Mittwoch, 10. April 2013

Zeigen, wo der Hammer hängt

Die Abschaffung des Wortes "Neger" als Herrschaftsstrategie


Deutschsprachige Menschen, die ab den achtziger Jahren aufgewachsen sind, haben gelernt, daß "Neger" ein rassistisches, diskriminierendes und herabsetzendes Bäh-Wort ist, das man tunlichst nicht verwenden sollte. Leute, die einige Zeit früher sprachlich sozialisiert wurden, tun sich manchmal schwer, diesen Widerwillen gegen das Wort nachzuvollziehen, sie haben "Neger" noch als ganz neutrales Wort erlebt. Das heißt, so ganz neutral war das Wort natürlich nicht, es wurde auch herabsetzend verwendet.
Der negative Klang des Wortes kommt von dem durch das Wort bezeichneten Objekt. Seit der schwarze Mensch in das Blickfeld des Europäers geraten ist, war er für den Weißen ein Mensch zweiter Klasse, erst als Sklave, später dann als "Freier" am Rande der Gesellschaft, streng getrennt von den Weißen. Dazu fällt den meisten vielleicht als erstes die südafrikanische Apartheid ein, ich erinnere aber daran, daß noch in den sechziger Jahren in den USA die Rassentrennung eine Selbstverständlichkeit war. Jedes andere Wort, mit dem man schwarze Menschen bezeichnet hätte, wäre ebenfalls mit dem Gift der Verachtung kontaminiert gewesen.
Aber immerhin - "Neger" war ein neutral beschreibendes Wort, bezogen auf die schwarze Hautfarbe, als Schimpfwort gab es "Nigger", "Bimbo" oder auch "Hottentotte". Das Verächtliche lag nicht im Wort "Neger", sondern im geringgeschätzten schwarzen Menschen selbst.
Eine andere geringgeschätzte Menschengruppe waren (sind) die Juden. Über viele Jahrhunderte hinweg wurde das Wort "Jude" von den meisten Menschen im deutschen Sprachraum mit einem ausgesprochen negativen Beiklang verwendet. Der abschätzige Beigeschmack ließ sich noch steigern, indem man "Jude" auf "Jud" verkürzte. Vollends und über alle Maßen wurde dann im Dritten Reich das Wort "Jude" zum Haß- und Ekelwort (diese Wortprägung ist nicht von mir, die haben sich die Nazis ausgedacht). Und in der Tat wollte man sich in Deutschland nach 1945 dieses peinlichen Wortes entledigen.
"Und wie vielen Deutschen hätten die „Sephardim und Aschkenasim“ geholfen, ihre Schuldgefühle terminologisch zu bewältigen! Wer alt genug ist, erinnert sich vielleicht, daß nach 1945 kaum einem das Wort 'Jude' so recht frei über die Zunge gehen oder aus der Feder fließen wollte. Damals wurde der "Staatsbürger mosaischen Glaubens" erfunden; und wo nicht erfunden, so erlebte er doch Hochkonjunktur. Auch "Israelis" oder "Israeliten" standen, für eher Wohlwollende, "Zionisten" für nicht so Wohlwollende hoch im Sprachkurs. Die meisten Juden machten diesen Quatsch nicht mit. Sie waren Juden, wollten Juden sein und Juden bleiben." (R. W. Leonhardt)
Weil die Juden sich gewehrt haben, ist ihnen die anteilnehmende Umbenennung erspart geblieben.

Das Gezänk um das Wort "Neger" ist dabei sehr viel mehr als ein akademischer Streit um Worte, es hat einen hochpolitischen, blutig ernsten Hintergrund.
Es ist eine infame Strategie, den Begriff "Neger" aufzuteilen in Schwarzafrikaner, Afroamerikaner, Afro-Kariben, Afro-Brasilianer etc. pp. Mit dem Wort "Neger" nimmt man ihnen zugleich auch ihre gemeinsame Geschichte, ihre gemeinsame Identität.
Das geht bis in Familiengeschichten hinein. Man nehme nur mal die Geschwister Obama. Der Halb-Neger (oder Halb-Weiße, man kann es sehen, wie man will) Barack Obama ist nach derzeit korrekter Terminologie ein Afro-Amerikaner. Seine Halbschwester Auma Obama wäre eine Schwarzafrikanerin. Zwei völlig unterschiedliche Gruppen, denen die beiden Geschwister angehören, so scheint es.
Beide aber gehören einer Bevölkerungsgruppe an, die immer noch, in großen Teilen dieses Erdballes, herablassend, verächtlich behandelt wird. Durch die Umbenennung aber wird in ihrem Denken peu a peu das Bewußtsein dafür gelöscht, daß sie alle Neger sind, Afrikaner wie Amerikaner, schwarze Deutsche wie schwarze Schweden. Divide et impera.
Ich erinnere an George Orwells Roman "1984". Der Autor widmet darin einen Absatz dem Thema "gezielte Sprachveränderung". Der Wortschatz wird reduziert, Worte in ihrer Bedeutung verändert.
Zur Bewertung gibt es nur noch "gut". Davon abgeleitet sind die Steigerungen "plusgut" und "doppelplusgut". Das Gegenteil heißt "ungut", mit den Steigerungen "plusungut" und "doppelplusungut". Wir sind im übrigen bereits auf Orwells Spuren, alles, was nicht ausgesprochen scheiße ist, nennt man "super", ist es noch ein kleines bißchen besser, spricht man von "genial".
Okay, das wäre zunächst mal nur ein herber Verlust für die Poesie. Aber die Sprachveränderung geht bei Orwell so weit, daß etwa das Wort "free" nur noch in der Bedeutung von "kostenlos" existiert. "Frei" im Sinne von "selbstbestimmt" gibt es nicht mehr, mit dem Wort verschwindet auch das durch das Wort bezeichnete Ding (im Bewußtsein des denkenden Menschen).

Ich sprach oben davon, es habe das Wort "Neger" lange, lange Zeit einen abschätzigen Beiklang gehabt. Noch in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts aber begannen die Neger damit, sich das Wort bewußt und selbstbewußt anzueignen. In den dreißiger Jahren prägte der Afro-Karibe (ich verwende das merkwürdige Wort einfach mal) Aimé Césaire aus Martinique den Begriff der Négritude, der von Anfang an ein umfassendes antikolonial-revolutionäres Konzept war. Man hatte sich das Wort "Neger" ganz bewußt auf die Fahne eines neuen schwarzen Selbstbewußtsein geschrieben. Das Wort drückte den Stolz des schwarzen Menschen beider Kontinente auf die gemeinsame Herkunft Afrika, auf die schwarze Kultur aus.
Das letzte Buch von Aimé Césaire, 2005 (!), drei Jahre vor seinem Tod erschienen, trägt den stolzen Titel "Nègre je suis, nègre je resterai" (Neger bin ich, Neger werde ich bleiben). Meines Wissens ist das Buch bislang noch nicht auf Deutsch erschienen. Sollte es je erscheinen, bin ich gespannt, wie der Titel des Buches in einem Land lauten wird, in dem das Wort "Neger" inzwischen aus Pippi-Langstrumpf-Büchern gelöscht wird.
In den fünfziger, sechziger Jahren verwendeten die Schwarzen in den USA das Wort "negro" als selbstbewußte Eigenbezeichnung.
"Five score years ago, a great American, in whose symbolic shadow we stand today, signed the Emancipation Proclamation. This momentous decree came as a great beacon light of hope to millions of Negro slaves who had been seared in the flames of withering injustice. It came as a joyous daybreak to end the long night of their captivity.
But one hundred years later, the Negro still is not free. One hundred years later, the life of the Negro is still sadly crippled by the manacles of segregation and the chains of discrimination. One hundred years later, the Negro lives on a lonely island of poverty in the midst of a vast ocean of material prosperity. One hundred years later, the Negro is still languished in the corners of American society and finds himself an exile in his own land. And so we've come here today to dramatize a shameful condition."
Das ist ein Ausschnitt aus der mittlerweile legendären Rede "I Have a Dream" von Martin  Luther King, gehalten 1963. Klicke auf den Link, lies die ganze Rede oder höre sie dir an, und zähle, wie oft King darin das Wort "negro" verwendet.
Malcolm X war ein wesentlich radikalerer Negerführer als King. Im folgenden Interview läßt sich Malcolm X ganz selbstverständlich als negro leader ansprechen, ab ca. 6 min. verwendet er dann auch selbst mehrmals das Wort negro.



Das Wort "Neger" ist damals zu einem politischen Kampfbegriff der Neger selbst geworden. Und hier wird die freundliche Rücksichtnahme auf angeblich verletzte Gefühle der Neger zur Infamie. In dem Moment (und erst in diesem Moment), da das Wort "Neger" zur stolzen Eigenbezeichnung wurde, hat man den Schwarzen dieses Kampfwort wieder entwunden. Irgendeiner muß den Neger* doch zeigen, wo der Hammer hängt!
Der Hammer hängt immer noch im weißen Norden dieser Erde. Innerhalb von lediglich 30 Jahren hat man es geschafft, den ehdem lediglich beschreibenden Begriff "Neger" mit einem Pesthauch zu parfümieren.
Aus dem Neger wurden der Afroamerikaner, der Schwarzafrikaner, der Afroschwede etc. pp. Vielleicht hilft es ja und der amerikanische Neger verliert das Gefühl, Schicksalsgenosse des Watussi zu sein. Ich argwöhne, und ich argwöhne es immer mehr, je länger ich drüber nachdenke, daß diese ganze Umtauferei dazu dient, sich aus der historischen Verantwortung herauszumogeln, die eigene Geschichte der Weißen zu schönen. Mohrenwäsche.
"Ich bin ein Neger und werde ein Neger bleiben, ich werde ein Kind, ein Erbe dieser Geschichte bleiben: In Frankreich neigt man dazu, diese Geschichte zu vergessen, wohingegen ich aufzeigen wollte: Neger steht für eine Geschichte. Tatsächlich werden Afrikaner erst mit Beginn des Sklavenhandels so genannt, und am Ende des XVII. Jahrhunderts sind Neger und Sklave synonym in den Französisch-Wörterbüchern, bis weit ins XIX. Jahrhundert hinein."
Es ist Aimé Césaire, der so spricht. Er spricht zornig und selbstbewußt, er will die Europäer und Amerikaner nicht aus ihrer Verantwortung für die Schändlichkeiten des Kolonialismus entlassen, indem er sich das Wort "Neger" von der Zunge nehmen läßt.
Der Neger hat noch einen Schuldschein bei sich daheim in der Schublade. Der ist ausgestellt auf den Neger, unterschrieben hat ihn ein gewisser "Weißer Mann" wegen Kolonialismus, Imperialismus, Sklaverei... eh schon wissen.
Wenn jetzt der Neger den Schuldschein aus der Schublade zieht und vorlegt, stellt sich der Weiße Mann ganz dumm und sagt: "Was für ein Neger denn? Es gibt gar keine Neger nicht, es gibt überhaupt keine Rassen, hast du das nicht in der Schul gelernt?"
Jetzt merkt der Neger, daß man ihn wieder mal aufs Glatteis geführt hat, das er von Afrika her nicht kennt.
Schlau ist er schon, der Weiße Mann.

Ich könnte schreien vor Wut! Diese gottverfluchten Schweinehunde haben es wieder mal geschafft, sie haben dem Neger seine Identität geraubt. Heute zucken selbst Neger unangenehm berührt zusammen, wenn sie das Wort "Neger" hören. Das Wort "Neger" ist besudelt worden und mit dem Wort der schwarze Mensch.

Ich frage mich, was wohl hinter dieser - allgemein zu beobachtenden - Ängstlichkeit beim Benennen von Unterschieden zwischen verschiedenen Menschengruppen stecken mag. Sind wir möglicherweise alle inzwischen so rassistisch, so ressentimentgeladen geworden, daß wir uns das bloße Benennen von Unterschieden gar nicht mehr anders denn abwertend vorstellen können?
Es ging spazieren vor dem Tor / ein kohlpechrabenschwarzer Mohr 
http://www.saarbruecker-zeitung.de/storage/scl/solpics/sol-de-tdt/2573499_m3msw493h280q75s1v4034_tt-struwwel-interfoto.jpg?version=1358464603
In der Tat, der Mohr im "Struwwelpeter" ist kohlpechrabenschwarz. Und? Was folgt daraus? Daß er schwarz ist, das folgt daraus, mehr nicht. Beleidige ich den Mohren, wenn ich seine Hautfarbe bezeichne? Ist dem Mohren seine Hautfarbe peinlich? Ist etwa mir die Hautfarbe des Mohren peinlich, so peinlich, daß ich darüber gar nicht sprechen mag?
Was ich schon lange argwöhne... Der Mensch im engeren Sinne, also der weiße Mensch, sieht einen schwarzen Mitbürger und er zuckt betroffen zusammen. "Gott, was sind diese armen Neger aber auch schwarz." Und als wohlmeinender Mensch darf man einen Afro-Afrikaner nicht vor den Kopf stoßen, indem man auf seine Hautfarbe hinweist, mit der er von Gott geschlagen worden ist. Und das, diese Leisetreterei bei der Benennung, ist wirklicher und echter Rassismus.

Es ist absolut lächerlich, was ich mache. Als Blogger, den sowieso bloß zwanzig, dreißig Leute lesen, schreibe ich wieder und wieder über das gleiche Thema, weil ich es nicht stumm und unkommentiert hinnehmen will, daß man dem Neger erneut seine Würde geraubt hat, grade in dem Moment, da er dranging, sie sich wieder zu holen. Dafür muß ich mich als Rassist beschimpfen lassen. Eine ganze Generation ist mittlerweile vergiftet, sie windet sich vor Fremdscham, wenn sie das stolze Wort "Neger" hört. Neger schreien empört auf, weil "Neger" sie an ihre schwarze Hautfarbe erinnert. Es ist der pure Wahnsinn, der in den Köpfen der Menschen angerührt worden ist.

Kommentare:

  1. Hallo, ein freundlicher Mitstreiter im Freitag hat mich auf Basis einer Äußerung zum Thema "PC" darauf hingewiesen und gewarnt, dass Sie dort wegen ähnlichem rausgeflogen seien. Wie kams bzw. was ist dran an der Story?
    Gruß Leo

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    1. "Hallo, ein freundlicher Mitstreiter im Freitag hat mich auf Basis einer Äußerung zum Thema 'PC' darauf hingewiesen und gewarnt, dass Sie dort wegen ähnlichem rausgeflogen seien. Wie kams bzw. was ist dran an der Story?"

      Näheres zum Thema finden Sie hier:
      http://derfranzehatgsagt.blogspot.de/2014/02/mein-verschwinden-aus-der-freitags.html

      Viele Grüße
      Wolfram Heinrich

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