12.11.22

Je oben desto totmachen?

Kinder, wie die Zeit vergeht. Inzwischen ist es schon wieder elf Jahre her, daß Osama bin Laden tot ist. Die Empörung über die Aktion der Amerikaner war damals weltweit groß, von Mord war die Rede und viel Fäuste wurden geschwungen Richtung Washington.

Mord, hm.

.Aber, Gottchen, was heißt schon "Mord"? Der Staat, jeder Staat dieser Erde, nimmt für sich das Recht in Anspruch, Dinge zu tun, die er dem privaten, nur für sich handelnden Staatsbürger strengstens verbietet und als moralwidrig verdammt. Der Staat sperrt Leute ein, was bei mir "Freiheitsberaubung" hieße und dazu führte, daß man mich einsperrte, also der Freiheit beraubte. Der Staat tötet Menschen, sei es im Krieg, sei es im Rahmen der Todesstrafe. Würde ich desgleichen tun, so würde ich für diese Tötung eingesperrt oder - je nach Weltgegend - meinerseits getötet.

Gegen diese Monopolisierung von Gewalt ist im Prinzip nichts einzuwenden, das staatliche Gewaltmonopol macht unser Leben doch um einiges geruhsamer als wenn wir noch in der Zeit des Faustrechts lebten.

Es wird also getötet in dieser gottverdammten Welt und es wurde und wird ständig und massenhaft getötet, vor allem vom Staat und von Leuten, die gerne ein Staat werden wollen. Entgegen anderslautenden Gerüchten ist nämlich das Recht auf Leben, Menschenwürde und körperliche Unversehrtheit kein unveräußerliches Menschenrecht. Dieses Recht wird tagtäglich veräußert und genommen, auch und gerade von denen, die es verkünden.

Die Frage ist aber: Wenn denn schon getötet werden muß, wen sollte man dann töten? Den Soldaten, den Gotteskrieger, den "Terroristen"? Oder irgendwelche Leute, die gerade zufällig in einem Haus in Bagdad oder einer U-Bahn in London zusammensitzen? Oder doch eher die Anführer, jene, die hinter dem Soldaten, dem Gotteskrieger, dem Terroristen stecken?

Ich mein, an die Anführer kommt man normalerweise nur sehr, sehr schwer ran, klar. Wenn aber... Sollte man sich dann wirklich Gedanken drüber machen, ob ihre Tötung eventuell Mord ist, während man gleichzeitig die Tötung der von diesen Anführern geschickten Leute als normale Kriegsfolgen in eine Statistik einträgt?

Wen denn, wenn nicht Bin Laden hätte man töten sollen? Den begehrten Titel "Schmusebär des Jahres" hätte Bin Laden sowieso nicht bekommen, auch im Jahr seines Hinscheidens nicht.

Wenn ich - es wird nie dazu kommen, klar, aber machen wir halt ein Gedankenexperiment - ...wenn ich also eine MP in die Hand gedrückt bekäme und man mich unter Androhung schwerster Übel vor die Alternative stellte, entweder einen iranischen [1] Gotteskrieger, Ali Irgendwerpur etwa, zu erschießen oder die gesamte iranische Regierung samt angeschlossener Höherer Geistlichkeit - glaubt einer im Ernst, ich würde auch nur einen Moment lang darüber grübeln, welche der beiden Alternativen die sinnvollere wäre? Ich würde darüber grübeln, ob es überhaupt sinnvoll ist, eine der mir gestellten Alternativen zu wählen, ob es nicht eine Zumutung ist, mir überhaupt das Töten zu befehlen. Ich würde also grübeln, ob es nicht vielmehr erheblich sinnvoller wäre, den zu erschießen, der mir die MP in die Hand gedrückt hat. Aber wenn denn wirklich nur die Wahl bliebe zwischen den beiden Alternativen... Natürlich ist es sinnvoller und ethisch vertretbarer, einen General zu erschießen statt eines normalen Rekruten und es ist nochmal sinnvoller und ethisch vertretbarer, den Oberbefehlshaber des Generals zu erschießen als den General.

Nein?

Es sage jetzt keiner, die Tötung Bin Ladens wäre keine Kriegshandlung gewesen sondern eine zivile Tötung: Erschlägst du mich, erschieß ich dich. Der so oft durch die Medien gehechelte Terrorismus ist doch nicht eine Sache von Serienmördern, die einfach Vergnügen daran finden, Leute - und möglichst viele davon - zu töten. Der Terrorismus ist vielmehr der Krieg des Kleinen Mannes, zunehmend auch der kleinen Frau. Wer nicht das Geld und die Infrastruktur hat, Flugzeuge oder Raketen loszuschicken, um eine Stadt zu bombardieren, der ist gezwungen, die Bombe von Hand in die Stadt zu tragen und sie dort zu zünden.

Machen wir uns nichts vor, der Dritte Weltkrieg ist längst im Gange. Während des Zweiten Golfkriegs sah ich im Fernsehen ein Videos, das den Flug einer Lenkrakete zeigte, aus dem Inneren der Rakete gefilmt. Die Rakete nahm Kurs auf irgend ein Ministerium in Bagdad, sie steuerte auf den offenen Lichtschacht des Hochhauses zu und explodierte dann im Lichtschacht. Das war der erste Turm der Drillingstürme, ohne es zu wissen gehe ich davon aus, daß mindestens 3000 Menschen dabei um's Leben kamen.

Die Tötung Bin Ladens war keine Exekution sondern ein gezielter kriegerischer Akt. Der Tod Bin Ladens ist nicht beweinens- und verurteilungswerter (eher weniger!) als die Vernichtung irgendeines Kriegstoten.

Generell gilt meines Erachtens: Es gäbe viel weniger und viel kürzere Kriege, wenn die Wahrscheinlichkeit, in einem Krieg getötet zu werden umso höher wäre, je höher jemand in seinem Rang in der Kriegsmaschinerie steht.



[1]   Wem "iranisch" nicht gefällt, aus welchen Gründen immer, der setze getrost irgendeinen anderen Ländernamen ein.

7.11.22

Abschieben, und zwar sofort!

Wenn ich das richtig sehe, dann ist "Sofort abschieben!" die absolut geilste Sau, die derzeit durch das "Fisch und Fleisch"-Dorf getrieben wird. Schwer- und Schwerstkriminelle sind dabei das Allermindeste, das man unverzüglich ab nach Hause schicken sollte.

"Abschieben, und zwar sofort!" Das ist einer der sinn- und gedankenlos hingeschlunzten Sätze, welche die Diskussion mit den selbstgerechten Leuten so unerfreulich machen. Ich möcht's ja mal in echt erleben, wie die rechte Abschiebeszene schäumt, weil ein - sagen wir mal: afghanischer - Mörder statt für 15 bis 25 Jahre in's Zuchthaus zu gehen in's Fluchzeuch gesetzt wird und heim zu Mami gebracht wird. Passieren wird ihm in Afghanistan nicht viel, denn die eifrigen "Fisch und Fleisch"-Leser wissen es längst: Das sind keine Leute, die vor politischer Verfolgung fliehen, die wollen hier nur in die soziale Hängematte oder der Heimatstaat hat sie gar als Agenten nach Europa geschickt, damit sie Europa so richtig ordentlich instabil machen.

Wie viel Scheisendreck muß man einem Menschen wie lange in's Hirn geblasen haben, bis er soweit ist, die Entlassung eines Mörders in die Freiheit zu fordern? Gegen diese "Abschiebung sofort" quakenden Kuscheljuristen sind die Gutmenschen doch knallharte Rimbauds [1].

Hl. Muttergottes von Tschenstochau!



[1]   Oder schreibt man doch "Rambos"?

31.10.22

Kinderleicht

Wenn etwas ganz furchtbar wahnsinnig einfach ist, dann nennt man dieses gerne "kinderleicht".

Wir hatten damals zuhause ein Kochbuch für Kinder mit dem Titel "Kin­der­leich­te Kochrezepte für kleine Leute".

Eigentlich eine Beleidigung, dieses Wort, wenn es auf Kinder angewandt oder in Gegenwart von Kindern gebraucht wird. Es bedeutet dann ja nichts anderes als: Das ist so leicht, das können sogar wir Deppen!

Bei meinen Kindern habe ich es erlebt, wie sie früher in der Schule Sachen, die sie als sehr einfach empfanden "babyleicht" oder einfach nur "baby" nannten.

Klar: kinderleicht konnte es ja nicht sein, für sie als Kinder.

Cappuccino und Pizza

In der Süddeutschen Zeitung vom 05.12.98 hatte ich einen Artikel über die italienische Bar gelesen und eingescannt. Das Wort "Cappuccino" kam in dem Artikel zweimal vor, einmal in der eben zitierten Schreibweise, ein anderes mal als "Capuccino". Wie das so ist: Wenn man erst mal über so was nachdenkt, weiß man mit einem Male das Selbstverständlichste nicht mehr. Also habe ich in Wahrigs "Wörterbuch der Deutschen Sprache" nachgeschaut, wie man das Wort nun wirklich schreibt. Zu meiner Verblüffung mußte ich feststellen, daß - in der Ausgabe von Mitte der 80er Jahre - dieses Wort dort noch nicht verzeichnet war.

Völlig abseitige Wörter sind im Wahrig drin, aber Cappuccino nicht. Gab es in den Achtzigern in Deutschland tatsächlich noch keinen Cappuccino?

Ich weiß noch, wie Anfang der sechziger Jahre in der Fernsehshow "Hotel Victoria" Vico Torriani ein gesungenes (!) Pizzarezept vorstellte und dabei erst mal den Zuschauern das Wort "Pizza" erläutern mußte.

Heute ist Pizza neben Döner das deutsche Nationalgericht.

Katze inne Kuhle

1994 hatten wir Urlaub in Silvi Marina gemacht, Region Abruzzen, im Hotel "Abruzzo Marina".

Eines Tages sitzen wir in einem Aufenthaltsraum, außer uns sind nur noch zwei oder drei italienische Kinder anwesend, vielleicht sieben oder acht Jahre alt und nach der Dialektfärbung vermutlich Neapolitaner (Es waren damals im Hotel relativ viele Neapolitaner). Sie sprachen ständig etwas, das sich für uns, die wir damals allesamt noch kaum italienisch sprachen (meine Frau konnte es damals schon ein bißchen, aber eben nur ein bißchen), wie "Katze inne Kuhle" anhörte. Dabei warfen sie immer wieder kichernd interessierte Blicke in unsere Richtung, ob wir darauf irgendwie reagieren würden. Wir interpretierten dies so, daß sie uns wohl als Deutsche identifiziert hatten, daß sie irgendwann einen deutschen Satz aufgeschnappt hatten, in dem von einer Katze in einer Kuhle (oder was immer) die Rede war.

Erst Jahre später hatten wir, nachdem wir erstmals in Paestum, dann in Castellabate, beides in Campanien, Urlaub gemacht hatten, mitbekommen, daß im neapolitanischen Dialekt Substantivendungen auf "o" oder auch auf "a" wie "e" ausgesprochen werden. Auch hatten wir inzwischen mitbekommen, daß cazzo im Italienischen soviel heißt wie "Dreck", "Scheiße", "Mist", "Unfug", aber auch: "Schwanz". Und culo heißt nichts anderes als "Arsch".

"Katze inne Kuhle" müßte man also cazze in cule schreiben, auf Italienisch cazzo in culo. Und dann wird klar, warum die neapolitanischen Kinder immer wieder interessiert und kichernd in unsere Richtung schauten - und vermutlich wahnsinnig enttäuscht waren, daß wir so gar nicht auf diese Provokation reagierten. Scheiß-Ausländer halt.

27.10.22

Eyecatcher

Als ich noch der Waldbauernbub war haben die Lehrlinge meines Vaters gerne mal ein Auge auf mich geworfen. Wenn Schlachttag war lungerten wir, meine Freunde und ich, gerne vor dem Schlachthaus rum. Die Luft da drin war dampfig, die Tür stand deshalb offen und wir waren fasziniert vom Vorgang des Schlachtens. Lehrling und Geselle versuchten, uns wegzuscheuchen, das wär noch nix für uns, aber das hat die Sache natürlich erst recht interessant gemacht. Schließlich nahm einer der beiden ein oder zwei Augen eines frischgeschlachteten Schweines und warf die Glibberdinger nach uns.

So war das damals.

Warum Rächtschraibfeler eine Umpferschemtheid sin

Von der Höflichkeit der Rechtschreibung

Was gerne übersehen wird: Rechtschreibung ist eine Form von Höflichkeit. wia lesn nich buchschtam, sondern gantse wöater oder gar saztaile. di könn'n wir schnell und raibungslos nur dann identifitsieren, wenn die schraibung noamiert is.

Bei den Satzzeichen ist die Rechtschreibung manchmal fast noch wichtiger. Vor vielen Jahren, es war kurz nach Schulbeginn, war ich mit meinen beiden Söhnen gerade im Ort unterwegs, als mein Ältester (er war damals 8 Jahre alt) plötzlich lachte und rief: "Und bei rot soll man den Kindern kein Vorbild sein?"
Irritiert fragte ich nach, was seine Bemerkung bedeuten solle und Sebastian zeigte auf ein Schild, das an der Fußgängerampel hing. Ich begriff immer noch nicht (bei Erwachsenen dauert das etwas länger), bis ich das Schild ein zweites Mal las und dann machte es "klick": Sebastian hatte recht.

Auf dem Schild stand tatsächlich: "Nur bei GRÜN den Kindern ein Vorbild." Nach den Regeln deutscher Grammatik und Zeichensetzung konnte dies nur heißen, daß man entschieden davon abriet, auch bei Rot ein Vorbild für die Kinder zu sein.


Was ein anders gesetztes Satzzeichen alles an Bedeutungsveränderung bewirken kann, dafür hat Brecht mal ein schönes Beispiel gegeben:
* Der Mensch denkt, Gott lenkt.
* Der Mensch denkt: Gott lenkt.

Der "Rot-Blaue Stuhl" von Gerrit Rietveld

I ch muß gestehen, ich weiß nicht, wie gut man in der Kunstgeschichte bewandert sein muß, um Gerrit Rietveld und seinen Rot-Blauen Stuhl z...