26.2.09

Gandolf von Loichingen

Der Minnesänger des Frühmittelalters ist selbst unter Germanisten nur wenig bekannt. Zu sehr steht er im Schatten des späteren Walter von der Vogelweide, zu sehr hat die Nachwelt in Gandolf von Loichingen nur den oberflächlichen Sänger des leichten Vergnügens hochadeliger Kreise gesehen. Diese Sicht verkennt, welch große Rolle auch die Sozialkritik bei Gandolf spielt. Man beachte nur sein "Kaiser-Kaiser", das beim ersten Hinhören nichts weiter zu sein scheint als ein schmissiges Tanzlied:
Auf der Kaiserpfalz nachts um halb zwei,
Ob du Kaiser bist oder Lakai,
Amüsierst du dich
Nicht mal königlich
Auf der Kaiserpfalz nachts um halb zwei.
Aus jeder Zeile des Liedes spürt man die bittere Enttäuschung des Dichters über das Nachtleben in den damaligen Kaiserpfalzen. Klar: Gandolf hatte bei seinem über dreijährigen Studienaufenthalt im Italien ganz andere Qualitäten des Amüsements kennengelernt.

24.2.09

Verteilerfinger

Bis eben noch war die Welt für mich so leidlich in Ordnung. Bis eben dachte ich, das Wort "Verteilerfinger" gäbe es nicht, es sei lediglich auf einen Hörfehler meinerseits zurückzuführen. Weil nämlich...

Irgendwann nämlich, lang ist's her, hörte ich mal im Radio - einmal nur, aber doch - ein Liedl, in dem wo ein Sänger ständig von "Vatteila, vatteila fingaa" sang. Hihi, dachte ich bei mir, das hört sich an wie das deutsche Wort "Verteilerfinger", was es aber - gottlob! - nicht geben tut, weil was wär denn ein Verteilerfinger?

Nun aber googelte ich und fand, daß es für Verteilerfinger 29.000 (!) Nennungen gibt. Kurzes Suchen machte mich mit dem Umstand vertraut, daß in den späten Siebziger, frühen Achtzigern eine Band namens "Schulzke's Skandal Trupp" (so die offizielle Schreibweise) eine LP (sowas gab's damals noch, liebe Kinder) mit dem Titel "Verteilerfinger" herausgebracht hatte.

Nicht, daß meine Mitteilung wichtig wäre, ich wollte sie halt nur mal gemacht haben, weil es doch heut eh wurscht ist. Nö.

Untrennbar


Anfang der achtziger Jah­re war in einer Lüneburger Zeitung dieses Bild samt merkwür­diger Unterschrift zu sehen.

Genaugenommen sind natürlich weder das Bild noch die Unterschrift merkwürdig. Sehr merkwürdig allerdings wird es, wenn man weiß, daß das Bild einen Artikel illustrierte, in dem es darum ging, daß die Lüneburger Saline nunmehr - nach eben über 1000 Jahren - wegen Unrentabilität geschlossen wird.

Unter dem Motto der untrennbaren Verbundenheit berichtet die Zeitung darüber, daß Lüneburgs Verbindung mit der Saline nicht nur doch trennbar ist, sondern demnächst auch tatsächlich getrennt wird.

Weiß Gott, wieviel hundert Jahre lang Lüneburger Festredner bei weiß Gott welchen Gelegenheiten die Worthülse von der untrennbaren Verbindung von Stadt und Saline schon verwendet haben. So oft jedenfalls, daß der Zeitungsredakteur die Unsterblichkeit der Verbindung auch dann noch betont, wenn er von deren Tod berichtet.

Verrückt

- Du?
- Ja.
- Ich glaube, ich werde allmählich wahnsinnig.
- Ach?
- Ja, wirklich. Ich entdecke an mir alle Anzeichen für Schizophrenie.
- Unfug! Du bist ja verrückt.

23.2.09

Heine als "allejorische Fijur, so ne Art Joethe"

Wer an Heinrich Heine denkt, denkt an Düsseldorf, an Norddeutschland, Italien und - natürlich - Paris. Es ist relativ wenig bekannt, daß Heine sich mehr als ein halbes Jahr in München aufhielt.
Der Verleger Cotta hatte ihm 1827 angeboten, die Redaktion der "Neuen allgemeinen politischen Annalen" zu übernehmen, die in München erscheinen sollten. Wichtiger für Heine aber war der Umstand, daß ihm mehr als nur vage Hoffnungen gemacht wurden, er könnte in München eine Stelle als Außerordentlicher Professor für Literatur bekommen.
Heine war an dieser Anstellung sehr viel gelegen. Er - damals 30 Jahre alt - suchte mit großem Eifer ein festes Einkommen und einen Ort, an dem er sich dauerhaft niederlassen könnte. Um dies Ziel zu erreichen, war er sogar bereit (wie er später unumwunden einräumte), Zunge und Feder im Zaum zu halten. Der Innenminister Eduard von Schenk, wie Heine aus Düsseldorf stammend, wie Heine ein Dichter (allerdings von angeblich sehr zweifelhafter Qualität), setzte sich für Heine bei König Ludwig I. ein. So schrieb er in einem Brief vom 28. 7. 1828:
"Ich nehme mir die ehrerbietigste Freiheit, unter den vielen Ministerialanträgen, welche Eure Majestät in diesen beiden letzten Tagen vorgelegt wurden, Allerhöchstderselben vorzüglich zwei zu Allergnädigster Berücksichtigung untertänigst zu empfehlen, insbesondere das Anstellungsgesuch des Dr. Heinrich Heine als Außerordentlichen Professor an der hiesigen Universität.
In den Schriften des letzteren waltet ein wahrer Genius, sie haben das größte Aufsehen in ganz Deutschland erregt. Einige Auswüchse und Verirrungen befanden sich in den Jugendwerken aller unserer großen Schriftsteller. Mehrern wahrhaft genialen Menschen in unserem teutschen Vaterlande hat am Anfang nur eine wohltätige Fürstenhand gefehlt, die sie in Schutz und zugleich in Pflege nahm, ihre guten Eigenschaften aufmunterte und ihre Mängel und Verirrungen väterlich zurechtzuweisen suchte.

Dr. Heine bedarf auch einer solchen Hand und ich bin überzeugt, daß er, wenn ihn Eure Majestät allerhöchst Ihres Schutzes würdigen, einer unserer ausgezeichnetsten Schriftsteller werden wird."
Ein interessantes Gedankenspiel, sich auszumalen, wie Heine sich entwickelt hätte, hätte er damals den ersehnten Job als Professor bekommen. Was wäre gewesen, hätte er die "wohltätige Fürstenhand" gefunden, die ihn "in Schutz und zugleich in Pflege" genommen hätte, seine "guten Eigenschaften" aufgemuntert und seine "Mängel und Verirrungen väterlich" zurechtgewiesen hätte.
Wäre er eine Art Goethe geworden?
1830 schrieb Heine in den "Englischen Fragmenten":
"...meine Seele bebt, und es brennt mir im Auge, und das ist ein ungünstiger Zu­stand für einen Schriftsteller, der den Stoff beherrschen und hübsch objektiv bleiben soll, wie es die Kunstschule verlangt und wie es auch Goethe getan - er ist achtzig Jahr dabei alt ge­worden und Minister und wohlhabend - armes deutsches Volk! das ist dein größter Mann!"
Wir sollten Ludwig I. dankbar sein, daß er Heine die Professur verweigerte.
P. S.: Wer sich immer noch am Kopf kratzt und nicht draufkommt: Die Formulierung "allejorische Fijur, so ne Art Joethe" ist aus dem Roman "Der Maulkorb" von Heinrich Spoerl.

Der "Rot-Blaue Stuhl" von Gerrit Rietveld

I ch muß gestehen, ich weiß nicht, wie gut man in der Kunstgeschichte bewandert sein muß, um Gerrit Rietveld und seinen Rot-Blauen Stuhl z...