Warum wird in Italien eigentlich Espresso
getrunken,diese konzentrierte, besonders starke Kaffeevariante? Die
Antwort auf diese Frage führt erst ins Mittelalter, nach Äthiopien und auf die
arabische Halbinsel – und dann in die Jahrzehnte zwischen Ende des 19.
Jahrhunderts und 1930er Jahre: in die Zeit, in der ein paar italienische
Erfinder daran tüftelten, konzentrierten Kaffee buchstäblich unter Hochdruck
herzustellen.
Der Berliner
Journalist Sebastian Heinrich erzählt in der neuen Folge von "Kurz gesagt: Italien" von der
zweimal achteckigen italienischen Kaffeekanne Moka und von der Rolle der Moka für Italiens Kaffeekultur. Die Geschichte der italienischen Kaffeekultur
führt über die kolonialen Angriffskriege während der faschistischen Diktatur - und
zu Italienern, die heute glauben, dass der Kult ihrer Landsleute um den
Espresso eine ziemlich heftige Selbsttäuschung ist.
Aber was red ich,
schauts in die Shownotes
rein und drückts dort auf "Episode abspielen". Nicht zuletzt empfehle
ich die von Sebastian Heinrich erzählte Geschichte
vom Kaffeeboykott.
Auf www.prisma.de las ich
in einem Artikel über Amedeo
Modigliani den Satz "Bestens
bewandert in antiker Bildhauerei, befolgte [1]der scheinbar so labile junge Mann
unbeirrbar, was man heute ein Konzept nennen würde:..."
Ich bin zusammengezuckt beim Lesen, so wie ich jedes Mal
zusammenzucke, wenn ich das Wort "unbeirrbar" lese oder höre.
Merkwürdigerweise nämlich liest man dieses Wort so gut wie
nie im Rahmen einer Beschimpfung, man liest es vielmehr häufig in Festreden und
Nachrufen: "Unbeirrbar ging sie
ihren Weg" oder "Unbeirrbar
verfolgte er seine Ziele".
"Unbeirrbar"
gilt offensichtlich als positiver Begriff. Stünde da "unbeirrt", ich könnte nicht meckern.
Wenn ich nachträglich
den Lebensweg eines Menschen betrachte und feststelle, daß er eine einmal
gewählte Richtung unbeirrt verfolgt hat, dann heißt das, daß er sich durch
Widerstände und Anfechtungen letztlich nicht hat beirren lassen, daß er
konsequent seinen Weg gegangen ist. Ich habe keine Mühe damit, in dieser
Beschreibung etwas Positives zu erkennen.
Es steht da aber "unbeirrbar".
Ein unbeirrbarer
Mensch ist für mich in meinem Wortverständnis ein dumpfer, stumpfer Hund der
Sonderklasse, einer, der sich durch keine Vernunft, kein Argument, keine
Erfahrung beirren läßt[2],
der einfach stur seinen Weg voranschreitet, durch nichts zu beeindrucken und zu
belehren. Der schaut nur direkt nach vorne, schaut nicht nach links und nicht
nach rechts, nach hinten sowieso nicht. Der ist für Erfahrungen und
Irritationen, die andere Leute zu einer Kurskorrektur veranlassen, nicht
zugänglich.
In einer Usenet-Diskussion entgegnete mir einer, "unbeirrbar" sei für ihn auch einer,
"der sich von dem üblichen Getöse,
das die um ihn herum scharwenzelnden Verirrten veranstalten, nicht von seinem
geraden Weg ablenken läßt. Seelenruhig, in sich gefestigt, die Ruhe selbst,
eine sehr positive Eigenschaft."
Ich entgegnete ihm mit einem Zitat "Der unerschütterliche Glaube ist keine
Tugend, sondern ein Laster. (BERTRAND RUSSELL)" und fuhr fort: "Daß
man sich nach jedem 'öhm, aber' nicht gleich neu taufen läßt ist eine Sache.
Jahrzehntelang dieselbe Überzeugung zu vertreten ist dagegen schon etwas
verhaltensauffällig. Man bleibt sich treu, indem man sich ändert. Andere Leute
haben auch gute Ideen und von ihnen zu lernen, ist durchaus empfehlenswert."
Aber, wie es mit dem Wortgebrauch halt manchmal ist: Bei uns
und bei Leuten, die uns zustimmen, reden wir von Prinzipientreue und
Konsequenz, bei Leuten, die eine andere Meinung vertreten, nennen wir dasselbe
Phänomen Sturheit.
Trotzdem: Unbeirrbare
Leute sind gefährliche, weil dumme Leute.
Unermüdlich
Als seinerzeit die Rücktrittsankündigung von Papst Benedikt
XVI. bekannt geworden war, gab die Bayerische Staatskanzlei eine
Pressemitteilung von Ministerpräsident Seehofer heraus. Darin hieß es unter
anderem: "Mit seiner charismatischen Ausstrahlung und seinem
unermüdlichen Einsatz für das Wohl der Kirche hat der Papst aus Bayern die
Menschen in aller Welt begeistert."
Als ich den Satz in den Nachrichten - indirekt zitiert - das
erste Mal hörte, ließ er mich zusammenzucken. "Unermüdlicher Einsatz"...
Dabei geht doch die ganze Rücktrittsgeschichte des Papstes genau darum, daß
sein Einsatz ermüdlich war. Alter, Krankheit, zu viel Arbeit für einen Mann
dieses Alters und Gesundheitszustandes, all das zusammen hat seine Kraft
ermüden lassen.
Untrennbar
Anfang der achtziger Jahre war in einer Lüneburger Zeitung
dieses Bild samt merkwürdiger Unterschrift zu sehen.
Genaugenommen sind natürlich weder das Bild noch die
Unterschrift merkwürdig. Sehr merkwürdig allerdings wird es, wenn man weiß, daß
das Bild einen Artikel illustrierte, in dem es darum ging, daß die Lüneburger
Saline nunmehr - nach eben über 1000 Jahren - wegen Unrentabilität geschlossen
wird.
Unter dem Motto der untrennbaren Verbundenheit berichtet die Zeitung darüber, daß Lüneburgs
Verbindung mit der Saline nicht nur doch trennbar ist, sondern demnächst auch tatsächlich getrennt wird.
Weiß Gott, wieviel hundert Jahre lang Lüneburger Festredner
bei weiß Gott welchen Gelegenheiten die Worthülse von der untrennbaren
Verbindung von Stadt und Saline schon verwendet haben. So oft jedenfalls, daß
der Zeitungsredakteur die Unsterblichkeit der Verbindung auch dann noch betont,
wenn er von deren Tod berichtet.
Vor einigen Tagen erst hat auf "Fisch und Fleisch"
ein über alle Maßen mit Weisheit bekleckerter Mensch den Tod von Harry
Belafonte betrauert, unter der verdächtig nach Poesie klingenden Überschrift
"Wenn Stimmen für immer verklingen".
Hm.
Wenn dein Opa stirbt, der sich ein Lebtag lang beharrlich
geweigert hat, auch nur einen einzigen Satz in ein Mikrophon zu sprechen, dann
ist in der Tat mit seinem Tod seine Stimme für immer verklungen. Wenn dein Opa
dagegen Millionen und Abermillionen von Tonträgern besungen und in alle Welt
verkauft hat, bleibt seine Stimme über den Ton hinaus erhalten.
[1]Daß es "verfolgte" heißen müßte statt "befolgte" lassen wir hier mal außen vor.
[2]Diese Unbeirrbarkeit oder besser:
Unbelehrbarkeit ist ein ganz typisches Merkmal für einen psychotischen
Menschen, deren es viele hier auf "Fisch und Fleisch" gibt.
Ein Gedankenexperiment:
Würde ich dir erzählen, es gäbe in München im Olympiaeinkaufszentrum einen
Automaten, an dem du binnen Minutenfrist einen Goldbarren, ein Goldbärrlein
oder auch nur ein Goldbärrleinchen kaufen kannst, würdest du mir so einen
Scheisendreck glauben?
Womöglich zeigst du mir den Spechtgruß [1]
und tust mein obenstehendes Photo, auf dem dieser Goldautomat zu sehen ist, als
Fiebertraum meiner Künstlichen Intelligenz ab. Der Gedanke ist aber auch zu
verrückt: Im Vorbeigehen einen Goldbarren kaufen, so wie unsereiner vor der
Einfahrt des Zuges auf dem Bahnsteig schnell mal einen Schokoriegel aus dem
Automaten zieht.
Obwohl... Es wär vielleicht doch eine wunderbare Sache, wenn
es diesen Goldomaten wirklich und tatsächlich gäberte. Ich versteh zu wenig von
den Details, aber ich gehe stark davon aus, daß der Goldkauf am Automaten ein pfiffiges
Steuersparmodell [2]
wäre, vorausgesetzt, es wäre möglich, das Geld für das Gold aus dem Geld-Waschvollautomaten
auch in bar zu hinterlegen.
Wie spricht Herr Engelsberger, der Geschäftsführer von Gold to Go: "Mit unseren für alle Menschen einfach zugänglichen Goldautomaten
demokratisieren wir den Zugang zu physischem Gold und schaffen durch die
unterschiedliche Größe der Goldbarren eine Möglichkeit zum Goldkauf für jede
Einkommensklasse."
[1]Mit dem Zeigefinger mehrmals gegen die Stirn
tippen, tok, tok.
[2]Wer nicht weiß, was ein Steuersparmodell ist... Es ist die freundliche Umschreibung für
"ganz legale Steuerhinterziehung für
Selbständige und andere reiche Leute".
Auf mehreren Blogbeiträgen läuft derzeit eine Diskussion
über Oper im Speziellen und über Regietheater im Allgemeinen. Dabei ist einem
der hierorts so häufig anzutreffenden Helden des Denkens und der Rhetorik ein
Kommentar entschlüpft, der es verdient, festgehalten zu werden:
Meiner Meinung nach darf eine Oper, eine
Inszenierung nicht zu sehr entfremdet werden.
Sonst ist das wie eine Verbalhornung des
Originals.
Ok, von Opern habe ich 0 Ahnung, aber ich erlaube
mir trotzdem, diese Meinung zu haben.
Ein göttlicher Satz, dieser letzte Satz, er sollte als Motto
über jeder Seite von "Fisch und Fleisch" stehen.
Ich bin mit Till Reiners und Moritz Neumeier auf Bude, weiß
der Henker, warum das so ist. Die beiden sitzen zusammen und diskutieren über
irgendwas. Einiges davon erscheint mir schief und ich möchte meine Meinung dazu
einwerfen. Keine Chance, die beiden tun so als wär ich gar nicht da und
diskutieren einfach ohne mich weiter. Ich leg mich hin, dreh mich zur Wand und
möchte schlafen. Sie reden ziemlich laut, allmählich geht mir die Lautstärke
auf die Nerven. Irgendwann bin ich grantig, ich richte mich auf zum Sitzen und
sehe das IPad vor mir. Es läuft der Podcast "Stresshäppchen".
Ich schalte das IPad aus und könnte jetzt ungestört einschlafen, wenn mich die
ganze Affaire nicht so aufgeregt hätte, daß ich jetzt zum Schreibtisch gehe und
den Laptop einschalte.
Am Sonntag wollte eigentlich mein Süßer mit mir Segeln
gehn, sofern die Winde wehn, das wär so wunderschön... ichsachma: gewesen. Wer am
Sonntag nicht wehte, das war die Windin, die Luft über dem See gehörte dem
Flaut. Säuftsend sitz ich also vor dem Computer und versuche tränenden Auges,
die Sportnachrichten zu ignorieren. Dann sehe ich auf einmal dieses Bild und
bin hellwach.
Hl. Muttergottes von Tschenstochau! Ein Bild aus den
dreißiger Jahren, mitten in der aktuellen Fußballberichterstattung. Und in
Farbe. Bin ich durch ein Wurmloch
zurückgefallen in die Vergangenheit? Was ich sehe ist eine Original-Nazifresse,
von der geometrisch strengen Gasmaskenfrisur über den Entschlossenheit
simulierenden Mund bis zum vorgereckten Kinn. Laß mich schweigen von der
Körperhaltung, die...
Ich recherchiere ein wenig und die Reschärsche verrät mir,
daß es sich um Ivan Prtajin handelt, einen Stürmer beim SV Wehen Wiesbaden,
einem Verein, der schon im Vereinsnamen dem Geburtsschmerz der Frauen ein
anrührendes Denkmal setzt. Prtajin, so erfahre ich weiter, kommt aus Kroatien. Das
Schlimme für mich ist natürlich, daß das obige Bild mich an ein anderes Bild erinnert.
Es zeigt den jungen Adolf Eichmann während eines Sportfestes
in Linz. Oder, warte mal... nein, nicht Eichmann ist auf dem Bild zu sehen,
sondern ein anderer junger Mann auf einem Hitlerjugend-Sommerlager in den
Dreißiger Jahren, in der Nähe von Österreich..
In Wirklichkeit war es natürlich ganz anders. Der Typ ganz
rechts mit den weißen (!) Socken in den Sandalen bin nämlich ich und das Bild
ist aus der Mitte der sechziger Jahre.