Freitag, 20. Juli 2018

Gott, maßgeschneidert

Als ich noch in der FREITAGs-Community unterwegs war, bevor man mich wegen Sexismus, Fremdenfeindlichkeit und - versteht sich - Rassismus rausgeschmissen hat, hat ein Mitdiskutant zum Thema Gott und die Welt geschrieben:
Man darf sich das moderne ideologische Syndrom ja nicht als einfaches Dogma vorstellen, an das man entweder zu glauben hat oder man des Todes ist, sondern als Meinungskomplex: Man muß eine Meinung haben, jeder hat eine andere, und die muß immer und überall die Länge und Breite durchdiskutiert werden.
Worauf ich antwortete:
Der Religionsmarkt ist ja seit den Tagen der Hl. Inquisition mehr und mehr liberalisiert worden. Neben den großen Sinn-Konzernen haben sich kleine und kleinste Metaphysik-Tandler etabliert. Deren Angebot ist mittlerweile so vielfältig, daß für fast jeden Geschmack etwas zu finden ist. Da gerade die mittelständischen Religionsangebote OpenSource-Konzepte sind, haben selbst anspruchsvollste Sinnsucher ("Gottchen, ich bin es mir wert";) die Möglichkeit, sich Gott ("Sehet, ich bin euch ein geduldiger Gott";) so zu gestalten, daß er wirklich paßgenau auf die eigenen psychischen Bedürfnisse abgestimmt ist.
"Ach, nein, Herr Pastor, ein zürnender Gott mit Brutzeln in der Hölle, ist mir denn doch zu krude. - Was, Sie haben auch 'Hölle als Gottferne' im Angebot? Ja, schon feinsinniger, das, aber Ihr Kollege da links hinten bietet Gott auch als abstraktes Prinzip ohne detaillierte Ansprüche an mich an. Das scheint mir denn doch eine wirklich attraktive Alternative zu sein, nichts für ungut, Herr Pastor."
Jesus, meine Zuversicht! So hat nun jeder seinen ganz individuellen Gott, der am besten zur Couchgarnitur paßt. Wieso keiner von diesen Gott- und Sinnsuchern auf die Idee kommt, Gott könnte eventuell nichts weiter sein als eine angenehm gestaltete Hirnblähung? Ich weiß es nicht.
Vielleicht liegt es aber nur daran, daß ich ein bisserl schlicht denke und das, was ich denke, auch verstehen will.

Sonntag, 8. Juli 2018

Stahlwatte

In meinem Bad habe ich ein Holzregal, in welchem ich allerlei Tand lagere. Wenn ich auf dem Hajsl sitze schaue ich genau auf das Regal und mein Bad ist sehr klein.
Viele, viele Monate lang sah ich bei geschäftlicher Verrichtung direkt auf eine Packung mit verseifter Stahlwatte.

Eines Tages fiel mir die Packung runter, ich stellte sie zurück und merkte, daß ich jetzt auf die andere Seite der Packung blickte.
Unfaßbar! Ich grübelte und grübelte. Wie zum Teufel, so fragte ich mich, kann man natürliche Seife aus feiner Stahlwatte gewinnen? Es dauerte fast eine Minute, bis ich die Lösung gefunden hatte.

Samstag, 7. Juli 2018

Dirigenten-Bluff und Schabernack in der Literatur

Der Musikkritiker Ulrich Schreiber hat 1980 im Westdeut­schen Rundfunk ein bemerkenswertes Experiment gemacht ([1]). In einer Rundfunksendung wurden drei Interpretationen der 4. Sinfonie, der "Romantischen", von Anton Bruckner gespielt ([2]). Die Hörer hatten die Möglichkeit, telefonisch ihre Meinung zu äußern, das heißt sie konnten die drei Interpretationen in eine Rangordnung bringen. Die einzelnen Aufnahmen wurden von kurzen musikkritischen Stellungnah­men eingeleitet, welche die verschiedenen Interpreten (Karl Böhm, Leonard Bernstein und Herbert von Karajan) stilistisch einord­nen sollten und dabei ganz bewußt mit Klischees ar­beiteten.
Der Haken war - es handelte sich jedesmal um die gleiche Aufnahme! Und: Sie stammte von keinem der drei vorgestellten Dirigenten. Im Verlauf der Sendung riefen 563 Hörer an, die neben einigen soziologi­schen Daten ihr Urteil in den Computer einspeisten. Dabei bezeich­neten sich 65 Prozent der Anrufer als Klassik-Spezialisten. Das Er­gebnis: 30 Pro­zent stimmten für Karajan, 28 Prozent für Bernstein und 23 Prozent für Böhm, 18 Prozent enthielten sich. Auf die Idee, daß hier manipuliert worden sein könnte, kam kein einziger, kein einziger Anrufer äußerte auch nur den Verdacht, es habe sich um identische Musikbeispiele gehandelt.
Ein bißchen Wortgeklimper zur Einstimmung und der angebliche Kenner sackt mit all seiner Sachkenntnis ein.

George Forestier, der falsche Fremdenlegionär

In den fünfziger Jahren erschien in Deutschland ein Band mit Gedichten, in denen George Forestier, ein ehemaliger Fremdenlegionär, seine erschütternden Erlebnisse und Leiden während des Indochina-Kriegs verarbeitete. Forestier wurde damals mit Ingeborg Bachmann in einem Atemzug genannt, einige stellten gar seine Gedichte über die ihren. Sie beeindruckten in ihrer Wucht und Authentizität.
1955 stellte sich heraus, dass das Leben und Werk Forestiers von Karl Emerich Krämer frei erfunden worden waren. Krämer war alles mög­liche (u. a. Nazi), aber er war weder in der Fremdenlegion gewesen, noch kannte er Indochina aus eigener Anschauung.
Batsch! Mit einem Schlag war der Zauber seiner Verse verflogen, niemand liest heute noch die Gedichte, in der Literaturgeschichte kommt Forestier allenfalls noch als Kuriosität am Rande vor.
Literatur arbeitet fast immer mit der Einfühlung, das heißt man erwartet von einem Schriftsteller nicht, daß er die dargestellten Ereignisse tatsächlich selber erlebt hat, auch wenn er als Ich-Erzähler auftritt. Karl May, der seinerzeit seine Geschichten ausdrücklich als selbst­erlebt ausgegeben hat, hat man seinen Schwindel verziehen, George Forestier nicht.

Ossian

Ein weiteres, noch interessanteres Beispiel, an dem sich zeigen läßt, daß nicht nur Kunstexperten merkwürdige Menschen sind, sondern auch Literaturkenner ist die Geschichte von Ossian. 1762 erschien in London die englische Übersetzung eines uralten keltischen Epos. Der Text wurde auf ca. 500 bis 600 nach Christus datiert, war damit deutlich älter als alle (bis heute) bekannten Sprach- und Literaturdokumente nord- und mitteleuropäischer Sprachen. Der Autor war ein keltischer Barde namens Ossian, der in seinem Epos in beeindruckend bildkräftigen Versen die Heldentaten seines Vaters und anderer keltischer Heroen besang. Das intellektuelle Europa - unter anderem der junge Goethe, der etwas später eine Übersetzung von Teilen des Ossian-Epos ins Deutsche anfertigte - war begeistert von diesen Versen, von der archaischen Wucht, die dem Leser entgegensprang.
In England blieb man weitgehend skeptisch, man wollte dem barbarischen Volk der Schotten eine solche Kulturleistung einfach nicht zutrauen. Das Mißtrauen wurde geschürt von dem Umstand, daß der Übersetzer, James McPherson, den von ihm entdeckten gälischen Originaltext nicht und nicht ver­öffentlichen wollte. Geraume Zeit später war dann ohne Zweifel erwiesen, daß James McPherson den Text nicht übersetzt, sondern verfaßt hatte. Pschschsch, eine Fälschung! Raus war der Zauber und die Verse waren plötzlich gar nicht mehr von archaischer Wucht (was sie immer noch hätten sein müssen, wenn die Beurteilung zuvor von Sachkenntnis geleitet worden wäre).

Das literarisches Kunstwerk und sein Autor

Das Kreuz nämlich ist, daß einerseits ein Text ein Text ist. Andererseits aber ist ein Text auch kontextabhängig. Wenn der Satz "Erwin Pachulke hat, das versichere ich hiermit als Augenzeuge, Herr Kommissar, um ca. 18.00 h den Juwelier Rembremmerding überfallen und erschossen" in einem Polizeiprotokoll steht, dann wird dieser Text nur solange belangvoll sein, bis sich erwiesen hat, daß Erwin Pachulke, ausweislich einer Videoaufzeichnung, um ca. 18.00 h, ca. 300 km vom Tatort entfernt sein Auto betankt hat. Oder bis Pachulke endlich gehängt ist.
Ist derselbe Satz dagegen Teil eines literarischen Kunstwerks, so verlieren weder der Satz als solcher, noch das literarische Kunstwerk an sich das geringste, wenn sich herausstellt, daß der ehdem geschätzte Autor ein - sagen wir mal - Serienmörder ist.
Künstler begehen eher selten Morde, das ist richtig, gelegentlich aber begehen Mörder Kunst. Was ich sagen will: Der Hinweis auf den Serienmörder ist kein ausgedachtes Beispiel. Der Österreicher Jack Unterweger ([3]) wurde wegen mehrerer Morde an Wiener Prostituierten verhaftet und schließlich verurteilt. Während seiner Haftzeit startete Unterweger eine fulminante Karriere als Häfenliterat (in Deutschland würde man Knastpoet sagen), er wurde zum Liebling des österreichischen Feuilletons. Viele Prominente aus Kunst und Politik (unter anderem Elfriede Jelinek, Günter Grass, Erich Fried) setzten sich für seine Begnadigung ein. Unterweger wurde dann tatsächlich vorzeitig entlassen und setzte anschließend seine Karriere als Serienmörder fort.
Ein literarisches Kunstwerk wirkt aus sich heraus. Tut es das nicht, ist es kein Kunstwerk, sondern eine Zumutung. Der Text ist entweder gut oder er ist es nicht, und er wird nicht besser oder schlechter dadurch, daß ich irgendwas über den Autor erfahre. Ich habe mal aus relativer Nähe heraus die Geschichte eines Journalisten erlebt, der unter anderem hochgelobte Bücher geschrieben und als Ghostwriter für einen hochrangigen Würdenträger gearbeitet hat. Dann ist er auf einmal verhaftet worden und wurde schließlich wegen einer sexuellen Straftat zu einer Gefängnisstrafe verurteilt. Als die Vorwürfe gegen ihn bekannt wurden ([4]), hat sich der Würdenträger sofort von ihm distanziert und heftig abgestritten, daß ihm der Mann die Reden geschrieben hätte, und die Bücher wollte auch keiner mehr kaufen. Hm. Wie ich oben sagte: Wenn die Texte vorher gut waren (ich fand sie nicht so toll, auch vorher nicht), dann sind sie es nach dem Skandal immer noch.
Der Text selbst kann seinen Charakter nicht mehr verändern, wenn er erstmal geschrieben ist. Was sich dagegen ändern kann, ist seine Wahrnehmung und Interpretation, wobei letztere, wie gesehen, sehr stark von dem Gewese und Getöse um den Text herum beeinflußt sein kann.



[1]   Die Informationen verdanke ich dem Artikel "Erkennen Sie den Interpreten?" von Reinhard Söll, Mittelbayerische Zeitung, 17.07.1982. Er wiederum gibt als Quelle einen Artikel aus der Zeitschrift "HiFi-Stereophonie" vom Januar 1981 an. Dort wurde das Experiment detailliert beschrieben.
[2]   Es wurden anscheinend nur Auszüge gespielt. Die 4. von Bruckner dauert immerhin über eine Stunde.
[3]   Der für einen Österreicher eher untypische Vorname Jack kommt von seinem Vater, einem GI. Es ist kein Künstlername, obwohl Unterweger vor seiner literarischen Karriere Aktionskünstler war (Bankraub etc.).
[4]   Es wurde damals erst gegen ihn ermittelt, eine Anklage, geschweige eine Verurteilung war noch in weiter Ferne.

Mittwoch, 4. Juli 2018

Die Verzückung der Hl. Teresa von Avila

Über katholische Frömmigkeit und Erotik
Ich habe fünf Jahre lang in der Gemeinde Aldersbach gewohnt. In Aldersbach gibt es nur wenige Meter von der berühmten Klosterbrauerei entfernt die noch viel berühmtere Klosterkirche, die Ende des 18. Jahrhunderts von den Asambrüdern ausgestaltet worden war.
"Zu der Zeit als die Asams die Aldersbacher Kirche gestalteten hatte der normale Aldersbacher Bauer oder Schankwirt keine andere Gelegenheit, Kunst zu betrachten als in der Kirche. Da saß er nun des Sonntags und an den unendlich vielen Feiertagen (fast die Hälfte des Jahres), die es damals im katholischen Raum gab [1], in seiner Bank und schaute. Und er hatte genug zu schauen für ein ganzes Schankwirtsleben.
Heute, da wir von Bildern überflutet und geradezu erdrückt werden, haben wir gar nicht mehr die Geduld, uns eine Stunde oder länger in ein einziges Bild zu vertiefen. Du trittst in die Kirche ein, flüsterst entsetzt 'Jesus, hat's hier viele Bilder und Plastiken' und ziehst dich fluchtartig zurück."
Obige Zeilen hatte ich mal in einem E-Mail-Wechsel mit einer jungen Frau geschrieben, Berlinerin, aber katholisch. Sie hatte mir damals geantwortet: "Aber er geht da nicht hin, um Bilder zu sehen. Bilder ansehen ist Ablenkung. Nicht primär von der Hl. Messe, sondern von, pardon, Gott. (...) Erzähl mir nicht, dass Dein Schankwirt sich die ganze Predigtstunde lang in ein Bild vertieft. Der guckt rum, sieht sich die Engelein und die halbnackten Titten an oder dämmert weg, sobald er sich an den Überfluss gewöhnt hat."
Worauf wiederum ich antwortete:
Es gibt in Rom die Kirche "Santa Maria della Vittoria". In dieser chiesa barocchissima befindet sich die überlebensgroße Skulptur "Die Verzückung der Hl. Teresa von Avila" von Gian Lorenzo Bernini.
Bernini hat das Werk um 1650 im Auftrag des venezianischen Kardinals Federico Cornaro für die Familienkapelle der Cornaros in der Kirche Santa Maria della Vittoria in Rom geschaffen.
"In einem Tabernakel über dem Kapellenaltar ist das Geschehen der 'Unio mystica' der Hl.Theresa von Avila mit Gott gezeigt. (...) Bernini inspirierte sich an einer autobiographischen Erzählung der spanischen Mystikerin Theresa, Ende des 16.Jhdts. gestorben [2], wo sie, in einer explodierenden Verzückung auf Wolken schwebend und der Erde entrückt, sich einem als Jüngling dargestellten Engel hingibt, der einen goldenen Pfeil von oben ihr entgegen schleudert. Das Erleben Gottes, wie es Bernini aus dem Carrara-Marmor herausgewonnen hat, gleicht verblüffend der Darstellung erotischen Erlebens und körperlicher Liebe. Bei der Enthüllung des Werkes soll es damals zu Aufsehen gekommen sein. Die erotischen Ausdrucksformen schienen den mystischen Gehalt zu überdecken. Unverhüllt wird hier gezeigt, wie eine Frau der Erotik Gottes erliegt."
Dabei ist die Darstellung keineswegs der Phantasie eines barocken Bildhauers entsprungen; Theresa selbst schildert ihre mystischen Erfahrungen so körperlich, dass man es gar nicht besser künstlerisch wiedergeben kann, als Bernini es getan hat:
"[Es]wollte der Herr, dass ich den Engel in leiblicher Gestalt sehen sollte. Er war nicht groß, eher klein, aber sehr schön. [...] In den Händen des mir erschienenen Engels sah ich einen langen goldenen Pfeil; an der Spitze seines Eisens schien mir Feuer zu sein; es kam mir vor, als durchbohrte er mit dem Pfeil einige Male mein Herz bis ins Innerste, und wenn er den Pfeil wieder herauszog, war mir, als zöge er den innersten Teil meines Herzens mit heraus. Als er mich dann verließ, war ich ganz entzündet von feuriger Gottesliebe. Der Schmerz war so scharf, dass er mich zu vielen Seufzern trieb, und so groß war die Süßigkeit dieser Qual, dass ich niemals wünschen kann, sie zu verlieren, noch dass meine Seele mit weniger als Gott zufrieden sei. Es ist kein körperlicher Schmerz, sondern ein geistiger, obwohl der Körper Anteil daran hat, großen Anteil. Der Liebesverkehr, der seither zwischen meiner Seele und Gott stattfindet, ist so beglückend, dass ich den gütigen Herrn anflehe, er wolle ihn dem zu kosten geben, der etwa meint, ich würde hier lügen."
(Ebenfalls romaculta.it
Schau dir mal das Gesicht dieser Frau an und du merkst, auf welchen Umwegen barocker Katholizismus den Weg zu Gott findet.
Der Engel lüpft das Gewand Theresas dort, wo der Busen liegt. Und bei Bernini zielt der Pfeil des Engels nicht auf das Herz Theresas, sondern dorthin, wo unter den Falten des Gewandes der Schoß verborgen ist.
Katholische Frömmigkeit ist nichts für Weicheier.



[1]   Die Leute aus den Höheren Ständen (Adel und Hoher Klerus) hatten ewigen Urlaub, für den übergroßen Rest der Bevölkerung war Urlaub undenkbar. Wohin hätten sie auch mit dem Ochsenkarren fahren oder zu Fuß gehen sollen? Ins Nachbardorf, wo es genau so war wie daheim? Und wer hätte dann das Vieh versorgen können? Also hat man zizerlweise Urlaub gemacht, am Hl. Sonntag natürlich und fast jede Woche ein Feiertag.
[2]   Teresa starb übrigens in der Nacht vom 4. auf den 15. Oktober 1582. Astronomisch war es eine ganz normale Nacht, allerdings griff am selben Tag die Gregorianische Kalenderreform.

Montag, 2. Juli 2018

Läppidoitsch

Läppidoitsch ist eine Sprachmode, die sich zunehmend breit macht. Jeder Einfall, der nicht ersichtlich schwachsinnig ist, jedes Produkt, an dem es, abgesehen vom üblichen, nichts zu meckern gibt, ist heute "genial". Jede Sache, die nicht ausgesprochen schlecht ist, vielleicht sogar gut, ist heute (das heißt schon seit über zwanzig Jahren) "super". Und weil "super" ja viel zu schwer zu schreiben und vor allem zu sprechen ist, nennt man das auch gerne "supi".
Und diese... nein, nicht Kinder-, sondern Babysprache (1), breitet sich aus. Der Stuttgarter Platz in Berlin ist der Stutti, das Kottbuser Tor ist das Kotti und was das "Kutschi" ist, habe ich noch nicht rausgefunden. Meiner Erinnerung nach kam das so richtig fett (umgangssprachlich für "deutlich", "weit verbreitet";) in den neunziger oder vielleicht sogar schon späten achtziger Jahren auf. Damals ging der Studi in die Bibi, Schumi profilierte sich als Rennfahrer und Klinsi war der Trainer, Schweini sein Star im Fusi. Der Depri neigt unter diesen Umständen zum Sui. (Nein, auch das mit dem "Depri" und dem "Sui" habe ich nicht erfunden, sondern im Internet gefunden. Es bedeutet genau das, was du dir jetzt in deinen wilden Fieberphantasien denkst.)

In Berlin-Kreuzberg (2) findet man das hier dokumentierte "Späti am Schlesi". Das "Schlesi" ist das Schlesische Tor, ein "Späti" ist... wie erklär ich's nur? Ein Späti ist ein Spätkauf, also ein Laden, der bis in die späte (!) Nacht hinein (3) Waren des täglichen Bedarfs verkauft. (Hier ein Blick in einen Berliner Späti.)

Die Spätis sind noch ein Relikt aus der Inselzeit von West-Berlin (4). Damals galt das bundesdeutsche Ladenschlußgesetz nicht in Berlin, die Geschäfte konnten öffnen und schließen, wie sie lustig waren. Heute gilt das Ladenschlußgesetz zwar auch in Berlin, aber Berlin ist das Neapel von nördlich der Alpen: Gesetze sind unverbindliche Empfehlungen. Wenn der Berliner um 11 Uhr meint, er bräuchte für den Mitternachtskrimi noch gesalzene Erdnüsse, dann geht er zum Späti und kauft sich welche. Deswegen hat der Berliner bis heute nicht gelernt, 24 Stunden im voraus zu denken.
Das Aufmerksamkeitsfenster eines Berliners ist irgendwo zwischen 3 Sekunden und sieben Minuten. Die mit den sieben Minuten gelten bereits als Spitzen-Intellektuelle, die aber aus jeder anderen deutschen Universität rausflögen.
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(1) Ich habe mit meinen Kindern nie-mals Babysprache gesprochen, sondern - buchstäblich und wortwörtlich von der Nabelschnur weg - gepflegtes Hochdeutsch. Den Dialekt, dachten wir uns damals, lernen sie auf der Straße sowieso. Und so war's dann auch.
(2) Ayshe und Ali Öztürk und all die anderen Eingeborenen von Kreuzberg schreiben übrigens X-Berg. Eine radikale Gruppe islamistischer Syrer wollte einmal die ortsansässigen Türken zwingen, statt X-Berg Halbmondsberg zu schreiben. Dem Vernehmen nach hat sich das nicht durchgesetzt, weil es viel zu schwer zu schreiben und vor allem zu sprechen ist. Zudem sollen die Syrer bald schon als Steirer entlarvt worden sein.
(3) Einige der Spätis haben rund um die Uhr geöffnet.
(4) Auch in der DDR hat's Spätis gegeben, obwohl die dort keinen so läppischen Namen hatten.

Streng Vegan

Jetzt hat's auch die Werbung entdeckt, daß nämlich Alkohol streng vegan ist.
Es kommt hinzu, daß du viele Monate lang alleine von Bier leben kannst. Und wenn du einmal im Monat einen Erdepfesalat zum Bier ißt, kommst du solange über die Runden, so lange willst du gar nicht leben.
Zum Wohlsein!

Sonntag, 1. Juli 2018

Kunst ist, wenn man trotzdem lacht

Was ist das?
Das ist wahrscheinlich Kunst,
Weil, was wär's denn sunst?

In Wirklichkeit ist es ein Aschenbecher in der Regionalbahn. Er könnt natürlich genau so gut Arschenbecher heißen, weil Rauchen im Zug sowieso verboten ist..

Stadionbesuch? Scheif auf das Stadion

Das Stadion ist so ziemlich der unkomfortabelste Ort, sich ein Fußballspiel anzuschauen. Wie anders dagegen das Anschauen daheim vor dem Fernsee.
Mußt du pinkeln, hast du bloß ein paar Meter, die Wahrscheinlichkeit, ein Tor zu verpassen ist minimal. Das heimische Sofa ist sehr viel bequemer als die Plastikarschwannen im Stadion (von Stehplätzen red ich schon gar nicht). Die Temperaturen daheim sind allemal erträglicher als die in Manaus oder Semipalatinsk. Der Kommentator erklärt dir, was du auf dem Bildschirm siehst (ich selber würde nie und nimmer ein 4-3-3-System erkennen, selbst wenn es mir erklärt wird).
Und - last but not least - wenn ich nach 30 Minuten (oder weniger) erkenne, daß ich grad ein Scheißspiel anschaue, kann ich den Kasten ausschalten und stattdessen 1 Buch lesen.

Samstag, 30. Juni 2018

Vertrieben ist schnell wer, aber dann...?

Ich war damals 16 und hab's nicht verstanden. Später dann... du mußt dir das vorstellen, die von deutschsprechenden Menschen in der damaligen Tschechoslowakei besiedelten Gebiete stellten einen erheblichen Anteil am Staatsgebiet. Diese Gebiete waren überdies ungewöhnlich dicht besiedelt. Und dann kommt dieser Idiot von einem Beneš auf die nach Wahnsinn duftende Idee, diese Leute aus dem Land zu weisen.
Das grell Vorhersehbare geschieht tatsächlich, weite Teile der Tschechoslowakei veröden, weil keine Sau mehr da ist, die Wiesen zu mähen. Endlich mal eine historische Greueltat, die ihre Urheber von selbst bestraft, ohne Zutun Dritter. So geschieht es, weil das Brunzdummtum so eine Macht hat.

Der Chines und der Franzos

Wenn du nach Fronkreisch reist, nimm Proviant mit. Wenn du nicht aufpaßt, dann setzen dir die Frauchefraisseurs Zeug vor, das glaubst du nicht.

Donnerstag, 28. Juni 2018

Eintritt für Jugendliche verboten

In den letzten achtziger Jahren des vergangenen Jahrtausends erließ der Landpfleger von Germanien ein Gesetz, demzufolge in Videotheken (eh schon wissen: Magnetbänder, VHS etc. pp.) jugendgefährdende Videos in einem eigenen Raum mit eigenem Eingang angeboten werden mußten, zu dem Kinder und Jugendliche keinen Zutritt haben durften. Sollte aus räumlichen oder sonstigen Gründe eine Trennung nicht möglich oder erwünscht sein, so sollte dann die gesamte Videothek für Jugendliche Sperrgebiet sein.
Eines Tages aber geschah es, daß meine Frau sich ein Video ausleihen wollte. Die Videothek hatte nicht die räumlichen Möglichkeiten, zwischen "normalen Videos" und "Erwachsenen-Videos" zu trennen, also war - gemäß gesetzlicher Vorgabe - die ganze Videothek nur für Personen über 18 Jahre zugänglich.
Nun hatte meine Frau aber unseren damals wenige Monate alten Ältesten im Brustbeutel vor sich hängen. Konsequenterweise wurde ihr der Zutritt verweigert, denn nachgewiesenermaßen war der Kleine noch nicht volljährig. Nein, das ist kein Scheiß, den ich mir ausgedacht habe.

Ich bin mir ziemlich sicher, mein Sohn hätte keinerlei seelischen Schaden erlitten, wäre er damals an Porno- und Splattervideos vorbeigetragen worden.

Die Steirer sind unser Unglück

Irgendwann hat mal irgendwer, womöglich war's ich selber, aus irgendwelchen Gründen geschrieben: "Wer hat eigentlich diese Steirer seinerzeit nach Österreich hineingelassen?"
Daraufhin hat die Silvia Jelincic geantwortet: "Das waren bestimmt so Leut wie du..."
Womöglich hat sie recht, dachte ich bei mir. Wahrscheinlich war es genau so. Ich stell mir das so vor, daß gerade ein Rudel Gutmenschen Dienst hatte am Zaun an der Außengrenze des Christlichen Abendlandes, am sogenannten antisteirischen Schutzwall.
Plötzlich rummst es am Tor. Ein Gutmensch schaut raus beim Fensterl.
GUTMENSCH Wer seids na ihr?
STEIRER Mir san Stei... also, ich mein, mir san Tiroler.
GUTMENSCH (skeptisch) So so, Tiroler seids ihr.
STEIRER Freilich.
GUTMENSCH Und was macht's ihr da draußen?
STEIRER Mir warn Schwammerlbrocken bei den Slowenen, und weil wir einen Schliwowitz getrunken haben, ist es später geworden.
GUTMENSCH (irritiert) Aber später wird's doch auch ohne Schliwowitz.
STEIRER Schon, aber nicht so schnell.
Der Gutmensch übersieht das für Steirer typische tückische Flackern im Auge des Steirers und sperrt das Tor auf.
GUTMENSCH (sperrt das Tor auf) Gut, dann kommt's halt rein. Aber ihr reists sofort weiter nach Tirol, göj?
STEIRER Freilich. (Der Steirer beugt sein Haupt, damit man nicht sieht, wie es ihn vor Lachen schüttelt)
So also kam das Unglück über Österreich und die Steiermark wurd gegründet. Jahrhunderte später hat der Hl. Jörg von Kärnten den Steirerfluch gesprochen, aber genützt hat es nichts mehr.
Heit auf dNacht
Wern dSteirer umbracht.
Wer a Steirerfleisch mog
Soi komma de Dog.
Die obenstehende Szene ist ein kurzer Auszug aus dem Heimatdrama "Wie wir einmal die Österreicher hereingelegt haben", das anläßlich der Grazer Steirertage uraufgeführt werden soll. Bei schönem Wetter wird das österreichische Bundesheer mit blankem Säbel gegen die Grazer Einwohnerschaft vorgehen und ein Blutbaderl anrichten.
P. S.: Wenn ich aus dem Wort "Steirer" das Tee-Ei rausnehme und durch ein Üppsilon ersetze, steht auf einmal "Syrer" da. Das erklärt manches.

Samstag, 23. Juni 2018

Auf anständige Art & Weise reich werden

Gemütlicher Kaminabend im Milliardärsclub.
"Es gibt", seufzt Dagobert Duck schließlich, den Blick verträumt in sein Whiskyglas gerichtet, "nur einen einzigen Weg, um auf anständige Art und Weise so reich zu werden wie wir."
Versonnenes Schweigen. Steigende Spannung.
"Jetzt sag schon", durchbricht schließlich Klaas Klever die Stille, "was ist das für eine Methode?"
"Das dachte ich mir schon", antwortet Dagobert Duck schließlich nach einer Weile, "daß ihr gewissenlosen Sauhunde diese Methode auch nicht kennt."

Erfolgsorientiert

Im Internet liest du ja die erstaunlichsten Dinge. Es gibt Leute, die verwenden auch bei der Beschreibung banalster Dinge eine kostbare und markige Sprache: "Kurz und erfolgsorientiert muß für mich eine Rasur sein."
"Erfolgsorientiert", das ist die Sprache der dynamischen Menschen, die auch noch stolz sind auf ihre Schilddrüsenüberfunktion und andere Menschen beständig damit quälen. Eine Mordsrhetorik um simple Selbstverständlichkeiten. Wie denn anders als erfolgsorientiert kann eine Rasur sein? Ich mein, wenn ich mich rasiere, dann möcht ich schon, daß hinterher die Haare weg sind, weil sonst hätt ich auch Nasepopeln können, oder ein Kaffeetscherl trinken.

Dienstag, 19. Juni 2018

Kunst und Gesundheit

Im Übergang von den siebziger zu den achtziger Jahren kannte ich einen, der später eine lokale Prominenz als Grüner erlangte. Um diese Zeit veranstaltete dieser auf dem Oberen Wöhrd in Regensburg ein rasend progressives Konzert, vielleicht hat er höchstselbst mitgejodelt. Der Winzi (wer ihn kennt, weiß, wen ich meine, wer ihn nicht kennt, dem ist es eh wurscht) und ich gingen nicht hin, sondern machten stattdessen einen Spaziergang.Mehr oder weniger zufällig (wahrscheinlich weniger, da unbewußt) kamen wir auch am Ort des Kunstereignisses vorbei. Die daraus erschallende Musik war in ihrer Lautstärke und ihrem Wohlklang noch draußen auf der Straße ausgesprochen - sagen wir mal - aufdringlich. Schnell wurden der Winzi und ich uns einig, daß wir gut daran getan hatten, das Konzert nicht zu besuchen. Da versuche man, den Empfehlungen der grünen und anderer wohlmeinender Menschen folgend, so leidlich gesund zu leben und dann solle man sich diese rein dezibelmäßig ausgesprochen belastende Kunst antun? Nein, das sollte man nicht, sagten wir uns und entfernten uns eilenden Schrittes vom Orte der Kunst.

Die politische Ökonomie der Ehe


Friedrich Torberg schreibt in seinem Buch "Die Tante Jolesch oder Der Untergang des Abendlandes in Anekdoten" über die Ehe als solche: "Als im Hause ruchbar wurde, daß Harry Klepetář, einer der jüngeren politischen Redakteure, vor der Verehelichung stand, öffnete sich plötzlich die Türe zu seinem Zimmer, Dr. Keller steckte den Kopf herein und sagte:
»Sie heiraten, Klepe? Sie werden sich wundern!«
Damit schloß er sowohl die Türe als auch die Gratulation. Was nämlich seine eigene Ehe betraf, so schien sie nicht gerade eine Liebesehe zu sein. In einem jener Selbstgespräche, zu denen er sich gelegentlich in ein Redaktionszimmer verirrte, hatte Dr. Keller errechnet, daß angesichts des finanziellen Aufwands, den seine Gattin ihm abverlangte, und angesichts der Seltenheit, mit der er seine Ehe konsumierte, jede Konsumation ihn ungefähr 20.000 Kronen kostete; das aber, so befand er, sei zu viel und lasse ihn zweifeln, ob die Ehe als eine sinnvolle Institution zu betrachten sei."
Der Franze formuliert denselben Sachverhalt natürlich viel brutaler: "Der Franze hat gsagt, wenn er mit einer Schnepfen zweimal groß ausgehen muß, eh er sie flachlegen kann, dann, sagt er, käm ihm der Puff billiger."

Montag, 18. Juni 2018

Die Abkürzung als Umweg


Du glaubst es nicht, du magst es nicht glauben, was mir alles so passiert, das dir genau so zustoßen könnte.
Da hat jemand im Internet - Sie kennen den Ort? - was geschrieben über eine Frau BK. Was habe ich gerätselt, wer diese "Frau BK" eigentlich sein könnte, von der so viel die Rede war. Tags darauf kam ich nochmal, eher zufällig, auf die Seite, grüble wieder ein wenig und plötzlich fällt es mir wie Schuppen aus den Haaren: BK heißt "Bundeskanzlerin".
Diese eine Frage ist beantwortet und sofort stellt sich die nächste: Wieso schreibt der nicht "Bundeskanzlerin" hin, wenn er "Bundeskanzlerin" meint, wieso schreibt er stattdessen BK? Ein schlauer Mensch wird antworten, das mache er der Bequemlichkeit halber, "BK" sei nun mal deutlich kürzer und also leichter zu schreiben als "Bundeskanzlerin". Schon, entgegne ich, aber das Hinschreiben kryptischer Abkürzungen nimmt im Internet unzweifelhaft überhand. Und das Lesen kryptischer Abkürzungen nimmt dir viel von deiner kostbaren Lebenszeit. Du grübelst und grübelst über der letztlich belanglosen Frage nach "BK" und könntest eigentlich schon längst dabei sei, zu prüfen, ob die Bemerkung über die Frau Bundeskanzlerin Unfug ist oder doch.
Denn, bedenken wir es recht: Noch niemals zuvor ist dem Menschen das Schreiben, technisch gesehen, so leicht gemacht worden wie heute mit dem Computer.
Früher, ich mein jetzt sehr viel früher, hieß "Schreiben" noch, daß Mönche in entlegenen [1] Klöstern den Gänsekiel in eine Art Tinte tauchten und ganz, gaaanz sorgfältig Buchstabe für Buchstabe auf Pergament, also die Bauchhaut junger Schafe malten. Das Schreiben war zeitaufwendig wie Sau, das Pergament schwei... äh, schafsteuer. Ich habe jedes Verständnis der Welt dafür, daß die weiland Mönche Abkürzungen verwendeten, um kostbare Arbeitszeit und vielleicht noch kostbareren Platz zu sparen.([2] Früher, ich mein jetzt ganz früher, zu Zeiten der Scriptoriumsmönche,  hat man Abkürzungen, wenn man sie denn  verwendet hatte, sorgfältig eingeführt. In einer theologischen Abhandlung etwa hat der gelehrte [3] Mönch beim erstmaligen Auftauchen der Abkürzung AGNAA mitgeteilt, es stehe AGNAA für "Ach, Gottchen, nein aber auch".
Wir aber, wir Schoßkinder des Glücks (Gustav Gans), leben in den Zeiten des Computers, das Schreiben (und Korrigieren) des Geschriebenen ist heute so einfach und preisgünstig wie noch nie zuvor in der Geschichte. Platz ist auf der Festplatte oder auf dem Server nahezu unbegrenzt vorhanden. Die weiland Mönche im scriptorium hätten geweint vor Glück, wenn sie einen Laptop mit Internet-Anschluß gehabt hätten.
Ich, Leute, habe nicht nur einen Computer (jeder Depp hat heute einen Computer), sondern auch ein abartig geiles Programm. Mit PhraseExpress kannst du Kürzel für lästig zu schreibende Ausdrücke (km/h), Wörter (Alkohol) oder auch gaaanz lange Texte definieren und das Programm schreibt dann den richtigen Text hin, und zwar in jeder beliebigen Anwendung. Ich schreibe "voa" und es erscheint "vor allem", "gw" und es erscheint "gewesen". Das Programm ist für Privatanwender kostenlos, du darfst halt bloß keine typisch geschäftlichen Begriffe abkürzen wie Umsatzsteuer, Rechnung etc. Und nach einiger Zeit des Gebrauchs erscheinen immer mal wieder Einblendungen, die nachfragen, ob du nicht doch die Vollversion erwerben willst. Kostet 30 EUR in der einfachen Version (mehr Features braucht man als Privatanwender eh nicht).
Die einzige Mühe ist das erstmalige Erstellen der Abkürzungen. Hier mußt du vor allem darauf achten, daß die Kürzel erstens mnemotechnisch einfach, also leicht zu merken sind (wie eben "voa" für "vor allem") und daß es die Kürzel nicht auch noch als richtige Wörter gibt.



[1]   Damals war jeder Platz auf Gottes Erde entlegen, denn es war stets ein Riesenaufwand, von jedem anderen Platz aus dorthin zu kommen.
[2]   Um Platz zu sparen  begann man nach einem Absatz keine neue Zeile, sondern fügte stattdessen ein Doppel-S ein, das für "signum sectionis" stand. Um noch mehr Platz zu sparen (so kostbar war der Platz seinerzeit in den Zeiten der Bauchhaut von Schafen) schrieb man die beiden "s" untereinander, wodurch das §-Zeichen entstand.
[3]   "Gelehrt", das ist vielleicht der Schlüssel zum Verständnis. Früher hat man nur solche Leute an die Schreibfeder und das Pergament gelassen, die ein Mindestmaß an Bildung nachweisen konnten (und sich überdies das Ficken verkniffen hatten). Ohne Latein, dafür mit Homo-Ehe o. dergl. etwa ging da gar nichts, einer ohne Latein wurde zum Arbeiten auf's Feld geschickt. Heutzutage dagegen darf jeder Anti-Alphabetiker, der von sich auch nur behauptet, er habe einen E-Mail-Freund in Lateinamerika, im Internet publizieren.

Heldenfriedhof


Nicht schlecht, hat der Franze auf dem Heldenfriedhof gsagt. Aber wo, sagt er, hams die Feiglinge eingegraben?

Canität statt Humanität!

Ach, die Menschlichkeit, wir sollten nicht allzu stolz sein auf sie [1].
Seit Charles Darwin, das ist inzwischen auch schon wieder 150 Jahre her, wissen wir, daß der Unterschied zwischen Mensch und Tier bestenfalls graduell ist. Fundamental ist allerdings der Unterschied in Sachen Moral.
Mit dem Verhalten von Hunden kenne ich mich ein bisserl aus (mit dem von Menschen übrigens auch). Das Töten von Artgenossen ist bei Hunden (und Wölfen, nota bene) eine äußerst seltene Erscheinung. Es ist eher ein Versehen oder der Hund ist von Menschen aus Unkenntnis oder gezielt neurotisiert worden. Kein Hund (oder Wolf, wie gesagt) käme auf die Idee, einen anderen Hund (oder Wolf) systematisch zu quälen.
Canität statt Humanität!
Bleibt die Frage, warum wir Menschen im Vergleich mit sogenannten "Bestien" echte amoralische Bestien sind.
Der Grund liegt, scheint mir, in der menschlichen Intelligenz zu liegen.
Ein Tier hat Angst im Augenblick der Bedrohung. Ist die Bedrohung vorbei oder ist die Bedrohung noch nicht da, noch nicht wahrnehmbar, hat das Tier keine Angst. Im Gegensatz zum Tier hat der Mensch, der mit Geist und Vorstellungskraft begabt ist, die ausgesprochen kulturfördernde Eigenschaft, Ereignisse antizipieren zu können. "Antizipieren" heißt, lange bevor ein Ereignis tatsächlich eintritt, vor Ereignissen Angst zu haben, die in der Zukunft eintreten werden, ja, die in der Zukunft auch nur möglicherweise eintreten könnten. Der Mensch hat Phantasie, er kann sich schreckliche Dinge vorstellen, er kann die Wahrscheinlichkeit des Eintretens von schrecklichen Ereignissen abschätzen und ist damit ausgesprochen empfänglich für Angst.
Wir Menschen können uns, wenn alles noch ganz ruhig und friedlich ist, vorstellen, was anderen Menschen uns antun könnten.
Die Ulwungus, das wissen wir Kolmilken seit Jahrhunderten, sind Dreckschweine. Ulwungus ist alles zuzutrauen. Sie schauen so treuherzig, sie sind so freundlich und hilfsbereit, in Wirklichkeit jedoch wollen sie uns vernichten. Wir müssen sie also gefangensetzen, wir müssen sie foltern, damit sie uns die geheimen Verstecke der anderen Ulwungus verraten. Dann müssen wir sie töten. Schön ist das nicht, aber wir müssen es tun.
Weil wir intelligent sind haben wir Angst. Und weil wir Angst haben sind wir paranoid. Und weil wir paranoid sind sperren wir unsere Artgenossen ein, quälen und töten wir sie.
Wölfen, Hunden, Hyänen und anderen Bestien sind dergleichen humane Gedanken fremd. Wir sollten die Bestien um ihre Bestialität beneiden.
P. S.: Damit eines klar ist - die Ulwungus sind wirklich Dreckschweine.


[1]   Anm.: Den Anfangsteil dieses Blogbeitrages habe ich bereits als Kommentar im Blogbeitrag "Was ist der Sinn der Menschlichkeit?" von Antonik Seidler eingestellt. Nicht, daß es wichtig wäre, ich sag's nur der Korrektheit halber.

Samstag, 9. Juni 2018

Von den Segnungen des Nichtwissens

Jeder Narr kann heutzutage jeden Scheisendreck ins Internet stellen und - wir wissen es alle - fast jeder Narr tut es.
Früher, als ich noch klein und die Welt noch in Ordnung war, mußten wir mit dem Gänsekiel Buchstaben und Graphiken ins Pergament meißeln, um uns im Klosternetz bemerkbar zu machen. Das hat viele Monate gedauert, bis so ein Posting fertig war und anschließend bekamen wir einen Rüffel vom Vater Abt, weil wir die uns von GOtt geschenkte Zeit nicht sinnvoller genützt hätten.
Einerseits.
Andererseits wüßte die Welt ohne unsere Trödeleien bis heute nicht, daß es jenseits von Calais eine Insel namens Engelland gibt.
Und wiederum andererseits gibt es Gelehrte die meinen, das Nichtwissen um Engelland wäre das Beste gewesen, was uns je hätte passieren können, wenn es uns denn passiert wäre.

Kunst & Kriminalistik

Folgender Dialog in einem "Columbo"-Krimi, gestern im Fernsee geschaut.

Personen: A und sein Zwillingsbruder B

A: Du kriegst den Picasso, ich den Monet.
B: Ach komm, du kannst doch einen Picasso nicht von einem Rorschach-Test unterscheiden.
A: Wer kann das schon?

Montag, 21. Mai 2018

Das Burli

Augen, die mich in den Traum verfolgen [1]

Nach einem Drehbuch von William Nicholson hat 1990 die BBC den Film "Der Marsch" [2] gedreht. Der Film war damals pure social fiction, das angesprochene Problem lag weit in der Zukunft: Aufgrund des Klimawandels sind große Teile Afrikas unbewohnbar geworden und in Europa haben die rassistischen Spannungen zugenommen.
Hauptpersonen sind Clare Fitzgerald, Kommissarin für Entwicklung bei der Europäischen Gemeinschaft, und der Nordafrikaner Isa El-Mahdi [3], der einen Marsch von Flüchtlingen aus sudanesischen Flüchtlingslagern nach Europa organisiert. Seine Hoffnung bei der Organisation dieses Marsches: "Wir glauben, wenn ihr uns vor euch seht, werdet ihr uns nicht sterben lassen. Deswegen kommen wir nach Europa. Wenn ihr uns nicht helft, dann können wir nichts mehr tun, wir werden sterben, und ihr werdet zusehen, wie wir sterben, und möge Gott uns allen gnädig sein."
Nun, wir haben inzwischen gelernt den Negern und Syrern etc. pp. beim Sterben zuzuschauen. An den Außengrenzen der EU [4] verrecken in einem Monat mehr Menschen als seinerzeit im Unrechtsregime der DDR in dreißig Jahren.
Als ich begonnen habe, diesen Artikel zu skizzieren [5] war Herr Sebastian Kurz noch Außenminister, inzwischen ist er von einer entmenschten österreichischen Bevölkerung [6] zum Bundeskanzler gewählt worden. Er hat uns gelehrt, wir müßten die schrecklichen Bilder von den Flüchtlingen, die an der griechisch-mazedonischen Grenze bei Idomeni in provisorischen Zeltlagern ausharren müssen, ertragen. Ja, sie seien, sagt Kurz, sogar notwendig - als Abschreckungsmaßnahme. Als Signal an jene, die noch in Syrien, Afghanistan oder sonstwo sind, und überlegen, sich auf die Reise Richtung Westen zu machen. "Diese Bilder sind furchtbar", sagte Kurz damals, "wir sollten aber nicht den Fehler machen zu glauben, dass es ohne diese Bilder gehen wird."
Alexander Gauland von der rechten "Alternative für Deutschland", drückte das, was Kurz meinte, noch deutlicher aus: "Wir müssen die Grenzen dichtmachen und dann die grausamen Bilder aushalten. Wir können uns nicht von Kinderaugen erpressen lassen." [7]
Apropos Kinderaugen: Ich schau mir die Augen vom Burli an, die er seinerzeit auf der Website der ÖVP-Jugend hat ausstellen lassen...
Ich weiß nicht, wie es Ihnen ergeht beim Betrachten des Bildes, mir jagt es eiskalte Schauer den Rücken herab. Es ist das Gesicht eines menschlichen Haifisches mit dem Charme eines frisch geschliffenen Fallbeiles. Die Mundwinkel sind zu einem schwachen Lächeln nach oben gezogen, die Augen versuchen, mitzuhalten. Aber es ist das eiskalte Lächeln eines schneidigen Staatsanwalts, der alles beieinander hat, auf Tod durch Erhängen zu plädieren. Ein Lächeln, das dich durch deine Alpträume verfolgt. So jemandem möchtest du nicht in einem Gerichtssaal begegnen, auf hoher See oder sonst an einem Ort, an dem du wehrlos bist.
Was uns bleibt als Trost? Sebastian Kurz ist Österreicher, selbst da er nun Bundeskanzler geworden ist, bleibt er Bundeskanzler eines ziemlich kleinen, doch eher unbedeutenden Landes.
Grade wollte ich mich beruhigt zurücklehnen, als mir einfiel, daß schon mal ein Österreicher in Deutschland Kanz... [8]
Wir fordern den sofortigen Einwanderungsstop für Österreicher. Wir werden einen antiaustriakischen Zaun bauen und Österreich wird ihn bezahlen!
Apropos Augen:
In Afrika verhungern gerade - wieder mal - unglaublich viele Menschen, im Kongo sind es vor allem Kinder. Im Radio hieß es, man bräuchte 150 Millionen Dollar, um - sagen wir mal - im Sudan das Schlimmste zu verhindern. Kein Schwein hat die paar Dollar. Und dann mach dir klar, wieviel Milliarden Euro man hatte, die Banken zu retten, weil man es nicht ertragen hat können, in die leidenden Augen von Josef Ackermann zu blicken.
Apropos Burli:
Am 26. April 1986 hat's den Reaktor 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl zerlegt. Am 27. August 1986 wurde Sebastian Kurz geboren. Einen Zusammenhang gibt's natürlich nicht, auch wenn die Ohrli vom Burli verdächtig nach Atomohren aussehen.





[1]   Für Deutsche, die in der Nähe des Polarkreises siedeln sei's erwähnt: "Burli" ist das österreichische Wort für "Bübchen", ich bin mit diesem Wort im Ohr aufgewachsen. Der Österreicher von heute bezeichnet mit diesem Wort seinen kindlichen Kandesbunzler.
[2]   Hier ist der ganze Film auf YouTube zu sehen. Um in tatsächlich zu sehen, muß man allerdings YouTube-Unblocker installiert haben. Rentiert sich sowieso, kostet auch nix.
[3]   Isa ist übrigens die arabische Version des Namens Jesus und ein Mahdi ist in der islamischen Welt eine Art Messias.
[4]   Die es bis zur Friedensnobelpreisträgerin geschafft hat.
[5]   Das ist schon 1 Weile her, denn ich mußte mich dermaßen oft beim Hinschreiben des Namens Kurz übergeben, es ist nicht zum Sagen.
[6]   Hiermit verfluche ich jeden, der seinerzeit FPÖ oder ÖVP gewählt hat, ihn und seine Sippschaft bis ins dritte Glied. Ich täterte auch jeden Ungarn verfluchen, der Orban gewählt hat, aber ich kann leider kein Ungarisch.
[7]   Eine lustige kleine Anekdote: 1943 hatte Heinrich Himmler bei einer Massenerschießung in der Nähe von Minsk zugeschaut. Was er sah, hat ihn sehr mitgenommen. Wenig später sagte Himmler auf einer Tagung von SS-Gruppenführern: "Von euch werden die meisten wissen, was es heißt, wenn hundert Leichen beisammenliegen, wenn fünfhundert daliegen oder wenn tausend daliegen. Dies durchgehalten zu haben und dabei - abgesehen von Ausnahmen menschlicher Schwächen - anständig geblieben zu sein, das hat uns hart gemacht und ist ein niemals geschriebenes und niemals zu schreibendes Ruhmesblatt unserer Geschichte."
HHimm
[8]   An dieser Stelle müssen wir abbrechen, nicht damit es noch heißt, es würde hier irgendwer mit irgendwem verglichen.

Freitag, 18. Mai 2018

Österreichischer Kaffee - mir balst nicht gangst

Unter dem Titel "S'Kaffeehaus beim FuF" hat Rigoletta einen Blogbeitrag veröffentlicht. "Jedem Österreicher", schreibt sie, "sein Kaffeehaus, das dürfte bekannt sein."
So ist das, der Österreicher im allgemeinen und der Wiener im besonderen liebt das Kaffeehaus. Was die Österreicherin im allgemeinen und die Wienerin im besonderen aber gar nicht mag - und zwar im Sinne von überhaupt nicht und unter keinen Umständen - ist der Kaffee. Die einen werden jetzt empört aufschreien und mir unterstellen, ich verstünde mal wieder gar nichts. Die anderen werden zumindest irritiert die Stirne runzeln.
Ja, Herrgottsnein, der Österreicher schüttet doch jeden Tag Unmengen Kaffees in seinen Kopf.
Aber der Österreicher kippt Milch oder Sahne - geschlagen oder nicht - in jeder nur denkbaren Konzentration in seinen Kaffee und ist auch noch stolz auf seine "elendslangen Kaffeekarten, selbstverständlich mit Farbauswahl". Mit viel Phantasie und akribischer Kombinatorik - so vermute ich - verändert der Österreicher seinen Kaffee so weit, daß dieser nicht mehr so widerlich nach Kaffee schmeckt. Eine andere Theorie besagt, es sei der in Österreich ausgeschenkte Kaffee so minderwertig, daß man ihn überhaupt nur mit Milch oder Sahne ertrüge.

Montag, 30. April 2018

Fahndungsaufruf


Die Kriminalpolizei München bittet um Ihre Mithilfe. Gesucht wird diese Frau, die sich oft und gerne in den einschlägigen Kaschemmen von Berlin herumtreibt, vor allem in der Asozialenkneipe "Reichstag", wo sie sich gerne mit "Frau von Storch" anreden läßt.
Frau von Storch wird landesverräterischer Umtriebe beschuldigt. Unter anderem soll sie sich mit Ausländern [1] verschworen haben, um gegen den Freistaat Bayern und seine sportlichen Spitzenrepräsentanten zu kämpfen. Vorsicht, die Frau ist hochgefährlich und womöglich bewaffnet!
Frau von Storch wurde auch schon mit dunkelblonder Perücke und im Trainingsanzug gesehen wo sie sich als Kroate (!), wenn nicht gar als Serbe (!!) ausgab. Für Hinweise, die zur Ergreifung von Frau von Storch, beziehungsweise Herrn Luka Modric führen ist eine Belohnung von zwei Leberkässemmeln, einem extragroßen Radi und einer Maß Maibock ausgesetzt.



[1]   Madrilenen, wo immer Madrilenistan liegen mag.

Freitag, 27. April 2018

Eine Art Ayatollin



Damit das auch mal gesagt ist:  Die Frau auf dem Photo heißt Cemalnur Sargut und sie ist das Oberhaupt der Rifa'iyya, eines türkischen Sufi-Ordens [1] mit mehreren hunderttausend Mitgliedern, meist gebildete und wohlhabende Leute. Mit den Rifa'iyya und anderen Sufi-Orden traut sich nicht mal Erdogan anzulegen.
Seit den zwanziger Jahren - Kemal Atatürk, wir erinnern uns - sind dergleichen Orden in der Türkei eigentlich verboten, er hat sich aber klug und listig durch die Verbote gemogelt. Gegründet hat den Orden Kenan Rifai, der zu seinem Nachfolger eine Frau, Samiha Ayverdi. Von ihr übernahm wiederum Cemalnur Sargut die Führung. Ein ziemlich vom Weibsvolk dominierter Haufen.
Cemalnur Sargut trägt Kopftuch, das muß sie, wir fundierten Islamkenner wissen das. Auf obigem Photo hat man ihr das Kopftuch wegretuschiert und ihr Haare aufgemalt. Aber das macht nichts, weil mein Blogbeitrag sowieso ein Fake ist, weder den Orden noch sein weibliches Oberhaupt gibt es wirklich.




[1]   Die Mitglieder von Sufi-Orden nennt man Derwische, früher sagte man auch Heulende Derwische, weil die Leute aus dem Westen oftmals nicht rasend viel vom Sufismus verstehen. Ich übrigens auch nicht, das schreibe ich nur damit ich nicht in den Ruf gerate, ein gescheiter Mensch zu sein.

Der Gumperer und ihm seine Frau


Der Gumperer, ihr kennt ihn natürlich nicht, aber das ist auch wurscht... Ich mein, ihr kennt auch dem Gumperer seinen Vater nicht, geschweige seine Mutter, seine Frau und seine Söhne und Töchter... Was ich sagen will, ihr habts keine Ahnung nicht, von nichts.
Jedenfalls, der Gumperer ist einmal in ein Unwetter von biblischen Ausmaßen gekommen. Biblische Ausmaße heißt, daß es geblitzt und gedonnert und vom Himmel geregnet hat, daß man es sich nur dann vorstellen kann, wenn man dergleichen schon mal selber erlebt hat. Ich mein, nicht in einer Großstadt, wo du dich fast überall unterstellen kannst, mit Blitzableiter und so. Den Gumperer jedoch hat's zu Fuß und mitten in der Landschaft erwischt, seinerzeit, als zwar der Faradaysche Käfig schon erfunden war, das Auto aber noch nicht. Eine Scheißzeit war das, man hat zwar gewußt, wie man sich vor dem Blitz schützt, hat den Opel Corsa aber nicht dabei gehabt bei einer Fußwanderung.
Dem Gumperer also ist es mal in einem Unwetter wortwörtlich naß bei den Schuhen hereingegangen und er hat nicht gewußt, ob er noch heim kommt oder ob ihn der Blitz derschlagt oder er jämmerlich dersaufen muß. In seiner Not wandte er sich - naheliegenderweise - an die Hl. Jungfrau Maria. "Heilige Muttergottes", so richtete er sein Gebet zum Himmel, "wenn ich dieses Toben der Naturgewalten schadlos überstehe" (damals wußten selbst einfache Leute noch, wie man sich leidlich poetisch ausdrückt), so will ich nach Altötting wallfahren und deiner Gnadenkapelle die Summe Geldes opfern, die ich beim Verkauf meines schönsten Stieres erlösen werde." (Hab ich's nicht gesagt, daß die einfachen Leut damals über ein Deutsch geboten, das heutzutag nicht mal mehr ein Schmock wie der Georg-Büchner-Preisträger Rainald Goetz [1] beherrscht?)
Wie's der Deibel will, der Gumperer kam heil nachhause und er erzählte der Gumperin von seinem Gelübde und der daraufhin erfolgten Errettung aus höchster Not. Die Gumperin dankte erst inbrünstig der Hl. Jungfrau Maria für die Errettung ihres Gemahls, dann warf sie - genauso inbrünstig - einen irdenen Teller gegen die Wand, wo er zerbarst.
"Warum, Herr," rief sie gen Himmel, "hast du mich mit einem dermaßenen Deppen wie dem Gumperer als Gemahl gestraft? Ich mein", so fuhr die Gumperin in ihrem Seufzer fort, "das Geld für einen Prachtstier der Hl. Jungfrau opfern - so was kann sich der König erlauben, wenn er nicht grad Neuschwanstein oder wie bauen läßt. Ein Bauer aber, der sich und die Seinen so grad eben durchfrettet, kann das nicht. Da laß ich mich doch lieber vom Blitz derschlagen. Also nicht ich, aber ein verantwortungsbewußterer Bauer als wie mein Gumperer einer ist, der läßt sich lieber derschlagen vom Blitz, als so einen Stier einfach herzugeben."
Wie auch immer - das Gelübde mußte, da es nun mal geleistet worden war, erfüllt werden, das war der Gumperin schon klar. Ein Gelübde nicht einzulösen, die Hl. Jungfrau also um ihren RetterInnenlohn zu prellen, das endet erfahrungsgemäß in Chaos & Wahnsinn, manchmal sogar in gegenderter Sprache.
Die Gumperin setzte sich also auf einen Stein, schlug ein Bein über das andere und bedachte Bein an Beine das Problem.
Die Wallfahrt nach Altötting, das war ihr klar, war nicht das Problem. Der Hof des Gumperers und seiner Gumperin lag ganz in der Nähe von Neuötting, was es mit sich brachte, daß auch Altötting nicht wirklich weit weg lag. Aber der Stier, der Stier, den Erlös für den Stier einfach der Hl. Jungfrau schenken! Die Hl. Jungfrau, die im Himmel wohnt und also aller irdischen Sorgen enthoben ist, ist doch nicht auf den Erlös für so einen prachtvollen Stier angewiesen.
Ein Hahn hoppelte an ihr vorbei und sie hatte eine Idee. Dem Gumperer den Verkauf des Stiers abzuschwatzen war eine ihrer leichtesten Übungen. Ein Bauer, der sich auskannte mit Stieren fragte sie auf dem Viechermarkt in Altötting, wieviel wohl dieser Stier kosten würde und sie antwortete ihm, sie könne aus religiösen Gründen den Stier und diesen Hahn nur zusammen im Paket verkaufen. Der interessierte Bauer kannte sich mit Theologie nicht sonderlich aus, er hatte noch nie von diesem religiösen Grund gehört. Trotzdem frug er nach dem Preis für den Stier und - scheiß drauf - für den Hahn.
Die Gumperin setzte ihr charmantestes Lächeln auf und sie konnte, wenn sie denn wollte, wahnsinnig charmant sein, was schon den Gumperer in der Zeit der Brautwerbung in den Wahnsinn getrieben hatte. Für den Hahn müsse sie leider - aus religiösen Gründen, wir erinnern uns - dingsunddrölfzig Gulden verlangen, den Stier aber könne sie für ein Fuchzgerl (fuffßich Fennje) hergeben. 32 Sekunden lang war der interessierte Bauer über den Preis für den Hahn empört, dann rechnete er nach und schlug ein.
Die Gumperin ging anschließend hinüber zur Gnadenkapelle und spendete, wie es sich gehört, die fünfzig Pfennige für die Hl. Jungfrau.



[1]   Obacht, Leute, wer auf den Link klickt, sieht ein feinsinniges Video vom Ingeborg-Bachmann-Preis von anno seinerzeit, in welchem Video Blut fließt. Wer Metzger, Henker oder gar Literaturkritiker ist, oder wenigstens Abkömmling derartig roher Berufstätiger, soll sich das Video anschauen, der Rest möge sich lieber einen Gott-wie-hübsch-das-Blut-spritzt-Film von diesem Kitsch-Arschloch Quentin Tarantino reinpfeifen.