Reihe kriege: Das ist, als würde jemand behaupten, in der Bibel stünde das von Gott direkt inspirierte Wort Gottes. Auf die Frage, woher diese Person das denn wisse, bekommst du von ihr die Antwort, das stehe so in der Bibel drin. Eine noch zu belegende Aussage dienst als Beweis dafür, daß die Aussage wahr ist. Einer meiner Lieblingswitze geht so: "Ein frommer Jude aus Berditschew behauptete, sein Rabbi sei so heilig, daß der Liebe Gott persönlich zu ihm zum Kartenspielen komme. "Woher weißt du das?" frägt man ihn. "Der Rabbi hat es mir selber gesagt." - "Vielleicht hat er gelogen?" - "Gelogen? Glaubst du, der Allmächtige würde mit einem Lügner Karten spielen?"

Ein Kreis ist ein Kreis ist ein Kreis.

Damit ich's nicht vergesse: An dieser Stelle der Geschichte taucht Narr 1 wieder aus dem Gebüsch auf und schiebt triumphierend einen neuen Beweis auf's Spielfeld: "@Tourix natürlich hier (um neue gute Taten ergänzt) https://invalidenturm.eu/2021/01/sleepy-joe-eine-gute-wahl/"

Er nimmt also seinen ersten, dubiosen Link, übersetzt ihn aus dem Englischen ins Deutsche und präsentiert diese Übersetzung als neue Information, welche die erste Information angeblich stützt.

Der "Rot-Blaue Stuhl" von Gerrit Rietveld

I ch muß gestehen, ich weiß nicht, wie gut man in der Kunstgeschichte bewandert sein muß, um Gerrit Rietveld und seinen Rot-Blauen Stuhl z...