18.10.11

Pauschal

Ein Hinweis, der sich pauschal an alle richtet:
Wenn in einer Argumentation, gleich welcher Art und politischer oder philosophischer Ausrichtung das Wort "pauschal" auftaucht (vor allem im Zusammenhang mit "Verunglimpfung", "Verurteilung" oder deren Synonymen), so nimm dies als einen fetten Hinweis darauf, daß der Argumentierende ratlos ist. Irgendwie ist ihm die zu kritisierende Meinung zuwider, aber er weiß eigentlich nicht so recht, wie er dagegen argumentieren soll.
Das glaubst du nicht, das scheint dir zu pauschal? Dann achte mal drauf, wenn dir das nächste Mal das Wort "pauschal" in einer Argumentation unterkommt.

17.10.11

Herr Nachbar, willkommen auf meinem Computer

Es kann natürlich sein, daß ich wieder mal nichts vom Wesen der Dinge verstehe und deshalb Probleme sehe, wo keine sind. Vielleicht. Aber vielleicht kann mir einer, der was von der Sache versteht, mit seiner Sachkenntnis weiterhelfen.
Die Sache, das ist der Bundestrojaner. Nein, mir geht es nicht drum, noch eine weitere Diskussion zu eröffnen über die Frage, ob die Polizei oder sonstige Behörden das Recht haben, auf elektronischem Wege in die Computer Verdächtiger einzudringen und wenn ja, wie weit sie dabei gehen dürfen.

Im Radio habe ich gehört, das Trojanerprogramm, das die bayerischen Behörden verwendet haben, sei von der hessischen Software-Firma Digitask an die Bayern verkauft worden. Das heißt, diese private Firma hat das Programm entwickelt, ob nun auf eigene Initiative oder im gezielten staatlichen Auftrag.
Und da ist das Programm nun. In Privatbesitz. Unkontrolliert, da unkontrollierbar. Der Chef der Firma hat Zugang zu diesem Programm, sein Prokurist, die beteiligten Programmierer. Natürlich, ganz selbstverständlich dürfen sie das Programm nicht mit nachhause nehmen, um es dort auf ihrem privaten Computer zu installieren. Aber, natürlich, ganz selbstverständlich, können sie dies.
Die Lebenserfahrung lehrt uns, daß Dinge, die gemacht werden können, weil sie nicht gegen die Naturgesetze verstoßen, irgendwann von irgendwem auch gemacht werden, früher oder später. Meistens früher und ab da ziemlich oft.
Von Libyen (oder war's Ägypten?) her wissen wir, daß an die frühere dortige Regierung Spionageprogramme verkauft worden sind, ich glaube, von einer deutschen Firma. Dort sind sie nun. Und - eine Firma lebt vom Verkauf ihrer Produkte - wahrscheinlich auch in Tansania, Indien, Rußland oder Österreich. Das sind die legalen Verkäufe.
Illegale Geschäfte sind möglich und, da sie möglich sind, werden sie auch getätigt, ständig, weltweit und in riesigem Umfang. Wer immer also ein gesteigertes Interesse daran hat, seinen Nachbarn oder Konkurrenten oder wie auszuspionieren kann sich, so er bereit und in der Lage ist, eine Stange Geld anzulegen, diesen Spaß gönnen.

Gehe ich recht in der Annahme, daß die paar Überwachungen Verdächtiger durch deutsche Behörden im Vergleich dazu ein Muckenschiß sind?

16.10.11

Mein Gott, muß das sein?

Ich will jetzt gar nichts gegen Gott im allgemeinen sagen, ich bin zwar Atheist aber nicht nachtragend. (Er hoffentlich auch nicht.)

Aber manchmal... Manchmal ist Gott wirklich kleinlich; und nicht nur das, sein Humor ist auch manchmal sehr... ich sag mal: von kindlichem Gemüt.
Da haben die Biermösl Blosn ein halbes Leben lang gegen die CSU im allgemeinen und Stoiber im besonderen gesungen und sich damit manch Verdienst erworben.
Und was macht Gott, der Witzbold? Gott läßt den Ältesten der Well-Brüder, Hans Well, im Laufe der Jahre immer mehr wie den Stoiber Edmund ausschauen.
 Herrgott noch mal, seriös ist das nicht.

14.10.11

Zonenmensch

Der Franze hat gsagt, der Zonenmensch wär voller Vorurteile. Deswegen, sagt er, kann er den Zonenmenschen nicht ausstehen.

11.10.11

Meisterwerke aussortiert

Über Original, Kopie und Schönheit
In den neunziger Jahren hatte ein gewisser Ely Sakhai ein interessantes Geschäftsmodell entwickelt. Er verschaffte einer kleinen, handverlesenen Schar von Kunstfreunden ein exquisites ästhetisches Vergnügen bereitete, ein Vergnügen, das diese Kunstfreunde allerdings mit einem herben finanziellen Verlust bezahlen mußten.
Sakhai kaufte Meisterwerke der klassischen Moderne, die durch Echtheitszertifikate als Originale beglaubigt waren. Anschließend ließ er von diesen echten Werken jeweils eine hervorragende Kopie anfertigen und verkaufte diese Kopie als echtes Bild an Kunstsammler - das originale Echtheitszertifikat hatte er ja. Die Kopien waren damit zu Fälschungen geworden. Das echte Gemälde verkaufte er bei nächstpassender Gelegenheit wieder weiter. Die Masche funktionierte mindestens ein Dutzend mal, ehe Sakhai im Jahr 2000 aufflog: Ein von ihm weiterverkauftes Original und eine seiner Fälschungen wurden gleichzeitig bei zwei Auktionen in London und New York angeboten.
Diese Art von Betrug - nämlich das Fälschen tatsächlich existierender Werke bekannter Künstler - funktioniert natürlich nur bei den weniger bekannten Werken der großen Meister, bzw. bei Werken weniger bekannter Künstler. Die berühmtesten Werke der ganz großen Meister kann man nicht als Fälschung anbieten. Auch ein wenig sachkundiger Sammler wird sich nicht die "Mona Lisa" oder das "Nachtcafé" von Van Gogh andrehen lassen, weiß er doch, wo die jeweiligen Originale hängen.

Eine ganz andere Art von Betrug im Kunstgeschäft ist die Stilfälschung. Das heißt jemand fertigt ein völlig neues Bild an, das so aussieht - und auch so verkauft wird - als ob es ein bislang nicht bekanntes Bild eines sehr bekannten Künstlers wäre.
Gerard Vaughan, Direktor der Natio­nal­ga­le­rie des südaustralischen Bundesstaates Victo­ria, mußte 2006 in dieser Hinsicht eine böse Erfahrung machen.
1940 hatte die Nationalgalerie in Melbourne das Gemälde "Kopf eines Mannes" von Vin­cent Van Gogh erworben. Es war eine gute Inve­sti­ti­on, über 65 Jahre lang haben Mil­li­o­nen von Kunst­freunden das Gemälde be­wun­dert, es war das Pracht­stück des Museums. Der "Kopf eines Mannes" hat heute einen Schätz­wert von 15 bis 20 Millionen Dollar - das heißt: hatte.
Denn im Sommer 2006 lieh die Galerie das Gemälde an ein Museum in London aus. Dort untersuchten Kunst­sach­verständige von "Art Watch UK" das Gemälde und fanden "zahlreiche Hin­­weise, dass es sich um ein übermaltes Werk han­dele. Das Bild sehe Gemälden des Nie­der­län­ders nur ähnlich." Bitterer Kommentar von Vaughan: "Wenn es ein falscher Van Gogh ist (...) verliert dieses Stück Leinwand all seinen Wert."
Inzwischen ist der Fall entschieden. Auf der Website des Van-Gogh-Museums in Amsterdam (www.vggallery.com) wird das Bild zwar noch aufgelistet, allerdings mit dem lakonischen Zusatz: "Note: No longer attributed to Vincent van Gogh. Artist unknown".

Nun sind Fälschungen keine Randerscheinungen des Kunstbetriebs, die halt immer mal wieder passieren. Eher könnte man sagen, Fälschungen bildeten das Kerngeschäft des Kunsthandels.
Die Kunsthistorikerin Fiona Seidler schreibt auf der Website Artfiler.de: "Im Durchschnitt ist jedes zweite am Markt angebotene Werk eine Fälschung. Zu dieser Erkenntnis kommen Fachleute von internationalem Rang: Hans. A. Lüthi, ehemals Leiter des Schweizerischen Instituts für Kunstwissenschaft, oder Thomas Hoving, früher Direktor des New Yorker Metropolitan Museums, schätzen beispielsweise, dass zwischen 40 und 60 Prozent des am Markt kursierenden Kunstgutes falsch seien. Christian Herchenröder, Marktbeobachter des Handelsblattes, rechnet hoch, dass auf jede entdeckte Fälschung neun weitere kommen."
Sachkundig gemachte Fälschungen sind nämlich schwer zu entdecken und manchmal... ja manchmal weigert sich die Fachwelt auch schlicht, eine Fälschung als Fälschung zu erkennen.
Der Holländer Han van Meegeren hatte während der deutschen Besatzung im Zweiten Weltkrieg das Bild "Christus und die Ehebrecherin" von Jan Vermeer van Delft für einen ziemlich hohen Preis an Reichsmarschall Hermann Göring verkauft. Nach dem Krieg, bereits Ende Mai 1945, wurde Van Meegeren als Kollaborateur und Veräußerer nationalen Kulturgutes der Niederlande an den Feind verhaftet. Ihm drohte eine langjährige Zuchthausstrafe und so gestand er ziemlich bald, daß er diesen und weitere Vermeers gefälscht habe. Man hielt dieses Geständnis für eine allzu durchsichtige Schutzbehauptung und glaubte ihm nicht. So also mußte Van Heegeren in der Untersuchungshaft innerhalb von drei Monaten einen weiteren Vermeer malen, "Jesus unter den Schriftgelehrten".
Das Gericht setzte darüber hinaus eine siebenköpfige internationale Kommission ein, welche zwei Jahre lang die Vermeer- und Frans-Hals-Bilder, die Han van Meegeren als seine Fälschungen benannt hatte, nach allen Regeln der Kunst und Wissenschaft untersuchte, um abzuklären, ob die Gemälde zeitgenössische Fälschungen sind. Mikrochemische Untersuchungen ergaben schließlich, daß die verwendeten Farben mindestens zwei Substanzen enthielten, die eindeutig erst im 20. Jahrhundert hergestellt wurden. Dennoch blieben die Untersuchungsergebnisse noch lange Zeit umstritten, ehe neuere Untersuchungstechniken sie 1967 bestätigten.

Die Nationalgalerie von Melbourne und Hermann Göring sind betrogen worden und wenn sie darüber empört sind, wird man ihnen die Bitternis gut nachfühlen können ([1]), denn sie haben einen herben betriebswirtschaftlichen Verlust er­lit­ten. Sie hatten für viel Geld einen geldwerten Gegenstand erwor­ben, der nun nach seiner Enttarnung als Fälschung nahezu wertlos geworden ist.
Nun sind aber Kunstsammler und Museumsdirektoren nicht nur Kaufleute und Geldverwalter, sie sind auch und vor allem - worauf viele von ihnen großen Wert legen - Kunstfreunde. Und für einen Kunstfreund, der sich an der Schönheit und gelungenen Gestaltung von Kunstwerken erfreut, hat sich durch die Entlarvung eines falschen Picasso, eines falschen Van Gogh eigentlich nichts geändert. Das schöne Bild ist immer noch das gleiche schöne Bild wie zuvor, nichts hat sich dran verändert. War es zuvor schön, ist es das jetzt immer noch. War es zuvor ein Meisterwerk, so ist es das immer noch. Kein Pinselstrich hat sich verändert.
Zwar ist im Falle des "Kopf eines Mannes" ein Gemälde von Van Gogh aus der Liste seiner Werke verschwunden, andererseits ist das meisterhafte Bild eines noch unbekannten Künstlers in der internationalen Kunstwelt erschienen. Der Kunstmarkt hat ein wertvolles Handelsobjekt verloren, der Kunstwelt ist ein wunderbares Bild Werk erhalten geblieben; offenbar ein Meisterwerk, da es ansonsten nicht 65 Jahre lang als Van Gogh durchgegangen wäre.
Und: Nicht ein Kunstexperte hat aufgrund seines Sachverstandes den falschen Van Gogh entlarvt. Niemand ist aufgestanden und hat sein geschultes ästhetisches Empfinden ins Spiel gebracht: "Das kann kein Van Gogh sein, dem Bild fehlt die Faszination der Bilder des großen Niederländers." Es blieb der Naturwissenschaft vorbehalten, das Bild als Fälschung zu entlarven.
Ja klar, wenn die Fälschung oder falsche Zuschreibung einmal enttarnt ist, dann kommen die Experten daher und behaupten, es im Grunde immer schon gewußt zu haben.

Was der Louvre in Paris für Frankreich ist, das ist der Prado in Madrid für Spanien. Und was die Mona Lisa für den Louvre ist, das ist "Der Koloß" von Francisco Goya für den Prado. "Der Koloß" gilt als das Meisterwerk Goyas, der uns so viele andere Meisterwerke hinterlassen hat. Das Bild ist das Schmuckstück des Prado und es zählt zu einem der am meisten von der Fachliteratur behandelten Gemälde.
Alles Vergangenheit, dies. Denn, wie es im Leben manchmal so geht: Vor einiger Zeit entdeckte man in einer Ecke des Bildes ein verstecktes Kürzel, das von den Experten als die Initialen "AJ" identifizierten. Das Bild ist inzwischen 200 Jahre alt und der Laie frägt sich natürlich, wieso diese Entdeckung in einem Bild, das schon Legionen von Experten sehr, sehr genau untersucht haben, nicht schon längst gemacht worden ist.
Wie auch immer:
Das Kürzel "AJ" deutet nicht auf Fran­cis­co Goya hin, das wurde selbst den Ex­per­ten klar, sondern vielmehr auf Asen­sio Juliá, einen Schüler Goyas, der - klar - auch in Goyas Werkstatt ge­ar­bei­tet hat.
Und nun gingen den Experten die Augen auf: Das Prado-Museum veröffentlichte ein Gutachten, das ein Team von Experten verfaßt hatte, welche den "Koloß" mehre Monate lang untersucht hatten. Das Werk passe nicht zum Stil Goyas, hieß es dort und: "Es gibt markante Unterschiede zwischen dem "Koloss" und den Meister­wer­ken Goyas, deren Urheberschaft doku­men­tiert ist. (...) Bei richtigem Licht be­­trach­tet wird deut­lich, dass die dürf­ti­ge Tech­nik, das Licht und die Farbtöne nicht dem Niveau Goyas entsprechen." Die Gutachter hoben ferner hervor, dass das Gemälde perspektivische Fehler aufweise, die einem Perfektionisten wie Goya niemals unterlaufen wären.
Das sind starke Worte, kühne Worte. Dem großen Meisterwerk Goyas, das zu den bedeutendsten Meisterwerken der Malerei gezählt wurde, wird nun auf einmal "dürftige Technik" nachgewiesen, man findet jetzt plötzlich Fehler in der Perspektive, die einem Perfektionisten wie Goya niemals unterlaufen wären. Waren die Leute vorher alle blind?
Als Van Meegeren bewiesen hatte, daß die Bilder (Motiv, Bildkomposition und Details) von ihm waren, war der ganze Zauber aus den Bildern raus. Nix mehr von wegen der großartige Vermeer usw. sondern nur noch - Kujau. Als der "Koloß" nicht länger Goya zugeschrieben wurde, hatte das Bild plötzlich handwerkliche Mängel, wie sie angeblich einem Maler von minderem Rang passieren.
Dabei hatten die Bilder selbst sich in der Zwischenzeit überhaupt nicht verändert. Was nichts anderes heißt, als daß bei der Bewertung von Kunstwerken durch Betrachter, Schöngeister oder Experten das Kunstwerk selber nur ein Faktor ist und offensichtlich noch nicht mal der entscheidende. Entscheidender ist das Drumherum, das Gewese, Getue, die Legende. Etwas, das im Kopf des Betrachters vorhanden ist und seine Empfindung mehr lenkt als das Werk selbst.


[1]  Gut, bei Hermann Göring dürfte sich die Betrübnis über den Betrug in Grenzen gehalten haben, er war damals bereits Gefangener der Alliierten und hatte andere Sorgen. Er wurde später zum Tode verurteilt und beging noch vor der Hinrichtung Selbstmord.

9.10.11

Kritik des Dichters anhand seines Hauses

Die Fotografin Lillian Birnbaum hat über etliche Jahre hinweg immer mal wieder den Schriftsteller Peter Handke in dessen Haus in der Nähe von Paris besucht. Bei diesen Gelegenheiten hat sie - so sind's, die Fotografen - viele Bilder von Handkes Haus gemacht.
Jetzt hat sie einen Bildband über Handkes Haus herausgebracht, "Peter Handke. Portrait des Dichters in seiner Abwesenheit". In der Wochenzeitung "DER FREITAG" hat Alexander Schimmelbusch, selber Schriftsteller und 36 Jahre alt, eine Kritik des... nein, nicht des Buches sondern des Hauses von Peter Handke geschrieben
Peter Handke lebt, so erfährt man, in einem verfallenen Häuschen zwischen einer Bahnlinie und einer Landstraße an der Pariser Peripherie. Sobald die Dämmerung über die Vorstadt fällt, huscht Handke in die nahen Wälder, auf der Suche nach Pilzen, Nüssen, Eicheln, Ästen, Federn, Schwämmen, Moosen und Flechten, die er in großen Mengen zusammenklaubt, um sie in seinem Haus zu horten.
Die Fotografien im Buch offenbaren (...) eine beklemmende Verwahrlosung, als sei der Komposthaufen auf einer Woge aus Weltschmerz in die Wohnräume hinein geschwappt. Seit Jahren schon hat nach Schimmelbuschs scharfsinniger Analyse der Dichter nicht mehr zum Scheuerlappen gegriffen. Nirgends im Haus ist ein Abfalleimer zu sehen, das Haus selbst ist der Abfalleimer. Es sieht aus wie bei einem auf sich selbst gestellten Pensionär, dessen Rente zum Erwerb herkömmlicher Lebensmittel nicht ausreicht, sodass er zum Überleben auf öffentliche Waldflächen angewiesen ist. Auf staubigen Tischplatten drängen sich Schalen mit Nüssen und Pilzen und Schnecken und diversen Nachtschattengewächsen in unterschiedlichen Stadien der Verwesung. Eines ist ihm sicher: kein Besen hat Handkes Hexenhäuschen in den letzten Jahren von innen gesehen.
Ich habe mir einige der Bilder aus diesem Buch, soweit sie im Internet zugänglich sind, genauer angeschaut.

Dies vorab: Ich bin kein Fan von Peter Handke, genau genommen könnte man sogar sagen, daß ich ihn nicht mag. Wahrscheinlich liegt das daran, daß ich so gut wie nichts von ihm gelesen habe. Und das kam so: Als er damals, 1966, mit seinem Stück "Publikumsbeschimpfung" groß herauskam, war er öfter mal im Fernsehen, lange Haare, sensibles Gesicht und sanfte Sprache.
 Nun ist es so, daß mich damals Sensiblinge mit sanfter Sprechweise ziemlich aggressiv gemacht haben (heute bin ich da deutlich milder in meinem Urteil). Ich mochte ihn halt nicht. Punkt. Gelegenheiten, ihn, das heißt sein Werk, später kennenzulernen habe ich nicht genutzt.
Das ist natürlich pures Ressentiment und sagt viel über mich und letztlich gar nichts über Peter Handke aus. Erwähnt habe ich das nur deshalb, damit klar ist, daß ich kein Handke-Verehrer bin. Imponiert hat mir allerdings, daß er damals, als aus deutschen Supermärkten die Serbische Bohnensuppe verschwand und als Bohnensuppe nach Balkan-Art (so etwa bei Aldi) gehandelt wurde... daß er also damals die serbische Sicht der höchst unerfreulichen Dinge einem verhetzten Publikum zu erklären versuchte.
Soweit das.

Als ich den Artikel von Alexander Schimmelbusch zum ersten Mal gelesen hatte, war mir klar, daß er nicht ernst gemeint sein konnte. Eine völlig abseitige Vorstellung, die Kritik an einem Künstler am Zustand seiner Wohnung festzumachen. Wer hätte dergleichen bei einem Saufkopf wie Charles Bukowski unternommen? Ganz klar, das ist Satire. Wenn aber Satire, wogegen richtet sie sich und vor allem, wo ist der Witz? Also doch ernstgemeint.
Handke sollte ausreichend verdient haben, sich eine anständige Behausung zu leisten. Wenn er jetzt in einem verfallenen Haus, zwischen Bahndamm und Landstraße lebt, in der Dämmerung durch die Wälder schleicht, dort Pilze und Nüsse zu sammeln, von denen er sich nährt, dann kann das nur heißen, daß Handkes psychischer Zustand nicht sehr stabil ist, gelinde gesagt. Ich war schon etwas erschüttert, zu erfahren, daß aus Handke inzwischen ein wirrer alter Mann geworden ist. Die Beschreibung von Schimmelbusch hatte ich nämlich so genommen, wie er sie hingeschrieben hat (ich bin manchmal ziemlich einfältig, ich weiß), der Artikel enthält ja nur ein einziges, noch dazu kleines, schlecht auflösendes Bild.

Dann aber schaue ich mir das Bild etwas genauer an und ich sehe einen Tisch mit weißer Tischdecke. Trotz des Umstands, daß der Hausherr gerade mit seinen "ledrigen Literatenhänden" an Pilzen rummacht ist der Tisch bemerkenswert sauber. Ein verkommener Haushalt sieht anders aus, denke ich mir. (Und ein 69jähriger darf schon mal ledrige Hände haben.)
Jetzt wollte ich es wissen und ich habe im Netz nach Bildern aus diesem Buch gesucht und habe dann den Text noch einmal gelesen.
"Verfallenes Haus", das hört sich nach Wind an, der durch Fensterritzen pfeift, nach Schimmel an den Wänden, undichtem Dach. Und dann sehe ich das verfallene Haus

und denke bei mir "Mein Gott, was für ein wunderschönes Haus, ein Traumhaus." Ich sehe den Garten
und bin hin und weg. Was für ein gemütliches Fleckchen. Auf den ersten Blick ein wenig schlampig, sieht man genauer hin merkt man, daß der Garten durchaus mit Liebe und Sachkunde gepflegt ist.
 
Und dann die beklemmend verwahrloste Wohnung, "als sei der Komposthaufen auf einer Woge aus Weltschmerz in die Wohnräume hinein geschwappt."

Mir ist schon klar, daß Handke mit dieser Anordnung nicht den Ehrenpreis der Zeitschrift "schöner wohnen" bekommen wird. Ich habe dergleichen Unordnung schon oft gesehen (und verursacht!) und mir geht das Herz auf, wenn ich dergleichen sehe. Dinge, die man mag, will man sehen, man versteckt sie nicht in Schränken; Bücher, man immer wieder braucht, verräumt man nicht in Regale. 
Bleibt zum Schluß die Sache mit Besen, Scheuerlappen und Abfalleimer, Dinge, an welche die ordentliche deutsche Hausfrau - gleich welchen Geschlechts - höchste Maßstäbe anlegt.
Ich weiß nicht, wie es bei Schimmelbusch ist, in den meisten Haushalten dürfte der Abfalleimer dezent versteckt unter der Küchenspüle stehen. "...eines ist sicher: kein Besen hat Handkes Hexenhäuschen in den letzten Jahren von innen gesehen.
Nun schaue man sich mal das Bild mit den Bücherstapeln nochmal an: Auf der braunlackierten Ablage links im Bild ist keinerlei Spur von Staub zu sehen. Läge dort Staub, dann hätte die horizontale Fläche eine deutlich mattere Farbe als die vertikale. Auch auf dem Teppich sind keine Staubflöckchen zu sehen und es wären welche zu sehen, wenn dort eine Woche oder gar 14 Tage nicht mehr gesaugt oder gekehrt worden wäre. Staub neigt zur Flöckchenbildung und diese lagern sich in einem bewohnten Raum vor allem an den Rändern und Ecken ab.
Und hier:
Ich erwähne nur kurz das Schäufelchen an der Eingangsstiege, das auf säubernde Hände schließen läßt und lenke die Aufmerksamkeit auf das kleine Stück Fliesen am Eingang. Und? Sieht hier einer Dreck?
Ich lebe selber auf dem Land, und weiß, wovon ich rede. Wenn du jetzt im Herbst, wo es oft regnet, das Haus verläßt, dann patscht du unvermeidlicherweise in Dreck. Kommst du zurück ins Haus, dann schleppst du auch dann, wenn du dir gleich hinter der Haustür die Schuhe ausziehst, eine Menge Dreck ins Haus. Eines ist sicher: In einem Hexenhäuschen, das "in den letzten Jahren kein Besen von innen gesehen" hat, müßte der Eingangsbereich vor Schmutz nur so starren. Tatsächlich aber ist er blitzsauber.

Wenn ich mir das eben Geschriebene nochmal durchlese, dann stelle ich mit einiger Erbitterung fest, daß ich soeben eine Wohnungskritik geschrieben habe, in Form der Kritik einer Wohnungskritik eines Anderen. Ich hoffe, es passiert mir nie wieder, daß ich öffentlich die Wohnung eines anderen Menschen durchhechele.

Damit ich es nicht vergesse - Handke trägt wirres langes Haar, wirft ihm Schimmelbusch vor.
Mal abgesehen davon, daß zum einen das Haar gar nicht wirr ist, daß sich zum anderen bei den meisten Männern in Handkes Alter die Frage nach gefälliger Frisur längst von selbst in Wohlgefallen aufgelöst hat - was ist das für eine Zeit? Damals, als Schimmelbusch noch nicht mal angedacht war, hat meine Generation von den Eltern und Großeltern herbe und herbste Kritik an ihrer Haartracht hinnehmen müssen. Nach einer Weile hat sich das gelegt, jetzt wirst du von einem 35jährigen Schriftsteller (!) gescholten, wenn du nicht so schön und adrett gekämmt bist wie der Staubflöckchenkritiker des FREITAG:

6.10.11

Der Leingschwendner Sepp

Der Grieche.
Ja mei, der Grieche. Seit diesem... wie heißt er noch? Genau, Homer. Seit diesem Homer also spinnt doch der Grieche. Später haben sich die Römer die Griechen gekauft und seither spinnt der Römer. Und dann ham die Römer die Firma "Christliches Abendland GbR" gegründet und seither spinnt... Genau.

"Ihr seids alles Spinner", hat seinerzeit der Leingschwendner Sepp gerufen und hat dann in seinem Suff versucht, die Venus von Milo zu begatten. Sie ham ihn dann allerdings aus dem Lou Fre hinausgeschmissen und seither schimpft er gegen die Franzosen.
Mei, der Leingschwendner Sepp. Er weiß es halt nicht besser, hat es nie besser gewußt und wird es nie besser wissen.
"Ja, wenn das so ist", sagt der Franze, "wieso ist er dann nicht Bundeskanzler?"
Stimmt, wieso eigentlich nicht?

Der "Rot-Blaue Stuhl" von Gerrit Rietveld

I ch muß gestehen, ich weiß nicht, wie gut man in der Kunstgeschichte bewandert sein muß, um Gerrit Rietveld und seinen Rot-Blauen Stuhl z...