Ob Spurren gefährlich sind, frägst du? Weil du das mal irgendwo gelesen hast. Nun, ich kann dich beruhigen, der Spurr an sich ist ungefährlich, auch vor in Rudeln auftretenden Spurren brauchst du dich nicht zu fürchten.
Allerdings rate ich dir, dich vor den Weibchen in Acht zu nehmen, die sind nämlich sehr lästig und manchmal wirklich gefährlich, vor allem für Motorrad- und Autofahrer. Wenn du ein Schild siehst, auf dem vor Spurrinnen gewarnt wird, dann paß auf!
Und die Kinder erst, die süßen kleinen Spurrillen...
26.3.10
24.3.10
Männerdomäne Regietheater
Als im Usenet wieder mal über das Phänomen des Regietheaters diskutiert wurde, fiel einem der Diskutanten auf, daß es ganz überwiegend männliche Regisseure sind, die für ihr Regietheater bekannt sind. Erstaunlicherweise, so merkt er an, gebe es immer noch nur sehr "wenige Damen in der Riege, deutlich weniger als in der Politik, warum eigentlich?"
Ich habe eine Antwort zu finden versucht:
Stell dir eine Frau Regisseurin vor, zu der eine Schauspielerin kommt. "Hömma, Cora, ich bring das nicht, daß ich als Hexe splitterfaservöllignackt vor Macbeth und Publikum trete. Könnte man da nicht wenigstens einen Schleier..."
Ich könnte mir vorstellen, daß Frau Cora in dieser Situation nicht die nötige Sensibilität hat, die Bedürfnisse ihrer eigenen Schönen Seele rigoros gegen jene der Schauspielerin durchzusetzen. Ein männlicher Regisseur sagt hier vielleicht eher klärende und tröstende Worte: "Hör zu, ich sehe Shakespeares Hexen nackt, also gehst du gefälligst nackt raus auf die Bühne, du Schlampe."
Ich habe eine Antwort zu finden versucht:
Stell dir eine Frau Regisseurin vor, zu der eine Schauspielerin kommt. "Hömma, Cora, ich bring das nicht, daß ich als Hexe splitterfaservöllignackt vor Macbeth und Publikum trete. Könnte man da nicht wenigstens einen Schleier..."
Ich könnte mir vorstellen, daß Frau Cora in dieser Situation nicht die nötige Sensibilität hat, die Bedürfnisse ihrer eigenen Schönen Seele rigoros gegen jene der Schauspielerin durchzusetzen. Ein männlicher Regisseur sagt hier vielleicht eher klärende und tröstende Worte: "Hör zu, ich sehe Shakespeares Hexen nackt, also gehst du gefälligst nackt raus auf die Bühne, du Schlampe."
18.3.10
Mord ist Vertrauenssache
Woher soll ich jetzt wieder wissen, ob Sie gerade dabei sind, den perfekten Mord zu planen? Falls ja - sein kann's ja - so vergessen Sie den Badewannentrick gleich wieder (1). Gleiches gilt für exotische Gifte oder komplizierte Unfallszenarien. Ballern Sie ganz einfach dem Opfer eine Kugel in die Stirn und vertrauen Sie auf den herbeigerufenen Arzt, der den Totenschein ausstellt.
Okay, okay, Sie halten mich jetzt für verrückt und verweisen darauf, daß die Aufklärungsquote bei Mord bei über 90 % liegt. Ich aber, wahrlich ich sage euch, habe in der Süddeutschen Zeitung vom 17./18.02.1996 eine Notiz über einige Mordfälle in Meran gelesen:
In diesem Artikel heißt es unter anderem: "Jüngstes Mordopfer ist ein 58jähriger Bauer, der am Mittwochabend in seinem Bauernhof am Stadtrand von Meran tot gefunden wurde. Ein Arzt ging zunächst von einem Kreislaufkollaps aus, erst zwölf Stunden später entdeckten Verwandte des Opfers bei der Identifizierung das Einschußloch in der Stirn."
Das sollte man sich genüßlich auf der Zunge zergehen lassen. Da wird ein Arzt zu einer Leiche gerufen, bescheinigt einen Kreislaufkollaps und übersieht dabei ein Loch in der Stirn. Was nichts anderes heißt, als daß der Arzt sich die Leiche, deren Todesursache er bescheinigt, überhaupt nicht angesehen hat.
Nun kommt der Einwand mit dem Einzelfall den man nicht pauschalisieren sollte (3). Dem halte ich entgegen, daß vor vielen Jahren im "SPIEGEL" ein Artikel zu lesen war, über zum Teil ganz drastisch begangene, gewaltsame Todesfälle, die allesamt zunächst von einem Arzt als natürlicher Tod attestiert wurden. Ein "Herzschlag" erwies sich als Unfug, als beim Abtransport der Leiche mehrere Kugeln aus dem Verschiedenen fielen. Der angeblich natürlich Verstorbene war von Kugeln regelrecht durchsiebt worden.
Seid also zuversichtlich, wenn ihr abdrückt.
(1) Nein, den erkläre ich jetzt nicht, noch gebe ich einen Hinweis, wo man ihn sich erklären lassen kann.
(2) Ein Verdacht, der sich später bestätigt hat.
(3) Ein Tip unter uns Pastorentöchtern: Sollten Sie jemals in einer Argumentation das Wort "pauschal" oder eine seiner Ableitungen entdecken ("man könne das nicht so pauschal verurteilen", "das seien pauschale Vorwürfe" etc. pp.), so wisset, daß dieses Wort ein zuverlässiger Marker dafür ist, daß die in Rede stehende Argumentation weder Hand noch Fuß noch sonstwas hat.
Okay, okay, Sie halten mich jetzt für verrückt und verweisen darauf, daß die Aufklärungsquote bei Mord bei über 90 % liegt. Ich aber, wahrlich ich sage euch, habe in der Süddeutschen Zeitung vom 17./18.02.1996 eine Notiz über einige Mordfälle in Meran gelesen:
Neuer Mordfall in Meran
Polizei: Möglicherweise geht Serienkiller um. (2)
In diesem Artikel heißt es unter anderem: "Jüngstes Mordopfer ist ein 58jähriger Bauer, der am Mittwochabend in seinem Bauernhof am Stadtrand von Meran tot gefunden wurde. Ein Arzt ging zunächst von einem Kreislaufkollaps aus, erst zwölf Stunden später entdeckten Verwandte des Opfers bei der Identifizierung das Einschußloch in der Stirn."
Das sollte man sich genüßlich auf der Zunge zergehen lassen. Da wird ein Arzt zu einer Leiche gerufen, bescheinigt einen Kreislaufkollaps und übersieht dabei ein Loch in der Stirn. Was nichts anderes heißt, als daß der Arzt sich die Leiche, deren Todesursache er bescheinigt, überhaupt nicht angesehen hat.
Nun kommt der Einwand mit dem Einzelfall den man nicht pauschalisieren sollte (3). Dem halte ich entgegen, daß vor vielen Jahren im "SPIEGEL" ein Artikel zu lesen war, über zum Teil ganz drastisch begangene, gewaltsame Todesfälle, die allesamt zunächst von einem Arzt als natürlicher Tod attestiert wurden. Ein "Herzschlag" erwies sich als Unfug, als beim Abtransport der Leiche mehrere Kugeln aus dem Verschiedenen fielen. Der angeblich natürlich Verstorbene war von Kugeln regelrecht durchsiebt worden.
Seid also zuversichtlich, wenn ihr abdrückt.
(1) Nein, den erkläre ich jetzt nicht, noch gebe ich einen Hinweis, wo man ihn sich erklären lassen kann.
(2) Ein Verdacht, der sich später bestätigt hat.
(3) Ein Tip unter uns Pastorentöchtern: Sollten Sie jemals in einer Argumentation das Wort "pauschal" oder eine seiner Ableitungen entdecken ("man könne das nicht so pauschal verurteilen", "das seien pauschale Vorwürfe" etc. pp.), so wisset, daß dieses Wort ein zuverlässiger Marker dafür ist, daß die in Rede stehende Argumentation weder Hand noch Fuß noch sonstwas hat.
1.3.10
Der Kommissar und Oberinspektor Derrick
Die Fernsehserien "Der Kommissar" und "Derrick" gehören zu den erfolgreichsten Fernsehsendungen aus Deutschland überhaupt, aber wem sag ich das?
Als 1969 die ersten "Kommissar"-Folgen ausgestrahlt wurden, machten Kundige das Fernsehen darauf aufmerksam, daß es zwar in fast ganz Deutschland den Dienstrang "Kommissar" bei der Polizei gebe, nicht aber in Bayern (wo die Serie spielt). Dort heiße der Hauptkommissar nämlich Oberinspektor. Verdammt. Aber nicht mehr zu ändern, immerhin war inzwischen der Serientitel zum Begriff geworden.
Drehbuchautor Reinecker aber war lernwillig und -fähig. Als er fürs ZDF die Folgeserie "Derrick" konzipierte, war die Titelfigur Oberinspektor. Als dann Ende 1974 die erste "Derrick"-Folge ausgestrahlt wurde, hatte sich Bayern inzwischen an den restdeutschen Sprachgebrauch angepaßt und seine Inspektoren zu Kommissaren gemacht.
Ach.
Als 1969 die ersten "Kommissar"-Folgen ausgestrahlt wurden, machten Kundige das Fernsehen darauf aufmerksam, daß es zwar in fast ganz Deutschland den Dienstrang "Kommissar" bei der Polizei gebe, nicht aber in Bayern (wo die Serie spielt). Dort heiße der Hauptkommissar nämlich Oberinspektor. Verdammt. Aber nicht mehr zu ändern, immerhin war inzwischen der Serientitel zum Begriff geworden.
Drehbuchautor Reinecker aber war lernwillig und -fähig. Als er fürs ZDF die Folgeserie "Derrick" konzipierte, war die Titelfigur Oberinspektor. Als dann Ende 1974 die erste "Derrick"-Folge ausgestrahlt wurde, hatte sich Bayern inzwischen an den restdeutschen Sprachgebrauch angepaßt und seine Inspektoren zu Kommissaren gemacht.
Ach.
18.2.10
Nackt-Scanning bei der MPU
Vor kurzem ist der Verkehrsgerichtstag in Goslar zu Ende gegangen. Schon im Vorfeld hatten sich einige Experten aus der Politik zu Wort gemeldet und sich für die Rechte der MPU-Kandidaten stark gemacht.
Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) forderte etwa auf Bild.de mehr Transparenz bei der medizinisch-psychologischen Untersuchung von Verkehrssündern. Der verkehrspolitische Sprecher der FDP, Patrick Döring, meinte, Ton- oder Videoaufzeichnungen von diagnostischen Gesprächen sollten eigentlich selbstverständlich sein.
Das hört sich gut und bürgerfreundlich an: Nachprüfbare Transparenz statt geheimnisumwitterter Entscheidungen von Psycho-Halbgöttern. Seit etwa 20 Jahren bemühen sich freundliche Interessenvertreter darum, die Bedingungen für MPU-Kandidaten zu verbessern und haben mit den durchgesetzten Verbesserungen die Situation für die Betroffenen deutlich verschlechtert.
Man sollte sich klarmachen, daß bei einer MPU intime, gelegentlich sehr kitzlige Themen angesprochen werden. Bei der Alkoholfragestellung etwa geht es nicht nur darum, wann einer wieviel getrunken hat, sondern auch - und vor allem - warum! Und schon ist man bei Eheproblemen, Lebenskrisen und sonstigen delikaten Punkten in der Biographie. Um ein positives Gutachten zu bekommen, sollte der Kandidat tunlichst wahrheitsgemäß und offen auf diese Themen eingehen.
Bis in die späten achtziger, frühen neunziger Jahre hinein war es bei den Begutachtungsstellen üblich, zwar ausführliche Gespräche zu führen, sich bei den Gutachten dagegen mit knappen Charakteristiken zu begnügen. Die Gutachten bestanden zum Großteil aus vorgefertigten Textblöcken, die in etwa das Problem und seine Lösung skizzierten. Wenige Sätze nur bezogen sich ganz individuell auf den jeweiligen Kandidaten.
Das hatte niemand weiter gestört, solange - bis weit in die Achtzigerjahre hinein die Gutachten zum überwiegenden Teil positiv ausfielen. Als dann jedoch, vor allem wegen der enorm hohen Rückfallquoten bei positiv Begutachteten, die Untersuchungskriterien schärfer und die positiven Gutachten seltener wurden, begannen Anwälte, ADAC und andere Interessenvertreter der betroffenen Kraftfahrer, die Arbeit der MPU-Stellen zu kritisieren. Was man damit erreichen wollte (und will), waren (und sind) positive Gutachten: Laßt die Leute halt wieder fahren!
Was man jedoch sagte (denn man will ja "seriös" argumentieren) war: "Eure Kurzgutachten mit den vielen pauschalen Textbausteinen sind zu wenig nachvollziehbar. Schreibt bessere, d. h. ausführlichere Gutachten!"
Die Untersuchungsstellen reagierten auf den wachsenden Druck und bewerkstelligten in der Folgezeit mit sehr viel Aufwand eine Verbesserung, sprich: Verlängerung der Gutachten. Die Gutachten wurden deshalb nicht teurer, die Psychologen (es sind in der überwiegenden Mehrzahl freiberufliche Mitarbeiter, die pro Untersuchung bezahlt werden) bekamen für die nun aufwendigeren Gutachten auch nicht mehr Geld als früher für die Kurzgutachten. Das heißt, sie mußten jetzt notgedrungen an anderer Stelle mit ihrer Arbeitszeit haushalten.
Früher hatte sich der Psychologe die Kerninhalte des Gespräches per Hand notiert und diese Notizen dann in sein Gutachten eingebaut. Jetzt hat der MPU-Psychologe im Regelfall einen aufgeklappten Laptop vor sich stehen und hackt während des Gespräches mehr oder weniger virtuos auf die Tastatur ein, hält damit Fragen und Antworten fest.
Die Nervosität, die sich durch den Anblick des mitschreibenden Gegenübers in ein solches Gespräch einschleicht (und die fairerweise auch nie ganz verschwinden sollte, denn es ist kein freundlicher Kaffeeplausch), ist jetzt auf die Spitze getrieben. Wo ich sonst als Klient im Verlaufe des Gesprächs das Mitschreiben stellenweise fast ignorieren konnte, weil es im allgemeinen Gestenspiel des Psychologen unterging, bekomme ich nun durch die beständig klappernde Computertastatur im wahrsten Sinne des Wortes den aus Krimis bekannten Satz eingehämmert: Alles, was Sie hier sagen, kann später gegen Sie verwendet werden!
Im Untersuchungsgespräch einer MPU sitzt dem Psychologen, der in diesem Moment eine erhebliche Macht über seinen Gesprächspartner hat, ein teils verängstigter, teils aggressiv misstrauischer Klient gegenüber. Dieser Klient hat aber nur dann eine Chance, sein Ziel, ein positives Gutachten, zu erreichen, wenn er sich vom Psychologen trotz der einschüchternden Ausgangslage zu einem - wenigstens einigermaßen - offenen und vertrauensvollen Gespräch "verleiten" läßt.
Wer auch nur ein wenig von bewusster, kontrollierter Gesprächsführung versteht, weiß, dass es geradezu wahnwitzig ist, eine solch heikle und labile Gesprächssituation zusätzlich noch mit dieser klappernden Barriere zwischen den beiden Gesprächspartnern zu belasten. Der MPU-Psychologe weiß das natürlich auch, aber er hat keine Wahl mehr, will er von der Begutachtung leben können.
Die Gutachten machen jetzt zwar optisch sehr viel mehr her als früher, die Datenbasis, die ihnen zugrunde liegt, ist aber unzuverlässiger geworden.
Die Lobbyarbeit von ADAC & Co. hat aber noch andere, weitaus fatalere Konsequenzen. Früher galt für den Gutachter die Regel: Negative Gutachten müssen ausführlich sein, damit sie "anwaltsfest" sind. Positive Gutachten dagegen darfst du ruhig kürzer halten, denn jeder der Beteiligten ist mit ihnen zufrieden: Der Kandidat freut sich auf den Führerschein und die Behörde ist froh, einen nörgelnden Kunden weniger zu haben.
Dann aber sind schlaue Behördenleiter - angestachelt von ganz besonders schlauen Psychologen - drauf gekommen, dass die positiven Gutachten besonders umfangreich sein müssen, weil sie ja begründete Eignungszweifel widerlegen, also gegen die statistische Erwartung (der Rückfall ist wahrscheinlich) argumentieren.
Wer ein (ausführliches) negatives Gutachten bekommt, der muß dieses Gutachten nicht bei der Führerschein-Behörde abgeben. Der Antragsteller ist Auftraggeber des Gutachtens und er alleine entscheidet, was er mit diesem Gutachten anstellt. Das negative Gutachten bei der Behörde abzugeben bringt ihm keinerlei Vorteile. Das positive Gutachten dagegen muß er abgeben, will er den Führerschein wiederhaben. Gab er früher mit dem positiven Gutachten nur eine sehr vage Beschreibung seiner Lebensumstände und seiner (früheren) Alkoholverstrickung ins amtliche Archiv, so werden nun alle seine Angaben und die Schlüsse, die der Psychologe daraus gezogen hat in epischer Breite zur Kenntnis genommen und der Führerschein-Akte aufbewahrt.
Damit ist der Führerscheinbewerber wieder ein Stück gläserner geworden. Und: Früher spielte das positive Kurz-Gutachten eine nicht unbedeutende Rolle in Zweifelsfällen, an der Grenze zwischen negativ und positiv. "Ach, laß ihn doch fahren", sagte sich der MPU-Psychologe, "da freut er sich. Er ist eh ein vom Schicksal gebeutelter armer Hund." Und der Psychologe freute sich auch, weil er sich durch ein positives Gutachten die Arbeit kürzer und damit angenehmer machen konnte.
Die Positivquoten der Gutachten sind im übrigen seither eher noch ein Stück weiter gefallen. Klar: Wenn ich als Gutachter viel schreiben muss, muss ich mir viele Gedanken machen und wenn ich mir viele Gedanken machen muss, fallen mir viele Sachen ein, die doch eher bedenklich sind ...
Bundesverkehrsminister Peter Ramsauer (CSU) forderte etwa auf Bild.de mehr Transparenz bei der medizinisch-psychologischen Untersuchung von Verkehrssündern. Der verkehrspolitische Sprecher der FDP, Patrick Döring, meinte, Ton- oder Videoaufzeichnungen von diagnostischen Gesprächen sollten eigentlich selbstverständlich sein.
Das hört sich gut und bürgerfreundlich an: Nachprüfbare Transparenz statt geheimnisumwitterter Entscheidungen von Psycho-Halbgöttern. Seit etwa 20 Jahren bemühen sich freundliche Interessenvertreter darum, die Bedingungen für MPU-Kandidaten zu verbessern und haben mit den durchgesetzten Verbesserungen die Situation für die Betroffenen deutlich verschlechtert.
Druck macht erfinderisch
Man sollte sich klarmachen, daß bei einer MPU intime, gelegentlich sehr kitzlige Themen angesprochen werden. Bei der Alkoholfragestellung etwa geht es nicht nur darum, wann einer wieviel getrunken hat, sondern auch - und vor allem - warum! Und schon ist man bei Eheproblemen, Lebenskrisen und sonstigen delikaten Punkten in der Biographie. Um ein positives Gutachten zu bekommen, sollte der Kandidat tunlichst wahrheitsgemäß und offen auf diese Themen eingehen.
Bis in die späten achtziger, frühen neunziger Jahre hinein war es bei den Begutachtungsstellen üblich, zwar ausführliche Gespräche zu führen, sich bei den Gutachten dagegen mit knappen Charakteristiken zu begnügen. Die Gutachten bestanden zum Großteil aus vorgefertigten Textblöcken, die in etwa das Problem und seine Lösung skizzierten. Wenige Sätze nur bezogen sich ganz individuell auf den jeweiligen Kandidaten.
Das hatte niemand weiter gestört, solange - bis weit in die Achtzigerjahre hinein die Gutachten zum überwiegenden Teil positiv ausfielen. Als dann jedoch, vor allem wegen der enorm hohen Rückfallquoten bei positiv Begutachteten, die Untersuchungskriterien schärfer und die positiven Gutachten seltener wurden, begannen Anwälte, ADAC und andere Interessenvertreter der betroffenen Kraftfahrer, die Arbeit der MPU-Stellen zu kritisieren. Was man damit erreichen wollte (und will), waren (und sind) positive Gutachten: Laßt die Leute halt wieder fahren!
Was man jedoch sagte (denn man will ja "seriös" argumentieren) war: "Eure Kurzgutachten mit den vielen pauschalen Textbausteinen sind zu wenig nachvollziehbar. Schreibt bessere, d. h. ausführlichere Gutachten!"
Die Untersuchungsstellen reagierten auf den wachsenden Druck und bewerkstelligten in der Folgezeit mit sehr viel Aufwand eine Verbesserung, sprich: Verlängerung der Gutachten. Die Gutachten wurden deshalb nicht teurer, die Psychologen (es sind in der überwiegenden Mehrzahl freiberufliche Mitarbeiter, die pro Untersuchung bezahlt werden) bekamen für die nun aufwendigeren Gutachten auch nicht mehr Geld als früher für die Kurzgutachten. Das heißt, sie mußten jetzt notgedrungen an anderer Stelle mit ihrer Arbeitszeit haushalten.
Verschlimmbesserungen 1: Der Laptop
Früher hatte sich der Psychologe die Kerninhalte des Gespräches per Hand notiert und diese Notizen dann in sein Gutachten eingebaut. Jetzt hat der MPU-Psychologe im Regelfall einen aufgeklappten Laptop vor sich stehen und hackt während des Gespräches mehr oder weniger virtuos auf die Tastatur ein, hält damit Fragen und Antworten fest.
Die Nervosität, die sich durch den Anblick des mitschreibenden Gegenübers in ein solches Gespräch einschleicht (und die fairerweise auch nie ganz verschwinden sollte, denn es ist kein freundlicher Kaffeeplausch), ist jetzt auf die Spitze getrieben. Wo ich sonst als Klient im Verlaufe des Gesprächs das Mitschreiben stellenweise fast ignorieren konnte, weil es im allgemeinen Gestenspiel des Psychologen unterging, bekomme ich nun durch die beständig klappernde Computertastatur im wahrsten Sinne des Wortes den aus Krimis bekannten Satz eingehämmert: Alles, was Sie hier sagen, kann später gegen Sie verwendet werden!
Im Untersuchungsgespräch einer MPU sitzt dem Psychologen, der in diesem Moment eine erhebliche Macht über seinen Gesprächspartner hat, ein teils verängstigter, teils aggressiv misstrauischer Klient gegenüber. Dieser Klient hat aber nur dann eine Chance, sein Ziel, ein positives Gutachten, zu erreichen, wenn er sich vom Psychologen trotz der einschüchternden Ausgangslage zu einem - wenigstens einigermaßen - offenen und vertrauensvollen Gespräch "verleiten" läßt.
Wer auch nur ein wenig von bewusster, kontrollierter Gesprächsführung versteht, weiß, dass es geradezu wahnwitzig ist, eine solch heikle und labile Gesprächssituation zusätzlich noch mit dieser klappernden Barriere zwischen den beiden Gesprächspartnern zu belasten. Der MPU-Psychologe weiß das natürlich auch, aber er hat keine Wahl mehr, will er von der Begutachtung leben können.
Die Gutachten machen jetzt zwar optisch sehr viel mehr her als früher, die Datenbasis, die ihnen zugrunde liegt, ist aber unzuverlässiger geworden.
Verschlimmbesserung 2: Das positive Gutachten
Die Lobbyarbeit von ADAC & Co. hat aber noch andere, weitaus fatalere Konsequenzen. Früher galt für den Gutachter die Regel: Negative Gutachten müssen ausführlich sein, damit sie "anwaltsfest" sind. Positive Gutachten dagegen darfst du ruhig kürzer halten, denn jeder der Beteiligten ist mit ihnen zufrieden: Der Kandidat freut sich auf den Führerschein und die Behörde ist froh, einen nörgelnden Kunden weniger zu haben.
Dann aber sind schlaue Behördenleiter - angestachelt von ganz besonders schlauen Psychologen - drauf gekommen, dass die positiven Gutachten besonders umfangreich sein müssen, weil sie ja begründete Eignungszweifel widerlegen, also gegen die statistische Erwartung (der Rückfall ist wahrscheinlich) argumentieren.
Wer ein (ausführliches) negatives Gutachten bekommt, der muß dieses Gutachten nicht bei der Führerschein-Behörde abgeben. Der Antragsteller ist Auftraggeber des Gutachtens und er alleine entscheidet, was er mit diesem Gutachten anstellt. Das negative Gutachten bei der Behörde abzugeben bringt ihm keinerlei Vorteile. Das positive Gutachten dagegen muß er abgeben, will er den Führerschein wiederhaben. Gab er früher mit dem positiven Gutachten nur eine sehr vage Beschreibung seiner Lebensumstände und seiner (früheren) Alkoholverstrickung ins amtliche Archiv, so werden nun alle seine Angaben und die Schlüsse, die der Psychologe daraus gezogen hat in epischer Breite zur Kenntnis genommen und der Führerschein-Akte aufbewahrt.
Damit ist der Führerscheinbewerber wieder ein Stück gläserner geworden. Und: Früher spielte das positive Kurz-Gutachten eine nicht unbedeutende Rolle in Zweifelsfällen, an der Grenze zwischen negativ und positiv. "Ach, laß ihn doch fahren", sagte sich der MPU-Psychologe, "da freut er sich. Er ist eh ein vom Schicksal gebeutelter armer Hund." Und der Psychologe freute sich auch, weil er sich durch ein positives Gutachten die Arbeit kürzer und damit angenehmer machen konnte.
Die Positivquoten der Gutachten sind im übrigen seither eher noch ein Stück weiter gefallen. Klar: Wenn ich als Gutachter viel schreiben muss, muss ich mir viele Gedanken machen und wenn ich mir viele Gedanken machen muss, fallen mir viele Sachen ein, die doch eher bedenklich sind ...
10.2.10
Tatort: Zeitreise
Youtube ist ja manchmal eine feine Sache. Dort habe ich mir vor wenigen Tagen den Tatort "Blechschaden" heruntergeladen und gestern angeschaut. Der Film ist von 1971, der erste Tatort mit Kommissar Finke aus Kiel, Regie führte Wolfgang Petersen.
Es war eine Reise in eine ferne Welt. Das
Radio hinter der Wirtin ist ein Röhrenradio, garantiert mono und Lo-Fi. Kommissar Finke raucht wie ein Schlot, sei es im Wirtshaus (fast jeder raucht dort im Wirtshaus), sei es im Polizeirevier oder am Fundort der Leiche im Wald. Selbst bei der abschließenden Konfrontation der Täterin 
mit den vorliegenden Beweisen schmaucht Finke vergnügt sein Zigarettchen.
Man telefoniert mit diesen skurrilen schwarzen Telefonen mit ausladender Gabel und Wählscheibe, nur vornehmere Leute haben ein perlgraues Telefon zuhause an der Wand.
Wer von unterwegs die Gattin von der
bevorstehenden Heimkehr unterrichten
will, greift nicht zum Handy, er muß an einer Telefonzelle halten und geeignetes Münzgeld einwerfen.
Am Tatort wuselt kein spezialisiertes Team der Spurensicherung in Plastik-Overalls herum, hier knipst der uniformierte Streifenpolizist mit Stativ und
Spiegelreflexkamera die Leiche und
gießt die Reifenspuren im Waldboden mit Gips aus.
Entscheidende Informationen bekommt der Kommissar nicht per E-Mail oder Fax sondern als Fernschreiben. Die Polizisten der ländlichen Dienststelle tippen ihre Berichte nicht in den Computer sondern mit
einer alten Schreibmaschine, bei der das
"e" klemmt.
Die telefonische Erpresserbotschaft klebt der Schurke (Götz George, Schimanski war noch nicht erfunden) aus Tonbandschnipseln zusammen.
Und, ach ja, der Liter Super kostet 64,9 Pfennige
Es war eine Reise in eine ferne Welt. Das
Radio hinter der Wirtin ist ein Röhrenradio, garantiert mono und Lo-Fi. Kommissar Finke raucht wie ein Schlot, sei es im Wirtshaus (fast jeder raucht dort im Wirtshaus), sei es im Polizeirevier oder am Fundort der Leiche im Wald. Selbst bei der abschließenden Konfrontation der Täterin 
mit den vorliegenden Beweisen schmaucht Finke vergnügt sein Zigarettchen.
Man telefoniert mit diesen skurrilen schwarzen Telefonen mit ausladender Gabel und Wählscheibe, nur vornehmere Leute haben ein perlgraues Telefon zuhause an der Wand.
Wer von unterwegs die Gattin von der
bevorstehenden Heimkehr unterrichten
will, greift nicht zum Handy, er muß an einer Telefonzelle halten und geeignetes Münzgeld einwerfen.
Am Tatort wuselt kein spezialisiertes Team der Spurensicherung in Plastik-Overalls herum, hier knipst der uniformierte Streifenpolizist mit Stativ und
Spiegelreflexkamera die Leiche und
gießt die Reifenspuren im Waldboden mit Gips aus.
Entscheidende Informationen bekommt der Kommissar nicht per E-Mail oder Fax sondern als Fernschreiben. Die Polizisten der ländlichen Dienststelle tippen ihre Berichte nicht in den Computer sondern mit
einer alten Schreibmaschine, bei der das
"e" klemmt.
Die telefonische Erpresserbotschaft klebt der Schurke (Götz George, Schimanski war noch nicht erfunden) aus Tonbandschnipseln zusammen.
Und, ach ja, der Liter Super kostet 64,9 Pfennige
9.2.10
Inspiration
Gestern abend lief im Fernseh eine weitere Folge von "Soko 5113". Mord auf dem Land. Ein Großbauer wird unter einer alten Eiche erschlagen aufgefunden. Die Dorfbewohner verhalten sich gegenüber der ermittelnden Polizei sehr reserviert, gelegentlich läuft eine ältere, distinguierte Dame durchs Bild und erzählt, sie sei aus Sylt und verbringe hier ihren Urlaub.
Der Ermordete erweist sich als der Herr des Dorfes, die meisten dort sind bei ihm hoch verschuldet, er hat einen Beratervertrag für eine Entsorgungsfirma, die dort illegal Giftmüll abkippt, geplant ist ein Riesenprojekt für ein Feriendorf auf dem Gelände der Gemeinde.
Was soll ich erzählen? Am Schluß jedenfalls stellt sich heraus, daß die alte Dame aus Sylt aus dem Dorf stammt, daß sie vor 40 Jahren von dem ermordeten Großbauern vergewaltigt und anschließend aus dem Ort weggegrault wurde, weil sie die Dörfler ständig an ihre eigene feige Haltung gegenüber dem Großbauern erinnert hat. Das ganze Dorf hat damals von der Vergewaltigung gewußt, aber keiner wollte etwas wissen. Die Dame hat reich geheiratet, ist nun Witwe, sie erweist sich als Besitzerin sowohl der Entsorgungsfirma als auch der Holding, welche den Ferienpark errichten will.
Sie hat den Leuten aus dem Dorf mitgeteilt, sie bekämen das Projekt nur, wenn sie dafür den Großbauern erschlügen, es sei ihr egal, wer das mache.
Das ganze letzte Drittel des Films über, als sich die Lösung allmählich abzeichnete, habe ich drauf gewartet, daß einer der Kriminaler zum anderen sagt, daß ihm die Geschichte bekannt vorkäme. Nichts. Da krallt sich ein Drehbuchautor den Plot von Dürrenmatts "Besuch der Alten Dame", weiß Gott kein unbekanntes Stück, und glaubt, er käme damit durch.
Der Ermordete erweist sich als der Herr des Dorfes, die meisten dort sind bei ihm hoch verschuldet, er hat einen Beratervertrag für eine Entsorgungsfirma, die dort illegal Giftmüll abkippt, geplant ist ein Riesenprojekt für ein Feriendorf auf dem Gelände der Gemeinde.
Was soll ich erzählen? Am Schluß jedenfalls stellt sich heraus, daß die alte Dame aus Sylt aus dem Dorf stammt, daß sie vor 40 Jahren von dem ermordeten Großbauern vergewaltigt und anschließend aus dem Ort weggegrault wurde, weil sie die Dörfler ständig an ihre eigene feige Haltung gegenüber dem Großbauern erinnert hat. Das ganze Dorf hat damals von der Vergewaltigung gewußt, aber keiner wollte etwas wissen. Die Dame hat reich geheiratet, ist nun Witwe, sie erweist sich als Besitzerin sowohl der Entsorgungsfirma als auch der Holding, welche den Ferienpark errichten will.
Sie hat den Leuten aus dem Dorf mitgeteilt, sie bekämen das Projekt nur, wenn sie dafür den Großbauern erschlügen, es sei ihr egal, wer das mache.
Das ganze letzte Drittel des Films über, als sich die Lösung allmählich abzeichnete, habe ich drauf gewartet, daß einer der Kriminaler zum anderen sagt, daß ihm die Geschichte bekannt vorkäme. Nichts. Da krallt sich ein Drehbuchautor den Plot von Dürrenmatts "Besuch der Alten Dame", weiß Gott kein unbekanntes Stück, und glaubt, er käme damit durch.
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