28.12.08

Würde

Vor langer, langer Zeit gab es mal eine Zeit, da ich regelmäßig "DIE ZEIT" las. Die Reisebeilage habe ich selbst damals nur rasch überblättert, bei obigem Bild aber bin ich schon beim Blättern hängengeblieben.

Dem zuständigen Redakteur schien das Bild nicht mehr bedeutet zu haben, als eine kleine Kuriosität am Rande, das legt die eher harm­los spöt­teln­de Unterzeile nahe:

"Je pittoresker, desto besser: Touristen in Tibet".

Der Mann ist vielleicht ein tibetischer Mönch, wahrscheinlich aber ganz einfach ein al­ter Tibeter in der landesüblichen Tracht. Er muß sich die kleine Steigung des Weges recht mühsam hoch kämpfen, tut dies aber auf eine ruhige Weise, die ihn zwar lang­sam aber eben doch vorankommen läßt. In der linken Hand hält er eine Ge­betsmühle, gewohnheitsmäßig, wie zu vermuten ist. Jedenfalls macht er das, was immer er macht, mit großer Ruhe und bewundernswerter Würde.

Und dann die beiden fotografierenden, filmenden Touristen, die den alten Mann gestellt haben wie ein zu jagendes Wild. Die sich vor ihn hin­stellen und ihm die Kameras vor's Gesicht halten, als wäre er nichts an­deres als eine Hausfassade oder ein interessantes Detail an einem Brun­nen. Sie gehen auf eine schamlose Art und Weise an den Al­ten heran, die sie sich zuhause - wetten! - nie und nimmer trauen wür­den.

Ich bin sonst ein wenig allergisch gegen das Wort "Würde", es ist gar zu abgelutscht und oft mißbraucht. Hier erscheint es mir angebracht. Geschändete Würde.

25.12.08

Silberhochzeit


Der Franze hat gsagt, wenn er Silberne Hochzeit feiert, dann geht er zum Unterwirt und sauft sich einen Rausch an. Falls er, sagt er, bis dahin eine Frau findet.

20.12.08

Froh zu sein bedarf es wenig...


Ich war nicht wenig schockiert, als ich damals, am 30. Juli 1987, in der "taz" dieses Bild entdeckte. Die "taz" verwendete es dazu, einen Artikel über deutsche Filmkritiker und ihre liebste Themen zu illustrieren. Das Bild bietet sich ja auch als ironischer Kommentar zum Thema an: Ein Haufen dumpfer, stumpfer Männer in einem dumpfen, stumpfen Kino in Erwartung eines dumpfen, stumpfen Films.
Woher aber dann mein schockierte Reaktion?
Ich hatte ein Bild, das ich mehr als zwanzig Jahre nicht mehr gesehen hatte, sofort wiedererkannt. Als Schüler hatte ich, um mein Englisch zu üben, die Zeitschrift "Life" abonniert, das Bild illustrierte einen Artikel über Rassismus im Süden der USA. Der Mann mit übereinandergeschlagenen Beinen, der sich auf dem Photo gerade aus der Tüte "Red Man" bedient, wurde im Gerichtssaal photographiert, angeklagt des Mordes an drei jungen Leuten, 1964.
"Let's have some Red Man", hatte er gefeixt und so stand es auch unter dem Bild damals in "Life", das während der Anklageverlesung aufgenommen worden war. Hinter ihm sitzen seine Sympathisanten (oder Mittäter) und alle sind sich ganz unheimlich sicher, daß ihnen nichts passieren wird, daß sie auf jeden Fall freigesprochen werden. So, wie es dann auch gekommen ist.
Der Mann war übrigens Sheriff.
In Vorbereitung dieses Beitrags habe ich ein wenig im Internet recherchiert Ein amerikanischer Maler namens Philipp Morsberger, so erfuhr ich, hat nach diesem Pressephoto ein Ölgemälde erstellt, mit dem Titel "Hey, Let's Have Some Red Man! (The Arraignment".
Dieses Photo ist einer der obszönsten Bilder, die ich je gesehen habe.

17.12.08

Lachen

Der Franze hat gsagt, der Xaver wenn das noch hätt erleben können, sagt er, der hätt sich totgelacht.

9.12.08

Parvenüs

Alte Adelsgeschlechter, ob es sich nun um Geld- oder Adel-Adel handelt, sehen gerne auf die sog. Parvenüs, die Emporkömmlinge herab. Beim Geldadel, also dem bürgerlichen Adel ist das etwas verwunderlich, lautet doch die bürgerliche Weisheit seit alters, daß dem Tüchtigen die Welt gehöre. Eigentlich müßte man also heute demjenigen, der von unten nach oben gestiegen ist, mehr Respekt zollen als demjenigen, der sich für seinen Reichtum nur die Mühe machen mußte, geboren zu werden.
Wie auch immer: Alte Adelsgeschlechter sind stolz auf ihre Vorfahren, sie verehren sie und sie verehren natürlich vor allem den ruhmreichen Gründer des ruhmreichen Geschlechtes derer von Weißnichtwer. Zwei Minuten mäßig angestrengten Nachdenkens genügen für die Erkenntnis, daß dieser Gründer des Adelsgeschlechtes, wie weit immer man ihn in der Geschichte zurückverfolgen kann, ein Parvenü gewesen sein muß. Er nämlich kann ja noch nicht aus einem alten Adelsgeschlecht gestammt haben, ansonsten er ja nicht der Gründer eines solchen gewesen sein könnte. Der Urururopa Vorfahr muß also vor der Gründung des Geschlechtes irgendein kleiner Mann gewesen sein, der sich dann hochgearbeitet, bzw. hochgemetzelt hat.
Diese simple Logik ist vielleicht der Grund, warum sich viele ganz alte Adelsgeschlechter gerne mythische Vorfahren erfunden haben, die oft bis zu den Göttern selbst zurückreichen. Ersatzweise (besser als nix) tun's dann auch die Trojaner. Obwohl man sich auch bei denen natürlich fragen muß, was denn der trojanische Urahn war, bevor er zum Urahn wurde.

Paulaner

In den frühen achtziger Jahren sah ich bei einem Besuch in München einmal ein Plakat einer Münchner Brauerei. Ich glaube, es war die Paulaner Brauerei und es war eine Reklame für Paulaner Pils. Ein Säugling lag in seiner Wiege, proper, glücklich und zufrieden. Um die Wiege herum standen die Eltern und Großeltern, blickten verzückt und glücklich in die Wiege mit dem kleinen Wonneproppen. Alles schön, alles gediegen, alles wohlhabend. Eine Idylle. Auf dem Plakat standen die Worte:

"Irgendwann wird auch er sein erstes Paulaner Pils trinken."

Eine knallharte Drohung. Das Plakat will uns sagen: „Du, kleiner Säugling, magst jetzt noch ahnungslos und zufrieden in deiner Wiege liegen und von Muttermilch träumen. Täusche dich nicht - wir kriegen auch dich, so wie wir bisher noch fast jeden gekriegt haben!“

Du kommst dem Bier nicht aus!

Sportler

Ist es dir schon mal aufgefallen? Wenn du (und wann immer du) einen leidenschaftlichen Sportler triffst, ist er müde, abgekämpft, fertig. Daß er um irgendein Körperteil irgendwelche Bandagen trägt, also irgendwie verletzt ist, fällt dir als Bekannter von Sportlern schon gar nicht mehr auf. Frägst du ihn, so wird er dir sagen, er habe gestern oder letzte Woche oder eben grade sehr heftig trainiert und dieses Training stecke ihm noch in den Knochen.

Du hingegen, leidenschaftlicher Nicht-Sportler und Faulpelz in allen Dingen körperlicher Ertüchtigung, bist fit, ausgeruht und leistungsfähig.

Könnte es sein, daß Sportler nicht, wie sie dies selber gerne glauben, dank ihres Trainings fit und leistungsfähig sind, sondern, daß sie ganz unglaublich fit und leistungsfähig wären, wenn sie nicht ständig so viel und heftig Sport trieben.

Schärfer formuliert: Es sind womöglich nicht jene Leute leistungsfähig, die Sport treiben, sondern Sport treiben diejenigen Leute, die von Haus aus leistungsfähig sind. Und sie wären noch viel, viel leistungsfähiger, wenn sie nicht ständig so viel Sport trieben.

Nur mal so als Denkanstoß.

Der "Rot-Blaue Stuhl" von Gerrit Rietveld

I ch muß gestehen, ich weiß nicht, wie gut man in der Kunstgeschichte bewandert sein muß, um Gerrit Rietveld und seinen Rot-Blauen Stuhl z...