Dienstag, 8. November 2011

Vom Schreiben und vom Reden

1997 hielt der aus Film, Funk und Fernsehen wohlbekannte Philosoph Prof. Dr. Peter Sloterdijk auf dem 71. Bachfest der Neuen Bachgesellschaft e.V., Freiburg, einen ca. dreiviertelstündigen Vortrag mit dem Titel "Über das Hören". Der Vortrag wurde vom Südwestfunk aufgezeichnet und in der Tele-Akademie ausgestrahlt. Die Rede ist auch auf YouTube zu hören (und zu sehen, natürlich). Mir wurde diese Rede über einen Link anempfohlen und ich habe sie mir angehört.

Nein, ich will nicht lügen. Ich habe diese Rede nur an-gehört und dann, nach wenigen Sätzen, wieder aufgehört mit Hören.
Das lag nur zum geringeren Teil daran, daß Prof. Sloterdijk, im Gegensatz zu den Professoren, mit denen ich in Regensburg zu tun hatte, ganz offensichtlich kein begnadeter Vortragskünstler ist. Ich habe Mitleid mit seinen Studenten, die wohl oder übel in seine Vorlesungen gehen müssen. Einen derart einschläfernden Tonfall habe ich lange nicht mehr gehört, nicht mal der bayerische Wirtschaftsminister Zeil (und der ist ein Schlafmittel der Sonderklasse) kann hier mithalten.

Es war der Inhalt, der mich aufschreckte, und am Einschlafen hinderte. Der Vortrag beginnt nämlich mit folgenden Sätzen:
"Unter den Gebärden des Rechts auf Ergreifendürfen tritt von alters her die Macht als Wahrheit auf. Jedoch - in der Verweigerung der Ergriffenheit kommt die mühevoll erworbene strategische Klugheit zur Geltung, die weiß, daß durch das gutgläubige Ohr auch die Lügen gehen. Durch Widerstand wird das Subjekt geboren, als Kraftpunkt einer Nichtergriffenheit. Nach den psychohistorischen Standards der letzten zweieinhalb tausend Jahre kann als erwachsen zunächst nur gelten, wer sich einem umfassenden Defaszinationstraining unterworfen hat. In dem soll das Subjekt bis an die Schwelle gebracht werden, an der für es ein unergriffener Umgang mit einverständnisfordernden rhetorischen und musischen Verführungen möglich wird."
Leute, jetzt mal ganz im Ernst, kein Scheiß: Wenn ein Vortrag so beginnt, dann ist es Zeit, aufzustehen und in die nächste Kneipe zu gehen. Hohleres Geschwätz werdet ihr dort auch nicht hören, die Gäste mögen so besoffen sein, wie sie nur wollen.
Sicher, in der Kneipe wird das Geschwätz nicht auf diesem hohen sprachlichen Niveau wie bei Sloterdijk sein, es wäre denn, ich geriete zufällig in eine Intellektuellenkneipe. Intellektuelle sind auch mit hohen Promillewerten noch in der Lage, so zu sprechen, daß du als Nüchterner nichts, aber auch überhaupt nichts, verstehst. Dabei ist klar, daß eine solche Sprache, Promille hin oder her, eine Kunstfertigkeit voraussetzt, die auf Universitäten oder im Selbststudium mühsam erworben werden muß. Hat man sich diese sprachliche Kunstfertigkeit aber einmal angeeignet, dann wird die Verwendung dieser Sprache zu einer Methode, eigene gedankliche Schlamperei zu verbergen. Denn, machen wir uns nichts vor, kompliziert zu formulieren ist eine schnelle Sache für einen mit allen Salben geriebenen Akademiker, so etwas wird ihm zumindest in den Sozial- und Geisteswissenschaften antrainiert. Und weil der komplizierte Jargon auch noch so wunderhübsch klingt, dir jeder Kollege auf die Schulter klopft und "Toll, ganz toll, das" murmelt, kannst du dir einreden, du hättest alles ganz wunderbar durchdacht.
Nach meiner Erfahrung ist das Gegenteil der Fall: In der Oberstufe des Gymnasiums, als die Mathematik allmählich doch kompliziert wurde, habe ich für Klassenkameraden, die also auf gleichem Vorbildungsniveau waren wie ich, mit der Infinitesimalrechnung und Analytischen Geometrie aber nicht so gut zurande kamen (kostenlose) Nachhilfe gegeben. Manchmal habe ich lange geredet und keinen Durchbruch erzielt, es blieb Verständnislosigkeit zurück. Ich habe dann meine Erklärungen immer einfacher formuliert und irgendwann hat's dann doch "klick" gemacht und die anderen hatten verstanden. Und genau an diesem Punkt hat's auch bei mir "klick" gemacht - plötzlich hatte ich selbst verstanden, wirklich verstanden, was ich zuvor den anderen zu erklären versucht hatte.
Später, wenn ich einen nicht ganz platten Gedanken niederzuschreiben hatte, bestand die erste Fassung meines Textes in aller Regel aus langen, in viele Nebensätze verschachtelten Sätzen, die viele komplizierte Begriffe enthielten. Diese Fassung, die niederzuschreiben für mich relativ einfach war, wäre für andere nur schwer und mit großer Konzentration zu verstehen gewesen. Im Zuge der Überarbeitung wurden die Sätze kürzer, die Nebensätze wurden zu eigenen Sätzen, die komplizierten Wörter wurden durch einfachere ersetzt und nicht zu vermeidende komplizierte Begriffe sauber und möglichst einfach erklärt. Diese Überarbeitung kostete mich Mühe, manchmal große Mühe, das Ergebnis aber war nun angenehm zu lesen und relativ leicht zu verstehen.
Was mir dabei aufgefallen ist: Vorher war ich zu dieser einfachen Formulierung nicht imstande, denn am Anfang meines Schreib- und Denkprozesses hatte ich das, was ich mitteilen wollte, selber noch nicht richtig verstanden. Und das heißt: Je besser ich eine Sache verstehe, desto einfacher, sprich: verständlicher, kann ich sie darstellen.
Einfacher Stil ist also nicht nur ein Service am Leser, sondern auch ein Dienst an mir als Autor. Erst wenn die Sache einfach dasteht verstehe ich selber, was ich mir so gedacht hatte. Das ist keine Koketterie, sondern aus der Selbstbeobachtung abgeleitet.

Ich übersetze die ersten beiden Sätze von Sloterdijk so in Alltagsdeutsch: "Wer die Macht hat, behauptet von sich gerne, er habe und sage die Wahrheit. Wir aber wissen aus Erfahrung, daß das auch gelogen sein kann." Dagegen läßt sich nichts einwenden.
Die folgenden zitierten Sätze sind dagegen eine freche Lüge. In keiner Bildungseinrichtung, von der Grundschule bis zur Universität, wird systematisch ein Defaszinationstraining angeboten. Ganz im Gegenteil: Hast du Glück, verdammt viel Glück, dann bekommst du für eine gewisse Zeit einen Lehrer, der dich zur Skepsis gegenüber genau jener Ergriffenheit heischenden Imponiersprache anleitet, die Sloterdijk im Vortrag selber anwendet. Im Normalfall aber hast du kein Glück, du lernst vielmehr, den Blähsprech von Sloterdijk und anderen Großdenkern für gedankentief zu halten und als Philosophie zu verehren.
In meinen Studentenzeiten kannte ich einen Kommilitonen, der mir auf die Frage, was ich von einem bestimmten Buch eines bestimmten Autors [1] zu halten hätte, antwortete: "Ganz hervorragend, das Buch, ich habe kein Wort verstanden." Nein, Leute, tut alle Hoffnung ab, das war nicht ironisch gemeint von ihm.

Gegen Sloterdijks erste beiden Sätze läßt sich, wie gesagt, nichts einwenden, denn sie formulieren eine in ihrer Plattheit nicht zu bestreitende Wahrheit. Das ist kein Sarkasmus meinerseits, denn natürlich läßt sich nicht prinzipiell etwas gegen das Aussprechen von Plattheiten sagen. Manchmal, und gar nicht mal so selten, ist es schlicht notwendig, in einer Argumentation einige Selbstverständlichkeiten zusammenzufassen, um dann, von diesen Plattheiten ausgehend, einen differenzierten und vielleicht sogar neuen Gedankengang zu entwickeln. Die ausgesprochenen Plattheiten dienen dazu, Einverständnis herzustellen, bzw. zu überprüfen, ob Einverständnis besteht: Hier, auf dieser niedrigen Ebene, sind wir uns noch alle einig, jetzt schaumermal, ab wann sich Widerspruch zum von mir Vorgetragenen einstellt.
Nichts gegen Plattheiten also, die werfe ich Sloterdijk gar nicht vor. Was ihm vorzuwerfen ist der Umstand, daß er diese Plattheiten so formuliert hat, als handele es sich um kostbare Wahrheiten. Er hat die Todsünde jedes Menschen begangen, der einen Text schreibt: Er hat seinen Text komplizierter formuliert als es unbedingt nötig gewesen wäre.

Ich weiß nicht, ob Sloterdijk den vorgetragenen Text ursprünglich für die Veröffentlichung als Buch oder Zeitschriftenbeitrag verfaßt hat, oder ob es sich von vorneherein um ein Redemanuskript handelt. Es spielt auch nicht die wirklich große Rolle. Wichtig ist nur, daß ihm klar war, klar sein mußte, daß er diesen Text zu einem bestimmten Zeitpunkt als Rede halten würde.
Schon zu meiner Studentenzeit, die inzwischen auch schon wieder geraume Zeit zurückliegt, war es unter Kommunikationswissenschaftlern eine... hmnja, Plattheit, daß eine Rede keine Schreibe ist. Das heißt, es ist eine völlig andere Kommunikationssituation ob ich einen geschriebenen Text in einer Zeitschrift oder einem Internet-Forum veröffentliche oder ob ich ihn als gesprochenen Text einem anwesenden Publikum vortrage.
Habe ich einen geschriebenen Text vor mir, so kann ich zum einen meine Lesegeschwindigkeit selber bestimmen; bestimmte Passagen lese ich einfach locker weg, bei anderen muß ich erst mal - und seien es nur wenige Sekunden - drüber nachdenken, ehe ich sinnvoll weiterlesen kann. Dieses Innehalten um nachzudenken ist manchmal auch bei einem einfach formulierten, also sorgfältig durchdachten Text nötig, schlicht deshalb, weil die Sache selbst nicht so ganz einfach ist.
Zum anderen kann ich bei einem geschriebenen Text nach Belieben zurück oder nach vorne blättern, wenn mir etwas unklar bleibt. Bei einem Vortrag ist das nicht möglich [2]. Kompakte Formulierungen, bei denen der Inhalt dichtestmöglich zusammengedrängt ist, Sätze, die lang und verschachtelt sind, sind für einen Vortrag tödlich.
Geschriebene Sprache kann redundant sein, also dasselbe mehrmals auf verschiedene Weise - einmal etwa abstrakt, das andere mal anhand von Beispielen - erklären. Redundanz macht einen Text angenehm zu lesen, und ein angenehm zu lesender Text ist eine Geste der Höflichkeit und Wertschätzung des Schreibenden gegenüber dem Leser. Ein Vortrag muß redundant sein, ansonsten ist er nur für Zuhörer geeignet, die ohnehin bereits wissen, was der Vortragende sagen wird. In diesem Falle aber ist der Vortrag überflüssig.

Ich verstoße allerdings selber gerne gegen die an sich beherzigenswerte Formel, daß eine Schreibe keine Rede sei. Geschriebenes formuliere ich oft so, als säße mir der Leser gegenüber und ich würde mit ihm von Angesicht zu Angesicht sprechen. Ich gestehe, daß dies eine ausgesprochen egoistische Gewohnheit ist. Zum einen möchte ich über dem Korrekturlesen nicht einschlafen, sondern ein gewisses Vergnügen daran haben. Zum anderen aber - und dies vor allem - möchte ich das, was ich schreibe, selber verstehen.
Ich weiß, ich verlange viel.


[1]   Ich habe Gott sei Dank vergessen, um welches Buch, um welchen Autor es sich handelte.
[2]   Allenfalls, wenn ich ihn als Aufzeichnung höre.

Kommentare:

  1. Ein schöner Text, plausible Beobachtungen.

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  2. Ach, naja. Der einfachen Formulierung und Ihrer Forderung nach Redundanz haben sie ausgiebig gefrönt, aber ist das schon Ironie genug? So bleibt wohl nur ein altersweiser Rat: Wenn Sie etwas derart stört, wird es nicht besser, wenn Sie sich ausufernd damit beschäftigen. Mich jedenfalls spricht die Ästhetik des Originals dann doch mehr an, auch wenn Ihre Beobachtungen einiges für sich haben.

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  3. Der einfachen Formulierung und Ihrer Forderung nach Redundanz haben sie ausgiebig gefrönt,

    Man dankt für das schöne Kompliment.

    ...aber ist das schon Ironie genug?

    Wahrscheinlich schon. Der Artikel ist ja nur zum kleineren Teil ironisch gemeint, schwerpunktmäßig ist es eine durchaus ernsthafte Nachdenke über Kommunikation und Höflichkeit. Wer schreibt und das Geschriebene - gar gegen Honorar - veröffentlicht, ist ein Dienstleister, und wie in jedem anderen Gewerbe ist auch, und vor allem, beim Dienstleister der Kunde König.

    So bleibt wohl nur ein altersweiser Rat: Wenn Sie etwas derart stört, wird es nicht besser, wenn Sie sich ausufernd damit beschäftigen.

    Anmerkung eines zwar alt, aber nicht weise gewordenen Menschen: Ich bin weit davon entfernt, mir irgendwelche Illusionen zu machen, ich könnte Sloterdijk zu einem anderen Kommunikationsstil bewegen.

    Mich jedenfalls spricht die Ästhetik des Originals dann doch mehr an, auch wenn Ihre Beobachtungen einiges für sich haben.

    Ich gönne jedem seinen Spaß mit Sloterdijk.

    Ciao
    Wolfram

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  4. Ich habe noch nie einen so grotten schlechten Philosophen wie oben genannten gelesen. Versteht er eigentlich selber was er da so von sich gibt?

    Mir scheint, er muß sehr gute Beziehungen zur Journallllie haben.

    Schon schlimm genug, wenn die herrschende Wissenschaftsklasse immer so hochtrabend daher kommt. Das ist ja auch alles bewusst gewollt, damit ja keiner der einfach Gebildeten die Dummheit der Elite versteht. Worte sind ein gutes Machtinstrument, gelle...

    Da lobe ich mir doch Prof. Heitmeyer. Diesen Professor, der seine wissenschaftl. Erkenntnisse immer extra auf die unterste Ebene runter bricht. So das auch wirklich jeder 10Klässler seine Erkenntnisse versteht. Schade das solche Menschen nix wirklich in diesem Lande etwas zu sagen haben. Stattdessen laufen hier lauter Hohlköpfe durch die Gegend und verdummen das arbeitende, und damit meine ich das wirklich wertschöpfende Volk. Verdummen mit hochtrabenden, nichts sagenden Worten wie Redundanz...z.Bsp....ja ja, der Westen mit seinem mehr Schein als sein, mit seiner Oberflächlichkeit und Arroganz, der gerade dabei ist sich selber in den Abgrund zu stürzen.

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