Sonntag, 9. Oktober 2011

Kritik des Dichters anhand seines Hauses

Die Fotografin Lillian Birnbaum hat über etliche Jahre hinweg immer mal wieder den Schriftsteller Peter Handke in dessen Haus in der Nähe von Paris besucht. Bei diesen Gelegenheiten hat sie - so sind's, die Fotografen - viele Bilder von Handkes Haus gemacht.
Jetzt hat sie einen Bildband über Handkes Haus herausgebracht, "Peter Handke. Portrait des Dichters in seiner Abwesenheit". In der Wochenzeitung "DER FREITAG" hat Alexander Schimmelbusch, selber Schriftsteller und 36 Jahre alt, eine Kritik des... nein, nicht des Buches sondern des Hauses von Peter Handke geschrieben
Peter Handke lebt, so erfährt man, in einem verfallenen Häuschen zwischen einer Bahnlinie und einer Landstraße an der Pariser Peripherie. Sobald die Dämmerung über die Vorstadt fällt, huscht Handke in die nahen Wälder, auf der Suche nach Pilzen, Nüssen, Eicheln, Ästen, Federn, Schwämmen, Moosen und Flechten, die er in großen Mengen zusammenklaubt, um sie in seinem Haus zu horten.
Die Fotografien im Buch offenbaren (...) eine beklemmende Verwahrlosung, als sei der Komposthaufen auf einer Woge aus Weltschmerz in die Wohnräume hinein geschwappt. Seit Jahren schon hat nach Schimmelbuschs scharfsinniger Analyse der Dichter nicht mehr zum Scheuerlappen gegriffen. Nirgends im Haus ist ein Abfalleimer zu sehen, das Haus selbst ist der Abfalleimer. Es sieht aus wie bei einem auf sich selbst gestellten Pensionär, dessen Rente zum Erwerb herkömmlicher Lebensmittel nicht ausreicht, sodass er zum Überleben auf öffentliche Waldflächen angewiesen ist. Auf staubigen Tischplatten drängen sich Schalen mit Nüssen und Pilzen und Schnecken und diversen Nachtschattengewächsen in unterschiedlichen Stadien der Verwesung. Eines ist ihm sicher: kein Besen hat Handkes Hexenhäuschen in den letzten Jahren von innen gesehen.
Ich habe mir einige der Bilder aus diesem Buch, soweit sie im Internet zugänglich sind, genauer angeschaut.

Dies vorab: Ich bin kein Fan von Peter Handke, genau genommen könnte man sogar sagen, daß ich ihn nicht mag. Wahrscheinlich liegt das daran, daß ich so gut wie nichts von ihm gelesen habe. Und das kam so: Als er damals, 1966, mit seinem Stück "Publikumsbeschimpfung" groß herauskam, war er öfter mal im Fernsehen, lange Haare, sensibles Gesicht und sanfte Sprache.
 Nun ist es so, daß mich damals Sensiblinge mit sanfter Sprechweise ziemlich aggressiv gemacht haben (heute bin ich da deutlich milder in meinem Urteil). Ich mochte ihn halt nicht. Punkt. Gelegenheiten, ihn, das heißt sein Werk, später kennenzulernen habe ich nicht genutzt.
Das ist natürlich pures Ressentiment und sagt viel über mich und letztlich gar nichts über Peter Handke aus. Erwähnt habe ich das nur deshalb, damit klar ist, daß ich kein Handke-Verehrer bin. Imponiert hat mir allerdings, daß er damals, als aus deutschen Supermärkten die Serbische Bohnensuppe verschwand und als Bohnensuppe nach Balkan-Art (so etwa bei Aldi) gehandelt wurde... daß er also damals die serbische Sicht der höchst unerfreulichen Dinge einem verhetzten Publikum zu erklären versuchte.
Soweit das.

Als ich den Artikel von Alexander Schimmelbusch zum ersten Mal gelesen hatte, war mir klar, daß er nicht ernst gemeint sein konnte. Eine völlig abseitige Vorstellung, die Kritik an einem Künstler am Zustand seiner Wohnung festzumachen. Wer hätte dergleichen bei einem Saufkopf wie Charles Bukowski unternommen? Ganz klar, das ist Satire. Wenn aber Satire, wogegen richtet sie sich und vor allem, wo ist der Witz? Also doch ernstgemeint.
Handke sollte ausreichend verdient haben, sich eine anständige Behausung zu leisten. Wenn er jetzt in einem verfallenen Haus, zwischen Bahndamm und Landstraße lebt, in der Dämmerung durch die Wälder schleicht, dort Pilze und Nüsse zu sammeln, von denen er sich nährt, dann kann das nur heißen, daß Handkes psychischer Zustand nicht sehr stabil ist, gelinde gesagt. Ich war schon etwas erschüttert, zu erfahren, daß aus Handke inzwischen ein wirrer alter Mann geworden ist. Die Beschreibung von Schimmelbusch hatte ich nämlich so genommen, wie er sie hingeschrieben hat (ich bin manchmal ziemlich einfältig, ich weiß), der Artikel enthält ja nur ein einziges, noch dazu kleines, schlecht auflösendes Bild.
Dann aber schaue ich mir das Bild etwas genauer an und ich sehe einen Tisch mit weißer Tischdecke. Trotz des Umstands, daß der Hausherr gerade mit seinen "ledrigen Literatenhänden" an Pilzen rummacht ist der Tisch bemerkenswert sauber. Ein verkommener Haushalt sieht anders aus, denke ich mir. (Und ein 69jähriger darf schon mal ledrige Hände haben.)
Jetzt wollte ich es wissen und ich habe im Netz nach Bildern aus diesem Buch gesucht und habe dann den Text noch einmal gelesen.
"Verfallenes Haus", das hört sich nach Wind an, der durch Fensterritzen pfeift, nach Schimmel an den Wänden, undichtem Dach. Und dann sehe ich das verfallene Haus
und denke bei mir "Mein Gott, was für ein wunderschönes Haus, ein Traumhaus." Ich sehe den Garten
und bin hin und weg. Was für ein gemütliches Fleckchen. Auf den ersten Blick ein wenig schlampig, sieht man genauer hin merkt man, daß der Garten durchaus mit Liebe und Sachkunde gepflegt ist.
Und dann die beklemmend verwahrloste Wohnung, "als sei der Komposthaufen auf einer Woge aus Weltschmerz in die Wohnräume hinein geschwappt."
Mir ist schon klar, daß Handke mit dieser Anordnung nicht den Ehrenpreis der Zeitschrift "schöner wohnen" bekommen wird. Ich habe dergleichen Unordnung schon oft gesehen (und verursacht!) und mir geht das Herz auf, wenn ich dergleichen sehe. Dinge, die man mag, will man sehen, man versteckt sie nicht in Schränken; Bücher, man immer wieder braucht, verräumt man nicht in Regale. 
Bleibt zum Schluß die Sache mit Besen, Scheuerlappen und Abfalleimer, Dinge, an welche die ordentliche deutsche Hausfrau - gleich welchen Geschlechts - höchste Maßstäbe anlegt.
Ich weiß nicht, wie es bei Schimmelbusch ist, in den meisten Haushalten dürfte der Abfalleimer dezent versteckt unter der Küchenspüle stehen. "...eines ist sicher: kein Besen hat Handkes Hexenhäuschen in den letzten Jahren von innen gesehen.
Nun schaue man sich mal das Bild mit den Bücherstapeln nochmal an: Auf der braunlackierten Ablage links im Bild ist keinerlei Spur von Staub zu sehen. Läge dort Staub, dann hätte die horizontale Fläche eine deutlich mattere Farbe als die vertikale. Auch auf dem Teppich sind keine Staubflöckchen zu sehen und es wären welche zu sehen, wenn dort eine Woche oder gar 14 Tage nicht mehr gesaugt oder gekehrt worden wäre. Staub neigt zur Flöckchenbildung und diese lagern sich in einem bewohnten Raum vor allem an den Rändern und Ecken ab.
Und hier:
Ich erwähne nur kurz das Schäufelchen an der Eingangsstiege, das auf säubernde Hände schließen läßt und lenke die Aufmerksamkeit auf das kleine Stück Fliesen am Eingang. Und? Sieht hier einer Dreck?
Ich lebe selber auf dem Land, und weiß, wovon ich rede. Wenn du jetzt im Herbst, wo es oft regnet, das Haus verläßt, dann patscht du unvermeidlicherweise in Dreck. Kommst du zurück ins Haus, dann schleppst du auch dann, wenn du dir gleich hinter der Haustür die Schuhe ausziehst, eine Menge Dreck ins Haus. Eines ist sicher: In einem Hexenhäuschen, das "in den letzten Jahren kein Besen von innen gesehen" hat, müßte der Eingangsbereich vor Schmutz nur so starren. Tatsächlich aber ist er blitzsauber.

Wenn ich mir das eben Geschriebene nochmal durchlese, dann stelle ich mit einiger Erbitterung fest, daß ich soeben eine Wohnungskritik geschrieben habe, in Form der Kritik einer Wohnungskritik eines Anderen. Ich hoffe, es passiert mir nie wieder, daß ich öffentlich die Wohnung eines anderen Menschen durchhechele.

Damit ich es nicht vergesse - Handke trägt wirres langes Haar, wirft ihm Schimmelbusch vor.
Mal abgesehen davon, daß zum einen das Haar gar nicht wirr ist, daß sich zum anderen bei den meisten Männern in Handkes Alter die Frage nach gefälliger Frisur längst von selbst in Wohlgefallen aufgelöst hat - was ist das für eine Zeit? Damals, als Schimmelbusch noch nicht mal angedacht war, hat meine Generation von den Eltern und Großeltern herbe und herbste Kritik an ihrer Haartracht hinnehmen müssen. Nach einer Weile hat sich das gelegt, jetzt wirst du von einem 35jährigen Schriftsteller (!) gescholten, wenn du nicht so schön und adrett gekämmt bist wie der Staubflöckchenkritiker des FREITAG:

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