18.12.09

Dich preise ich, Zensur

Als die Schriftstellervereinigung "Gruppe '47" 1967 zum letzten Mal tagte, wurden die anwesenden Autoren von einem Sprechchor des SDS mit Hohn und Spott überschüttet: "Dichter! Dichter! Die Gruppe 47 ist ein Papiertiger". Gemeint war damit, alle literarische Kritik an der Gesellschaft bleibe auf dem Papier und werde nicht zur gesellschaftsverändernden Praxis.
1968 erschien das berühmte "Kursbuch 15", in dem Hans Magnus Enzensberger schrieb: "Heute liegt die politische Harmlosigkeit aller literarischen, ja aller künstlerischen Erzeugnisse überhaupt offen zutage. [...] der Dichter steht hoch im Kurs, aber er hat nichts zu melden."
Literatur, im Grunde jegliche Kunst, wäre demnach weiter nichts als Trallala, harmlos unverbindliches Spiel.

Fast 40 Jahre später stellte im Usenet in der Theatergruppe einer die Frage: "Was ist Theater?" und erhielt von einem anderen die Antwort: "Ein Spiegel, der Hofnarr an den Höfen der Mächtigen und Bürger".
So sind's, die Künstler. Sie debattieren darüber, ob Kunst Wirkungen auf die Welt habe und neigen dazu, dies zu verneinen; Kunst, sagen sie, bewirke nichts. Sie zaubere eine Scheinwirklichkeit herbei, in der es sich gefahrlos leben lasse.
Da schreibst du ein flammendes Gedicht, da hampelst du auf der Bühne rum in einem erleuchtenden Stück und das Publikum lacht sich tot, verläßt unverändert das Theater, während die Mächtigen ungerührt ihren Geschäften nachgehen.

Die wirklich Mächtigen wissen, daß dies Unfug ist und sie haben deshalb die Zensur erfunden.
Zensur wird angeordnet von Leuten, die wissen, was Macht ist, denn sie sind an ihr. Sie haben Gewehre und Kanonen und sperren Leute ein, weil sie Angst haben vor Worten.
Im Rumänien Ceausescus mußte jeder, der eine Schreibmaschine besaß, diese registrieren lassen. Er mußte eine Schriftprobe dieser Maschine bei der Polizeibehörde hinterlegen, damit man sie gegebenenfalls anhand des Schriftbildes würde identifizieren können. Auch war der Besitz einer Schreibmaschine nicht selbstverständliches Recht eines jeden Bürgers, dieses Recht konnte auch wieder entzogen werden.
Für eine Schreibmaschine brauchtest du dort und damals eine Lizenz, eine Art Waffenschein.
Die Leute, die da Angst hatten vor dem Wort, das waren keine alten Jungfern, die erbleichen, wenn sie so grauenhafte Wörter wie "Arsch" oder "Scheiße" hören. Das waren knallharte Burschen. Leute, die über ein Land herrschten, die Macht hatten, die diese Macht genossen und ihre Macht behalten wollten. Und die jeden, der ihre Macht bedrohte, ins Gefängnis werfen ließen, ihn womöglich umbrachten.
Diese Leute fürchten sich vor einer Schreibmaschine als wäre es ein Gewehr.

Kann es ein schöneres Kompliment für die Kunst geben als die Zensur?
Was meinst du? Es müßte mit dem Deibel zugehen, sagst du, wenn es kein schöneres Kompliment für Kunst gebe. Du hast recht, freilich gibt's schönere Komplimente, kaum aber beweiskräftigere.

17.12.09

Dem Regisseur ist nichts zu schwör

Unter diesem Titel habe ich jetzt meine hier veröffentlichten Anmerkungen zur Regietheater-Debatte zu einem einzigen Artikel zusammengefaßt.
Wer sich dafür interessiert findet den Artikel auf meiner Website.

Anmerkung für die ganz Peniblen: Wer sich nicht dafür interessiert, fände den Artikel dort auch, wenn er sich dafür interessierte.

30.11.09

Fragen

Der Franze hat gsagt, wer nicht frägt, bleibt dumm. Wer frägt, sagt er, zwar auch, aber doch nicht so.

29.11.09

Unbeirrbar

Auf www.prisma.de las ich in einem Artikel über Amedeo Modigliani den Satz "Bestens bewandert in antiker Bildhauerei, befolgte der scheinbar so labile junge Mann unbeirrbar, was man heute ein Konzept nennen würde:..."
Ich bin zusammengezuckt beim Lesen, so wie ich jedes Mal zusammenzucke, wenn ich das Wort "unbeirrbar" lese oder höre ( 1).
Merkwürdigerweise nämlich liest man dieses Wort so gut wie nie im Rahmen einer Beschimpfung, man liest es vielmehr häufig in Festreden und Nachrufen: "Unbeirrbar ging sie ihren Weg" oder "Unbeirrbar verfolgte er seine Ziele".

"Unbeirrbar" gilt offensichtlich als positiver Begriff. Stünde da "unbeirrt", ich könnte nicht meckern.
Wenn ich nachträglich den Lebensweg eines Menschen betrachte und feststelle, daß er eine einmal gewählte Richtung unbeirrt verfolgt hat, dann heißt das, daß er sich durch Widerstände und Anfechtungen letztlich nicht hat beirren lassen, daß er konsequent seinen Weg gegangen ist. Ich habe keine Mühe damit, in dieser Beschreibung etwas Positives zu erkennen.

Es steht da aber "unbeirrbar".
Ein unbeirrbarer Mensch dagegen erscheint mir als ein dumpfer, stumpfer Hund der Sonderklasse, als einer, der sich durch keine Vernunft, kein Argument, keine Erfahrung beirren läßt, der einfach stur seinen Weg voranschreitet, durch nichts zu beeindrucken und zu belehren. Der schaut nur direkt nach vorne, schaut nicht nach links und nicht nach rechts, nach hinten sowieso nicht. Der ist für Erfahrungen und Irritationen, die andere Leute zu einer Kurskorrektur veranlassen, nicht zugänglich.

In einer Usenet-Diskussion entgegnete mir einer, "unbeirrbar" sei für ihn auch einer, "der sich von dem üblichen Getöse, das die um ihn herum scharwenzelnden Verirrten veranstalten, nicht von seinem geraden Weg ablenken läßt. Seelenruhig, in sich gefestigt, die Ruhe selbst, eine sehr positive Eigenschaft."
Ich entgegnete ihm mit einem Zitat "Der unerschütterliche Glaube ist keine Tugend, sondern ein Laster. (BERTRAND RUSSELL)" und fuhr fort: "Daß man sich nach jedem 'öhm, aber' nicht gleich neu taufen läßt ist eine Sache. Jahrzehntelang dieselbe Überzeugung zu vertreten ist dagegen schon etwas verhaltensauffällig. Man bleibt sich treu, indem man sich ändert. Andere Leute haben auch gute Ideen und von ihnen zu lernen, ist durchaus empfehlenswert."

Aber, wie es mit dem Wortgebrauch halt manchmal ist: Bei uns und bei Leuten, die uns zustimmen, reden wir von Prinzipientreue und Konsequenz, bei Leuten, die eine andere Meinung vertreten, nennen wir dasselbe Phänomen Sturheit.

Trotzdem: Unbeirrbare Leute sind gefährliche, weil brunzdumme Leute.

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(1) Daß es "verfolgte" heißen müßte statt "befolgte" lassen wir hier mal außen vor.

28.11.09

Das Geheimnis der Einkaufswägen

Gottchen, wie lange gibt es das inzwischen schon, daß man in einen Einkaufswagen 50 Cent einschlitzen muß, ehe man das Ding benutzen kann?
Das Einkaufswagenpfand, sei notwendig geworden, so erzählen uns die Supermarktbetreiber, weil zu viele Einkaufswägen aus dem Gelände geschleppt worden seien, wo sie dann endgültig verschwunden oder erst Tage später, beim nächsten Einkauf, zurückgebracht worden seien.
Was, so frage ich mich, geht in Menschen vor, die sich von 50 Cent davon abhalten lassen, den Einkaufswagen aus dem Supermarktgelände zu fahren? Bringe ich den Wagen beim nächsten Einkauf wieder zurück, dann sollte es mir eigentlich wurscht sein, ob ich die 50 Cent sofort zurückbekomme oder erst einige Tage später. Will ich den Einkaufswagen aber klauen (wozu eigentlich?), dann sind 50 Cent als Preis dafür sicher nicht zu hoch.
Als Kunde hast du jedenfalls das Geschiß, daß dir bei jedem zweiten Mal die zum Auslösen des Wagens nötige Münze fehlt.

In Süditalien löst der Kundige das Problem dadurch, daß er zur Kasse geht und dort um eine Münze für den Wagen bittet. Man öffnet die Kasse und der Kunde bekommt ein 50-Cent-Stück ausgehändigt (ausgehändigt, nicht gewechselt!). Das gibt er dann nach dem Einkauf wieder an der Kasse ab.
Das glaubt mir natürlich wieder kein Schwein. Es stimmt aber.

16.11.09

Stadtgedicht

Im Usenet berichtete einst einer von der Aufgabe zu einer Klassenarbeit für den Deutsch-Grundkurs: "Stellen Sie knapp dar, wie Ihrer Meinung nach ein Stadtgedicht des 21. Jahrhunderts in Wahrnehmung und Haltung des lyrischen Ich die Traditionslinie von Eichendorff über Heym modifizieren (weiterziehen, abwandeln, brechen u.a.) müßte."

"Hum", werden Sie fragen. Ein Mitdiskutant tat genau dies und präzisierte: "Was ist denn ein Stadtgedicht?"

Ich antwortete ihm:
So was:
Der Mensch tritt auf in großen Schaan
Und fährt dann mit die Straßenbaan.

Im Gegensatz dazu das Landgedicht:
Ach, Haufen du von güldnem Mist,
Was du mir eine Freude bist.

5.11.09

Ohne Ordnung ist Sex einfach nur...

Im Usenet geschah es, daß sich einer Gedanken darüber machte, wie man denn die verschiedenen archäologischen Schichten vergangener Geschlechtspartnerinnen bezeichnen könnte. "Ex-Freundin" etwa, "Doppel-Ex-Freundin" oder wie.

Ein anderer kam zu Hilfe: "Nochmal über dein Promiskuitätsproblem sinnierend, kam mir folgender Vorschlag in den Sinn:
- Ex
- Vor-Ex
- Vor-vor-Ex
- Vor-vor-vor-Ex"

Ich schlug eine pragmatischere Lösung vor:
Der... äh, der Dings... ah ja, der Herr Johann aus Spanien hatte einen Diener namens Leporello und der hat ihm eine saubere Liste geführt. Jetzt brauchst du nur noch die Damen durchnumerieren und du hast eine eindeutige Terminologie: FV 217 ("Die magere Romantische") oder FV 173 ("Die sinnliche Dicke mit den Sommersprossen").

Ohne Ordnung ist Sex einfach nur Ficken.

Der "Rot-Blaue Stuhl" von Gerrit Rietveld

I ch muß gestehen, ich weiß nicht, wie gut man in der Kunstgeschichte bewandert sein muß, um Gerrit Rietveld und seinen Rot-Blauen Stuhl z...