Dienstag, 21. Oktober 2008

Spiegelschrift

Von Leonardo da Vinci ist bekannt, daß er seine Manuskripte gerne in Spiegelschrift verfaßt hat. Dies wurde (und wird) gern so gedeutet, daß er damit seine private Geheimschrift geschaffen hat, mit der er seine Aufzeichnungen vor allzu neugierigen Augen schützen wollte. Wenn es so war, dann hat der Trick nicht sonderlich gut funktioniert, denn man ist ihm ziemlich bald auf die Schliche gekommen.

Daß die Spiegelschrift eine Geheimschrift war, ist aus gutem Grund höchst zweifelhaft. Leonardo nämlich war - auch das ist weithin bekannt - Linkshänder.

Dazu ein einfaches Experiment, das allerdings nur für Rechtshänder funktioniert oder für solche Linkshänder, die auf Rechts-Schreiben gedrillt worden sind: Stell dich mit einem Schreibwerkzeug vor eine große Tafel oder einen Flip-Chart und schreibe dann, in der Mitte beginnend, mit beiden Händen gleichzeitig einfach drauf los. Ganz wichtig: Konzentrier dich dabei ausschließlich auf deine rechte Hand und denke nicht daran, was die andere Hand gerade macht. Wenn du anfängst, dir Gedanken machen, wie irgendein Wort in Spiegelschrift aussieht, ist es schon aus. Das kriegst du nie und nimmer hin.

Noch mal anfangen! Nur auf die rechte Hand konzentrieren und die linke einfach mitschwingen lassen. Das Wort, das sie rechts sauber und lesbar geschrieben hat, steht nun auch links da, wenn auch sehr, sehr krakelig, denn du bist Rechtshänder und mit der Linken nicht geübt. Du kannst das Wort nicht lesen, denn abgesehen von der Krakeligkeit stört auch der Umstand, daß es in Spiegelschrift dasteht.

Nach diesem Erfolgserlebnis brauchst du allenfalls eine halbe Stunde üben und du kannst auch nur mit der linken Hand in Spiegelschrift schreiben. Lesbar wird auch das nicht sein, auch für dich nicht, der du das eben hingeschrieben hast. Vor dem Spiegel aber oder wenn du das Papier umgedreht gegen das Licht hältst, wird es jedoch durchaus entschlüsselbar.

Wie meine Frau ist auch mein jüngster Sohn Linkshänder. Bei seinen ersten Schreibversuchen war anfangs alles in Spiegelschrift, auch Sachen, die er von einer "richtig" geschriebenen Vorlage abschrieb. Mit seinem noch nicht auf die Rechtshänderwelt dressierten Hirn hat er das nicht einmal gemerkt. Später hat er längere Zeit noch einzelne Buchstaben verkehrt herum geschrieben.

Die Sache ist klar: das Schreiben von Rechts nach Links in Spiegelschrift ist die eigentlich natürliche Schreibbewegung mit der linken Hand. Wäre die Welt eine Welt von Linkshändern, würden alle so schreiben.

Kommentare:

  1. Ich lese immer wieder davon, Spiegelschrift sei ein Phänomen von Linkshändern, ich jedoch bin definitiv Rechtshänder und schreibe trotzdem perfekt in Spiegelschrift. Ich habe es nie üben müssen und konnte es sofort, ohne darüber nachzudenken und vorallem mit der rechten Hand.

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  2. Das kann ich als notorischer Rechtshänder innerlich gar nicht nachvollziehen. Aber gut, warum soll es das nicht auch geben.
    Trotzdem eine Frage: Sind Sie ganz sicher, daß Sie nicht ein frühzeitig auf rechts "umdressierter" Linkshänder sind? Will sagen: Sind Sie mit links genauso (oder fast so) geschickt wie mit rechts?

    Viele Grüße
    Wolfram Heinrich

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  3. Ganz sicher! Ich bin 24 zu meiner Zeit gab es sowas glaube gar nicht mehr. Auch sonst mache ich alles mit rechts. Deshalb war ich so verwundert das immer nur von Linkshändern die Rede ist, denn ich kann Seitenweise fehlerfrei in Spiegelschrift schreiben. Aber verstehe einer solche Eigenheiten. Wenn es mal eine Studie dazu gibt, bin ich dabei. ;-)

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  4. So eine Studie wäre wahrscheinlich recht interessant. Ich allerdings werde sie nicht machen.

    Viele Grüße
    Wolfram Heinrich

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  5. Bei mir ist es genauso. Ich bin eine Rechtshänderin und ich kann mühelos allerdings mit der rechten Hand Spiegelschrift schreiben. Mein Mann, auch ein Rechtshänder, muss manchmal überlegen und langsam schreiben, wie die Buchstaben 180 Grad gedreht werden. Er meint, dass ich viel viel besser als er bei Spiegelschrift bin. Hat es mit dem Lerntyp zu tun, dass ich eine visuelle-spatiale Lernerin bin ?

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  6. "Hat es mit dem Lerntyp zu tun, dass ich eine visuelle-spatiale Lernerin bin?"

    Ich weiß es, ehrlich gesagt, nicht. Wie man aus den Antworten auf meinen kleinen Beitrag sehen kann, ist das Phänomen "Spiegelschrift" anscheinend erheblich komplexer als ich das dachte. Ich habe derzeit weder die Zeit noch die Motivation, mich in dieses Gebiet einzulesen.

    Viele Grüße
    Wolfram Heinrich

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  7. Das stimmt gar nicht. Ich bin selber Linkshänderin und Spiegelschrift habe ich nur anfangs im Kindergarten geschrieben, meine rechtshändige Freundin auch. Das ist eine normale Entwicklungsstufe. Drillt man einen Linkshänder auf Rechts oder umgekehrt, ist neben einer Reihe Probleme Spiegelschrift vorprogrammiert. Wenn ich spaßeshalber mit der rechten Hand schreibe, schreibe ich von ganz allein spiegelverkehrt. Dann führe ich dieselben Schreibbewegungen aus wie mit der linken Hand; ganz einfach deshalb, weil es die Natur mir so bestimmt hat. Schuster bleib bei deinen Leisten. Wenn man die angeborene Hand ohne Dazwischenfunken gebraucht, lernt man wunderbar schreiben, egal ob die Schrift nach rechts, nach links, nach oben oder nach unten geht. Denn die Schriftrichtung spielt für die Händigkeit keine Rolle.

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